Stoppt die Todesfahrt der U-Bahn 1-2-3 / The Taking of Pelham One Two Three

In New York City überfallen und entführen vier Männer einen U-Bahn-Zug. Die sich nur als Mr. Blue, Mr. Grey, Mr. Brown und Mr. Green ausgebenden Entführer bringen die U-Bahn in einem Tunnel zwischen zwei Stationen zum Stehen und fordern von der Stadt New York ein Lösegeld für die Freilassung der im Zug gefangenen Passagiere. Kommt es nicht binnen einer Stunde zur Geldübergabe, wird nach und nach eine Geisel getötet. Während Bahnpolizist Garber verzweifelt versucht, von dem Anführer Mr. Blue mehr Zeit heraus zu handeln, wird zudem über den weiteren Plan der Männer gerätselt. Ihr präzises und eiskaltes Vorgehen lässt auf Profis schließen, die alles genauestens geplant haben. Doch wie wollen sie letztendlich entkommen? Und wie kann man sie stoppen, ohne das Leben der Passagiere zu gefährden? (OFDb Filmworks)

Wenn Menschen über die großartigen New York City Filme der 70er Jahre sprechen, tendieren sie dazu Klassiker wie Taxi Driver und French Connection – Brennpunkt Brooklyn als erstes zu nennen. Dies sind Filme, die nicht nur in NYC spielen, sondern NYC benutzen, um einen bestimmten Sumpf aus Verbrechen und Indifferenz zu vermitteln – eine Stadt zu porträtieren, die mental Geschädigte und Verzweifelte förmlich anzieht. Eine wichtige Ergänzung der Liste stellt Stoppt die Todesfahrt der U-Bahn 1-2-3 von 1974 dar, der auch die sogenannten „Krankheiten der Großstädte“ in seinen filmischen Stoff einwebt. Allerdings wird Selbstreflexion hier im Allgemeinen vermieden, denn der Film soll ja schließlich einen Thriller repräsentieren und John Godeys erfolgreichen Roman auf die Leinwand bringen. Herausgekommen ist dabei ein unglaublich effektiver Streifen, der brillant besetzt und umgesetzt wurde, wobei Regisseur Joseph Sargent in straffes Geschichtenerzählen investiert, das keine Zeit hat über seine Optionen nachzudenken. Es handelt sich um ein großartiges Werk, das sowohl die Straßen, als auch den Untergrund des Big Apple perfekt zu nutzen weiß, da sie kriminelle Aktivitäten sowie Verwirrung bei den Strafverfolgungsbehörden beschreiben. Sobald die wilde Fahrt losgegangen ist, wird sie nicht mehr stoppen und bietet eine seltene Tour des Nervenkitzels in einer Produktionsära, in der Mut und Entschlossenheit automatisch mit Kontemplation gleichgesetzt wurden.

Mr. Blue (Robert Shaw) und seine Komplizen führen einen Plan zur Entführung eines U-Bahn-Zuges aus, um eine Million Dollar von der Stadt New York zu erpressen. Er, Mr. Green (Martin Balsam), Mr. Gray (Hector Elizondo) und Mr. Brown (Earl Hindman) treten in Aktion und übernehmen schnell das Kommando über einen Zug, der mit verschiedenen Pendlern besetzt ist. Mr. Blue bringt den Zug mitten im U-Bahnsystem zum Stehen und kontaktiert die Transitbehörde, um seine Forderungen zu stellen. Er droht damit Geiseln zu töten, falls Widerstand auftreten sollte. Schließlich übernimmt Polizeileutnant Garber (Walter Matthau) die Verhandlungen mit den Entführern und hofft eine gelassene Beziehung zu den Kriminellen aufbauen zu können, während gleichzeitig versucht wird eine Rettungsaktion zu planen. Garber gelingt es das Lösegeld aufzutreiben und er heckt einen Plan aus, wie man Blue und dessen feindselige Männer konfrontieren könnte. Dennoch droht die Situation außer Kontrolle zu geraten, da die Polizeipräsenz zunächst unbemerkt zunimmt, während die bewaffneten Männer unter der Erde ihr perfekt ausgeklügeltes Vorhaben durchführen, um mit einem Vermögen davonzukommen.

Stoppt die Todesfahrt der U-Bahn 1-2-3 hat kein Problem mit der Vorstellung seiner Charaktere. Der Film nutzt die Ökonomie der Regie, um die Spieler dieses Spiels schnell zusammenzufassen, ihre Temperamente zu identifizieren und bei Garber professionelle Erschöpfung in schockierend wenigen Zügen zu diagnostizieren. Peter Stones Drehbuch erklärt die Dinge sehr gerne auf seinem Weg, schleicht Expositionen, Hinweise und Bedrohungen ohne unterstrichene Bedeutungen ein, um dem Feature die Möglichkeit zu geben, dem Publikum unter die Haut zu gehen. Für Routine wird gesorgt, wobei das Zusammenspiel zwischen Blue (einem kaltblütigen Dieb) und Garber (dem gelangweilten U-Bahn Polizisten) in Aktion tritt, doch es bleibt selten Zeit, um innezuhalten und über die Details nachzudenken. Dem tollen Schnitt von Gerald Greenberg und Robert Q. Lovett gelingt es das Timing und die Eskalation aufrecht zu erhalten sowie beide Seiten der Geschichte mit Sorgfalt zu behandeln. Die dramatische Effizienz des Streifens sollte an Filmschulen gelehrt werden, damit die Persönlichkeit isoliert werden kann, ohne das Tempo zu beeinträchtigen.

Stoppt die Todesfahrt der U-Bahn 1-2-3 ist ruhig gestaltet und baut seine Spannung auf, während die Aktivitäten im Kommandozentrum des U-Bahnsystems immer hektischer werden. Das Publikum beobachtet Garber dabei, wie er versucht, Mr. Blue zu beschwichtigen und eine Rettungsaktion zu organisieren, während er von verwirrten und keifenden Mitarbeitern umgeben ist (die Nebenbesetzung ist als großartig zu bezeichnen, einschließlich Jerry Stiller, Kenneth McMillan, Tony Roberts, Dick O’Neill und James Broderick). Anstatt sich ausschließlich auf die Kommunikationsbemühungen zwischen den Männern zu konzentrieren, breitet sich das Drehbuch auf alle Bereiche des Verbrechens aus und behält einen erfrischenden Sinn für Humor bei, während Polizisten das Gebiet schwärmen und der Bürgermeister aus dem Schlaf gerissen wird, um die Situation zu kommentieren. Auch die Geldübergabe wird arrangiert, was die Notwendigkeit einer hitzigen Verhandlung über den Gewinn von Zeit erfordert, da Garber eine Million Dollar in großer Eile bewegen muss. Joseph Sargent fügt dem Film eine aktionsorientierte Essenz hinzu, wobei sich die Geldsendung gegen Mitte des Films zu einem Rennen durch NYC entwickelt und Mr. Blue seine gewalttätigen Drohungen bittere Wirklichkeit werden lassen muss, als die Polizei zu nahe an den Zug heranrückt. Zusätzlicher Druck wird von den Gaunern selbst bereitgestellt, da sich Mr. Gray als ein widerwärtiger Typ entpuppt, der es genießt hilflosen Menschen zu drohen und Mr. Green von einer hartnäckigen Erkältung gebeutelt wird, die noch eine entscheidende Rolle in der Geschichte spielen soll.

Walter Matthau spielt großartig als zerknirschter Lt. Garber, der entschlossen ist Gerechtigkeit walten zu lassen, doch als der wahre Held der Produktion könnte Komponist David Shire bezeichnet werden, der mit Stoppt die Todesfahrt der U-Bahn 1-2-3 eine der besten Filmmusiken aller Zeiten beisteuert, die jazzige Sensibilität und einen treibenden Beat in den Film einbringt, welche das Seherlebnis auf besonders wundersame Art und Weise tragen. Es handelt sich dabei um sensationelle Arbeit, die von Owen Roizmans hervorragender Kinematographie unterstützt wird sowie einen visuellen Rhythmus zum Film beibehält, um den akustischen zu ergänzen.

Nichts lässt Stoppt die Todesfahrt der U-Bahn 1-2-3 mehr schätzen, als der Gedanke an Tony Scotts lächerliches Remake Die Entführung der U-Bahn Pelham 1 2 3 aus dem Jahr 2009, das den Witz, die Spannung und die Haltung des Originalfilms nicht im Geringsten beibehalten konnte. Scott ist Sargents unkompliziertem Umgang mit Spannung nicht gewachsen, der strenge Kontrolle über die Extremität des Features behauptet und wenig profiliert, während sich der Film zu einem nahezu perfekten Ergebnis vorarbeitet. Stoppt die Todesfahrt der U-Bahn 1-2-3 mag vielleicht nicht die „Königlichkeit“ von Der Pate (1972), die Magie von Krieg der Sterne (1977) oder die Intensität von Der weiße Hai (1975) besitzen, doch handelt es sich hier wirklich um eines der besten filmischen Angebote aus den 70er Jahren, das beeindruckende Aufmerksamkeit für die Grundlagen des Thriller-Kinos und die Wunder effizienter Charakterisierungen an den Tag legt.

Bonusmaterial:

  • 16-seitiges Booklet mit einem Essay von Torsten Hanisch (nur im Mediabook enthalten)
  • Isolierte Musiktonspur mit Interview mit Komponist David Shire
  • Featurettes: Shades of Grey (16:28 Min.); Above and Below (13:12 Min.); Filming Locations – Taking the Ride (7:35 Min.)
  • Bildergalerie (6:10 Min.)
  • Trailers from Hell mit Josh Olson (2:40 Min.)
  • Englischer Trailer (2:32 Min.)

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  • Alterseinstufung: Freigegeben ab 16 Jahren
  • Regisseur: Sargent, Joseph
  • Laufzeit: 1 Stunde und 45 Minuten
  • Darsteller: Matthau, Walter, Shaw, Robert, Balsam, Martin, Elizondo, Hector
  • Untertitel: Deutsch
  • Sprache: Deutsch (PCM 2.0 Mono), Englisch (PCM 2.0 Mono)
  • Studio: OFDb Filmworks

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Bluntwolf

Bluntwolf ist ein Cineast aus der goldenen Mitte Deutschlands. Sein Spezialgebiet ist das italienische Kino der 60er bis 80er Jahre, insbesondere Italowestern, Giallo und Polizio. Er ist der Chefredakteur von Nischenkino und gehört dem Redaktionsteam der Spaghetti-Western Database an.

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