Straßenmädchen-Report / Storie di vita e malavita (Racket della prostituzione minorile) / The Teenage Prostitution Racket

Kurzinhalt inkl. Spoiler !!!

Der Film folgt den Geschichten von sechs minderjährigen Mädchen, die in Mailand und Umgebung zu Prostituierten werden. Die dreizehnjährige Gisella (Cristina Moranzoni) wird am Stadtrand von ihrer Oma an vorbeifahrende Autofahrer vermittelt. Die naive Rosina (Cinzia Mambretti), gerade aus Sardinien angekommen, wird von einem Zuhälter verführt, betrogen und versklavt. Die 15-jährige Antonietta (Anna Curti) wird von ihrem Vater geschwängert und im hochschwangeren Zustand von einem zwielichtigen Pärchen zur Prostitution gezwungen. Albertina (Daniela Grassini) empfängt ihre Kunden in den Umkleidekabinen von Kaufhäusern oder Telefonzellen. Laura (Lidia Di Corato) begeht Selbstmord, nachdem ihre Zuhälter den Hund getötet haben, der ihr einziger Gefährte war. Daniela (Annarita Grapputo als Anna Rita Grapputo gelistet) ist ein Mädchen aus der Oberschicht, das ihren Körper in exklusiven Bordellen verkauft, um sich an ihrer Familie zu rächen.

Nach dem Weltkriegsdrama Mussolini ultimo atto (Mussolini – Die letzten Tage, 1974) mit Rod Steiger als Il Duce, kehrte Carlo Lizzani mit seinem nächsten Film, der eines seiner umstrittensten Werke repräsentiert, in die Gegenwart zurück. Die Idee für einen Flick über das Geschäft mit der Prostitution von Minderjährigen kam Lizzani, nachdem er eine Reportage von Marisa Rusconi im Wochenmagazin L’Espresso gelesen hatte. Lizzani arbeitete daraufhin mit den Journalisten Massimo Fini und Claudio Fassaro (deren Namen nicht im Abspann erscheinen) an einem grundlegenden Entwurf. Während er dann in den Vereinigten Staaten an der englischsprachigen Version von Mussolini – Die letzten Tage arbeitete, bat Lizzani seinen Assistenten Mino Giarda sich mit Rusconi in Verbindung zu setzen (siehe Booklet-Text von Bret Wood zur Raro-Video Veröffentlichung von The Teenage Prostitution Racket, Seite 5). Vom Material der Journalistin ausgehend, entwickelte Giarda eine detailliertere Geschichte über sechs minderjährige Prostituierte, eingeleitet durch eine Rahmenhandlung, in der eine Frau mittleren Alters auf einer Autobahn außerhalb von Mailand per Anhalter unterwegs ist und den anhaltenden Autofahrern die sexuellen Dienste ihrer dreizehnjährigen Enkelin anbietet.

Die episodische Struktur ermöglicht eine großzügige soziologische Darstellung, bei der die Realität mehr oder weniger direkt gefiltert wird und die meisten Geschichten mit minimalen Änderungen aus Rusconis Reportage stammen. Lizzani schreckt dabei auch nicht vor groben und expliziten Szenen zurück. Der Film zeigt viel frontale Nacktheit und Liebesspiele, sexuelle Perversionen sowie brutale Gewaltszenen. Lizzani verortete Straßenmädchen-Report anscheinend auf demselben Gebiet wie die italienischen Kriminalfilme mit ähnlichen Themen wie Massimo Dallamanos La polizia chiede aiuto (Der Tod trägt schwarzes Leder, 1974) und Mario Caianos …a tutte le auto della polizia… (Calling All Police Cars, 1975) – einschließlich eines gewalttätigen Endes, bei dem Mitglieder eines Zuhälterrings das Haus der Frau mittleren Alters und ihrer Enkelin (die in der Eröffnungssequenz und immer mal zwischendurch zu sehen sind) angreifen sowie in Brand setzen, was bei der Frau sowie ihrer Enkelin eine wutanfallartige Reaktion auslöst: einen der Angreifer prügeln die beiden mit Knüppeln und Ziegelsteinen auf brutalste Art und Weise zu Tode.

All dies erklärt auch das Misstrauen der zeitgenössischen Rezensenten, das dem Film entgegenschlug, der als soziologischer Decameron (1971) bezeichnet wurde und laut der Kritik von einem ständigen hin und her Schwanken zwischen realistischem Fotoroman und so etwas wie einer Psychopathia Sexualis für Arme kompromittiert wird. Lizzani verliert die abhanden gekommene Würde seiner armen Protagonistinnen jedoch nie aus den Augen, denn so demütigend ihre jeweiligen Geschichten auch sein mögen, stellen die minderjährigen Prostituierten aus Straßenmädchen-Report nicht einfach nur Körper dar, die sich für die Kamera ausziehen, sondern Mädchen oder junge Frauen, die ihren Schmerz sowie ihre Menschlichkeit bewahren können. Männliche Charaktere schneiden allerdings weitaus schlechter ab, da sie entweder unsensible oder bösartige Freier repräsentieren, die mit unattraktivem Aussehen und schlechten Manieren ausgestattet sind. Die Zuhälter werden als gewalttätige und erbärmliche Kerle dargestellt, die mit Frauen handeln, als wären sie Vieh, während Familienväter entweder abwesend sind oder gleichgültig sowie enorm triebhaft rüberkommen und Sex mit Mädchen haben, die ihre eigenen Töchter sein könnten – und manchmal sogar auch sind.

Straßenmädchen-Report wurde von Playmen Herausgeberin Adelina Tattilo sowie Carlo Maietto produziert und ist als eine Low-Budget-Produktion mit einer größtenteils nicht professionellen Besetzung anzusehen. Das bekannteste Gesicht dürfte das von Annarita Grapputo sein, die kurzzeitigen Ruhm im Genrekino erlangen konnte – vor allem in poliziotteschi, mit Titeln wie Lucio Marcacinis Roma drogata: la polizia non può intervenire (The Hallucinating Trip, 1975) und Carlo Ausinos Torino violenta (Gewalt über der Stadt, 1977). Der harte, realistische Look des Films wird noch durch Lamberto Caimis Kinematographie verstärkt. Lizzani bat seinen Kameramann um raue und prägnante Bilder, um ein am Rande liegendes und heruntergekommenes, kaltes sowie feindseliges Mailand zu zeigen. Angesichts des gewagten Themas von Straßenmädchen-Report erwarteten Lizzani und die Produzenten, dass der Film bei seiner Veröffentlichung wegen Obszönität beschlagnahmt werden würde, was zu dieser Zeit ziemlich häufig vorkam.

Die erste öffentliche Vorführung fand in einer kleinen Stadt in der Nähe von Mailand statt, damit die territoriale Zuständigkeit beim eher formbaren Mailänder Gericht liegen würde – und so geschah es: Der Film wurde wegen Obszönität denunziert und kurzzeitig beschlagnahmt, bevor die Anklage fallen gelassen und der Fall archiviert wurde. Die für ausländische Märkte veröffentlichte Version enthielt jedoch gewagtere Ergänzungen, die in einigen Fällen sogar zu Hardcore-Porno übergehen. Diese Szenen wurden von Lizzanis Regieassistent Mino Giarda gedreht, ohne dass Lizzani davon wusste. Der Regisseur hatte Giarda damit beauftragt für Exportveröffentlichungen expliziteres Filmmaterial zu drehen, entdeckte aber erst später, dass auch Hardcore-Szenen hinzugefügt worden waren (Curti, Roberto. Italian Crime Filmography 1968 – 1980, North Carolina: McFarland, 2013, Seite 155) . Doch Aktionen wie diese wurden zumeist aus wirtschaftlicher Notwendigkeit unternommen und sollten eigentlich nie Teil des Originalfilms sein. Aus diesem Grund sind diese expliziteren Szenen unter den Extras der Raro Video Edition als separate Einheit zu finden.

Straßenmädchen-Report sorgte bei seiner Veröffentlichung natürlich für Aufsehen, stellte aber mit über einer Milliarde und 200 Millionen Lire einen guten Kassenerfolg dar, ein beachtliches Ergebnis für einen Film ohne namentlich bekannte Schauspieler. Lizzani und Giarda spielten mit der Idee eines Nachfolgers, einer metafilmischen Reflexion über einen Regisseur und einen Drehbuchautor, die nach Mailand ziehen, um einen Straßenmädchen-Report zu drehen. Das Projekt wurde fallengelassen, als Lizzani mit der Arbeit an einem anderen Film für Tattlio und Maietto begann, nämlich San Babila ore 20: un delitto inutile (San Babila, 20 Uhr: Ein sinnloses Verbrechen, 1976), der noch stärkere Affinitäten zum Krimi-Genre aufweisen sollte. Ennio Morricones Filmmusik gehört sicherlich nicht zu seinen besten, erfüllt hier aber voll und ganz seinen Zweck.

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  • Sprache: Englisch
  • Untertitel: ‎Englisch
  • ASIN: B079BF879Z
  • Anzahl Disks: ‎1

Bluntwolf

Bluntwolf ist ein Filmliebhaber aus der goldenen Mitte Deutschlands. Sein Spezialgebiet ist das italienische Kino der 60er bis 80er Jahre, insbesondere Italowestern, Giallo und Polizio. Er ist der Chefredakteur von Nischenkino und gehört dem Redaktionsteam der Spaghetti-Western Database an.

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