Tesis / Faszination des Grauens

Auf der Suche nach weiteren Informationen für ihre Diplomarbeit, die sich mit Gewaltdarstellungen in Film- und TV-Produktionen auseinandersetzt, gerät die Filmstudentin Angela selbst in das Fadenkreuz eines Serienkillers. Der Psychopath dreht „snuff movies“. Filme, bei denen Menschen vor laufender Kamera zu Tode gefoltert werden. Über ein halbes Dutzend Tote gehen bereits auf sein Konto. Angela soll das nächste Opfer sein… (Wicked-Vision Media)

Ein Großteil des Films spielt in den Klassenräumen und Medienarchiven der Universidad Complutense de Madrid – derselben akademischen Einrichtung, die auch Regisseur Alejandro Amenábar besucht hat – und folgt Angela (Ana Torrent, Züchte Raben…), einer schönen Studentin, die ihre Doktorarbeit über Gewalt in zeitgenössischen Medien abschließen möchte. Angela ist Single und wendet ihre gesamte Zeit für ihr Projekt auf. Während sie darauf wartet, dass Professor Figueroa (Miguel Picazo) ihr Zugang zu einer großen Sammlung geheimer Materialien ermöglicht, trifft sie auf Chema (Fele Martínez, La Mala Educación – Schlechte Erziehung), der eine ebenso gefährliche Sammlung gewalttätiger und sexuell expliziter Filme besitzt. Im Laufe ihrer beiläufigen Begegnungen mit Chema erfährt Angela etwas über sogenannte Snuff-Filme.

Kurz darauf stirbt Professor Figueroa an einem Asthmaanfall, während er sich in einem der Vorführräume der Universität einen der geheimen Filme ansieht. Angela ahnt er habe etwas wirklich Grausames gesehen, das einen Asthmaanfall hätte auslösen können und stiehlt das VHS-Band, indem sie es mit nach Hause nimmt. Anfangs hört sie sich das Tape nur an, wobei sie von den Schreien und Geräuschen schnell davon überzeugt wird, dass das, was sich darauf befindet, echt ist. Als sie Chema schließlich die Videokassette zeigt, machen die beiden eine schockierende Entdeckung.

Amenabars Regiedebüt, Tesis, hat einen sehr charakteristischen Hitchcokschen-Touch. Obwohl mit recht kleinem Budget gedreht, schafft es der Film sehr schnell eine gewisse Atmosphäre aufzubauen, von der man in einen Vermutungsmodus gezwungen wird, wobei der Streifen daraufhin anfängt mit diesen Vermutungen zu spielen, während verschiedene Teile des Puzzles neu angeordnet werden. All dies geschieht mit einem überraschend guten Sinn für Balance und einem Verständnis dafür, dass zu viele twists&turns die Magie verderben können.

Was dem Film jedoch seine wahre Identität verleiht, ist seine Bereitschaft, einen wirklich gefährlichen Bereich zu betreten. Doch – und das ist genau der Grund, warum er weiterhin so gut funktioniert – wenn der Streifen einmal dort angelangt ist, überlässt er es den Betrachtern sich das Schlimmste selbst vorstellen. Infolgedessen wird das Schwarze Loch, das typischerweise andere Filme mit ähnlichen Themen und insbesondere Exploitation-Filme „verdirbt“, effektiv vermieden. Tesis enthält keine aufwändigen Spezialeffekte, der Ton wird jedoch auf verschiedene, recht interessante Art und Weise angewandt, um die angespannte Atmosphäre noch zusätzlich zu verstärken.

Die Besetzung spielt hervorragend. Torrent, die wahrscheinlich am ehesten für ihre unglaubliche Leistung in Victor Erices gleichermaßen atmosphärischem El espíritu de la colmena (Der Geist des Bienenstocks, 1973) bekannt ist, verkörpert die junge Studentin, die sich nach und nach immer mehr vom Tod faszinieren lässt, einfach großartig. Martinez kommt als Filmfreak absolut glaubwürdig rüber, doch seine beste schauspielerische Leistung liefert er in Julio Medems unbeschreiblich schönem Los amantes del Círculo Polar (Die Liebenden des Polarkreises, 1998) ab. Eduardo Noriega enttäuscht auch nicht, als der gutaussehende und mysteriöse Student Bosco. Amenabar drehte den Film mit Kameramann Hans Burmann, mit dem er ein Jahr nach der Fertigstellung von Tesis auch an dem großartigen Thriller Abre los ojos (Öffne die Augen, 1997) kollaborierte, der von Cameron Crowe als Vanilla Sky neu aufgelegt wurde.

Wicked-Vision Media bringt Tesis im Mediabook als auf 555 Stück limitierte BluRay- / DVD-Combo (4-Disc Collector’s Edition No. 09) heraus. Über den Inhalt des Films lässt sich sicherlich diskutieren, über die Qualität der Veröffentlichung allerdings überhaupt nicht. Das Bild präsentiert sich im 1,85:1 (1080p) Format und macht einen hervorragenden Eindruck, während es beim Ton ebenso nichts zu beanstanden gibt. Hier stehen eine deutsche (DTS-HD Master Audio 2.0) und eine spanische Spur (DTS-HD Master 5.1) zur Auswahl, wobei man deutsche oder englische Untertitel zuschalten kann. Die erstklassigen und üppigen Extras bestehen aus einem 24-seitigen Booklet mit einem Essay von David Renske; einem Audiokommentar mit Regisseur Alejandro Amenábar; einem Audiokommentar mit Prof. Dr. Marcus Stiglegger; einem Vorwort von Regisseur Alejandro Amenábar; „Touching Death“: Interview mit Alejandro Amenábar; dem Kurzfilm: Himenóptero; einem Making-of; geschnittenen Szenen; Deutschem Trailer; Original-Trailer; Teaser; Storyboards; Bildergalerien und einer Soundtrack-CD mit 19 Tracks. Insgesamt handelt es sich bei Tesis um eine sehr gelungene Mediabook-Edition, die bei Liebhabern und Freunden von Psycho-Thrillern, nicht zuletzt aufgrund der reichhaltigen Boni, enorm gut ankommen sollte.

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Darsteller: Ana Torrent, Fele Martinez, Eduardo Noriega
Regisseur(e): Alejandro Amenabar
Format: Blu-ray
Untertitel: Deutsch, Englisch
Region: Alle Regionen
Bildseitenformat: 16:9 – 1.77:1
FSK: Freigegeben ab 16 Jahren
Studio: Wicked-Vision Media
Produktionsjahr: 1996
Spieldauer: 124 Minuten

Dieses Mediabook wurde uns freundlicherweise von Wicked-Vision Media zur Verfügung gestellt.

 

Bluntwolf

Bluntwolf ist ein Cineast aus der goldenen Mitte Deutschlands. Sein Spezialgebiet ist das italienische Kino der 60er bis 80er Jahre, insbesondere Italowestern, Giallo und Polizio. Er ist der Chefredakteur von Nischenkino und gehört dem Redaktionsteam der Spaghetti-Western Database an.

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