The Innocents / Schloss des Schreckens

England im späten 19. Jahrhundert: Die Gouvernante Miss Giddens wird in einem entlegenen Landhaus mit der Erziehung der wohlerzogenen Weisenkinder Flora und Miles beauftragt. Voller Eifer widmet sich Miss Giddens der Arbeit, die Kinder sind gehorsam, doch der wohlige Schein trügt: Furchtbares hat sich bereits in dem Landhaus ereignet. Mysteriöse Umstände und geisterhafte Erscheinungen lassen die Gouvernante befürchten, die beiden Kinder seien besessen … (Capelight Pictures)

Jack Claytons The Innocents hat im Laufe der Jahre mehr als nur Lob und Bewunderung erhalten. Die wunderschön konstruierte Adaption von Henry James‘ Geistergeschichte The Turn of the Screw steht ganz oben auf der Liste aller anspruchsvollen Horrorstreifen. The Innocents ist einer der am besten fotografierten Filme, die jemals in B & W CinemaScope aufgenommen wurden, während der Ruf des Films als literarisch, intellektuelles Gruselstück mit der Zeit gewachsen ist.

Der „Onkel“ (Michael Redgrave) beauftragt Miss Giddens (Deborah Kerr) als Gouvernante über Miles und Flora, seinen verwaisten Neffen und Nichte (Martin Stephens & Pamela Franklin), zu wachen. Seine einzigen Anweisungen sind, die vollkommene Verantwortung für das Anwesen und die Kinder zu übernehmen sowie ihn unter keinen Umständen mit diesen Angelegenheiten zu belästigen. Er hat nicht die Absicht, das weitläufige Landgut, auf dem sie mit den Kindern leben wird, jemals zu besuchen. Miss Giddens ist anfangs noch sehr zufrieden, merkt aber bald, dass es sich für sie immer schwieriger gestaltet mit den beiden frühreifen und sekretorischen Kindern umzugehen. Miles hat die Angewohnheit ungehörige Komplimente verlauten zu lassen, um Fragen zu seiner Entlassung aus dem Internat abblocken zu können. Von der Magd Mrs. Grose (Megs Jenkins) erfährt Miss Giddens, dass die frühere Gouvernante Miss Jessel (Clytie Jessop) mit dem Gärtner Peter Quint (Peter Wyngarde) eine schmutzige Beziehung unterhielt. Beide starben unter mysteriösen Umständen. Bald ist sich Miss Giddens sicher, dass die Kinder vom Bösen besessen sind, worin sie bestärkt wird, als sie beobachtet wie die gespenstischen Jessel und Quint die Spiele der Kinder zu „führen“ scheinen.

Achtung Spoiler !!!

In der Filmkritik wurde viel über The Innocents geschrieben, da das Werk die perfekte Gelegenheit bietet, einen bekannten klassischen Roman mit einer noch besseren Filmadaption zu vergleichen. Jack Clayton, Kameramann Freddie Francis und die Schauspielerin Deborah Kerr versuchen, die komplexe, eindringlich gruselige Atmosphäre des Buches vollständig auf den Film zu übertragen. Die Existenz der Geister wird zweideutig gehalten – erscheinen sie wirklich oder bildet sich Miss Giddens das ganze nur ein? Der Roman stellt eine sorgfältig modulierte Prosaarbeit dar, die sich wirklich anstrengt, die Frage, ob es sich tatsächlich um Geister handelt, nicht zu konkretisieren. Miss Giddens könnte genauso gut eine geistig kranke Frau sein, die unter Wahnvorstellungen leidet. Es gibt Hinweise darauf, dass ihr frommer Hintergrund sie sexuell unterdrückt hat, allerdings ist es auch möglich, dass ihre Angst, „die Kontrolle über die Kinder zu verlieren“, ein Auswuchs von Unerfahrenheit und Unsicherheit ist. Der Autor eines Buches kann die vollständige Kontrolle darüber ausüben, was wir über Menschen und Situationen „wissen“. Der Spuk kann in der Tat mehrdeutig gehandhabt werden.

So hervorragend der Film auch gelungen ist, so reduziert er das Mysterium auf eine Studie über krankhafte Psychologie und selbst erzeugte Hysterie. Die Drehbuchautoren William Archibald, John Mortimer und Truman Capote lassen wenig Raum für Unklarheiten, da ihre Miss Giddens von Anfang an eine sexuell frustrierte Frau ist. Aus ihrer allerersten Aussage während des Interviews mit dem „Onkel“ kann abgeleitet werden, dass sie tatsächlich eine rege Vorstellungskraft hat. Sie fühlt sich offensichtlich von den unbedeutenden Komplimenten des „Onkels“ geschmeichelt und wünscht sich eventuell, dass sich aus dieser Anstellung eine leidenschaftliche Romanze zwischen ihnen entwickeln wird, wie in einem Frauenroman. Mit anderen Worten, Miss Giddens scheint darauf abonniert zu sein, die „Kontrolle“ über die Kinder und sich selbst zu verlieren.

Miss Giddens Beziehung zu der temperamentvollen Flora ist noch recht gut, doch erweist sie sich als völlig ungeeignet mit Miles umzugehen. Der auf übernatürliche Art und Weise frühreife Miles weicht ihren Fragen mit gewandten Schmeicheleien und geschickten Ablenkungen aus, wobei er in einem ungewöhnlich erwachsenen Ton spricht. Seine feixenden Schlussfolgerungen auf unausgesprochene Dinge sind alles andere als kindlich und beunruhigend altklug. Der naseweise Miles spielt mit Miss Giddens, wie ein arroganter Mann mit einer willensschwachen Frau spielen würde, die er erobern will. Miss Giddens dagegen gibt jedes Mal wie ein Schulmädchen nach, während sie Miles‘ listiger Masche hilflos gegenüber steht. Sie akzeptiert seine verschleierte Dominanz und findet Entschuldigungen für seine Arglist. Miles‘ Charakter wurde sehr gut aus James‘ Geschichte adaptiert, doch erst Martin Stephens‘ Darbietung verleiht diesem Charakter eine überzeugend perverse Qualität. Als er seiner Gouvernante die Hand reicht, um die ihre zu halten, schlägt Miles stattdessen auf ein Stück Gelatine (die daraufhin hin und her schwabbelt) und lacht. In diesem spezifischen Kontext kann diese Geste als obszön angesehen werden – es mutet an, als solle die Gelatine für Miss Gibbens‘ Brust stehen. Dabei wird noch nicht einmal grob übertrieben, da viele Kinder in der Lage sind, die Schwächen von Erwachsenen zu erkennen und auszunutzen.

Die Erörterungen von Sir Christopher Frayling (Extras) zitieren subjektive und objektive Kamerawinkel, die „beweisen“, dass die Geister subjektive psychologische Phantome von Miss Giddens sind. Frayling sagt, dass jeder stilisierten Geistersichtung eine Einstellung vorausgeht, in der Deborah Kerr zuerst „schaut“, was darauf hindeutet, dass Giddens die Illusionen durch unterbewussten Willen erzeugt. Doch während Frayling gerade dies erzählt, verfolgt man als Zuschauer eine Szene, in der Giddens Quint hinter einigen Vorhängen sieht. Quint erscheint dabei zuerst dem Zuschauer, bevor Giddens in seine Richtung blickt. Jedes Mal, wenn Giddens ein Geist erscheint, fügen Clayton und Francis unheimliche Stilisierungen hinzu – Filter, verzerrtes Audio, Tricks mit Dollies und Stempeltauben. Quint wird als mutwilliges Tier mit grausamen Gesichtsausdruck dargestellt, Jessel als ein abgemagertes Spektralopfer. Quint erscheint Giddens bereits, bevor sie seine ganze Geschichte zu hören bekommt, ihn allerdings schon auf einem Foto gesehen hat. Alle filmischen Hinweise deuten auf eine rein psychologische Interpretation hin: Miss Giddens ist eine frustrierte Spinnerin, die umso hysterischer wird, je öfter sie das Undenkbare überdenkt: die mögliche Teilnahme der Kinder an den Sexualakten der Erwachsenen. Sie selbst wirkt unterdrückt und scheint Sexbesessen. Miss Giddens letzter leidenschaftlicher Kuss sollte dann auch mit allen übriggebliebenen Zweifeln aufräumen: Die Frau ist Geisteskrank. Eventuell ist Miss Giddens eben auch nur sehr besorgt und herzlich. Vielleicht küsst sie den Jungen in der Erwartung, dass er davon aufwachen könnte. Liest man jedoch sehr genau, was auf dem Bildschirm tatsächlich passiert, insbesondere während des Kusses, sieht man Miss Giddens als Neurotikerin, die nicht in der Lage ist dem Verantwortungsdruck stand zu halten. Sie mag dem Wahnsinn vielleicht nicht komplett verfallen sein, doch ist sie offensichtlich äußerst anfällig für hysterische Wahnvorstellungen.

Wie auch immer man das mit den Geistern sehen mag, The Innocents präsentiert sich so oder so, als eine höchst ansprechende sowie spannend gruselige Geschichte. Diese außerordentlich gelungene Produktion, stellt die Art von Film dar, in dem jede Einstellung beeindruckt. Die gruseligen Aspekte sind recht intensiv geraten, wobei Deborah Kerr Miss Giddens‘ nervösen und übertrieben fantasievollen Charakter mit vollendeter Fähig- sowie Fertigkeit interpretiert. Sie tritt in beinahe jeder Szene auf und lässt den Angstzustand ihres Charakters in sorgfältig gemessenen Schritten wachsen. Die Kinder kommen enorm verstörend und manchmal entnervend rüber. The Innocents lässt sich aus einer perversen Perspektive verfolgen, da das Publikum vom Film dazu ermutigt wird, sich die obszönen kleinen Geheimnisse, welche die Kinder im Privaten vielleicht miteinander teilen, gemeinsam mit Miss Giddens vorzustellen. Die eigentliche Zweideutigkeit im Film liegt bei den Kindern – sind ihre kichernden Verschwörungen nur ein Kinderspiel oder ein Beweis für Perversität? Die junge Pamela Franklin (Die besten Jahre der Miss Jean Brodie, 1969) versteht dieses Kindheitsmysterium sehr gut zu projizieren. Martin Stephens hatte bereits ein Jahr zuvor das emotional mitleidlose außerirdische Kind in Das Dorf der Verdammten gespielt. Hier ist er entweder der mächtigste Kinderschauspieler überhaupt oder wurde geduldig provoziert, um in einem konzentrierten Zeitraum alarmierend präzise Emotionen zu erzeugen – Schuldgefühle, höhnische Verachtung, Wut, Trotz, Panik. Ein Erwachsener Spezialist mag Stephens‘ Stimme synchronisiert haben, doch was er mit seinem kleinen Gesicht auszudrücken vermag, ist einfach eine absolute Wucht. Warum sollten die Kinder eigentlich auch nicht emotional verwirrt sein? Ihre Eltern sind tot und ihr nachlässiger Onkel hält sich absichtlich aus ihrem Leben fern. Miles‘ Winkelzüge und kleine Vergehen scheinen ein offensichtliches Ergebnis dieser Situation zu sein, die Giddens lieber ignoriert. Miles muss seinen eigenen Mann stehen und sich dabei auch noch in einer grausamen Welt zurechtfinden – er besucht ein britisches Internat. Sollte seine Schule so gewesen sein wie die in If…. (1968), dann ist seine Schrägheit vollkommen nachvollziehbar.

The Innocents nutzt seinen Soundtrack besser als jeder andere Horrorfilm aus dieser Zeit. Ein unheimliches Lied gibt die Stimmung vor, aber auch bedeutungsschwere Stille kommt zum Einsatz. Eine klagende Melodie, die von einer einzelnen Stimme gesungen wird, geht dem Fox-Logo voraus und hört sich wie eine gespenstische Ouvertüre in Moll an. Verlautet einem dann noch Miss Giddens‘ wimmerndes Klagen, den Titelscreen untermalend, so ist man bereits in den Bann des Films gezogen worden. Jack Claytons Film war in den Kinos Berichten zufolge nicht so erfolgreich. Er hat keine neuen Trends im gehobenen Leinwandhorror ausgelöst, doch seine Reputation ist mit den Jahren enorm gewachsen.

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Darsteller: Deborah Kerr, Peter Wyngarde, Pamela Franklin
Regisseur: Jack Clayton
Format: Widescreen
Sprache: Deutsch (PCM 2.0 Mono), Englisch (PCM 2.0 Mono)
Untertitel: Deutsch
Region: Region B/2, Region A/1
Bildseitenformat: 16:9 – 2.35:1
FSK: Freigegeben ab 16 Jahren
Studio: Capelight Pictures
Produktionsjahr: 1961
Spieldauer: 100 Minuten

Ob der Film in Farbe wohl die gleiche Atmosphäre erzeugen könnte!?

Bluntwolf

Bluntwolf ist ein Cineast aus der goldenen Mitte Deutschlands. Sein Spezialgebiet ist das italienische Kino der 60er bis 80er Jahre, insbesondere Italowestern, Giallo und Polizio. Er ist der Chefredakteur von Nischenkino und gehört dem Redaktionsteam der Spaghetti-Western Database an.

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