Tödliches Erbe / Omicidio per vocazione

Der Patriarch der Familie wird von einem Zug zerfetzt – und hinterlässt ein Millionenvermögen, das aber erst ausgezahlt werden soll, wenn sein zurückgebliebener Adoptivsohn volljährig wird. Doch die Erben haben gute Gründe, schneller ans Geld zu wollen: Rasch wird der Familienkreis empfindlich weiterdezimiert… (Koch Media)

Tödliches Erbe ist vor allem von Interesse, weil es sich hier um einen der ersten Gialli handelt, der einer ländlichen Umgebung huldigt. Während Mario Bavas Gialli und die seiner Nachahmer dazu neigten, urbane Umgebungen zu bevorzugen, gab es auch einige Filme, die ländlichere Schauplätze favorisierten, wie Non si sevizia un paperino (Don’t Torture a Duckling, 1972) oder La casa dalle finestre che ridono (Das Haus der lachenden Fenster, 1976). Solche Drehorte würden den Filmemachern zwar Aufnahmen der klischeehaften Touristenfallen vorenthalten, doch verliehen sie den Filmen häufig eine unverwechselbare Note und konnten dazu verwendet werden, um die Kommunikationsschwierigkeiten zwischen den cleveren Stadtbewohnern und ihren stark akzentuierten Gegenstücken vom Land auszuspielen, von denen viele ihre eigenen spezifischen Dialekte sprechen. Leider sondieren die Filmemacher dieses Potenzial nicht wirklich auf irgendeine sinnvolle Art und Weise, die ländlichen Gegenden erhöhen jedoch das Interesse an dem, was ansonsten eher ein sehr routinemäßiges Werk darstellt.

Der Film läuft weniger als eineinhalb Stunden, wobei sich das Tempo allerdings ziemlich schleppend gestaltet. Regisseur Vittorio Sindoni legt keine richtige Affinität für diese Art von Thema an den Tag und abgesehen vom Anblick einer Leiche, die mehr oder weniger durch einen rasenden Zug „verstümmelt“ wurde, sind auch viszerale Nervenkitzel Mangelware. Es gibt ein bisschen Nacktheit mit freundlicher Genehmigung der schönen Femi Benussi zu bestaunen, doch insgesamt wird auch der Sleaze-Quotient sehr niedrig gehalten. Kurz gesagt, es handelt sich hier um einen ziemlich vorhersehbaren Giallo aus der grauen Mitte des filone, dem es an den Exzessen mangelt, die man normalerweise mit diesen Filmen in Verbindung bringt. Füge man milde Musik und eine flache sowie funktionale Beleuchtung hinzu (die es schafft, dass selbst die Nachtszenen so aussehen, als würden sie tagsüber stattfinden) und man erhält einen Film von geringem Wert. Vittorio Sindoni gab sein Regiedebüt mit diesem Film. Er wurde 1939 in Sizilien geboren und begann seine Karriere beim Film als Regieassistent, bevor er selbst Autor und Regisseur wurde.

In den 70er Jahren drehte er einen wenig bemerkenswerten Film nach dem anderen, bevor er zu Fernsehfilmen und Miniserien wechselte. Tödliches Erbe blieb sein einziger Giallo. Die Besetzung wird vom amerikanischen Schauspieler Tom Drake (1918-1982) als kühner Inspektor Greville angeführt. Drake ging in den 40er Jahren einen Vertrag mit MGM ein, wo er neben Judy Garland in Vincente Minnellis Meet Me in St. Louis (Heimweh nach St. Louis, 1944) auftrat. In den 50er Jahren wechselte er zum Fernsehen und drehte gelegentlich B-Filme wie Bert I. Gordons The Cyclops (1957). In den 60er Jahren trat er in einigen „internationalen“ Produktionen auf und beendete seine Karriere in den USA, wo er in Fernsehshows wie The Night Stalker (Der Nachtjäger 1974-1975) und The Streets of San Francisco (Die Straßen von San Francisco 1972-1977) Gastauftritte hatte. Drake spielt in Omicidio per vocazione so hölzern wie der sprichwörtliche Zigarrenladen-Indianer; er vermag es kaum Interesse oder Sympathie beim Publikum zu erzeugen und dient lediglich dazu, den Betrachter daran zu erinnern, warum sich so viele Gialli dafür entschieden, sich eher auf Amateur-Ermittler, als auf die Polizei zu konzentrieren.

Femi Benussi präsentiert sich da schon weitaus einprägsamer, als die Frau in Not, die möglicherweise ein gefährliches Geheimnis verbirgt oder auch nicht. Die 1945 geborene Benussi gab ihr Filmdebüt in Massimo Pupillos Il boia scarlatto (Scarletto – Schloß des Blutes, 1965) auf der eher schäbigeren Seite des italienischen Horrorfilms. Später trat sie (oft ohne Kleidung) in einigen der schmutzigeren Gialli der 70er Jahre auf, darunter Roberto Bianchi Monteros Rivelazioni di un maniaco sessuale al capo della squadra mobile (Schön, nackt und liebestoll, 1972), Alfredo Rizzos La sanguisuga conduce la danza (The Bloodsucker Leads the Dance) und vor allem Andrea Bianchis wirklich geschmacklosem Nude per l’assassino (Nackt für den Killer, beide 1975). Sie tauchte auch in Pier Paolo Pasolinis Uccellacci e uccellini (Große Vögel, kleine Vögel, 1966) auf, aber Qualitätsrollen in künstlerischeren Werken wie diesem würden sich für sie als schwer fassbar erweisen. Sie zog sich Anfang der 80er Jahre aus dem Filmgeschäft zurück.

Die Nebenbesetzung besteht aus mehreren bekannten Gesichtern. Virgilio Gazzolo spielt den örtlichen Polizeichef und sollte auch eine ähnliche Rolle in Lucio Fulcis Don’t Torture a Duckling (1972) übernehmen. Ivo Garrani, hier als opportunistischer Ivan besetzt, war in Filmen wie Pietro Franciscis Le fatiche di Ercole (Die unglaublichen Abenteuer des Herkules, 1958) und Mario Bavas La maschera del demonio (Die Stunde, wenn Dracula kommt, 1960) zu sehen und trat anschließend in Sergey Bondarchuks Waterloo (1970) und Fernando Di Leos Milano calibro 9 (Milano Kaliber 9, 1972) auf. Garrani stellte stets eine verlässliche Präsenz in großen sowie kleinen Rollen dar, wobei es ihm hier gelingt seinen Charakter mit dringend benötigter Glaubwürdigkeit auszustatten. Schade nur, dass er nicht mehr an Bildschirmzeit bekam. Die Rolle des Janot wird von Ernesto Colli gespielt, einem Schauspieler, dessen Besonderheiten ihn dazu verurteilten, verschiedene Duckmäuser, Perverse und „rote Heringe“ zu spielen.

Er hatte einen nicht im Abspann aufgeführten Auftritt für Federico Fellini in dessen Segment von Histoires extraordinaires (Außergewöhnliche Geschichten, 1968), dem bemerkenswerten Toby Dammit und einen weiteren nicht im Abspann aufgeführten Auftritt für Lucio Fulci in Beatrice Cenci (Die Nackte und der Kardinal, 1969), doch auch größere Rollen würden bald seinen Weg kreuzen. Er trat in Alberto Bevilacquas La califfa (Die Kalifin, 1970) und Fernando Di Leos Milano calibro 9 (Milano Kaliber 9, 1972) auf, bevor er sich als der „rote Hering“ schlechthin in Gialli wie I corpi presentano tracce di violenza carnale (Torso, 1973) und Macchie solari (Autopsy, 1975) etablierte. Leider sollte er 1982 im Alter von nur 42 Jahren schon recht jung sterben.

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Koch Media Giallo Collection 1

  • Darsteller: Tom Drake, Femi Benussi, Virgilio Gazzolo, Renzo Montagnani, Bedi Moratti
  • Regisseur(e): Vittorio Sindoni, Francesco Mazzei, Piero Schivazappa
  • Format: Dolby, PAL
  • Sprache: Italienisch (Dolby Digital 2.0), Deutsch (Dolby Digital 2.0), Englisch (Dolby Digital 2.0)
  • Untertitel: Deutsch
  • Bildseitenformat: 16:9 – 1.77:1
  • Anzahl Disks: 3
  • FSK: Freigegeben ab 18 Jahren
  • Studio: Koch Media GmbH – DVD
  • Produktionsjahr: 1972
  • Spieldauer: 266 Minuten

Bluntwolf

Bluntwolf ist ein Cineast aus der goldenen Mitte Deutschlands. Sein Spezialgebiet ist das italienische Kino der 60er bis 80er Jahre, insbesondere Italowestern, Giallo und Polizio. Er ist der Chefredakteur von Nischenkino und gehört dem Redaktionsteam der Spaghetti-Western Database an.

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