Tote Zeugen singen nicht / Straße ins Jenseits / La polizia incrimina la legge assolve / High Crime

Kommissar Belli (Franco Nero), ein Mann, der für seine harten Methoden bekannt ist, kämpft in Genua gegen einen europaweit agierenden Drogenring. Die Mühlen der Justiz mahlen langsam, doch als sich im Verlauf der Ermittlungen herausstellt, dass die Verbindungen der Gangster bis in höchste politische Kreise reichen, bekommt Belli die Gewalt am eigenen Leib zu spüren. Cafiero, ein altmodischer Gangster, der sich aus dem Geschäft zurückgezogen hat, steht ihm beratend zur Seite. Doch auch er weiß: Es wird weiter Blut fließen… (filmArt)

Kurzinhalt inkl. Spoiler !!!

Kommissar Belli (Franco Nero) ermittelt gegen einem riesigen Drogenring, an dem zwei rivalisierende Banden beteiligt sind, die zwischen Genua und Marseille operieren. Er verhaftet einen Mann, „Den Libanesen“, der ihm möglicherweise wertvolle Informationen liefern könnte, doch der Verbrecher wird mit einer Autobombe in die Luft gejagt, während er gerade von einer Polizeistation zu einer anderen transferiert werden soll. Belli vermutet, dass ein über jeden Verdacht erhabener, mächtiger Industrieller namens Franco Griva (Silvano Tranquilli) in den Drogenhandel verwickelt ist und überredet seinen älteren sowie vorsichtigeren Kollegen, Hauptkommissar Scavino, ihm ein kompromittierendes Dossier zu überlassen, das dieser über Griva und dessen engste Vertraute zusammengestellt hat. Scavino (James Whitmore) wird jedoch ermordet, bevor er Belli helfen kann. Die Kriminellen versuchen, den Kommissar zum Schweigen zu bringen, indem sie seine Freundin brutal zusammenschlagen und seine Tochter ermorden, doch schließlich gelingt es Belli die Bande mit Hilfe des älteren Gangsterbosses Cafiero (Fernando Rey) zu zerschlagen.

1973 kamen zwei Filme heraus, die den Prototyp des Krimihelden umformten und auffrischten, nämlich Enzo G. Castellaris La polizia incrimina la legge assolve (Tote Zeugen singen nicht) und Sergio Martinos Milano trema: la polizia vuole giustizia (The Violent Professionals). Insbesondere Tote Zeugen singen nicht stellt einen Film dar, der den Kanon dessen, was Kritiker poliziotteschi nennen, aggregiert und kodiert. Dieser Kanon wurde bereits in Stefano Vanzinas La polizia ringrazia (Das Syndikat, 1972) umrissen, allerdings nur teilweise und ungeordnet. In Tote Zeugen singen nicht legt Castellari einen dynamischen Filmstil an den Tag, der stark von amerikanischen Regisseuren wie Peckinpah, Yates und Friedkin beeinflusst wurde, wobei sich Castellari auch auf Akira Kurosawas Shichinin no samurai / Die sieben Samurai (aufgrund der Verwendung von Zeitlupen) von 1954 bezieht. Die Kamera bewegt sich mühelos und verfolgt die Charaktere, während sich die von Remy Julienne koordinierten sowie mit vier oder fünf Kameras gedrehten Actionszenen durch nervöse Schnitte und reichlichen Einsatz von Handkameras auszeichnen.

Diese Actionsequenzen wurden in strenger Symbiose mit dem Soundtrack der Gebrüder De Angelis konzipiert, gedreht und geschnitten, die auf die martialischen Orchestrierungen aus Ciprianis Score zu Das Syndikat (ein weiteres Erbe politisch engagierter Dramen) verzichten und dafür entschieden dynamischere Klänge zum Einsatz bringen. Der mitreißende Track Il libanese, der die erste Verfolgungsjagd (zuerst zu Fuß und dann mit dem Auto) zwischen Kommissar Belli (Franco Nero) und dem Libanesen untermalt, dürfte das erste Beispiel für die Interaktion zwischen Musik und Bildern repräsentieren, die man dann später auch in den besten Exemplaren des Genres wiederfinden sollte. Die musikalischen Themen des Films (vor allem der funky-jazzig-gefärbte Track Gangster Story, siehe Soundtrack weiter unten) wurden später in vielen weiteren poliziotteschi wie Roma violenta (Verdammte, heilige Stadt, 1975), Napoli spara! (Die Killermeute, 1977) sowie anderen recycelt und tauchen auch in Quentin Tarantinos Death Proof (2007) auf.

Trotz eines reißerischen italienischen Titels (wörtlich „Die Polizei klagt an, das Gesetz entlastet“) und Dialogen wie „Wir riskieren unser Leben für 100.000 Lire im Monat!“ über die prekären finanziellen Verhältnisse der Polizisten, ist das Erbe des politisch engagierten Kinos in Tote Zeugen singen nicht bereits vollständig in die Erzählweise des Genres übernommen worden. Die Totale, die die angespannte Konfrontation zwischen Belli und Scavino auf einer über der Stadt liegenden Anhöhe begleitet, ist beinahe vollständig aus Damiano Damianis Confessione di un commissario di polizia al procuratore della repubblica (Der Clan, der seine Feinde lebendig einmauert, 1971) übernommen worden, allerdings stellt Scavinos Geheimdossier ein wenig mehr dar, als nur ein McGuffin und geht nach der Hälfte der Laufzeit (Scavinos Exekution) leider in den Besitz der Verbrecher über. Auch wenn James Whitmores Todesszene als eine Nachahmung der realen Ermordung des italienischen Polizei-Kommissars Luigi Calabresi 1972 in Mailand (siehe Booklet, Seite 11) anzusehen ist, behalten das Spektakel der Szene selbst sowie die zerstörerische Wirkung der Gewalt (wie sie von Castellari in Zeitlupe präsentiert wird) die Oberhand.

Der Held des Films ist bereits einen Schritt weiter entwickelt worden, als frühere Modelle. Bellis überwältigende Wutausbrüche stellen nur einen Teil des genetischen Baukastens des Protagonisten dar, wobei sie ein treibendes Element der Geschichte repräsentieren, allerdings ohne jeden gesellschaftspolitischen Anspruch. Belli ist jung, gutaussehend, impulsiv – mehr muss man nicht wissen. „Halten Sie die Luft an, beruhigen Sie sich. Sie, Sie hören die Alarmglocke, Sie greifen Ihr Schießeisen und Ihre Handschellen, die Guten auf die eine Seite, die Bösen auf die andere. Ganz einfach, hä!? Große Fische zu fangen ist eine Geduldsfrage. Das ist nicht so einfach, wie Sie denken.“, wird ihm von Scavino vorgeworfen. In Das Syndikat stellt Kommissar Bertone (Enrico Maria Salerno) seine Ermittlungen vor seine Taten; während Belli einer ist, der sich nicht von den Artikeln und Paragraphen des Verfahrenscodex einschränken lässt. Er brüllt rum, schlägt, rennt, schießt und repräsentiert somit den Archetypen der kommenden „Eisernen Kommissare“. Sogar das Ende, wo Belli in einer blitzartigen Vision seinen eigenen Tod vorausahnt – eine Szene, die Castellaris Vater Marino Girolami in Roma violenta wiederverwenden würde – wirkt wie ein Memento, das das gesamte Krimi-Genre in Zukunft begleiten würde. Alles in allem spielt es keine Rolle, dass Franco Nero mit blonden Haaren sowie eleganten blauen Hemden unruhiger rüberkommt als in Damianis Filmen und Belli eine monolithische Figur darstellt, die nur knapp skizziert und durch die Worte der anderen Figuren charakterisiert wird. Sogar seine Geliebte Mirella (Delia Boccardo) nennt ihn bei seinem Nachnamen, während der Kommissar eher mit persönlichen Beziehungen zu kämpfen scheint, als gegen die Drogenhändler.

Als die am wenigsten interessanten Momente des Streifens sind die intimen Szenen zwischen Belli, seiner Geliebten und seiner kleinen Tochter (Stefania Girolami Goodwin, die Tochter des Regisseurs, die in den Filmen ihres Vaters immer wieder präsent sein würde) zu bezeichnen, in denen Castellaris Vorliebe für Zeitlupen, Alejandros Ulloas Beleuchtung und die zuckersüße Musik die Stimmung in der Nähe von rührseligen Dramen verorten. Umstritten sind auch die Verweise auf aktuelle Themen, wobei Castellari und seine Drehbuchautoren unsicher zu sein schienen, wie sie ihren Helden mit der Gesellschaft interagieren lassen sollten. Bellis Krawatte und Seidenhemd verraten ihn sofort als (Klassen-) Feind, als er an den Docks auftaucht (die von streikenden Arbeitern besetzt sind), um nach Scavinos Mörder (Bruno Corazzari) zu suchen, der sich zwischen den Hafenarbeitern versteckt hält. Dort wird er mit Wut sowie Spott konfrontiert und von Corazzari sogar als Faschist beschimpft, der die Streikenden damit noch weiter gegen Belli aufbringen will, was ihm allerdings nicht gelingt. Tote Zeugen singen nicht war ein riesiger Kassenschlager, der über eine Milliarde und 600 Millionen Lire einspielte und somit den Weg für eine ganze Reihe von Imitationen ebnete.

Mit der Nummer achtzehn ihrer Polizieschi Edition Tote Zeugen singen nicht ist filmArt mal wieder eine klasse Veröffentlichung gelungen. Der Film ist zu den besten Vertretern seiner Art zu zählen und kommt als ansprechend gestaltete Blu-ray Edition (auf 1000 Stück limitiert) mit Wendecover daher. Die technischen Daten wissen auch zu überzeugen, befinden sie sich doch auf recht hohem Niveau (Bild: 1,85:1 / 1080p und Ton: DTS-HD Master Audio Mono). Deutsche Untertitel sind ebenfalls zuschaltbar. Als Extras wurden ein englischer Trailer; eine alternative Filmfassung mit alternativem Ende (in HD); eine Bildergalerie; diverse, internationale Vorspänne sowie eine Trailer-Show auf die Scheibe bzw. in die Edition gepackt. Das Highlight der Boni stellt diesmal das Booklet zum Film von Michael Cholewa dar, in dem man recht ausführliche, interessante sowie informative Texte über den vorliegenden Film, den italienischen Polizeifilm, Franco Nero sowie die deutschen Synchronstimmen lesen kann.

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  • Seitenverhältnis:‎ 16:9 – 1.85:1
  • Alterseinstufung: Freigegeben ab 18 Jahren
  • Regisseur: Castellari, Enzo G.
  • Medienformat:‎ Letterbox
  • Laufzeit: 1 Stunde und 39 Minuten
  • Darsteller: Nero, Franco, Whitmore, James, Boccardo, Delia, Rey, Fernando, Tranquilli, Silvano
  • Untertitel: ‎Deutsch
  • Sprache: ‎Italienisch (DTS HD 2.0 Mono), Deutsch (DTS HD 2.0 Mono), Englisch (DTS HD 2.0 Mono)
  • Studio: ‎filmArt

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Das Bildmaterial stammt selbstverständlich nicht von dieser Edition !!!

Diese Edition wurde uns freundlicherweise von filmArt zur Verfügung gestellt.

Bluntwolf

Bluntwolf ist ein Filmliebhaber aus der goldenen Mitte Deutschlands. Sein Spezialgebiet ist das italienische Kino der 60er bis 80er Jahre, insbesondere Italowestern, Giallo und Polizio. Er ist der Chefredakteur von Nischenkino und gehört dem Redaktionsteam der Spaghetti-Western Database an.

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