Trespass

Die Feuerwehrmänner Don (William Sadler, Stirb langsam 2) und Vince (Bill Paxton, Aliens) suchen eine Kiste mit gestohlenem Kirchengold in einer verfallenen Industrieanlage. Mittem im Gangland von Drogenboss King James (Ice T, New Jack City) und seinem Handlanger Savon (Ice Cube, Boyz N the Hood) geraten sie in einen tödlichen Deal – Zeugen unerwünscht. In letzter Sekunde verschanzen sich Don und Vince in einem Fabrikraum: Sie haben eine Waffe, 21 Kugeln und Kings kleinen Bruder als Geisel, um ihr Leben zu retten. Während die schwer bewaffneten Gangster sie belagern, suchen sie in ihrem unfreiwilligen Gefängnis verzweifelt nach einem Fluchtweg, um mit dem Gold zu entkommen. Die Uhr tickt gegen sie und das Gebäude wird zum Schauplatz eines gnadenlosen Kampfes um Leben und Tod… (Turbine Medien)

Nach dem starken kritischen sowie finanziellen Erfolg von New Jack City und Boyz N the Hood war es nur noch eine Frage der Zeit, bis Hollywood-Produzenten ein geeignetes Vehikel finden würden, um Ice-T und Ice Cube gemeinsam in einem Film zu besetzen. Die Rap-Künstler hatten für ihre Breakout-Auftritte in zwei der Kassenschlager von 1991 eine Menge Beifall von der Kritik erhalten. Da sie den Führungskräften von Universal aufgefallen waren und ein Skript bereits auf sie wartete, mussten sie nicht besonders lange auf einen gemeinsamen Film warten. Zu The Looters, wie Trespass ursprünglich genannt wurde, entstand 1977 ein Drehbuch von Robert Zemeckis und Bob Gale verfasst, nachdem die beiden Schreiber einen Artikel von Jon Bradshaw mit dem Titel „Savage Skulls“ im Esquire-Magazin über eine scheinbar unnahbare Bande in der East Bronx gelesen hatten. Zemeckis und Gale schrieben einen Entwurf, der in einem verlassenen Wohnhaus in einer Ostküstenstadt spielt, in dem es auch um eine Konfrontation zwischen dem Mob und ein paar Feuerwehrleuten ging, die nach einem versteckten Schatz suchen.

Das Drehbuch schaffte es nie über die Entwicklungsphase hinaus, bis Gale Anfang der neunziger Jahre mit dem Produzenten Neil Canton zusammenkam, der es an Walter Hill weitergab. Der in Kalifornien geborene Filmemacher war von dem Material begeistert und erklärte sich prompt bereit, Regie zu führen. William Sadler (Stirb langsam 2, Hard to Kill) wurde ausgewählt, um den schroffen Feuerwehrmann Don zu spielen. Der damalige Newcomer Brad Pitt sollte den milderen Vince verkörpern, lehnte jedoch ab, weil er den Streifen für zu düster hielt. Im Nachhinein hätte Pitt als Sadlers Gegenstück fantastisch funktionieren können. Vielleicht dachte er, er hätte einen Fehler gemacht, denn er stürzte sich ca. ein Jahr später in seine vielleicht finsterste Rolle, als Serienmörder Early Grayce in Kalifornia. Um Pitt zu ersetzen, wurde schließlich Bill Paxton engagiert, der Vinces Fußstapfen mehr als gekonnt ausfüllt.

The Looters sollte ursprünglich im Sommer 1992 veröffentlicht werden, doch angesichts der Unruhen in L.A. wurde die Premiere des Films verschoben. Seltsamerweise kündigte Universal erst Ende Juli 1992 eine Änderung des Zeitplans für die Medien an, als die Daily News of Los Angeles und andere Zeitungen berichteten, dass der Titel des Films in Trespass geändert wurde und ein neues Ende hinzugefügt würde. Das überarbeitete Zemeckis / Gale Skript verlagert das Setting in den sogenannten Rust Belt in East St. Louis, Illinois. Laut Universals Pressematerial und Rezensenten, die mit den Drehorten vertraut waren, wurde Trespass in zwei separaten Gebäuden aus dem 19. Jahrhundert gedreht, einer Memphis-Brauerei und den verlassenen Allied Mills in Cabbagetown, Atlanta. Während Trespass‘ Eröffnungssequenz schaut das Publikum zunächst auf einen Fernsehmonitor, der ein körniges Video von einer Transaktion zwischen zwei Autofahrern zeigt. Einer steigt in das Fahrzeug des anderen ein, wobei der Fahrer nach wenigen Sekunden eher unerwartet abgeknallt wird.

Dieses Filmmaterial wird von Mob Kingpin King James (Ice-T) und dessen manchmal recht impulsivem Kompagnon Savon (Ice Cube) angeschaut. Handelt es sich hier um eine abscheuliche Tat einer rivalisierenden Gang? Währenddessen schneidet Walter Hill zu einem in Brand stehenden Apartmentkomplex, in dem Don (William Sadler) und Vince (Bill Paxton) versuchen einen ehemaligen Dieb (Hal Landon Jr.) vor den Flammen zu retten. Der Mann will allerdings gar nicht gerettet werden, doch bevor er sich vom Feuer verschlingen lässt, überreicht er den beiden Feuerwehrleuten (aus Fort Smith, Arkansas) eine Schatzkarte auf der das Versteck kostbarer religiöser Artefakte verzeichnet ist, die er vor mehr als fünfzig Jahren aus einer griechisch-orthodoxen Kirche gestohlen hatte. Don und Vince können zunächst nichts mit der Karte anfangen, doch letztendlich beschließen sie der Schatzsuche eine Chance zu geben und überqueren die Poplar Street Bridge zu einer ruinösen, verlassenen Fabrik in East St. Louis. In einem der Räume wird Vince vom obdachlosen Hausbesetzer Bradlee (Art Evans) von hinten angegriffen, der das Gebäude zu seinem Wohnsitz gemacht hat.

Bradlee wird dann an einen Stuhl gefesselt, hört aber nicht auf zu plappern. Was die drei Männer jedoch nicht wissen ist, dass King James und seine Posse hier ihr Versteck unterhalten (zumindest für ein Wochenende). King James trifft sich mit Goose (John Toles-Bey), dem mutmaßlichen Schützen aus dem Video und King James‘ kleinem Bruder, dem Junkie Lucky (De’voreaux White). Sobald Goose von King James‘ Gefolge als Mörder entlarvt wird, wird das rivalisierende Bandenmitglied erschossen und stürzt durch ein Dachfenster hinab in die Tiefe, wodurch Vince entdeckt wird, weswegen nun die Hölle losbricht. Als King James‘ Männer versuchen Vince anzugreifen, wird Lucky von Don geschnappt und als Schild eingesetzt.

Für den Rest seiner Laufzeit entwickelt sich Trespass zum urbanen Äquivalent eines Hawksian Western. Wie in den beengten Gebieten, in denen sich die Protagonisten aus Rio Bravo wiederfinden, verbarrikadieren sich Don, Vince, Bradlee sowie Lucky hinter Türen und Mauern, um King James und seine Kollegen abwehren zu können. Freeman Davies‘ Schnitt ist als durchweg knackig und straff zu beschreiben, während dem Publikum die Klaustrophobie und Gefangenschaft der Helden sehr bewusst gemacht wird. Wie er von seinem Mentor Sam Peckinpah gelernt hatte, gestaltet sich Hills Gewalt in ihrem stilisierten Ton fast elegant und filmt die Schauspieler in Ultra-Zeitlupe, wie sie ballettartig durch die Lüfte gleiten. Ice-T und Ice Cube generieren eine hervorragende Bildschirm-Chemie. King James ist der Boss, der mit einer zurückhaltenden Eigenschaft ausgestattet ist, die zu mehr methodischem Denken und philosophischer Introspektion führt. Savon ist dagegen etwas tollkühner und möchte König James eigentlich recht gerne von dessen Position verdrängen, doch hält ihn eine gewisse Ehrerbietung dem Boss gegenüber noch zurück.

Die Familie ist für King James von aller größter Bedeutung, daher will er Lucky um jeden Preis zurückbekommen. Glenn Plummer ist als bebrillter Scharfschütze Luther kaum zu erkennen, wobei seine Vorstellung von anderen Rollen abweicht, die er zu diesem Zeitpunkt innerhalb seiner Schauspielkarriere innehatte. Paxtons Vince entwickelt sich im Laufe des Films merklich, so dass bisher unbekannte Facetten seiner Persönlichkeit zu Tage treten. Sollte der Film eine Schwachstelle haben, dann ist es Sadlers Don, dessen Charakter nicht so gut geschrieben worden ist, weswegen ihn das Publikum auch nicht so gut kennenlernen kann, wie die anderen Hauptfiguren von beiden Seiten. Sadler macht zwar das Beste aus dem, was ihm angeboten wird, aber das Ganze sieht doch eher nach einer monotonen Vorstellung aus.

Trespass kam erst gegen Ende 1992 heraus. Der Vorsitzende von Universal Pictures, Tom Pollock, machte einen schrecklichen Fehler, als er beschloss, den Streifen am Ersten Weihnachtstag zu veröffentlichen. Er argumentierte dies sei Teil von Universals Strategie des „Gegenprogramms“, was sich als großer Fauxpas herausstellte. Eine Reihe von Kritikern sprach sich gegen den Zeitpunkt der Premiere aus, da sie der Meinung waren, dass die Weihnachtsfeiertage voller Frieden und Liebe sein sollten und durch diesen übermäßig gewalttätigen Film verdorben werden würden. In einem Interview behauptet Produzent Neil Canton, dass sich die Kritiker zu sehr von den Parallelen zwischen dem Vorfall mit Rodney King und der in Trespass dargestellten Gewalt beeinflussen ließen. Er behauptet, dass dies niemals die Absicht der Filmemacher gewesen sei, wobei man ihn beim Wort nehmen kann.

In geringem Maße kann dies als korrekt bezeichnet werden, doch der Film erhielt auch eine angemessene Anzahl von guten Kritiken. Von sechzig Bewertungen des Streifens (die wir evaluiert haben) fallen mehr als die Hälfte positiv/vorteilhaft aus, während etwa die Hälfte der restlichen Kritiken in die Rubrik gemischt/unvorteilhaft/negativ einzuordnen ist. Das Problem dabei stellte also nicht die schlechte Presse dar, sondern das Timing. Zugegeben, Universal leistete gute Arbeit, in dem sie Trespass in Multiplexen im ganzen Land unterbrachten. Daten von Box Office Mojo zeigen, dass der Flick in 1.022 Kinos gelaufen ist und hinter Hoffa den zweiten Platz unter den Filmen belegte, die an ihrem ersten Wochenende veröffentlicht wurden (in der Gesamtwertung belegte er den siebten Platz). Pollock und Universal hätten jedoch wissen müssen, dass sie gegen A Few Good Men (Eine Frage der Ehre), Aladdin, Home Alone 2: Lost in New York (Kevin – Allein in New York), The Bodyguard und Forever Young antreten mussten. Eine Veröffentlichung im Herbst wäre für die Erfolgsaussichten von Trespass weitaus günstiger gewesen.

In einer eher negativen Kritik bemerkte der langjährige New York Times-Rezensent Vincent Canby, dass Hill „Schwierigkeiten damit hat, die Laufzeit auszufüllen.“ Man könnte dem nicht mehr widersprechen, da der Film einen effizienten Action-Thriller repräsentiert, der keinerlei Füllmaterial enthält. Sobald Lucky gefangen genommen worden ist, bewegt sich der Plot in einem halsbrecherischen Tempo mit einer wunderbaren Balance zwischen King James‘ Bande und den vier anderen Charakteren in ihrem verschlossenen Raum hin und her. Turbine Medien liefert mit ihrer Edition des Films einen wunderbaren Transfer und hervorragenden Ton ab. Auch das Bonusmaterial versteht es stark zu überzeugen. Das Interview mit Bob Gale deckt in relativ kurzer Zeit sehr viel ab und ist wohl als das beste Extra der Scheibe zu bezeichnen. Das Interview mit Neil Canton kann ebenso als sehr gut beschrieben werden, obwohl man dabei durchaus auch mal anderer Meinung sein kann, als der Co-Writer. Es wäre selbstverständlich enorm prickelnd gewesen, wenn Turbine noch neue Interviews mit Walter Hill, Ice-T und Ice Cube hätte auftreiben können. Nichtsdestotrotz handelt es sich hier um eine mehr als würdige Edition, die man nur empfehlen kann.

Bonusmaterial:
„Fool’s Gold“ – Ein Interview mit Schauspieler William Sadler
„Born Losers“ – Ein Interview mit Drehbuchautor Bob Gale
„Wrongful Entry“ – Ein Interview mit dem Produzenten Neil Canton
„Gang Violation“ – Die Stunts von Trespass
„Trigger Happy“ – Die Waffen von Trespass
• Vintage Featurette: „Behind The Scenes Of Trespass“
• Music Video
• Deleted Scenes
• Theatrical Trailer

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  • Seitenverhältnis: ‎16:9 – 1.85:1, 16:9 – 1.77:1
  • Alterseinstufung: Freigegeben ab 18 Jahren
  • Regisseur: ‎Hill, Walter
  • Laufzeit: ‎1 Stunde und 41 Minuten
  • Darsteller: ‎Paxton, Bill, Ice-T, Sadler, William, Ice Cube, Evans, Art
  • Sprachen: Deutsch, Englisch (DTS-HD Master Audio 5.1 Surround & 2.0 Stereo)
  • Untertitel: ‏Englisch
  • Studio: ‎Turbine Medien

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Die Screenshots stammen nicht von dieser Edition !!!

Bluntwolf

Bluntwolf ist ein Cineast aus der goldenen Mitte Deutschlands. Sein Spezialgebiet ist das italienische Kino der 60er bis 80er Jahre, insbesondere Italowestern, Giallo und Polizio. Er ist der Chefredakteur von Nischenkino und gehört dem Redaktionsteam der Spaghetti-Western Database an.

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