Once Upon a Time in Shanghai

Once Upon a Time in Shanghai ist ein chinesisches Martial Arts Drama von 2014 mit Sammung Hung, Philip Ng und Andy On, gedreht von Wong Ching-Po und Remake des Shaw Brothers Klassikers Der Boxer von Shantung von Chang Cheh.

Der Arbeiter Ma Yongzhen (Ng) kommt nach Shanghai um Arbeit zu finden, denn die Stadt prosperiert und bietet den jungen Leuten vom Land eine Zukunft. Doch Shanghai ist ein Sündenpfuhl, dominiert von Gangs auf der einen Seite, und den japanischen Besatzern auf der anderen.  Ma schafft es, sich dem aufsteigenden jungen Gagster Long (On) anzuschließen, der die jahrzehntelange Gangstruktur in der Stadt durchbricht, und sich so den Zorn aller auf sich zieht. Der ausgezeichnete Kämpfer Ma gerät schnell in die politischen Mühlen zwischen den Machtparteien und muss erleben, wie viele auch unschuldige ihr Leben verlieren, denn es gibt hier keine guten. Dranglauben müssen auch sein Onkel Tie (Hung) und viele seiner Schützlinge in den Armenvierteln. Als die bedrohten Gangsterbosse und die Japaner  zusammen einen Plot schmieden um Long aus dem Weg zu räumen, bleibt Ma nur noch, jede Hemmung abzulegen und mit aller Gewalt die Schergen zur Strecke  zu bringen….

Once Upon a Time in Shanghai

Nach wenigen Minuten mit Once Upon a Time in Shanghai wurde mir klar, dass ich dazu nicht schreiben kann, ohne auf den Zustand der kontemporären chinesischen Filmemacherei generell einzugehen. Noch auf der Berlinale habe ich mich durch Gone with the Bullets gequält, und zu dessen Vorbereitung auch den unsäglichen Let the Bullets Fly geguckt. Es herrscht eine Art Diskrepanz zwischen den wunderschönen und kunstvoll gemachten frühen Zhang Yimou Filmen, und dem Blockbuster Kino zu dem auch Once Upon a Time in Shanghai gehört. Ich möchte auch nicht kulturell arrogant klingen, aber in neueren chinesischen Filmen gibt es ein Qualitätsproblem, das systemischer Natur ist, und mir mit meinem kulturell geprägten Filmgeschmack vielleicht einfach nur nicht passt. Ich spreche von unsäglich intensivem, übertriebenen Nutzen von Computereffekten für fast jede Kleinigkeit, Ansätze dessen finden sich auch in hochwertiger Kost wie zum Beispiel in Wong Kar-Wais The Grandmaster. Dazu kommt ein wirklich völlig unnötiges Overdubbing („Drübersynchronisieren“) wie man es aus dem europäischen Kino der 60er kennt. Außerdem das aus der Peking Opera vererbte grauselige Overacting, dass sich nicht nur in falschem Gelächter manifestiert, und dann die lieblose Musik aus der Retorte, was ein bischen an die ClipArt Gallerien in alten Microsoft Produkten erinnert aus denen man sich bedient hat. Also vier große Problembereiche, und die oft eher löchrigen Drehbücher habe ich noch gar nicht angesprochen.

Once Upon a Time in Shanghai

Aber zurück zu Once Upon a Time in Shanghai, der mit viel Budget, guter Besetzung und Großmeister Yuen Woo-Ping (Kill Bill) als Martial Arts Dirigent durchaus Potential hat, und der alte Haudegen Sammo Hung (Eastern Condors) ist auch mit von der Partie. Was kann da schief gehen? Der Film lehnt sich schon beim Titel an die Jet Li Reihe Once Upon a Time in China sowie das Sergio Leone Meisterwerk Once Upon a Time in America an. Große Vorbilder, denen der Film am Ende nie gerecht werden kann. Dabei hat die auf Der Boxer von Shantung und Yojimbo basierte Geschichte erstmal viel zu bieten, und schon von den ersten Szenen an merkt man, dass Philip Ng nicht nur dreschen kann sondern auch mimen. Damit hat der Film seinem Kollegen Tony Jaa aus Thailand und seinen müden Filmen viel voraus.

Once Upon a Time in Shanghai

Ins Spiel kommen nun niedrig gesättigte Farben, Gangster in Smokings die viel rauchen, ein spärliches Shanghai in den 30ern, einige geschichtsträchtige Andeutungen, und eine ganze reihe flott geschnittene Kampfszenen. Der Wow Effekt wirkt, aber leider nur kurz. Es fällt als Zuschauer einfach schwer, den flachen Klamauk ernst zu nehmen, das Overacting dass an frühe Kinoware aus den 70ern erinnert, und die übertriebenen Effekte, die den Film aussehen lassen wie ein Videospiel. Der Film muss also sehr billig gewesen sein, sieht er doch aus als ob man ihn in einer Greenscreen-Kiste gedreht hätte. Das passt einfach nicht zu dem Look-and-Feel den man mit einem Film über die 30er anstrebt. Noch viel schlimmer, dem Film mangelt es an Geschichtsbewusstsein, dass sogar bei den neueren Ip Man Filmen ausgeprägter ist, und die sollen ja ganz bewusst nur pseudobiografisch sein, während Once Upon a Time in Shanghai irgendwie einen auf Gangs of New York macht, aber leider auf dem flachen Niveau von Shaolin Soccer rumdümpelt, übrigens auch so eine Schwachsinnsproduktion.

Die neue chinesische Filmindustrie hat handwerklich nicht dazu gelernt.

Once Upon a Time in Shanghai

Auf einer allgemeineren Ebene betrachtet ist der Film stellvertretend für die neue chinesische Filmindustrie die einfach verdaubare Kost bietet, politisch nicht aneckt oder anecken darf, extrem kosteneffizient arbeiten muss, die allgemeinste aller Zuschauerschaften anzusprechen hat, und – das wäre nach all dem Geschimpfe nun meine Conclusio – handwerklich nichts dazu gelernt hat. Filmemacher in China sind sehr visuelle Menschen, sie haben ein gutes Auge. Der Großteil aller Filmproduktionen aus China beweist gutes Kameragefühl und ein Händchen für viel Rummel vor dem Bildausschnitt. Doch kenne ich aus den letzten Jahren nicht einen chinesischen Film der hochwertiges Sounddesign hinbekommen hat, oder Computereffekt dezent und gekonnt einsetzt, oder wirklich durchgehend ernst geschauspielert ist. Davon ausgenommen ist das Avantgarde-Kino von Yimou, Kar-Wai & Co. Once Upon a Time in Shanghai sieht und klingt nach einer riesigen Immitation. Es ist kein 30er Jahre Gangsterfilm, es ist das Immitatat einer Idee eines Gangsterfilms aus den 30ern. Viele bunte Kampfsequenzen und etwas Sepia-Farbton machen einfach noch kein Martial Arts Epos.

Wo man den Film noch sehen kann: BluRay bei Amazon.com

Gesehen im Rahmen der Reihe „Neues Chinesisches Kino“ im Zeughaus Kino des Deutschen Historischen Museums.

Once Upon a Time in Shanghai Once Upon a Time in Shanghai

Sebastian

Gründer und Inhaber von Nischenkino. Gründer von Tarantino.info, Spaghetti-Western.net, GrindhouseDatabase.com, Robert-Rodriguez.info und FuriousCinema.com

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1 Antwort

  1. 30. November 2015

    […] – Sebastian macht sich auf Nischenkino Gedanken, warum „Once Upon a Time in Shanghai“ kein guter Film ist und ob sich das chinesische Genre-Kino in einer lang anhaltenden Krise befindet. […]