Verdammt zu leben – Verdammt zu sterben / I quattro dell’apocalisse

Die „Vier apokalyptischen Reiter“ sind der Falschspieler Stubby Preston, die schwangere Hure Bunny, der Trinker Clem und der psychisch verrückte Bud. Zusammen können sie aus dem Gefängnis einer Stadt fliehen, die voller Selbstjustiz ist. In der Prärie sind sie nun auf der Suche nach Nahrung, Wasser und einer Unterkunft. Eine Weile werden sie von dem Outlaw Chaco begleitet, der sich jedoch letzten Endes als gnadenloser Sadist entpuppt. Er setzt sie unter Drogen und lässt sie hilflos in der Wüste zurück. Stubby schwört blutige Rache. Gemeinsam setzen sie ihre nun erschwerte Reise fort, auf der Suche nach der rettenden Zivilisation und dem sadistischen Peiniger. (X-Rated)

Mitte der siebziger Jahre steuerte der Zyklus des Italo-Western seinem endgültigen Ende entgegen. Von den höchst einflussreichen Werken Mitte der sechziger Jahre und den Nachahmern, die unvermeidlich folgten, über die reiferen Arbeiten gegen Ende dieses Jahrzehnts mit ihrem erhöhten politischen Bewusstsein zu den Pastiche- und Komödienwestern der frühen siebziger Jahre hatte das Genre einen ziemlich beachtlichen Wandel vollzogen und wurde nun in punkto Beliebtheit vom Giallo und Poliziottesco überholt. Zu dieser Zeit einen Western zu drehen, war nicht mehr so einfach, wie es einmal gewesen ist. Viele der Western-Sets lagen jetzt halb in Trümmern und die Finanzierung gestaltete sich weniger attraktiv, da die Renditen gemeinsam mit der Popularität deutlich schwanden. Die Filme, die während dieser Periode entstanden sind, halten sich oft im Gedächtnis, wenn auch nicht immer aus den besten Gründen. Wurden sie jedoch mit der richtigen Einstellung angegangen, konnten die sogenannten Twilight-Spaghetti-Western genauso gut gelingen, wie die besseren Exemplare aus der Blütezeit des Genres. Keoma – Ein Mann wie ein Tornado und Mannaja – Das Beil des Todes aus den Jahren 1976 bzw. 1977 repräsentieren Paradebeispiele für solide Rache-Flicks aus dieser Zeit und zeigen, dass man aus dem Italo-Western noch etwas herausholen konnte, legte man die Verantwortung dafür in die richtigen Hände. Die Soundtracks, obwohl sie sich sehr von ihren 60er-Jahre Vorgängern unterschieden, waren genauso einprägsam und die Kameraarbeit, die die düsteren Töne der Periode widerspiegelte, konnte genauso eindrucksvoll sein. Der Film, der diesen Wandel möglicherweise am besten widerspiegelt, dürfte Lucio Fulcis Verdammt zu leben – Verdammt zu sterben sein. Fulci drehte während seiner Karriere zwar auch noch ein paar weitere Western (Django – Sein Gesangbuch war der Colt, Silbersattel), wird aber für seine anderen Exploitation-Filme, für die er wegen exzessiver Gewalt und sexueller Grausamkeit berüchtigt wurde, sehr viel eher in Erinnerung bleiben. In I quattro dell’Apocalisse serviert er eine gehörige Portion davon, zeigt allerdings auch, dass er noch eine ganze Menge mehr bieten kann, indem er verstörende Szenen voller Sadismus und Gore mit denen authentischer Wärme und Subtilität geschickt verwebt. Aus diesem Grund ist der Streifen so schwierig zu kategorisieren. Auf der einen Seite gibt es einige der erschütterndsten Gewalttaten des gesamten Genres zu sehen, während Fulci auf der anderen Seite versuchte, tiefer in die Psychologie seiner Charaktere einzudringen, als es in jedem anderen italienischen Western jemals der Fall war.

Im Mittelpunkt dieses Films steht die weitschweifige, episodische Reise, die vier verlorene Seelen antreten: ein Falschspieler, eine schwangere Hure, ein Alkoholkranker und ein Wahnsinniger entfliehen der mörderischen Bürgerwehr von Salt Flat und begeben sich auf einen 200 Meilenmarsch durch die Wüste. Auf ihrem Weg treffen sie auf das Allerbeste sowie das Allerschlimmste, was die Menschheit zu bieten hat, während sie mit extremen Naturgewalten konfrontiert werden, von sengender Wüstensonne bis hin zu sintflutartigen Regenfällen und tiefem Schnee. Durch die Prüfungen ihrer Reise findet jeder Charakter eine Form von Erlösung; eine Art Flucht aus ihrer Schwebe des Leidens. Manche von ihnen können dieses Entkommen leider nur im Tod finden. Im Mittelpunkt des Trips stehen die erlösenden Qualitäten, die in einer Gruppe, im Gegensatz zum einsamen und selbstzentrierten Leben, zur Verfügung stehen. Jeder der Vier wird als fehlerhaft präsentiert, doch sie zeigen einander Ehre und Vergebung in ihrer wandernden Einheit. Sie haben auf ihrem Weg auch Kontakt zu zwei verschiedenen Gemeinschaften und zwar einer reisenden religiösen Gruppe und einer nur von Männern bewohnten isolierten Bergbaustadt, die beide Großzügigkeit und Wärme zu bieten haben. Sogar Bud, der Wahnsinnige, der tote Menschen sieht, findet entlang des Weges eine gewisse Art von Frieden in einer Geisterstadt und deren Friedhof.

Im Gegensatz zu dieser kommunalen Harmonie steht die Figur des Chaco (dem unser Grüppchen in der Wüste begegnet), ein sadistischer Bandit, der Bosheit und Grausamkeit in ihren Extremen verkörpert. Von seiner wahllosen Tötung jeglicher Wildtiere, die seinen Weg kreuzen, bis hin zur systematischen Folter und Ermordung eines ihn verfolgenden Sheriffs und der Vergewaltigung von Bunny, der schwangeren jugendlichen Hure der Gruppe, trieft Chaco nur so vor Bedrohlich- und Boshaftigkeit. Einer Charles Manson und teufelsähnlichen Figur zeigt er sich der Gruppe gegenüber zunächst als charismatischer und angenehmer Zeitgenosse, verwandelt sich jedoch recht schnell in ein hinterhältiges Raubtier und gnadenlosen Peiniger, der die Schwächen der Vier raffiniert auszunutzen weiß und ihnen sogar eine Droge (Peyote) verabreicht, um sie vollkommen gefügig zu machen. Tomas Milians Darstellung von Chaco stellt die stärkste im Film dar. Seine bösartige Persönlichkeit schwebt die gesamte Laufzeit über dem Streifen, obwohl er in Wirklichkeit nur für zwei relativ kurze Auftritte erscheint. Sein messerscharfer Blick, umrahmt von den beiden Kreuzen, die unter seine Augen gemalt sind, brennt sich durch den Bildschirm, wobei man von der Intensität seiner Niederträchtigkeit noch nach dem Ende des Streifens, wie von einem Gespenst, verfolgt wird. Milian bietet sein allerbestes method acting an und lebt seine Rolle dabei so dermaßen, sodass sich das alles beinahe schon viel zu real für den Betrachter anfühlt. Doch auch wenn Milian hier der König ist, werden die anderen Charaktere ebenfalls mit mehr als ausreichender Fähig- und Fertigkeit gespielt. Michael J. Pollard als Clem, mimt den ewig Betrunkenen beunruhigend wirkungsvoll, während Fabio Testis Handhabung des zentralen Protagonisten, des eitlen sowie aalglatten Falschspielers Stubby Preston, solide genug ist. Weniger wird von Harry Baird (Bud) und Lynn Frederick (Bunny) verlangt, sie füllen ihre Rollen jedoch respektvoll aus und drücken dem Film ihre ganz eigenen Stempel auf.

Warum also, wenn man in diesem Film doch so viel Tiefe entdecken kann, bleibt er bei den meisten Betrachtern hauptsächlich für seine Gewalt in Erinnerung? Man könnte vermuten die Antwort liegt in den Extremen, die die Gewalt erreicht, und das ist der Punkt, in dem Fulci und der Streifen etwas enttäuschen. Enthält ein Film Szenen von Vergewaltigung, Mord, lebendigem Häuten, Folter, Drogenkonsum und Kannibalismus, gestaltet es sich als schwierig, seine Aufmerksamkeit auf die Angelegenheiten der Gemeinschaft und der Erlösung zu lenken. Der längere Abschnitt gegen Ende des Films, wo die Geburt von Bunnys Kind einer isolierten Gruppe von trinkfreudigen Bergleuten Staunen und ein Gefühl von Wärme beschert, wird schnell von dem Bild eines Mannes überschattet, dem die Hälfte seines Gesäßes weggefressen wurde. Leider schmälert dies letztendlich ein wenig die Qualität des Films. Es scheint fast so, als hätte Fulci versucht eine andere Art von Film zu kreieren, aber einfach nicht anders gekonnt. Er erlaubt seinen eigenen Dämonen die Geschichte so zu beherrschen, wie Chaco die Vierergruppe infiltriert und korrumpiert. Ob nun zum Guten oder zum Schlechten, diese Dämonen dominieren den Film und obwohl er einige großartige Momente zu bieten hat, stellt sich das Endprodukt letztendlich als recht verworren dar. Verdammt zu leben – Verdammt zu sterben ist sicherlich ein sehr empfehlenswerter Film, da seine Stärken im Allgemeinen seine Schwächen überwiegen, es gelingt ihm jedoch nicht sein Potenzial voll zu entfalten und kann daher nicht zu den Allerbesten des Genres gezählt werden.

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  • Darsteller: Michael J. Pollard, Harry Baird, Lynne Frederick, Fabio Testi, Tomas Milian
  • Regisseur: Lucio Fulci
  • Format: Limited Edition
  • Sprache: Italienisch (DD), Deutsch (DD), Englisch (DD)
  • Untertitel: Deutsch
  • Region: Region B/2
  • Bildseitenformat: 16:9 – 1.77:1
  • FSK: Nicht geprüft
  • Studio: X-Rated Kult DVD
  • Produktionsjahr: 1975
  • Spieldauer: 105 Minuten

Bluntwolf

Bluntwolf ist ein Cineast aus der goldenen Mitte Deutschlands. Sein Spezialgebiet ist das italienische Kino der 60er bis 80er Jahre, insbesondere Italowestern, Giallo und Polizio. Er ist der Chefredakteur von Nischenkino und gehört dem Redaktionsteam der Spaghetti-Western Database an.

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2 Antworten

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