Vier Mal heute Nacht / Quante volte… quella notte / Four Times That Night

Als die junge Tina im Park ihren Hund ausführt, begegnet sie dem Playboy Gianni. Im Verlauf seiner Annäherungsversuche verfängt dieser sich in der Hundeleine, landet zu Tinas Füßen und schließlich verabredet man sich zu einem abendlichen Rendezvous. Allerdings verläuft der Abend gänzlich anders, als erwartet… (Minerva Pictures)

Die junge, sexy Tina (Daniela Giordano) geht mit ihrem Hund im Park spazieren, als sie die Aufmerksamkeit von Gianni (Brett Halsey) auf sich zieht, einem redegewandten Schürzenjäger mit schickem Sportwagen. Trotz ihrer strengen Erziehung in einer Klosterschule willigt Tina ein mit dem gutaussehenden Gianni auszugehen. Später in dieser Nacht kehrt sie nach Hause in die Wohnung ihrer Mutter zurück, die sofort bemerkt, dass ihr Kleid zerrissen worden ist. Tina erzählt ihr daraufhin, was in dieser Nacht passiert ist, da Gianni wohl nur eines im Sinn hatte. Lediglich Tinas tugendhafte Entschlossenheit ermöglichte es ihr, seinem Vergewaltigungsversuch zu entkommen. Währenddessen lauschen Giannis Freunde seiner eigenen Version der Ereignisse, die sich natürlich als eine ganz andere Geschichte herausstellt.

Bei Vier Mal heute Nacht handelt es sich um die einzige Sexkomödie, die von Mario Bava jemals (widerwillig) inszeniert worden ist und sich auf überraschende Art und Weise von Akira Kurosawas bahnbrechendem multiperspektivischem Historiendrama Rashômon (Rashomon – Das Lustwäldchen, 1950) inspirieren ließ. Wie in Kurosawas Klassiker präsentiert der Film seinem Publikum vier radikal unterschiedliche Interpretationen desselben Ereignisses, die letztendlich mehr über den psychischen Zustand des Geschichtenerzählers verraten, als die tatsächlichen Ereignisse dieser Nacht. Nachdem Tina ihrer Mutter in Manier eines wohlerzogenen katholischen Mädchens über den Abend berichtet hat, bietet Gianni seinen Freunden eine viel heißere, fast Männermagazin freundliche Version an, die Tina als unersättliche Nymphomanin erscheinen lässt, die ihn mit ihren pausenlosen Liebesspielen bis zur Erschöpfung getrieben hat. Das Publikum bekommt dann noch eine dritte Perspektive angeboten, die aus einer weniger als zuverlässigen Quelle stammt, nämlich dem perversen Türsteher von Giannis Appartementkomplex, gespielt von niemand anderem, als einem Co-Produzenten des Films, dem amerikanischen „Trash“-Film-Mogul Dick Randall.

Angesichts der Tatsache, dass dieser verschwitzte Lump seine Freizeit damit verbringt, Fotocollagen von nackten Damen zu erstellen und seine rassigen Mitbewohnerinnen durch ein Fernglas auszuspionieren, stellt es keine Überraschung dar, dass seine Version der Geschichte wie die verblendete Fantasie eines frustrierten Perversen rüberkommt. In dieser Version wird Gianni auf amüsante Art und Weise als ein extravaganter, leicht weltfremder Homosexueller vorgestellt, der die ahnungslose, unschuldige Tina als Beute für seine lesbische Freundin Esmeralda (Pascale Petit) in seine Junggesellenbude lockt. Schließlich erscheint ein freundlicher Psychologe (Calisto Calisti) auf dem Bildschirm, um den Zuschauern zu erzählen, was in dieser Nacht tatsächlich geschehen ist und überarbeitet währenddessen das bisher eher verkommene Szenario in etwas überraschend Erhebendes, Tiefgründiges und sogar Herziges. Bava zeigte sich nie besonders begeistert von diesem Regieauftrag und bemerkte später, er habe den Film nur gemacht, weil damals jeder europäische Regisseur, der einen Erotikfilm ablehnte, als homosexuell galt. Tatsächlich stellte sich Vier Mal heute Nacht in Italien als überraschend kontrovers heraus.

Der Streifen blieb bis 1972 unveröffentlicht, da die damalige italienische Zensurbehörde (die von Bavas engem Freund, Mentor und Genre-Pionier Riccardo Freda geleitet wurde) den Film nicht freigeben wollte. Angeblich glaubte Freda, er tue Bava einen Gefallen den Flick zurückzuhalten, den er für so schlecht hielt, sodass er der Karriere seines Freundes hätte schaden können. Da sich diese vermeintlich plumpe sowie unbedeutende Sexkomödie jedoch als wesentlich ambitionierter, intelligenter und unterhaltsamer erwies, als so ziemlich alles, was Freda zu dieser Zeit produzierte (zum Beispiel L’iguana dalla lingua di fuoco / Die Bestie mit dem feurigen Atem), könnte man meinen, dass hier eine kleine Portion von Eifersucht mit im Spiel gewesen ist. Man könnte sogar so weit gehen zu behaupten, dass Vier Mal heute Nacht tatsächlich zu Bavas erfolgreichsten und liebenswertesten Werken zählt. Darüber hinaus fügt sich der Film perfekt in eine Filmographie ein, in der ein wichtiges wiederkehrendes Thema die schwer fassbare Natur der Wahrheit darstellt. Zugegeben, typisch für eine italienische Erotikkomödie, beruht ein Großteil des Humors auf Wortspielen, die in der Übersetzung manchmal leider etwas verloren gehen, doch die Geschichte selbst gestaltet sich so intensiv und durchweg amüsant, sodass Vier Mal heute Nacht als ein bemerkenswert charmantes Werk zu bezeichnen ist.

Zunächst scheint die Einstellung des Films zu Homosexualität und Vergewaltigung eine von Natur aus konservative Mentalität preiszugeben, die symptomatisch für italienische Sexkomödien der damaligen Zeit war. Doch wie die vierte Variante der Geschichte deutlich macht, möchte der Streifen die ungehobelte und ignorante Haltung des Türstehers persiflieren. Der Film erweist sich als stilvoll sowie sinnlich und gestaltet sich nicht einfach nur obszön oder lasziv, während er auch all die erwartete Nacktheit und den frechen Humor bereithält. Bava gelingt es dabei das Publikum anzustacheln, während er sich auch als überraschend fortschrittlich erweist, indem er die verletzlichere Seite seiner Charaktere entblößt. Es handelt sich um einen unbestreitbar erotischen Film, der es dennoch bestens versteht seinem Publikum auf entwaffnend liebliche und sehr scharfsinnige Art und Weise die Unterschiede zwischen männlichen und weiblichen Perspektiven auf Beziehungen näherzubringen. Bavas bildhafte Begabung sowie sein Gespür für Produktionsdesign stellen sicher, dass dies die mit Abstand am besten aussehende Sexkomödie darstellt, die jemals gedreht worden ist, mit großartig groovigen Kostümen und Space-Age-Lounge-Dekor, einschließlich des psychedelischen Swinger-Nachtclubs aus unseren kühnsten Träumen. Man halte auch Ausschau nach der verlockenden deutschen Schauspielerin Brigitte Skay – die später die unglückselige Nacktschwimmerin in Bavas bahnbrechendem Ecologia del delitto (Im Blutrausch des Satans, 1971) verkörpern würde – als sexy Schweizerin Mumu (?!), die sich von der aufreizenden Lesbe Esmeralda verführen lässt.

Während der U.S.-Amerikaner Brett Halsey – der sich nach dem zwar eher schwachen, jedoch nicht uninteressanten Italo-Western Roy Colt e Winchester Jack (3 Halunken und ein Halleluja, 1970) wieder mit Mario Bava zusammengetan hatte – einen recht umgänglichen Hauptdarsteller abgibt, gehört der Film eindeutig der ehemaligen Miss Italien Daniela Giordano, die zu den talentiertesten, kurioserweise jedoch auch am wenigsten anerkannten Starlets des europäischen Exploitation-Kinos gehörte. Obwohl sie vorgestellt wird, wie sie sich in einem kurzen Rock gerade nach vorne beugt (für einen plumpen Gag), versteht es die schöne Giordano durchaus zu glänzen, indem es ihr gelingt vier unverwechselbar unterschiedliche Charaktere darzustellen. Und ja, sie sieht in ihren tadellos geschneiderten Minikleidern im Stil der 60er-Jahre einfach umwerfend aus. Bemerkenswerterweise liefert Bava einen Film ab, der genügend Dampf hat, um sowohl die schmierige „Regenmantelbrigade“ zufrieden zu stellen, als auch gleichzeitig als liebenswerte Liebesgeschichte durchzugehen.

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  • Regisseur: ‎Mario Bava
  • Medienformat:‎ Import, PAL, Breitbild
  • Laufzeit: 83 Minuten
  • Darsteller:‎ Brett Halsey, Daniela Giordano, Dick Randall, Valeria Sabel, Michael Hinz
  • Untertitel: ‎Englisch
  • Sprache: ‎Italienisch (Dolby Digital 2.0)
  • Studio: ‎Minerva Pictures

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Bluntwolf

Bluntwolf ist ein Filmliebhaber aus der goldenen Mitte Deutschlands. Sein Spezialgebiet ist das italienische Kino der 60er bis 80er Jahre, insbesondere Italowestern, Giallo und Polizio. Er ist der Chefredakteur von Nischenkino und gehört dem Redaktionsteam der Spaghetti-Western Database an.

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