We are the Flesh / Tenemos la carne

Mexiko, scheinbar nach der Apokalypse: Nach Jahren des Umherwanderns in einer verwüsteten Stadt finden die Geschwister Fauna (María Evoli) und Lucio (Diego Gamaliel) auf der Suche nach Nahrung und einer Bleibe ein halbwegs intaktes Haus, in dem sie auf einen mysteriösen Fremden treffen. Der grantige Mariano (Noé Hernandez) unterbreitet ihnen ein gefährliches Angebot, das sie annehmen müssen, wenn sie überleben wollen. Fauna und Lucio müssen sich Marianos strengen Gesetzen unterwerfen, die unter anderem bizarre sexuelle Spiele und den Bau eines eigenartigen Höhlensystems innerhalb des Gebäudes von ihnen erfordern. Das Ziel des seltsamen Mannes ist die Erschaffung einer neuen Ordnung inmitten des vorherrschenden Chaos…

Wenn es um transgressives Kino geht, gibt es Nachahmer und dann gibt es Neuerschaffer. In die erste Kategorie gehören Regisseure, die sich zu oft auf die Inspirationen und Einflüsse anderer Filme stützen und somit höchstens hohle, seelenlose Wiederholungen der Streifen von Gestern kreieren. Ebenso verlassen sich Nachahmer oft auf einfache Schockmomente und reißen heiße Themen an ohne zu sondieren, was sie aussagen, warum sie es aussagen und – am wichtigsten – wie diese Aussagen gegliedert in die Geschichte passen, die sie erzählen. Stößt man allerdings auf Erschaffer, ist dies etwas, was man in jeder Einstellung des Films fühlen kann, wenn mit Erwartungen gebrochen und die Komfortzone mit wirklich verstörender, provokativer Geschichtenerzählung überrollt wird. Emiliano Rocha Minters We are the Flesh ist kein Nachahmer. Die Geschichte ist packend, hypnotisch sowie schockierend und zwar auf viszerale, unbequeme Art und Weise, die mühelos Emotion erweckt und durch seine endlose Verderbtheit verwundert zurücklässt. Mutig, surreal und visuell faszinierend, beinahe ein pornografisches Porträt der Hölle, das mit existentieller Linse gemalt wird. In relativer Hinsicht beschwört We are the Flesh die gleiche Reaktion herauf, wie man sie auf seiner Jungfernfahrt durch die Kunst von Alejandro Jodorowsky erfahren kann, wo auch nicht kompromittiert wird. Es steckt etwas Reines hinter der Kreativität von Tenemos la carne, auch wenn man eventuell nicht bereit sein wird, die Vision des Regisseurs ungefiltert zu erleben.

We are the Flesh ist die Art von Film, die einen ganz besonders fordert eine angemessene Besprechung zu liefern, da ein Teil des wirkungsvollen Wahnsinns des Films darin besteht, das was Minter auf Lager hat, ohne Voreingenommenheit zu durchleben. Gleichzeitig repräsentiert der Streifen eine Modalität der polarisierenden Kunst, die sehr leicht etliche „anspruchslose“ Zuschauer entfremden kann, bevor sie nur eine Person ihrer Nischenzielgruppe erreicht, so dass der Drang, ihre Geheimnisse zu offenbaren, umso dringlicher wird. Sollte man jedoch jemand sein, der Kino bevorzugt, das einen emotional aufweckt, während es einen dazu drängt, alles was man von einem Genre Film erwarten könnte außer Acht zu lassen, dann ist man bei Tenemos la carne genau richtig. Emiliano Rocha Minter liefert hier eines der kühnsten, selbstbewusstesten und ausgesprochen brillantesten Regiedebüts innerhalb der Art-Haus-Horror-Szene ab. Seine Verwendung von falscher Richtungsweisung ist phänomenal, wenn man miterlebt wie sich die Welt von We are the Flesh aufbaut und entwickelt, von der handgehaltenen Kamera während der Eröffnungssequenz, bis zur perversen Eleganz der klimaktischen Szene, erkennt man schnell, dass er die Bereiche, die für die meisten Filmemacher tabu sind, unbedingt erforschen muss. Vor allem aber erfasst Minter die tiefere Bedeutung hinter der grausamen Gewalt, den verrückten Set-pieces und der surrealen Symbolik: Er erzählt eine Geschichte über die absolute Korruption von Fleisch und Seele, die sich gleichermaßen religiös und sakrilegisch anfühlt.

Minters Vision wirkt nur so gut, wie seine Schauspieler, in die er sein ganzes Vertrauen (und offenbar auch umgekehrt) setzt. Noe Hernandez stellt die lebendige Verkörperung von Abscheu dar, indem er einen schizophrenen, unmenschlichen Überlebenskünstler spielt, der Messias und Teufel zugleich repräsentiert. Unterdessen mimen Maria Evoli und Diego Gamaliel die Geschwistervagabunden, die sich zufällig in seinem Königreich des Verderbens verirren und leichte Beute für jede einzelne seiner widerlichen und schmutzigen Taten sind. Minter schuldet zudem Yollótl Alvarado und Esteban Aldrete großen Dank, die als Kameramann und Komponist einen unermesslichen Beitrag zur zermürbenden Ästhetik des Films leisten. Insgesamt bekommt man mit We are the Flesh eine einzigartige Vision im Gegensatz zu allem geboten, was man ansonsten filmisch erleben kann, auch wenn diese Erfahrung ebenso entfremdend wirken mag, wie sie zu faszinieren in der Lage ist. Für diejenigen, deren Verständnis von transgressivem Kino näher bei The Human Centipede liegt, als bei Eraserhead, wird etwas fehlen, denn der Gore- und Schock-Wert kommt mit einem tief emotionalen Preisschild. Sucht man nach etwas (sehr) Ausgefallenem, so sollte man sich das Mediabook zulegen und in den Bann des Films ziehen lassen.

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Wicked-Vision Media bringt We are the Flesh im Mediabook als BluRay- / DVD-Combo mit zwei auf 444 Stück limitierten, verschiedenen Cover-Motiven heraus. Über den Film lässt sich sicherlich diskutieren, über die Qualität der Veröffentlichung allerdings nicht. Das Bild präsentiert sich im 1,85:1 (1080p) Format und macht einen klasse Eindruck, während es beim Ton ebenso nichts zu meckern gibt. Hier stehen die deutsche und die spanische Spur (DTS-HD Master Audio 5.1) zur Auswahl, wobei man deutsche Untertitel zuschalten kann. Die Extras bestehen aus einem 24-seitigen Booklet mit enorm informativem Text von Dr. Susanne Kappesser, den beiden Kurzfilmen Dentro und Videohome sowie Interviews mit Cast und Crew, dem Originaltrailer, dem deutschen Trailer und einer Bildergalerie. Insgesamt eine sehr gelungene Mediabook-Edition, die für Fans aller Film-Genres ganz bestimmt interessant sein sollte.

  • Darsteller: Maria Cid, Maria Evoli, Diego Gamaliel, Jonathan Miralda, Andres Villalobos
  • Regisseur(e): Emiliano Rocha Minter
  • Format: Blu-ray / DVD
  • Sprache: Deutsch (DTS-HD 5.1), Spanisch (DTS-HD 5.1)
  • Untertitel: Deutsch
  • Region: Region B/2
  • Bildseitenformat: 16:9 – 1.85:1
  • FSK: Freigegeben ab 18 Jahren
  • Studio: Wicked-Vision Media
  • Produktionsjahr: 2016
  • Spieldauer: 81 Minuten

Dieses Mediabook wurde uns freundlicherweise von Wicked-Vision Media zur Verfügung gestellt.

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Bluntwolf

Bluntwolf ist ein Cineast aus der goldenen Mitte Deutschlands. Sein Spezialgebiet ist das italienische Kino der 60er bis 80er Jahre, insbesondere Italowestern, Giallo und Polizio. Er ist der Chefredakteur von Nischenkino und gehört dem Redaktionsteam der Spaghetti-Western Database an.

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1 Reaktion

  1. 30. Januar 2017

    […] Im November haben wir im Rahmen unserer Bremer Filmreihe Weird Xperience den mexikanischen Film „We are the Flesh“ gezeigt und dieser hat so einige unserer Zuschauer leicht verstört. Warum dem so war, kann man […]

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