Blade Runner 2049

Als Blade Runner damals 1982 ins Kino kam, konnten die Menschen mit diesem dystopischen Sci-Fi Werk nicht viel Anfangen. Schon fürs Kino vom Studio verhunzt, gewann es später auf VHS und Laserdisc mehr Aufmerksamkeit. Man zwang Scott dann einen „Directors Cut“ auf, aber die Vision des Regisseurs, für die er tatsächlich Freiraum hatte, ist der nun bekannte Final Cut. 35 Jahre später, dazwischen lagen auch Rechtsstreite (jetzt ist das eine Sony Produktion, das Original war bei Warner), wagt man für ein Sequel einen enormen Aufwand. Regisseur Denis Villeneuve (Sicario), „Bildhauer“ Roger Deakins (Skyfall) und Komponist Hans Zimmer (Dunkirk) versprechen – immerhin auf Basis eines Drehbuchs von Hampton Fancher (Blade Runner) und Michael Green (Logan) – einen erneuten spannenden Ausflug in das Los Angeles der Zukunft, in der verbotene Replikanten gejagt werden. Zur Story verliere ich hier kein Wort, man sollte das Original aber natürlich kennen, sonst macht es keinen Sinn sich dafür drei Stunden ins Kino zu setzen, und ansonsten aber ungespoilert ins Kino laufen.

Blade Runner 2049 ist ein sehr schwieriger Film für eine Kritik. Der Film wartet mit einer enormen Handwerkskunst auf, für die einige der fähigsten Künstler der Industrie verantwortlich sind. Und, der Film gibt sich wirklich, wirklich Mühe. Er ist kein billiger Kommerz-Abklatsch eines Sequels, sondern ein ernsthafter Versuch, dem Vorgänger gerecht zu werden. Das ist durchaus gelungen, der Film ist sehr gut, beeindruckend, bombastisch und unterhaltsam. Aber ist er ein würdiger Nachfolger des original Blade Runner? Ist der Film annähernd so wirkungsvoll und wichtig?

Villeneuve erzielt leider in 2h 44min nicht die Wirkung, die Scott damals in 1h 57min (Final Cut) erzielen konnte. All das Spektakel dass er auffährt, lässt zwar nie echte Langeweile aufkommen, auch empfand ich den Film nicht als außerordentlich lang, aber es steht nicht im Verhältnis zur Synthese. Ich hatte am Ende die Erwartung, es würde noch ein echter Showdown zu passieren haben. Während das Original mich am Ende zu Tränen rührt, mich stundenlang beschäftigt, mich an den Bildschirm bannt und mir klar ist dass ich eben Zeuge eines Meilensteins der Filmgeschichte war, beschleicht mich bei Blade Runner 2049 eher das Gefühl, dass hinter all den grandiosen Aufnahmen, Effekten und der Toningenieurskunst am Ende doch kein Film dahinter steckt, der das Genre oder die Blade Runner Welt irgendwie nennenswert nach vorne bringt.

Villeneuve ist ein Meister der Atmosphäre, aber was er hier auf fast 170 Minuten nicht vollbringt, wird er dann auch auf 200min oder 300min nicht schaffen. Das Original war wegweisend, es war seiner Zeit gar soweit voraus, dass sich dessen Erfolg erst viele Jahre später manifestierte. Das kann man von Blade Runner 2049 schlichtweg nicht behaupten. Es ist eine Fortsetzung der Story vor einer audio-visuellen Pracht, die sehr viel Anleihen beim Original nimmt (teilweise 1:1), aber ansonsten zu konservativ wirkt. Vor dem heutigen Kontext sagt uns der Film nichts neues, er ist daher weniger schöpferisch kreativ. Man hätte die Story wohl noch 50 Jahre weiter in die Zukunft verlegen sollen, um sich vom engen Korsett der alten Charaktere ganz zu lösen und wirklich etwas eigenes zu kreieren. Aber es ist eben kein Reboot, sondern ein Sequel. Ist der Film schlecht? Keineswegs. Die Erwartungen sind einfach gigantisch. Blade Runner 2049 ist ein sehr guter Film, ein Prachtwerk, aber eben kein Meilenstein.

Insofern kann ich mich der Kritik im Economist größtenteils anschließen. Hier ist viel Hype im Spiel, und das Ergebnis ist ein Replikant mit Schwächen. Die vielen Probleme im Drehbuch erscheinen dramatischer, je mehr man darüber nachdenkt (während das Original immer raffinierter wird).

„In short, for all its pomp and pretension, “Blade Runner 2049” is a Hollywood superhero blockbuster at heart: the kind of bombastic, effects-packed film which expects you to gasp at the spectacle and not think too much about the logic.“

Der Film erweckt durch Länge, Optik und Sound, sowie eine scheinbar komplexe Hintergrundstory (inklusive all den existentiellen Fragen, viel Emotionen und einen Hauch von Weltverschwörung und Revolution) und viel Gefühle den Eindruck von Tiefe und Wichtigkeit, aber wir schreiben das Jahr 2017, und der Film ist letztlich nur ein blasses Abbild seines Vorgängers. Unterhaltsam? Ja. Großartig umgesetzt? Ja. Aber eben kein Meilenstein, und ohne die Wirkung des visionären Meisterwerks von 1982. Ich möchte dennoch sagen, geht den alle gucken, auf der größtmöglichen Leinwand mit Dolby Atmos und Originalton die ihr finden könnt, denn sowas sieht man dennoch nicht alle Tage. Aber lasst die Erwartungen vielleicht angekettet.

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Sebastian

Gründer und Inhaber von Nischenkino. Gründer von Tarantino.info, Spaghetti-Western.net, GrindhouseDatabase.com, Robert-Rodriguez.info, TripleFeatureFoundation.org und FuriousCinema.com

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