Zwischen den Stühlen

Um in Deutschland Lehrer zu werden, muss nach dem theoriebeladenen Studium ordnungsgemäß das Referendariat absolviert werden. Eine Feuerprobe, welche die angehenden Lehrer in eine widersprüchliche Position bringt: Sie lehren, während sie selbst noch lernen. Sie vergeben Noten, während sie ihrerseits benotet werden. Zwischen Problemschülern, Elternabenden, Intrigen im Lehrerzimmer und Prüfungsängsten werden die Ideale der Anwärter auf eine harte Probe gestellt. ZWISCHEN DEN STÜHLEN begleitet drei von ihnen auf ihrem steinigen Weg zum Examen. (Weltkino)

Für viele angehende Lehrer beginnt die praktische Laufbahn wie bei den drei Leuten, um die es in dem Dokumentarfilm Zwischen den Stühlen von Jakob Schmidt geht – nämlich mit einem Schock: Denn nach dem theoriedominierten Lehramtsstudium folgt der Sprung ins eiskalte Wasser, wenn sie sich zwei Jahre lang im Spannungsfeld zwischen Bewerten und Bewertet-Werden wiederfinden und geradezu gegensätzliche Rollen einnehmen müssen. Der Weg ins Referendariat kann dabei sehr unterschiedlich sein, da mancher schlicht aus Mangel an Alternativen im Lehramt landet, während andere aus vollster Überzeugung in den Beruf starten und wieder andere die Aussicht auf eine solide Anstellung schätzen. Doch für alle endet das Referendariat an einem Punkt, wo sie zu Vertretern eines Systems werden, das jeden einzelnen von uns geprägt hat.

Die meisten Referendare und Referendarinnen beginnen als schülerliebende Idealisten, die nach 4-6 Monaten an der Realität verzweifeln und am liebsten hinschmeißen möchten. Mit solchen Gedanken befasst sich in dieser Zeit beinahe jeder Lehrkörper in Ausbildung. Man beginnt sich die Frage zu stellen: Wo bleibt der Sinn Unterrichtsfeuerwerke abzufeuern, wenn die Schüler/Innen schon in der nächsten Stunde alles wieder vergessen haben? Man beginnt an der Realität des Schulalltags und den Maßstäben, die vom Studienseminar an guten Unterricht angelegt werden, zu verzweifeln. Man beginnt Unterrichtsmethoden, Sozialformen und Progression zu hinterfragen, die bei Schüler/Innen, die dazu nicht ansatzweise fähig oder geeignet sind auch nur annähernd etwas im Anforderungsbereich II zu leisten, angewandt werden sollen. Viele haben Schwierigkeiten damit Macht auszuüben und hegen eine Abneigung Noten zum Strafen und Drohen zu verwenden, bis man dann von den Schüler/Innen und dem System dazu gezwungen wird, obwohl man weiß, dass die Notengebung willkürlich ist und Leben ruinieren kann. Als Rechtfertigung dafür wird angegeben: „Steht halt so in den Regeln, ich muss mich halt daran halten.“ Dahinter stehen die meisten nicht. Diese „Lehrerpersönlichkeit“ die man entweder bereits hat oder gezwungenermaßen entwickeln MUSS, steht der eigenen Persönlichkeit zumeist absolut entgegen, denn letztendlich wird man dazu angehalten die Kinder bzw. nachfolgenden Generationen zu nützlichem, angepassten Humankapital zu erziehen. Was einem dabei immer wieder eingetrichtert wird: „Es ist zu ihrem Besten.“ Ja, es ist zu ihrem Besten, sie zu Rädchen im System zu machen und sich dabei nicht zu fragen, ob das nun heuchlerisch oder opportunistisch ist. Ab wann ist man bereit das Ideal über Bord zu werfen, dass Kinder und Jugendliche in der Schule zu eigenständig, selbstständig denkenden Individuen erzogen werden sollen, die auch einmal NEIN sagen dürfen?! Kann man sich dann noch im Spiegel selbst in die Augen sehen?

Leider ist es genau das, was eine „Lehrerpersönlichkeit“ derzeitig ausmacht. Der Lehrkörper hat zu akzeptieren, dass man Dienstleister der Betriebe/Industrie ist und funktionierende Lehrlinge und Angestellte zu produzieren hat (O-Ton Seminarlehrer). Der Lehrauftrag ist zur sekundären Angelegenheit mutiert, der Erziehungsauftrag zu den deutschen Tugenden wird derzeit als Hauptaufgabe gepredigt, denn daheim würden die Eltern diese Tugenden nicht mehr weitergeben, folglich muss die Schule diese Aufgabe als Staatsorgan übernehmen. Die Erziehung zur Angepasstheit ist gewollt, ja sie ist das Hauptanliegen des deutschen Schulsystems und einer der Hauptgründe, warum viele Referendare in der ersten Hälfte ihrer Ausbildung das Handtuch werfen, sofern sie mit ihrer Fächerkombination eine Alternative haben. Denn im Studienseminar läuft es ganz genauso wie in der Schule. Passt man sich nicht an und beginnt das Bildungssystem zu hinterfragen, obwohl konstruktive Kritik ausdrücklich erwünscht ist, bekommt man schnell zu spüren, dass man das Referendariat trotz guter Leistungen nicht ohne größere Schwierigkeiten abschließen kann.

Zwischen den Stühlen repräsentiert eine gelungene Systemkritik, sowohl am Schul-/Bildungssystem, als auch am System des Referendariats, dass durch seine Panoptikums-Struktur die Junglehrer/Innen an den Rand der Verzweiflung treibt. Es gibt allerdings auch die Referendare/Innen, die von Anfang an angepasst sind, die selber angepasst aus dem System Schule gekommen waren, angepasst die Uni absolviert haben (jene, die Seminare danach aussuchen, wo es die besten Noten gibt und man der/dem Prof. am einfachsten in den Hintern kriechen kann) und somit das System genau so weiter am Leben erhalten. Das sind jene Referendare/Innen, die im Studienseminar fragen, ob Schüler/Innen einen Aufsatz erneut schreiben sollen, wenn ihre Argumentation nicht politisch korrekt bzw. „grenzwertig“ ist. Einen Aufsatz nochmal schreiben lassen ist dann durchaus angebracht… Soviel zum kritischen Denken im Unterricht! Schwer tun sich meist jene, die einige Jahre die Luft außerhalb der Schule geschnuppert haben und dem System eher kritisch gegenüberstehen. Die müssen sich anpassen, verbiegen oder GEHEN. Vieles im Ref. steht und fällt außerdem mit dem Studienseminar und/oder der Ausbildungsschule. Es ist schön, dass Katja für ihre Verlängerung die Schule wechseln darf, denn häufig liegt es nicht an den Referendaren, sondern daran, dass ihre Persönlichkeit nicht zur Schul-/Seminarkultur passt, in der sie gerade gefangen sind.

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  • Komponist: Andreas Bick
  • Künstler: Julia Wiedwald, Malte Eiben, Marie-Luise Scharf, David Schittek, Evgeny Revvo, Angelo Fonfara, Jakob Schmidt
  • Format: Dolby, PAL
  • Sprache: Deutsch (Dolby Digital 5.1)
  • Untertitel: Englisch
  • Region: Region 2
  • Bildseitenformat: 16:9 – 1.77:
  • FSK: Freigegeben ab 6 Jahren
  • Studio: Weltkino Filmverleih GmbH (Vertrieb Universum Film)
  • Produktionsjahr: 2016
  • Spieldauer: 102 Minuten

 

Diese DVD sowie das Bildmaterial wurde uns freundlicherweise von Weltkino zur Verfügung gestellt.

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Bluntwolf

Bluntwolf ist ein Cineast aus der goldenen Mitte Deutschlands. Sein Spezialgebiet ist das italienische Kino der 60er bis 80er Jahre, insbesondere Italowestern, Giallo und Polizio. Er ist der Chefredakteur von Nischenkino und gehört dem Redaktionsteam der Spaghetti-Western Database an.

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