Das Mädchen am Ende der Straße / The Little Girl Who Lives Down the Lane

Die 13-jährige Rynn ist mit ihrem Vater in ein Haus am Rande einer Kleinstadt gezogen. Als man den Vater schon einige Zeit nicht mehr zu Gesicht bekommen hat, werden die Vermieterin Hallet, ihr pädophil veranlagter Sohn Frank sowie der sympathische Polizist Miglioriti neugierig. Mrs. Hallet muss ihre Aufdringlichkeit bitterböse bezahlen, woraufhin Rynn versucht, die Spuren ihres Besuches zu beseitigen. Dabei lernt sie den jungen Mario kennen, der schon bald hinter ihre Geheimnisse kommt und ihr behilflich ist. Als weniger freundlich erweist sich Frank, der sich nicht so leicht abschütteln lassen will. Ein mörderisches Spiel beginnt. (X-Rated)

1976 stellte für die Karriere der jungen Schauspielerin Jodie Foster ein wichtiges Jahr dar, denn sie vollzog einen großen Sprung in Richtung Hauptrollen und trat in Filmen wie Taxi Driver, Bugsy Malone und Freaky Friday (Ein ganz verrückter Freitag) auf. In diesen Streifen konnte sie ihre schauspielerischen Fähigkeiten in den Bereichen Drama und Komödie festigen, wurde allerdings auch dazu gedrängt, als junger Teenager Erwachsenenrollen zu übernehmen. Das Mädchen am Ende der Straße dürfte der am wenigsten bekannte der genannten Filme sein, repräsentiert jedoch Fosters stärkste Arbeit, in der sie eine bekümmerte Jugendliche porträtiert, die während eines besonders ereignisreichen Herbstes von ihren beunruhigenden Taten ablenken muss. Der Streifen gestaltet sich fesselnd und aufreibend, wobei Regisseur Nicolas Gessner nicht davor zurückschreckt die Geschichte an dunkle Orte zu führen sowie die Spannung durch subtile Akte lasziven Verhaltens aufzumischen. Es handelt sich hier um einen recht seltsamen aber sehr wirkungsvollen Film, in dem Jodie Foster eine Rolle gefunden hat, die es ziemlich gut versteht das Beste aus ihrem Können sowie ihrer beeindruckenden schauspielerischen Präsenz herauszuholen. Der damals gerade einmal 13-jährigen Jodie gelingt es auf hervorragende Art und Weise beinahe den gesamten Film auf ihren noch recht schmalen Schultern zu tragen.

Während eines besonders kalten Herbstes im amerikanischen Bundesstaat Maine entwickelt sich Rynn Jacobs (Jodie Foster) zu einer unabhängigen Frau. Sie geht nicht zur Schule, bildet sich selbständig weiter und wohnt in einem Haus, das ihr Dichtervater Lester für längere Zeit gemietet hat. Allerdings hat man Mr. Jacobs in dem kleinen Städtchen schon seit einiger Zeit nicht mehr zu Gesicht bekommen, was die Neugier einiger Gemeindemitglieder weckt. Am gefährlichsten für das pubertierende Mädchen erweist sich Frank Hallet (Martin Sheen), ein Parthenophiler, der am Halloween-Abend (Rynns Geburtstag) zum Haus der Jacobs kommt, um nach Rynn zu sehen, die es allerdings sehr gut versteht seine Avancen vorsichtig zurückzuweisen. Auch Franks Mutter Cora (Alexis Smith), der Vermieterin des Hauses, kommt Lesters ständige Abwesenheit ziemlich komisch vor, weswegen sie das Mädchen mit Fragen überhäuft, die letztendlich zu ihrem Verschwinden führen. Der besorgte Polizist Ron Miglioriti (Mort Shuman) beginnt nun ebenfalls an der Glaubwürdigkeit des jugendlichen Mädchens zu zweifeln, während sein Neffe Mario (Scott Jacoby) ihr Vertrauen gewinnt, indem er ihr bei ihren Problemen unter die Arme greift.

Das Mädchen am Ende der Straße schreckt nicht davor zurück Rynn als Sexualobjekt für Frank zu präsentieren. Ein echtes Wagnis, das Laird Koenigs Drehbuch (der seinen eigenen Roman adaptiert hat) da eingeht, indem es den Vater von zwei Kindern als ernsthafte Bedrohung für Rynn aufbaut. Der setzt seine schmierigen Reize nämlich dazu ein, um seine neueste Beute abzuchecken, wobei die Eröffnungssequenzen des Films an Halloween stattfinden, um dem Perversen die Gelegenheit zu geben, bei dem gemieteten Haus aufzukreuzen. Diese anfängliche Begegnung gibt den Ton des Streifens an und kreiert die theatralische Atmosphäre des Flicks, während sich die Charaktere in Wortgefechte verwickeln und gegenseitig auf scherzhafte Art und Weise anstacheln. Zudem beginnt das Mysterium um Lester immer engere Kreise zu ziehen, wobei Rynn ihren Zweiflern mehr oder weniger glaubhaft (jedoch sehr hartnäckig) zu vermitteln versucht, dass sich ihr Vater in seinem Arbeitszimmer oder auf Reisen befindet, allerdings keine Beweise vortragen kann, um ihre Behauptungen zu untermauern. Frank gebärdet sich anfangs noch nicht gewalttätig (das kommt erst später), doch er stellt eine erhebliche Bedrohung dar, die seine Hände nicht von dem Mädchen lassen kann, während die beiden interagieren. Letztendlich wird er von der Teenagerin zurückgewiesen, die es mehr als nur gut versteht sehr erwachsen mit Erwachsenen umzugehen.

Rynns ungewöhnlich frühe Reife wird in Das Mädchen am Ende der Straße hervorgehoben, indem man sie dabei beobachten kann, wie sie aus zunächst unbekannten Gründen einen ausgeklügelten Trick meistert, wie sie Mahlzeiten zubereitet, Bankgeschäfte erledigt und sich weiterbildet, wobei sie sich gerade für Hebräisch interessiert. Die Rolle, in der sie absolut glaubwürdig erscheint, kommt Fosters Stärken zugute. Ihre psychologischen Spielchen halten Rynn zuversichtlich, während ihre klugen Argumente eine aufgebrachte Cora entwaffnen, die auf dem Grundstück auftaucht, um Geleegläser abzuholen, nur um feststellen zu müssen, dass Rynn ihr den Zutritt zum Keller verweigert. Das Mädchen am Ende der Straße ist zwar recht simpel gestrickt, gestaltet sich aber absolut effektiv, wenn barmherzige Samariter sowie neugierige Typen in Rynns persönlichen Lebensraum eindringen und dabei unterschiedliche Grade von Freund- bzw. Feindseligkeit aufgedeckt werden.

Das Mädchen am Ende der Straße erweist sich als ziemlich gesprächig, wird aber nie langweilig. Gessner hält den Film klugerweise in Bewegung und unterbricht die verbalen Machtproben im gemieteten Haus, indem er regelmäßig Ausflüge nach draußen anbietet, wobei sich die schauspielerischen Leistungen hervorragend gestalten. Jodie Fosters erwachsenes Auftreten unterstreicht die Seltsamkeit der Situationen, genauso wie Marios Verhalten, der Rynn als Magier verkleidet zu Hilfe kommt und ihr gegenüber Verständnis sowie moralische Freizügigkeit an den Tag legt. Doch ist es Foster, die den Film wirklich trägt, indem sie als Rynn saubere Arbeit abliefert und es bestens versteht deren Autonomie zu bewahren, während sie von Leuten umgeben ist, die sie kontrollieren wollen. Fosters Leistung muss als äußerst erstaunlich bezeichnet werden, denn sie dominiert die Szenen mit den Erwachsenen, wobei sie Rynn in eine komplexe Figur der Täuschung verwandelt, die ihre Motivationen nie vollständig offenlegt, bis das Drehbuch schließlich dazu bereit ist, große Enthüllungen zu machen. Obwohl der jungen Schauspielerin zu dieser Zeit viel Aufmerksamkeit für Taxi Driver geschenkt wurde, stellt Das Mädchen am Ende der Straße eine stärkere, klarer definierte Darbietung des Sternchens dar, das in einer schwierigen Rolle erstaunliche Fähig- sowie Fertigkeiten aufweisen kann.

Das Mädchen am Ende der Straße wirkt während des letzten Akts jedoch ein wenig abgelenkt und beteiligt sich plötzlich an Rynns sexueller Ausbeutung. Denn Gessner beginnt sich unversehens auf Franks Seite zu schlagen, indem er eine Nacktszene für die kaum jugendliche Protagonistin (allerdings komplett mit Körperdouble) anordnet, die vollkommen unnötig ist und etwas empörendes in einen Film einbringt, der bis zu diesem Punkt sehr gut mit Suggestionen ausgekommen ist. Sobald sich die Spannung wieder aufbauen kann, gelingt es auch dem Plot zu einem zufriedenstellenden Ende zu kommen, indem er seine Instabilität mit grandioser Subtilität zu umgehen versteht und zudem ein paar finstere Elemente hinzufügt. Das Mädchen am Ende der Straße repräsentiert keinen Schocker, geht aber trotzdem unter die Haut und versucht sein Publikum zu verstören, ohne es allzu offensichtlich in Wut versetzen zu wollen. Apropos in Wut versetzen, dies ist definitiv kein Film für Liebhaber von possierlichen Nagetieren 😳😲!

Extras:

  • 16 Seiten Booklet – Allein gegen die ganze Welt – Die Entstehung und Hintergründe von „Das Mädchen am Ende der Straße“ – von Christoph N. Kellerbach, der u.a. so Einiges über die Romanvorlage, den Kinderstar Jodie Foster, die Dreharbeiten sowie den Unterschied zwischen Buchvorlage und Film zu berichten weiß
  • Exklusiver Audiokommentar von Prof. Dr. Marcus Stiglegger —> wie gewohnt, sehr informativ, interessant sowie unterhaltsam eingesprochen
  • Englischer Kinotrailer
  • Deutscher original Kinotrailer
  • Umfangreiches Werbematerial (Poster, Aushangbilder, Videocover u.v.m.)

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Freigabe: ungeprüft
Laufzeit: ca. 92 Min.
Regionalcode: RC B
Verpackung: Mediabook
Bildformat: 1,85:1 (1080p)
Tonformat: Deutsch (Unbekannt 2.0 Stereo) Englisch (Unbekannt 2.0 Stereo)
Untertitel: Deutsch

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Bluntwolf

Bluntwolf ist ein Filmliebhaber aus der goldenen Mitte Deutschlands. Sein Spezialgebiet ist das italienische Kino der 60er bis 80er Jahre, insbesondere Italowestern, Giallo und Polizio. Er ist der Chefredakteur von Nischenkino und gehört dem Redaktionsteam der Spaghetti-Western Database an.

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