Capone

Einst ein skrupelloser Geschäftsmann und Schmuggler, der Chicago mit eiserner Faust regierte, war Al Capone der berüchtigtste und gefürchtetste Top-Gangster Amerikas. Die Behörden konnten ihm zwar nicht wegen seiner Verbrechen habhaft werden, sehr wohl aber seiner Vergehen wegen Steuerhinterziehung. Im Alter von 47 Jahren, nach fast einem Jahrzehnt Gefangenschaft, wird er entlassen ist jedoch gesundheitlich gezeichnet und fortan nicht mehr der gleiche. Im Kreise seiner Familie versucht der kranke Patriarch die Erinnerung an die Millionen von Dollar, die er auf seinem Grundstück versteckt hatte zu bewahren. Denn das FBI liegt immer noch auf der Lauer. (Leonine Studios)

Regisseur Josh Trank lässt Franchises hinter sich, entscheidet sich für etwas in kleinerem Maßstab und meldet sich mit Capone zurück. Anstelle eines weiteren Biopics befasst sich der Film speziell mit dem letzten Jahr im Leben von Al Capone (1899-1947) und zeigt auf wie der legendäre Gangster aus der Prohibitionszeit auf seinem Anwesen in Miami Beach langsam dahinsiecht. Er war aus gesundheitlichen Gründen aus dem Gefängnis entlassen worden, stand aber immer noch unter staatlicher Aufsicht und wurde von Syphilis sowie Demenz geplagt, die sein Gehirn zerfraßen, bevor ein schwerer Schlaganfall das Unvermeidliche (im Alter von nur 48 Jahren) beschleunigte. Normalerweise wird der Fokus nicht auf diesen Aspekt seines Lebens gerichtet, wenn man an den gefürchteten Capone seiner glorreichen Tage erinnern möchte. Und doch repräsentieren seine Krankheiten einen Teil seines Lebens, der selten auf dem Bildschirm dargestellt wurde, obwohl das Thema in den letzten Minuten des von Roger Corman produzierten Capone von 1975 mit einem diffusen sowie unartikulierten Ben Gazzara in der Titelrolle aufgegriffen wird.

Capone wird hier von Tom Hardy verkörpert, der mit starkem Make-up direkt in den Charakter eintaucht, wobei jede Eitelkeit an der Eingangstür abgegeben wird, in einer Vorstellung, der es irgendwie gelingt, gleichzeitig furchtloses Engagement und übertriebenen Selbstgenuss zu demonstrieren. Hardy spielt Capone als die verfallende, ausgetrocknete Hülle eines Mannes, der er einst war und sieht dabei die meiste Zeit über weniger wie das Standardbild von Al Capone aus, als vielmehr wie Grandpa Sawyer aus Blutgericht in Texas (1974). An Plot ist nur recht wenig vorhanden: 1. eine Suche nach 10 Millionen Dollar, die Capone irgendwann angeblich versteckt haben soll, sich aber nicht daran erinnern kann; 2. wiederholte Anrufe eines unehelichen Sohnes namens Tony (Mason Guccione) und 3. die Möglichkeit, dass Capone es mit dem Ausmaß seiner Krankheit übertreibt. Allerdings wird von diesen Aspekten keiner zufriedenstellend sondiert – die meiste Zeit über wird Capone von Halluzinationen heimgesucht, sieht Menschen, die gar nicht da sind und vergangene Ereignisse seines Lebens wiederholen sich vor seinem inneren Auge. Außerdem wird sein körperlicher Verfall recht stark beleuchtet, weswegen ihm des Öfteren peinliche „Missgeschicke“ widerfahren (um es milde auszudrücken), die ihn zwingen zukünftig Windeln tragen zu müssen.

Ernsthaft, abgesehen von der Ejakulation (über die mit Sicherheit zumindest diskutiert worden ist) decken Trank und Hardy alles ab. Capone spuckt, sabbert, erbricht sich, hat Rotz aus der Nase laufen, uriniert und defäkiert in seine Hose sowie in sein Bett und durchlebt eine weitere gasförmige, gurgelnde, hörbar matschige Darmentleerung, während er von einem FBI-Agenten (Jack Lowden) auf einer seiner vielen Terrassen befragt wird. Capone ist währenddessen so inkohärent und verloren, so dass sein Anwalt (aus irgendeinem Grund von Chappelle‘s Show-Mitschöpfer und Daily Show-Mitarbeiter Neal Brennan gespielt, der auch zum Drehbuch von Half Baked beigetragen hat) selbst die grundlegendsten Fragen für ihn beantworten muss. Sollten Trank und Hardy irgendwelche Pläne gehabt haben, ein Gefühl von Würde in Capones kognitivem sowie physischem Niedergang zu vermitteln, gehen diese Pläne spätestens dann komplett den Bach runter, wenn sie einen weiteren seiner spontanen deuce-droppings in eine im Grunde genommen fiese Hommage an die Lagerfeuerszene in Blazing Saddles (Der wilde wilde Westen, 1974) verwandeln.

Capone wird von seiner ergebenen Frau Mae (Linda Cardellini, die mit der Rolle der „schwer geprüften Mob-Frau“ nichts anfangen kann), ihrem Sohn Junior (Noel Fisher) und Capones Bruder Ralphie (Al Sapienza) sowie Schwester Rosie (Kathrine Narducci) gepflegt. Gelegentlich erhält Capone auch Besuche seines Arztes (Kyle MacLachlan), der ihm nach seinem Schlaganfall die Zigarren verbietet und der Familie aufträgt, sie sollen ihm stattdessen Karotten zum „rauchen“ geben, da er den Unterschied nicht erkennen würde. Dies führt zu einer klimatischen (Traum-) Sequenz, in der Capone eine goldene Tommy-Gun findet, auf dem Gelände seines Anwesens herumwandert und jeden auf manische Art und Weise niedermäht, der ihm zu nahe kommt, während er auf einer Karotte kaut und dabei nur einen offenen Bademantel sowie eine Windel für Erwachsene am Leib trägt. Matt Dillon leistete auch ein paar Tage Arbeit ab, in dem er die Rolle des Johnny, eines ehemaligen Mitarbeiters von Capone übernimmt, der gerufen wird, damit er sich um seinen ehemaligen Boss kümmert. Doch Trank konzentriert sich so sehr darauf, Hardy ein alles geht, katalogisches Schaufenster zu bieten, sodass er sich nicht einmal die Mühe macht unter Verschluss zu halten, was einen großen twist darstellen sollte. Nämlich, dass Johnny nur in Capones Fantasie existiert – wird schon recht bald nach Johnnys Ankunft in Miami aufgedeckt, woraufhin Dillon nur noch ein paar weitere Male auftaucht und Johnny schließlich vollkommen aus dem Film verschwindet, nachdem er sich in einer weiteren Capone-Halluzination die Augen herausgeschnitten hat.

Letztendlich geht es bei Capone noch nicht einmal um Al Capone. Der Streifen kann zusätzlich auch kaum als ein Film bezeichnet werden. Es handelt sich ganz einfach um eine riskante Kunst-Vorstellung für einen von-der-Kette-gelassenen Tom Hardy, der die Erlaubnis erhalten hatte, sich nach Herzenslust einer Version von The Fanatic aus dem Jahr 2019 hinzugeben. Man kann ihm nicht vorwerfen keine vernünftige Arbeit abgeliefert zu haben. Er spricht in einem gutturalen Grunzen, das fast so klingt, als wäre er besessen, er steht während einer Vorführung von Der Zauberer von Oz auf und singt im Duett mit dem Feigen Löwen „Wenn ich König des Waldes wäre“, er hat wilde Wutausbrüche, verzieht sein Gesicht und schreit seinen treuen „Soldaten“ Gino (Gino Cafarelli) mit „Assassino!“ an, bevor er sich energisch auf den Boden wirft und in einer Traumsequenz mit Louis Armstrong (Troy Warren Anderson) in einem Nachtclub „Blueberry Hill“ singt.

Capone erhält von Leonine eine würdige Blu-Ray Veröffentlichung, die auf technischem Gebiet äußerst gelungen ist. Das Bild wird in 1080/24p High Definition (2,40:1) präsentiert und lässt keine Wünsche offen. Beim Ton verhält es sich genauso. Die beiden Tonspuren (deutsch und englisch DTS-HD 5.1) klingen super. Deutsche Untertitel können auch angewählt werden. Capone wird mit Sicherheit nicht jedermanns Sache sein, doch da sollte man sich auf jeden Fall seine eigene Meinung bilden und mal einen Blick auf den Film riskieren.

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  • Seitenverhältnis: 16:9 – 2.40:1
  • Alterseinstufung: Freigegeben ab 16 Jahren
  • Medienformat: Dolby, PAL, Breitbild
  • Laufzeit: 1 Stunde und 39 Minuten
  • Darsteller: Tom Hardy, Matt Dillon, Linda Cardellini, Kyle MacLachlan, Kathrine Narducci
  • Untertitel: Deutsch
  • Sprache: Deutsch (Dolby Digital 5.1), Englisch (Dolby Digital 5.1)
  • Studio: Leonine Studios

Diese Blu-Ray sowie das Bildmaterial wurden uns freundlicherweise von Leonine Studios (© 2021) zur Verfügung gestellt.

Bluntwolf

Bluntwolf ist ein Cineast aus der goldenen Mitte Deutschlands. Sein Spezialgebiet ist das italienische Kino der 60er bis 80er Jahre, insbesondere Italowestern, Giallo und Polizio. Er ist der Chefredakteur von Nischenkino und gehört dem Redaktionsteam der Spaghetti-Western Database an.

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