Die eiserne Hand des Todes / La morte accarezza a mezzanotte / Death Walks at Midnight

Das Model Valentina erklärt sich bereit an einer Studie mit einem neuen halluzinogenen Medikament teilzunehmen. Während sie die euphorischen Nebenwirkungen der Droge durchlebt, wird sie Zeugin eines Mordes in einer Wohnung auf der anderen Straßenseite. Niemand glaubt ihr wirklich einen Mord gesehen zu haben, auch ihr Freund, der Journalist Gio. Valentina möchte nun beweisen keiner Halluzination unterlegen gewesen zu sein und wird so zum Ärgernis für den Mörder. Der ist nämlich nicht nur sehr real – sondern auch äußerst entschlossen, wegen ihrer Einmischung nicht ins Stolpern zu geraten.

Die Geschichte für diesen stilvollen „Genre“-Beitrag von Regisseur Luciano Ercoli wurde von Sergio Corbucci erfunden. Bei dem Film handelt es sich um den dritten und letzten Giallo der Arbeitsgruppe um Ercoli, Drehbuchautor Ernesto Gastaldi sowie den Schauspielern Nieves Navarro (hier als Susan Scott) und Simón Andreu. Einen gelungeneren Abschied voneinander hätten sich die Mitstreiter sicherlich nicht wünschen können, denn La morte accarezza a mezzanotte sollte sich als die beste Zusammenarbeit des Teams herausstellen. Der Plot leiht die Idee eines Mordes, den jemand unter dem Einfluss von Drogen miterlebt hat, von Mario Bavas La ragazza che sapeva troppo (The Girl Who Knew Too Much, 1963) aus, was nicht verwunderlich ist, wenn man bedenkt, dass Corbucci an der Abfassung dieses wegweisenden Giallo mitgewirkt hat. Die Geschichte wurde mit vielen groovenden Diskotheken-Sequenzen, extravaganten Settings und Kostümen jedoch auf eine „swingende 70er“ Sensibilität aktualisiert. Darüber hinaus behält sie auch die Konzeption von der couragierten und einfallsreichen Heldin bei, die es nicht duldet, leichtfertig zum Narren gehalten zu werden. Valentina ist eine der stärksten weiblichen Hauptdarstellerinnen in einem Giallo dieses Jahrgangs. Sie ist belastbar, zäh, kann gut zuschlagen und spielt in dem Fall eher eine aktive, als eine passive oder lediglich dekorative Rolle.

Der Film zeichnet sich durch einen Hauch guten Humors aus, hält sich allerdings sehr zurück, wenn es darum geht, fies zu werden. Das Element des Sleaze wird diesmal stark in den Hintergrund gestellt, die Mordszenen sind jedoch von besonders viszeraler Qualität. Der Mörder aktualisiert eine Idee aus Bavas 6 donne per l’assassino (Blutige Seide, 1964), indem er einen klingengefütterten Metallhandschuh benutzt, um seine Opfer zu verstümmeln. Das Bild des Handschuhs, der wiederholt in die Gesichter der Opfer gerammt wird, während Fleischstücke herausgerissen werden und Blut am überzeugendsten sprudelt, ist kein Anblick für zart besaitete Personen und trägt dazu bei, dem Film eine brutalere Note zu verleihen, als Ercolis früheren gialli. Die Einstellungen und Bilder wurden mit größter Sorgfalt zusammengestellt. Die Kinematographie von Fernando Arribas produziert etliche unvergessliche Eindrücke, ob es sich nun um eine auffällige Inszenierung handelt, die das Spiegelbild eines Opfers in der Sonnenbrille des Mörders zeigt oder die gekonnten Weitwinkelaufnahmen. Ercoli und Arribas sorgen dafür, dass die Dialogszenen ein großes visuelles Interesse erzeugen, wobei der Film nicht in die Falle tappt nur während seiner Mord-set-pieces zum Leben erweckt zu werden.

J&B fließt diesmal übrigens so regelmäßig, sodass Simón Andreu das Getränk in einer Szene sogar explizit an der Bar bestellt. Gianni Ferrios Musik stellt sich als ziemlich ansteckend heraus und hilft dabei eine angemessene Atmosphäre zu erzeugen. Ferrio wurde 1924 geboren, trat 1959 als Komponist in die Filmbranche ein und würde eine produktive Karriere haben. Zu seinen anderen Giallo-Soundtracks gehören La morte risale a ieri sera (Das Grauen kam aus dem Nebel, 1970), Una farfalla con le ali insanguinate (Blutspur im Park, 1971) und Delitto passionale (Crime of Passion, 1994). Allerdings umfasst sein Output so unterschiedliche populäre Genres wie Italo-Western (¡Viva la muerte… tua! / Zwei wilde Companeros, 1971), Spionagethriller (Il raggio infernale / Mike Morris jagt Agenten in die Hölle, 1964), poliziotteschi (Tony Arzenta / Tödlicher Hass, 1973) und sogar Softcore (Sexy Susan Knows How! … / Frau Wirtin bläst auch gern Trompete, 1971). Ferrio blieb bis Mitte der 90er Jahre aktiv, wobei seine Produktionen danach beträchtlich zurückgingen. Er verstarb 2013. Sein Name wird unter „Genre“-Fans nicht so oft erwähnt wie die von Ennio Morricone oder Riz Ortolani, doch insbesondere seine Arbeit an diesem Film sichert ihm einen Platz im Pantheon der großartigen Giallo-Soundtrack-Komponisten. Nieves Navarro glänzt in einer ihrer schönsten Filmrollen. Ihre Darstellung von Valentina gestaltet sich angenehm sympathisch, ohne dabei ins Verführerische abzudriften. Sie ist tough, nicht auf den Kopf gefallen und ihre Interaktion mit den Männern in ihrem Leben lässt keinen Zweifel daran aufkommen, dass sie in der Tat eine sehr moderne und emanzipierte Persönlichkeit repräsentiert.

Ercoli sorgt dafür, dass sie durch und durch gut aussieht, mit Ausnahme einer eigenartigen Frisur, die sie in einer der Nachtclubszenen trägt. Navarro macht das Beste aus einigem an witzigen Dialogen und scheint wirklich die seltene Gelegenheit zu genießen, für die gesamte Dauer des Films im Mittelpunkt zu stehen. Sie legt großartige Chemie mit dem charmant schmierigen Simón Andreu an den Tag, der ebenfalls eine seiner stärksten „Genre“-Vorstellungen als fröhlich ausbeuterischer Gio abliefert. Der zynische Inspektor wird von Carlo Gentili gut verkörpert, während der ultra-gruselige Luciano Rossi in einer seiner typischen Rollen als wahnsinnig kichernder Drogenhändler mit sadistischem Einschlag glänzt. Rossi zeichnete sich durch die Art von perversen Charakterisierungen aus, die man normalerweise mit Klaus Kinski assoziiert und tatsächlich arbeiteten die beiden Schauspieler kurze Zeit später in Aristide Massaccesis morbidem Gothic-Chiller La morte ha sorriso all’assassino (Die Mörderbestien, 1973) zusammen. Ein Film, der in einigen Quellen auf inakkurate Weise in den filone des Giallo aufgenommen wird. Nicht lange danach sollte sich Ercoli ganz aus dem Filmgeschäft zurückziehen. Laut Ernesto Gastaldi war dies auf ein geerbtes Vermögen zurückzuführen. Bedauerlicherweise blieb Ercoli seiner Profession nicht treu, da er ein ausgeprägtes Können mit dieser Art von Material entfaltete. Death Walks at Midnight mag die Tiefe und Substanz der besten Gialli seines Jahrgangs vermissen, aber in Bezug auf schieren Unterhaltungswert ist der Streifen schwer zu schlagen.

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Regisseur(e): Luciano Ercoli
Format: Import
Sprache: Italienisch
Untertitel: Englisch
Region: Region B/2
Bildseitenformat: 16:9 – 2.35:1
Anzahl Disks: 1
FSK: Nicht geprüft
Studio: Arrow Video
Produktionsjahr: 1972

Bluntwolf

Bluntwolf ist ein Cineast aus der goldenen Mitte Deutschlands. Sein Spezialgebiet ist das italienische Kino der 60er bis 80er Jahre, insbesondere Italowestern, Giallo und Polizio. Er ist der Chefredakteur von Nischenkino und gehört dem Redaktionsteam der Spaghetti-Western Database an.

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3 Antworten

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