Skin

Bryon Widner (Jamie Bell) wurde einst von zwei glühenden Anhängern der „White-Supremacy-Ideologie“ von der Strasse geholt und aufgezogen. Von Kopf bis Fuss mit rassistischen Tätowierungen bedeckt, lebt er ein zerstörerisches Leben, in welchem Gewaltverbrechen an der Tagesordnung liegen. Als er bei einer Versammlung die alleinstehende Mutter Julie (Danielle MacDonald) und deren drei junge Töchter trifft, wächst in ihm der Wunsch nach einem normalen Leben. Doch seine rassistische „Familie“ lässt Bryon nicht gehen. (Ascot Elite)

Es ist sicherlich mutig, eine Geschichte über einen weißen Supremacisten zu erzählen, der sich in den alptraumhaften Vereinigten Staaten von Amerika reformiert und wieder in die „normale“ Gesellschaft integriert. Dies gilt unabhängig davon, ob man überhaupt der Vorstellung vertraut, dass eine einzelne Person in der Lage ist, für ihr Fehlverhalten Reue zu zeigen bzw. zu üben. Die wirklich unangenehme aber weitaus sachdienlichere Frage, die man sich bei Skin stellen muss, ist, ob man wirklich einen Film über ein echtes Monster sehen muss, das seine Verhaltensfehler erkennt und daraufhin sein Leben verändert? Die Antwort ist ein klares Ja. Sollte man nicht einmal versuchen zu verstehen, was ein Monster ausmacht, gibt es auch keine Möglichkeit dagegen anzukämpfen oder einen Unterschied zu machen. Das soll nun nicht bedeuten, dass Menschen unbedingt Gemeinsamkeiten mit hasserfüllten Gruppierungen finden müssen, doch es nützt niemandem, der nach Sicherheit sucht, vorzutäuschen, dass das Böse nicht existiert. Und wie könnte man all das besser ergründen, als mit einem Film, bzw. einer Dramatisierung von Bryon Widners Geschichte?

Jamie Bell spielt die Rolle in einer der transformativsten Vorstellungen des Jahres und das nicht nur aufgrund der obszönen Menge an Tätowierungen, die den Schauspieler fast unkenntlich machen. Bryon ist eine abstoßend gewalttätige Person (die Eröffnungssequenz des Films zeigt eine Pattsituation zwischen einer weißen Gruppe von Supremacisten und schwarzen Aktivisten, was dazu führt, dass Bryon einem 14-jährigen Jungen das Gesicht zerschneidet), doch der Oscar prämierte Autor und Regisseur Guy Nattiv beschert dem Charakter gelegentlich ruhigere Momente, um dem Publikum zu zeigen, dass er eigentlich nicht so ist wie der Rest der rechten Bande. Er tritt für eine Familie ein, die belästigt wird, er ist sanftmütig und sensibel gegenüber Kindern (eine schreckliche Erinnerung daran, dass Menschlichkeit, wohl oder übel, auch bei den schlimmsten Individuen doch noch existiert) und zuweilen steht er geradezu in Konflikt mit dem, was er auf dem Weg ins Nirgendwo so alles fabriziert. Doch dieses Leben ist alles, was er kennt. Bryon stammt aus missbräuchlichen Verhältnissen und wurde von den Anführern Fred und Shareen (Bill Camp und Vera Farmiga, beide intensiv und kontrollierend) als Pflegekind aufgenommen.

Während Bryon weiterhin mit Julie (Danielle Macdonald) und ihren Kindern rumhängt, wird klar, dass eine Familie zu haben einen Ausweg und seine Rettung bedeutet. Nachdem Julie selbst Verbindungen zur weißen Vormachtstellung hat, verhält sie sich Bryon gegenüber vorsichtig, doch entsteht trotzdem einiges an Frustration durch die von ihr getroffenen Entscheidungen. Letztendlich werden dadurch nämlich ihre Kinder, die sie eigentlich liebt, stark gefährdet. Wenig überraschend, nimmt es die Gang nicht gerade gut auf, als Bryon versucht alle Bindungen abzuschneiden. Ihr Zuhause wird zusammengeschossen, wobei Panik und Chaos ausbrechen. In diesem Moment (und in anderen) sind die einfühlsamsten Charaktere in Skin die Kinder und Jugendlichen, die sich mit solch giftiger Erziehung auseinandersetzen müssen, obwohl sie es besser verdient haben. Wenn sie schreien und weinen, während Kugeln fliegen, fällt es wirklich schwer zu widerstehen, nicht in den Film zu springen und ins Haus rennen zu wollen, um sie zu beschützen. Gleichzeitig besteht eine liebevolle Verbindung zwischen Bryon und Julie, was eine Beurteilung von außen umso schwieriger gestaltet.

Es findet auch eine Halloween-Party statt, auf der Bryons tätowiertes Gesicht voller hasserfüllter Ikonographie von einem Skelett-Make-up verdeckt wird. Die perfekte Methode, um seine Identitätskrise visuell darzustellen. Je näher er Julie kommt, desto mehr wächst sein Hass auf alles, was er seinem Körper angetan hat und umso mehr versucht er, die Tätowierungen mit dampfend heißem Wasser wegzubrennen. Als sich die Möglichkeit einer fortgeschrittenen Operation ergibt, um sie zu entfernen, ist er natürlich dankbar für die Gelegenheit, bringt aber schmerzhaft den Gedanken zum Ausdruck: „Was ist, wenn ich auch ohne Tätowierungen immer noch ein Stück Scheiße bin?“ Dieser Gedanke repräsentiert mit Sicherheit einen Schlag in die Magengrube.

An anderer Stelle kommuniziert Bryon heimlich mit Daryle (Mike Colter), der eine Anti-Hass-Gruppe leitet, die versucht, weiße Supremacisten in gut angepasste funktionierende Mitglieder der Gesellschaft zu verwandeln (was laut den Kredits zu einer lebenslangen Freundschaft führte). Leider wird dieser Aspekt nicht in ausreichendem Maße sondiert, da die Dynamik eines Neonazis, der seine Überzeugungen loslässt und sich theoretisch mit Nicht-Weißen befasst, sich bereits selbst als starkes Material erweist. Dies wird in einer herzerwärmenden Szene, in der Bryon mit Unterstützung einiger Minderheiten Schnee schaufelt, noch deutlicher zum Ausdruck gebracht. Im Gegensatz dazu führt die Weitergabe von Informationen an alternative Gruppen und das FBI zu einem bösen Rückschlag, der besser in eine Episode von Sons of Anarchy passen würde, als in diesen Film.

Skin wird für viele Leute kein einfach zu konsumierender Film sein, da einige Aktionen der Hassgruppe über das Undenkbare hinausgehen. Der Streifen lässt uns auch wissen, dass es noch mehr Bryons da draußen gibt, die in einen solchen Lebensstil eingebunden sind, als Alternative zu schrecklichen Lebensumständen. Die Hassgruppe sieht solche oder ähnliche Personen, Jung und Alt, praktisch als Beute an, um sie für ihre Absichten einzuspannen. Bryon mag vielleicht geflohen sein, hat Buße getan und ein lebenswertes Leben gefunden, während er andere dazu ermutigt, dasselbe zu tun, doch leider macht Skin nicht darauf aufmerksam, wie gefährlich es sein kann, sich auf solche Typen einzulassen. Hinter dem Hass steht keine Logik, weswegen es sich lohnt zu versuchen diejenigen, die im Wesentlichen dazu gezwungen werden, die schmutzige Arbeit für rechtsradikale Gruppierungen zu verrichten, zu retten und ihnen zu vergeben. Skin repräsentiert einen hässlichen, verstörend abscheulichen Film, aber einen äußerst notwendigen.

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Darsteller: Jamie Bell, Danielle Macdonald, Daniel Henshall, Bill Camp, Louisa Krause
Regisseur(e): Guy Nattiv
Untertitel: Deutsch
Region: Region B/2
Bildseitenformat: 16:9 – 1.77:1
Anzahl Disks: 1
FSK: Freigegeben ab 16 Jahren
Studio: Ascot Elite Filmverleih
Produktionsjahr: 2018
Spieldauer: 119 Minuten

 

Skin erhält von Ascot Elite Home Entertainment eine würdige BluRay Veröffentlichung, die auf technischem Gebiet äußerst gelungen ist. Das Bild wird in 1080/24p High Definition (2,40:1 / 16:9) präsentiert und lässt keine Wünsche offen. Beim Ton verhält es sich genauso. Die beiden Tonspuren (deutsch und englisch DTS-HD 5.1) klingen super. Deutsche Untertitel können auch angewählt werden. Als Extras wurden der deutsche und englische Trailer auf die BluRay gepackt. Skin wird nicht jedermanns Sache sein aber wer Hass (1995), American History X (1999), Hooligans (2005), This is England (2007) und/oder Kriegerin (2012) mag, der kommt um diesen Film nicht herum.

Diese BluRay sowie das Bildmaterial wurde uns freundlicherweise von Ascot Elite zur Verfügung gestellt.

Bluntwolf

Bluntwolf ist ein Cineast aus der goldenen Mitte Deutschlands. Sein Spezialgebiet ist das italienische Kino der 60er bis 80er Jahre, insbesondere Italowestern, Giallo und Polizio. Er ist der Chefredakteur von Nischenkino und gehört dem Redaktionsteam der Spaghetti-Western Database an.

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