Mitternachtsmörder / Pleins feux sur l’assassin / Spotlight on a Murderer

Wo ist die Leiche von Hervé de Kéraudren? Seine Erben sind verärgert, denn sie müssen fünf Jahre bis zum Antritt der Hinterlassenschaft warten, wenn der Leichnam des alten Grafen nicht auftaucht. Während Neffen und Nichten im alten Schloss Hervés suchen, kommt es zu mysteriösen Todesfällen. Ein Erbe nach dem anderen beißt ins Gras… (Pidax Film- und Hörspielverlag)

Die Handlung von Mitternachtsmörder setzt eine kaskadierende Reihe von Ereignissen in Gang, als ein wohlhabender alter Mann namens Comte Hervé de Kerloguen (Pierre Brasseur), der offensichtlich todkrank ist, an einem kleinen Knöpfchen an einem Spiegel in seinem Anwesen dreht. Dahinter offenbart sich ein geheimes Räumchen, in das sich der Comte zurückzieht, um seinen letzten Atemzug zu tätigen. Für die vielen potenziellen Erben des Comte bedeutet das Unglücklicherweise, dass ihrer Gier auf das Erbe ein Strich durch die Rechnung gemacht wird. Denn die wahrscheinlich fiktive Anspielung des Films auf das französische Zivilgesetzbuch besagt, dass alle möglichen Erben fünf volle Jahre auf den Nachlass warten müssen (ab dem Tag des mutmaßlichen Todes), wenn es keine Leiche gibt. Obwohl dieser Film der mehr oder weniger direkte Nachfolger des mittlerweile legendären Les yeux sans visage (Augen ohne Gesicht, 1960) von Georges Franju gewesen ist, war es Pleins feux sur l’assassin aus irgendeinem Grund nicht beschieden den gleichen Ruhm zu erlangen. Was auf gewisse Art und Weise verständlich ist, da der Film nicht ganz das provokative Material präsentiert wie Les yeux sans visage, sondern eher ein spaßiges und tatsächlich ziemlich stilvolles Stückchen Film darstellt, das in den grundlegenden Handlungselementen als ziemlich traditionell zu bezeichnen ist, jedoch von Franjus stets scharfer visueller Sensibilität und einigen lebhaften Darbietungen einer eklektischen Besetzung profitiert, zu der Jean-Louis Trintignant, Dany Saval, Pascale Audret und Marianne Koch zu zählen sind.

Die Autoren von Mitternachtsmörder werden mit dem exotisch klingenden Namen Boileau – Narcejac gelistet, der eigentlich zwei Namen repräsentiert, nämlich die aus der Partnerschaft zwischen Pierre Boileau und Thomas Narcejac. Für diejenigen, die dieses legendäre, wenn auch unterschätzte Duo nicht kennen, sollte eine bloße Aufzählung einiger Filme (die entweder von ihnen geschrieben wurden oder auf ihren Schriften in anderen Medien basieren), als ziemlich wirkungsvolle Bekanntmachung dienen. Neben Franjus Augen ohne Gesicht waren die Beiden auf die eine oder andere Art und Weise auch für Les diaboliques / Die Teuflischen (1955), Vertigo / Vertigo: Aus dem Reich der Toten (1958) und Body Parts / Body Parts – Das Böse ist in mir (1991) verantwortlich. Mitternachtsmörder ist (zumindest zeitweise) als deutlich unbeschwerter als die o.g. Filme zu beschreiben und läuft beinahe wie ein locked-room mystery ab, das für sämtliche Kriminalliteratur von Murders in the Rue Morgue (Mord in der Rue Morgue) über Kind Hearts and Coronets (Adel verpflichtet) bis Hercule Poirot einen wesentlichen Bestandteil darstellt.

Während ein waschechtes murder mystery im Gange ist (es sollte nicht überraschen, dass potenzielle Erben plötzlich auf der Liste der gefährdeten Arten stehen), könnten sich einige tangentiale Elemente aus Spotlight on a Murderer für manche Zuschauer als mindestens genauso interessant erweisen, wie der gerühmte Whodunit-Aspekt. Zu den besonderen Freuden des Films gehört vor allem die Entscheidung der Familie, das schlossähnliche Anwesen in eine Touristenattraktion zu verwandeln, die mit einer son et lumiere Show aufwarten kann (daher auch die Anspielung auf ein Rampenlicht, zumindest im französischen und englischen Titel). Franju möchte hier vermutlich einen scharfsinnigen Punkt über Neureiche (oder in diesem Fall vielleicht besser Möchtegern Neureiche) vorbringen, die schöne historische Gebäude entweihen, um Geld zu verdienen. Irgendwie scheint Franju schon fast selbstironisch auf die Neuinterpretation eines traditionellen Agatha-Christie-artigen Aufbaus in diesem Film verweisen zu wollen, allerdings in einer strengeren, postmoderneren Umgebung, als man normalerweise in Bezug auf die ikonische britische Mystery-Queen vermuten würde.

Es gibt eine Reihe von ziemlich interessanten stilistischen Schnörkeln zu entdecken, die Franju im Laufe des Films (manchmal auf recht subtile Art und Weise) einbringt. Schon die Eröffnungssequenz, in der sich der alte Graf in dem kleinen Geheimraum vom Rest der Welt abkapselt, hat einige provokative Elemente zu bieten, darunter die Puppe, die er aus unbekannten Gründen mit in den Tod nimmt. Der Graf greift doch tatsächlich unter ihren Rock, um sie aufzuziehen, woraufhin sie beginnt auf einer Spielzeugharfe zu spielen, die sie in der Hand hält. Es handelt sich dabei um einen äußerst eigenartigen kleinen Moment, der nur einen von mehreren darstellt, die der Regisseur in den Streifen einfügt, um die Dinge etwas aus dem Gleichgewicht zu bringen. Seine Kamera schweift während des gesamten Films auch ziemlich stark um das Herrenhaus herum, um verschiedene Ecken und Winkel zu erkunden.

Mitternachtsmörder hat eine leicht subversive Qualität aufzuweisen, die deutlich macht, dass der Regisseur nicht unbedingt Mord im Orient Express wiederholen möchte. Obwohl keiner der Charaktere im Film als besonders einprägsam zu bezeichnen ist, entfalten sich die Dinge mit genügend Leichtigkeit und gelegentlicher unheimlicher Beunruhigung, sodass dies wirklich nicht mehr besonders ins Gewicht fällt (ironischerweise stirbt einer der potenziell faszinierendsten Charaktere, der alte Graf, in den ersten paar Minuten). Der wahre Star ist hier Franju, der einen lustigen Tanz von potenziellen Opfern choreografiert und dabei seine Kamera extrem aktiv hält, wie ein Detektiv auf der Suche nach Hinweisen. Mitternachtsmörder ist sehr zu empfehlen.

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  • Seitenverhältnis: 16:9 – 1.66:1, 16:9 – 1.77:1
  • Alterseinstufung: Freigegeben ab 16 Jahren
  • Regisseur: ‎Georges Franju
  • Medienformat: Dolby, PAL, Breitbild
  • Laufzeit: 1 Stunde und 29 Minuten
  • Darsteller: Pierre Brasseur, Pascale Audret, Marianne Koch, Jean-Louis Trintignant, Dany Saval
  • Sprache: ‎Deutsch (Dolby Digital 2.0), Französisch (Dolby Digital 2.0)
  • Studio: ‎Pidax Film- und Hörspielverlag

Bluntwolf

Bluntwolf ist ein Cineast aus der goldenen Mitte Deutschlands. Sein Spezialgebiet ist das italienische Kino der 60er bis 80er Jahre, insbesondere Italowestern, Giallo und Polizio. Er ist der Chefredakteur von Nischenkino und gehört dem Redaktionsteam der Spaghetti-Western Database an.

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