Der Berserker / Milano odia: la polizia non può sparare

Der wahnsinnige Giulio (Tomas Milian) und zwei Kollegen planen Mary Lou, die Tochter eines reichen Firmenchefs zu entführen um eine halbe Milliarde Lire Lösegeld zu erpressen. Kommissar Grandi (Henry Silva) wird auf den Fall angesetzt und ihm bleibt nicht viel Zeit, die Sache aufzuklären, denn Giulio bringt jeden um, der sich gegen ihn stellt, egal ob Freund oder Feind. Außerdem hat der Psychopath nicht vor, Mary Lou nach Übergabe des Geldes am Leben zu lassen…

Neben seinen stellaren Gialli und trashigen Kannibalen Epen wurde Regisseur Umberto Lenzi auch für einige der wildesten sowie brutalsten italienischen Polizeifilme, die je gemacht worden sind, so berühmt wie berüchtigt! Der Berserker ist Lenzis wohl härtester Poliziesco und zusammen mit La Banda del Gobbo (Die Kröte, 1978) zu seinen beliebtesten Genrebeiträgen zu zählen, u.a. weil sich der Streifen durch viele unglaubliche Szenen kennzeichnet, die man in keinem amerikanischen Film der Zeit zu sehen bekam!

Giulio Sacchi (Tomas Milian) ist ein kleiner, mieser Helfers-Helfer für eines der größten Verbrechensyndikate Mailands, der die Nase voll davon hat, von seinen „Wohltätern“ für sein unberechenbares Verhalten ständig bestraft und verprügelt zu werden. Gemeinsam mit zwei seiner Kumpels beschließt er schnelles Geld zu machen, indem er Mary Lou (Laura Belli), die schöne Tochter eines Milliardärs, entführt und 500 Millionen Lira als Lösegeld verlangt. Inspektor Grandi (Henry Silva), ein hard-boiled Cop der alten Schule, folgt Giulios blutiger Spur mit höchstem Nachdruck, wobei er immer frustierter und wütender wird, je öfter er sich bei der Verfolgung der Kidnapper mit übel zugerichteten Leichen konfrontiert sieht.

Der Berserker ist ein hervorragend passender Film für Neueinsteiger in das Eurocrime-Genre, denn er enthält alles, was an diesen Filmen so viel Spaß macht: zwielichtige Charaktere, lebendiger Dialog, schöne Frauen, fiese Gewalt, halsbrecherische Verfolgungsjagden, schnellle Aktion und Spannung, sowie einen überwältigenden Sinn für schlechten Geschmack. Drehbuchautor Ernesto Gastaldi, der sich für viele weitere Kracher des Eurocrime-Genres verantwortlich zeichnet, erschuf hier ein hervorragendes Skript, das genauso temporeich, wie spannend ist und dem Publikum einige Curveballs um die Ohren wirft. Lenzi facht die Spannung in mehreren Schlüsselszenen gewaltig an, darunter auch Mary Lous Versuch den drei Entführern durch den Wald zu entkommen und im Haus von ahnungslosen Oberklassen-Bürgern Unterschlupf zu finden, die schließlich auch dem Terror der Kriminellen zum Opfer fallen. In dieser Szene dreht Lenzi den Sleaze-Faktor wirklich nach ganz Oben, wobei die Gewalt, der erzwungene Sex und die Demütigungen der Sequenz das Publikum endgültig wachrüttelt und man sich spätestens von diesem Zeitpunkt an nicht mehr sicher sein kann, was von dem verhaltensgestörten Giulio als nächstes zu erwarten ist.

Nachdem er durch eine Reihe von Spaghetti-Westerns an Popularität gewonnen hatte, avancierte Tomas Milian ab Mitte der 70er Jahre zum Star des Poliziesco, wobei er bis dahin bereits mit mehreren anderen Regisseuren im Genre erfolgreich gewesen war. In Milano odia: la polizia non può sparare leuchtet sein Stern als unberechenbarer, pistolenschwingender Schurke besonders hell. Der Charakter des Giulio gehört zu den unglaublichsten und übelsten soziopathischen Drecksäcken, die man im Film jemals gesehen hat, denn der sadistische Verbrecher tötet kompromisslos jeden, der ihm in die Quere kommt. Glücklicherweise repräsentiert Steingesicht Henry Silva auf seiner Suche nach Gerechtigkeit eine starke heroische Präsenz, obwohl auch er es bevorzugt die bösen Jungs lieber umzulegen, als sie hinter Gitter zu bringen. Wie in den meisten seiner Filme spielt Ray Lovelock in einer Nebenrolle den gut aussehenden, unschuldigen jungen Burschen, der ungewollt in eine Welt voller Verbrechen und Mord hineingezogen wird. Polizieschi sind nicht gerade für starke weibliche Charaktere bekannt (im Gegensatz zu ihren amerikanischen film noir Pendants), weswegen Anita Strindberg und Laura Belli hauptsächlich nett anzusehen sind. Strindbergs felsenharte Brustimplantate liegen gut in Giulios Hand, doch auch sie wird von ihm später kaltblütig umgebracht. Die schöne Laura Belli spielte auch in einer Episode von Dario Argentos TV-Serie La porta sul buio (Door Into Darkness, 1973) sowie in einem anderen, äußerst empfehlenswerten Eurocrime-Klassiker, Squadra volante / Emergency Squad / Die gnadenlose Jagd von Stelvio Massi, auch mit Tomas Milian und Ray Lovelock + Gastone Moschin, aus dem Jahr 1974.

Mit der Nummer neun ihrer Polizieschi Edition Der Berserker ist filmArt mal wieder ein wirklich großer Wurf gelungen. Der Film ist ganz klar ein Meilenstein des Genres und kommt als ansprechend gestaltete BluRay/DVD Kombo (auf 1000 Stück limitiert) mit Wendecover daher. Die technischen Daten wissen auch zu überzeugen, befinden sich aber nicht auf allerhöchstem Niveau. Ich denke jedoch es wurde das Beste aus dem vorhandenen Ausgangsmaterial herausgeholt. Als Extras wurden, der italienische und englische sowie ein US-Grindhouse Trailer, ein interessantes Booklet von Oliver Nöding, ein Audiokommentar mit Pelle Felsch und Christian Keßler sowie ein weiterer Audiokommentar mit Bennet Togler und Tillmann Beilfuß, ein Intro mit Tomas Milian und eine Polizieschi Edition Trailershow auf bzw. in die Kombo gepackt. Das Highlight der Boni ist allerdings das sechzig minütige Featurette „The Journey of Tomas Milian – From Cuba to America“, wo Milian eine Menge aus seinem Leben zu erzählen weiß. Milano odia: la polizia non può sparare ist während der gesamten Spielzeit unglaublich temporeich, mit super-spannenden Verfolgungsjagden und aufregenden Schießereien, ein wirklich toller Streifen. Das Skript hat eine Menge an unerwarteten Wendungen zu bieten, während Tomas Milians hektische Vorstellung – sein Charakter ist die meiste Zeit über auf einem Mix aus Alkohol und Medikamenten – allein schon ausreicht, um dieses Meisterwerk des 70er Bahnhofskinos nicht verpassen zu dürfen. Ein wahres Muss!

Diese Edition wurde uns freundlicherweise von filmArt zur Verfügung gestellt.

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Bluntwolf

Bluntwolf ist ein Cineast aus der goldenen Mitte Deutschlands. Sein Spezialgebiet ist das italienische Kino der 60er bis 80er Jahre, insbesondere Italowestern, Giallo und Polizio. Er ist der Chefredakteur von Nischenkino und gehört dem Redaktionsteam der Spaghetti-Western Database an.

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