Ein Bürger setzt sich zur Wehr / Ein Mann schlägt zurück / Il cittadino si ribella / Street Law

Nach einem Überfall auf eine Postfiliale wird Carlo Antonelli von den Gangstern entführt und aufs übelste zusammengeschlagen. Enttäuscht von der Polizei, die nicht fähig ist ihm zu helfen, startet Antonelli seinen eigenen Rachefeldzug und will die Gangster selbst an den Pranger stellen. Doch der Plan droht zu scheitern. Antonelli verstrickt sich in einen undurchsichtigen Strudel der Gewalt und muss erneut am eigenen Leib erfahren, was es heißt, sich mit finsteren Gestalten anzulegen. Antonelli sieht Rot. Sein letztes Mittel: Selbst zur Waffe greifen! (filmArt)

Als Italien mit einer scheinbar endlosen Reihe von politischen Angriffen, Staatsstreichversuchen, Morden und Raubüberfällen im Rahmen einer verheerenden gewaltsamen Eskalation konfrontiert war, wurde in einer Reihe von Filmen eine Ideologie offen dargestellt, die die Notwendigkeit der Bekämpfung von Gewalt mit Gewalt postuliert. Der kommerzielle Erfolg von Enzo G. Castellaris Il cittadino si ribella (über eine Milliarde und achthundert Millionen Lire in der Saison 1974/75) ebnete den Weg für das kritischste Sub-Genre des poliziotteschi, das der Bürgerwehr bzw. der oder des Vigilanten, welches die Emotionen des Publikums mit einer Arroganz kitzelte, die nur mit tränenreichen Melodramen gleichbedeutend war und die gleichen Tricks benutzte, um nicht Pathos, sondern Empörung zu provozieren. Der Perspektivwechsel wurde seit diesen Titeln offenkundig: Il cittadino si ribella („Der Bürger rebelliert“) und L’uomo della strada fa giustizia („Der Mann von der Straße übt Gerechtigkeit aus“). Hier stand nicht die Polizei im Mittelpunkt, sondern der Durchschnittsbürger. Das bedeutet, der Kleinbürger, der seit dem „Boom“ der 60er Jahre eine solide wirtschaftliche Position erlangt hatte.

Mit dem rasanten Anstieg der städtischen Kriminalität wurde die Notwendigkeit, sein Eigentum zu verteidigen, zu einer Hauptnotwendigkeit. Neben der offensichtlichen, doch irgendwie irreführenden Anspielung auf Death Wish (Ein Mann sieht rot, 1974) – es ist erwähnenswert, dass Street Law in Italien vor Michael Winners Film veröffentlicht wurde – erinnerte das Sub-Genre der Bürgerwehr / Vigilanten auch an Prototypen wie Sam Peckinpahs Straw Dogs (Wer Gewalt sät, 1971, abzüglich der beunruhigenden anthropologischen Notationen) und Wes Cravens The Last House on the Left (Das letzte Haus links, 1972, aber in einer städtischen Umgebung und ohne die Betonung auf extremen Gore), beide hybridisierten mit den Überresten des politischen Kinos nach 1968, das auf den Kopf gestellt und seiner inneren Bedeutung beraubt wurde.

Die zivile Anziehungskraft der Filme von Petri, Damiani und Vancini wurde daher durch eine mitleidige und leicht populistische Vision ersetzt: die Widersprüche zwischen dem Predigteifer der Prototypen (die zu einem spektakulären Haken wurde) und den gewalttätigen rechtsgerichteten Schlussfolgerungen – eine unvermeidliche Folge einer narrativen Entwicklung, die streng von kommerziellen Erfordernissen abhängig war. Mitte der 70er Jahre bedeutete dies im italienischen Kino Sex und Gewalt, sowie die Verbreitung des „rape and revenge“ Sub-Genres mit Filmen wie Aldo Lados berüchtigtem L’ultimo treno della notte (Mädchen in den Krallen teuflischer Bestien, 1975) zeigt, der mit The Last House on the Left genauso viel gemeinsam hat, wie mit dem Sub-Genre der Bürgerwehrfilme. Diese Filme wurden normalerweise beschuldigt, faschistisch zu sein und das nicht ohne Grund. Die Kritiker machten jedoch gewöhnlich den Fehler, solche kommerziellen Produkte unter einem ideologischen Gesichtspunkt zu beurteilen und ein Schema von Bedeutungen und Zwecken auf eine Art Kino anzuwenden, in dem die Ideologie eine oszillierende, unvorhersehbare Variable war. Deshalb ist das Bürgerwehr / Vigilanten Sub-Genre viel facettenreicher, als es zum Nennwert erscheint.

Einen wesentlichen mehrdeutigen Faktor stellt der Protagonist des Films dar. Ingenieur Antonelli (Franco Nero) ist definitiv als kein unfehlbarer Richter von Unrecht zu bezeichnen, ebenso wie die Helden aus Schwert- und Sandalenfilmen wie Herkules oder Maciste. Im Gegenteil, er ist eher eine embryonale, unentschlossene Inkarnation von Alberto Sordis kleinem Bürger aus Mario Monicellis Meisterwerk Un borghese piccolo piccolo (An average little man, 1977). Er erlebt das zivile Chaos dieser Zeit am eigenen Körper und findet ironischerweise eine Antwort in der Broschüre, die sein antifaschistischer Vater während der Faschismuszeit gedruckt hatte und die er in seinem Wohnzimmer eingerahmt an der Wand hängen hat, mit der Aufschrift „Italiani ribellatevi!“, was so viel bedeutet wie „Italiener, rebelliert!“. Antonelli rebelliert, doch seine obsessive Suche nach den drei Männern, die ihn geschlagen und gedemütigt haben, ist weder das Ergebnis eines sozialpolitischen Bewusstseins jeglicher Art, noch erblüht sie aus einer Exekution seiner geliebten Menschen (wie bei Charles Bronson in Ein Mann sieht rot). Wieder im Gegenteil, seine Obsession leitet sich aus seinem gekränkten Stolz ab – das heißt, er wird von persönlichen, egoistischen Motiven angetrieben.

Antonelli lässt als Vigilante allerdings gehörig zu wünschen übrig. Er ist hart zu den Schwachen und erbärmlich schwach bei den Starken. Er beschwert sich bei der Polizei, bricht in bombastische Proklamationen aus („Wenn man sich nicht selbst verteidigt, wird es niemand tun“) und schlägt sogar seine Verlobte (Barbara Bach) im wahren Macho-Man-Stil. Doch danach wird er von fast allen anderen verprügelt und verspottet. Seine Suche nach Informationen in den schäbigeren Gebieten Genuas kosten ihn Hohn und Spott (er wird wiederholt „Bulicchio“ genannt, ein dialektisches Wort für „Tunte“), mehrere Schläge ins Gesicht und viele Dellen in seinem Auto. Um sich sicher in der genuesischen Unterwelt bewegen zu können, muss er schließlich einen Kleinkriminellen (Giancarlo Prete) erpressen.

Die Tatsache, dass Letzterer viel sympathischer dargestellt wird, als Neros Charakter, bedeutet, dass mit dem Drehbuch der Genre-Veteranen Massimo De Rita und Dino Maiuri etwas nicht stimmt: Es handelt sich dabei um eine patentierte Trennung zwischen dem Helden („dem Bürger“, laut Filmtitel) und dem Zuschauer, an den sich der Film richtet. Das Publikum des populären Kinos sympathisiert natürlich viel eher mit dem proletarischen Rabauken mit Herzen aus Gold, der seinen Lebensunterhalt mit kleinen Diebstählen und Raubüberfällen verdient (aber davon träumt, eine Autoreparaturwerkstatt zu eröffnen), anstatt mit dem wohlhabenden Helden. Darüber hinaus wirken die meisten Charaktere kaum entwickelt: Neros drei Feinde – gespielt von Castellaris Stammgästen, den Stuntmen Romano Puppo, Nazzareno Zamperla und Massimo Vanni – zeichnen sich nur durch ihre unterschiedliche geografische Herkunft aus.

Alles in allem ist Ein Bürger setzt sich zur Wehr viel interessanter aufgrund seiner Mängel und Unvollkommenheiten als wegen seiner schluchzenden „Botschaft“ und wegen der ungelösten Zweideutigkeit des Stop-Frame-Finales, wobei Franco Neros Augen schimmern, wie die von Travis Bickle in Martin Scorseses Taxi Driver (1976). Der Film erweist sich vor allem als Schaufenster für Enzo Castellaris Stil als Actionfilmer. Der Regisseur drehte Action-Sequenzen wie kein anderer zu dieser Zeit (in Italien), wie zum Beispiel die Eröffnungsszene, die die Flucht der Banditen mit dem Auto in den Straßen von Genua zeigt, dem Höhepunkt im verlassenen Lagerhaus (noch vor Castellaris Meisterwerk The Big Racket) und ganz besonders Franco Neros verzweifelte Flucht zu Fuß, als er von einem der Verbrecher im Auto verfolgt wird (wobei Castellari die Laufzeit mit ärgerlichem Zeitlupeneinsatz streckt). Das Ergebnis ist als ebenso kraftvoll wie elegant zu bezeichnen und vermag es sogar dem Test der Zeit stand zu halten, wunderbar begleitet von einem der besten Scores der De Angelis Brüder.

Mit der Nummer fünfzehn ihrer Polizieschi Edition Ein Bürger setzt sich zur Wehr ist filmArt wieder eine klasse Veröffentlichung gelungen. Der Film ist zu den besten Vertretern seiner Art zu zählen und kommt als ansprechend gestaltete BluRay- / DVD-Combo (auf 1000 Stück limitiert) mit Wendecover daher. Die technischen Daten wissen auch zu überzeugen, befinden sie sich doch auf recht hohem Niveau. Als Extras wurden ein Trailer, ein TV-Spot, eine Bildergalerie, die deutsche Kinofassung, sowie ein interessanter Audiokommentar von Prof. Dr. Marcus Stiglegger auf die Scheibe bzw. in die Edition gepackt.

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  • Darsteller: Franco Nero, Giancarlo Prete, Barbara Bach, Renzo Palmer, Nazzareno Zamperla
  • Regisseur(e): Enzo G. Castellari
  • Sprache: Italienisch (DD 1.0 Mono), Deutsch (DD 1.0 Mono), Englisch (DD 1.0 Mono)
  • Bildseitenformat: 16:9 – 1.77:1
  • FSK: Nicht geprüft
  • Studio: filmArt
  • Produktionsjahr: 1974
  • Spieldauer: 104 Minuten

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Diese Edition wurde uns freundlicherweise von filmArt zur Verfügung gestellt.

Die Bilder stammen nicht von dieser Edition.

Bluntwolf

Bluntwolf ist ein Cineast aus der goldenen Mitte Deutschlands. Sein Spezialgebiet ist das italienische Kino der 60er bis 80er Jahre, insbesondere Italowestern, Giallo und Polizio. Er ist der Chefredakteur von Nischenkino und gehört dem Redaktionsteam der Spaghetti-Western Database an.

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