L’ultimo treno della notte / Mädchen in den Krallen teuflischer Bestien

Eine Zugfahrt, die ist lustig … oder auch nicht! Margaret und Lisa reisen mit der Bahn in die Weihnachtsferien. Sie suchen Entspannung und Familienglück und finden das Grauen. Denn mit an Board sind zwei gesuchte Verbrecher: Gemeinsam mit einer älteren Blondine drangsalieren sie andere Reisende. Als Margaret und Lisa in Innsbruck in einen anderen Zug umsteigen, wähnen sie sich in Sicherheit. Kurz darauf begegnen sie dem Trio allerdings wieder. Es ist der Beginn eines unvorstellbaren Leidenswegs aus sexueller Gewalt und Erniedrigung. An der Endstation werden Margaret und Lisa gelernt haben, was es heißt, zu überleben – und wie lange man gequält werden muss, bevor man selbst zum Monster wird.

Mit diesem beispiellosen Rache-Thriller schockierte Giallo-Meisteregisseur Aldo Lado 1975 die Welt! Wie in Wes Cravens Klassiker The Last House On The Left fallen die Masken der Zivilisation und geben den Blick frei auf das Abgründige und Animalische dahinter. Die Auftritte der Horror-Ikonen Irene Miracle und Flavio Bucci sowie die Filmmusik von Ennio Morricone machen Mädchen in den Krallen Teuflischer Bestien zu einem absoluten Klassiker des Terrorkinos. (Koch Media)

Mädchen in den Krallen teuflischer Bestien

Ingmar Bergmans Jungfrukällan (Die Jungfrauenquelle, 1960) wurde als einer der kontroversesten Filme der 60er Jahre gefeiert. Da ist es nicht verwunderlich, dass Wes Cravens Remake The Last House on the Left (Das letzte Haus links/Mondo Brutale, 1972) als einer der kontroversesten Filme der 70er Jahre angesehen wird. Nur drei Jahre später bekam Cravens Film mit L’ultimo Treno della Notte (Der letzte Nachtzug/Mädchen in den Krallen teuflischer Bestien) durch Aldo Lado seine italienische Version. Lado sollte Liebhabern des Italo-Kinos durch seine außergewöhnlich guten Gialli La Corta Notte Delle Bambole Di Vetro (Malastrana, 1971) und Chi L’ha Vista Morire? (Who saw her die?, 1972) bekannt sein. Um eines gleich vorweg zu nehmen: The Night Train Murders ist nicht annähernd so gut und elegant wie die beiden Gialli. Trotzdem ist die italienische Jungfrauenquelle interessant und sehenswert, denn neben den exploitativen Aspekten versteckt sich in dem Film, wie für Aldo Lado nicht ungewöhnlich, eine gehörige Portion Gesellschafts- bzw. Sozialkritik, die man eventuell erst auf den zweiten Blick erkennt. So oder so, die Thematik sorgt auf jeden Fall für ein verstörendes Filmerlebnis. Der Regisseur hat ein Werk geschaffen, dass uns die niedrigste und verdorbenste Form der menschlichen Existenz näherbringt, die vielleicht auch ein wenig hedonistisch ist, je nachdem wessen Sicht man einnimmt.

Mädchen in den Krallen teuflischer Bestien

L’ultimo Treno della Notte folgt, wie weiter oben bereits erwähnt, der gleichen Grundgeschichte wie The last House on the Left: Zwei junge Frauen werden von zwei jungen Männern gequält, vergewaltigt und brutal ermordet bzw. in den Tod getrieben. Nur bei Lados Version spielen sich die Ereignisse während einer Zugreise von München nach Mailand ab. Die beiden Studentinnen Margaret (Irene Miracle) und Lisa (Laura D’Angelo) möchten die Weihnachtsfeiertage bei Lisas Eltern (Marina Berti und Enrico Maria Salerno) in Italien verbringen und sind deswegen mit dem Zug unterwegs. Auf ihrer Reise erleben sie einige kleinere „Abenteuer“, die nicht vollkommen harmlos aber eher einer naiven und sorglosen Natur sind. Im weiteren Verlauf der Fahrt entwickeln sich die Dinge jedoch zu Ungunsten der Mädchen. Zwei Rowdies (Flavio Bucci und Gianfranco De Grassi) schleichen sich an Board und beginnen die Mädchen zu belästigen. Dazu gesellt sich die unbekannte Frau (Macha Meril), die sich zuvor von einem der Männer auf der Zugtoilette „vergewaltigen“ ließ. Als ihre Situation immer bedrohlicher zu werden scheint, kommt es den beiden Studentinnen gerade recht den Zug aufgrund einer Bombendrohung wechseln zu müssen. Sich nun in Sicherheit wähnend stört es sie zunächst nicht, dass der „Ersatzzug“ beinahe menschenleer und ohne Licht/Elektrizität ist. Nach einem Nickerchen und anschließendem „Weihnachtsmahl“ stellen sie jedoch entsetzt fest, dass das unberechenbare Trio zufällig auch in diesem Zug gelandet ist. Ein schrecklicher Alptraum voller Quälerei, Vergewaltigung, Erniedrigung und herzloser Grausamkeit beginnt für die hilflos ausgelieferten Mädchen. Ein weiterer Zufall lässt die Täter dann später auf Lisas Eltern treffen, die am Bahnhof umsonst auf die Ankunft ihrer Tochter inklusive Freundin warten. Nun, wie die Geschichte ausgeht kann man sich ja sicherlich denken!?

Mädchen in den Krallen teuflischer Bestien

Auf den ersten Blick scheint Mädchen in den Krallen teuflischer Bestien eindeutig darauf angelegt zu sein, den Voyeurismus seines Bahnhofskino Publikums zu befriedigen. Versucht man allerdings zwischen den Zeilen zu lesen, lässt sich noch etwas mehr in dem Film erkennen. Das Treiben in dem besetzten Zugabteil wird nämlich durch eine Mischung des Klassensystems beherrscht. Da haben wir zum einen die beiden verrohten Taugenichtse aus der Unterschicht und zum anderen die namenlose Fremde aus der Mittelschicht. Das Besondere daran ist, dass nicht etwa die beiden „Alpha-Männchen“ die Situation kontrollieren, sondern es ist die dünne, attraktive und sexuell abnormale „Dame“, welche die Zügel des Schicksals der jungen Frauen in den Händen hält. Es sind nämlich die Männer, denen es offensichtlich an Erziehung und Bildung mangelt, die von der weitaus intelligenteren, manipulativen „weltlichen“ Frau angeleitet werden. Die Verbindung von Macht mit Lust lässt die Grenzen zwischen den unterschiedlichen Sozialschichten auflösen, eigentlich liegen diese Welten weit auseinander aber in ihren unmoralischen Neigungen unterscheiden sie sich nicht. Der Bildschirm wird von Ironie erfüllt, die ein Gefühl der Hilflosigkeit den unglücklichen Opfern gegenüber vermittelt, wenn die Erzählung zwischen Zugabteil und einer Dinner Party, die Lisas Eltern veranstalten während sie auf die Ankunft der Mädchen warten, hin und her springt. Die Eltern (Lisas Vater ist Chirurg) sowie ihre Gäste repräsentatieren die Oberschicht und hier wird der Zuschauer Zeuge einer Diskussion über die Anwendung von Gewalt, die wiederum Gegengewalt auslöst, wobei sich der Vater deutlich gegen die Anwendung von Gewalt zur Lösung von Konflikten ausspricht. Zu diesem Zeitpunkt kann er noch nicht ahnen, dass seine Einstellung am nächsten Vormittag auf eine harte Probe gestellt werden wird.

Mädchen in den Krallen teuflischer Bestien

Es ist eine fremde, dunkle Welt in die Margaret und Lisa zufällig hineinstolpern, die von Kameramann Gabor Pogany wunderbar atmossphärisch ausgeleuchtet und Ennio Morricones unheimlichen Mundharmonika Klängen passend untermalt ist. Das Spiel der Munharmonika verkündet diesmal keine vertretbare Rache wie in Spiel mir das Lied vom Tod, sondern unterstreicht das große Unbehagen, das sich in dieser extremen Situation von Klaustrophobie, Abscheu und narzisstischem Vergnügen auch beim Zuschauer einstellt. Aldo Lado ist es mit L’ultimo Treno della Notte nicht nur ein Anliegen die verachtenswerte und gleichgültige Art und Weise wie Unschuldige ausgebeutet werden zu porträtieren, sondern auch die Ironie in den Prinzipien der Oberschicht, die in entgegengesetzten Widersprüchen kollidieren, hervorzuheben. Diese Prinzipien werden nämlich gegen Ende in Frage gestellt und wir erkennen, dass selbst (oder gerade erst recht) innerhalb der gehobensten bürgerlichen Gesellschaft die Mauern von Konformität und Zwang doch so schnell und leicht zusammenbrechen können. Gewalt hat Gegengewalt erzeugt und ist, wie immer, ein klassen- und gesichtsloses Wesen. 

Mädchen in den Krallen teuflischer Bestien

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Bluntwolf

Bluntwolf ist ein Cineast aus der goldenen Mitte Deutschlands. Sein Spezialgebiet ist das italienische Kino der 60er bis 80er Jahre, insbesondere Italowestern, Giallo und Polizio. Er ist der Chefredakteur von Nischenkino und gehört dem Redaktionsteam der Spaghetti-Western Database an.

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