Emmanuelle

Klassiker auf BluRay zu erleben ist immer etwas besonderes. Da gibt es aber solche und solche Meilensteine. Die einen sind vermeintlich Mainstream, und der Vater stellt sie in Griffweite der Familie, und dann gibt es solche, die kennt zwar jeder, aber keiner will dazu stehen. Egal wie bahnbrechend, erfolgreich oder angesehen sie in Fachkreisen sind, im Jahre 2013 ist unsere Gesellschaft wieder bei einer Verklemmtheit angekommen wie man sie seit den 50ern nicht mehr kennt. Emmanuelle ist ein solcher Klassiker, zu dem damals Millionen an der Kinokasse angestanden sind, der Film lief über 10 Jahre lang in den europäischen Kinos.

Heute traut sich nur noch HBO gewagtes Material zu produzieren. Warum weiß niemand. Die Errungenschaften der sexuellen Revolution der 60er und 70er sind verpufft, das gewaltreiche und sexarme Hollywood Mainstream Kino hat unsere Gesellschaft fest im Griff. Alles andere ist entweder Arthouse oder Porn. Wozu das Kino der Milleniumsgesellschaft nur noch fähig ist zeigen lahme Remakes von Basic Instinct und das weltweite umgreifen von Selbstzensur, die konservative amerikanische Moralvorstellungen nachahmt, auch wenn sie nicht notwendig ist. Liebesfilme sind heute quirlige Judd Apatow-esque Spielfilmversionen von Scrubs, wer Kino für Erwachsene wil,l muss auf die außerhalb den USA meist nur illegal im Netz verfügbaren Versionen von teuren TV Serien aus dem Hause HBO oder Showtime zurück greifen. Zwar läuft im sogenannten “Unterschichtenfernsehen” Dummfug wie “Who wants to fuck my girlfriend”, aber wann lief die letzten Jahre erfolgreich ein Film in europäischen Kinos, der das Leben, die Liebe, Frauen oder Freiheit zelebriert hat? Ich schweife ab…. Vorhang auf für Emmanuelle.

Sylvia Kristel Emmanuelle

Emmanuelle war eine in sechs Wochen gedrehte Adaption des gleichnamigen autobiographischen Romans von Emmanuelle Arsan unter der Regie des damaligen Fotografen Just Jaeckin und produziert vom Werbefilmer Rousset-Rouard. Er erzählt von den Liebesabenteuern der gelangweilten Diplomatengattin Emmanuelle. Der Film war eine Sensation, und der Name ist heute Synomym für gefilmte Erotik ähnlich der Marke Tempo für Papiertaschentücher. Das Ausmaß des Erfolgs wird unter anderem klar, wenn man sich die Fortsetzungen, Spin-Offs und TV Produktionen ansieht die darauf folgten (siehe Wikipedia). Auf Grund meines Alters weiß ich um die tagesaktuelle gesellschaftliche Situation im Jahre 1974 nur aus Berichten, jedenfalls wollten die Prozenten den Erfolg des nicht minder kontroversen Last Tango in Paris (mit Marlon Brando, der Film mit der Butterszene) toppen, und es ist ihnen quasi gelungen. Gierig nach Freiheit und bröckelnden gesellschaftlichen Rollenverständnissen strömten die Franzosen zu Millionen in die Kinos. Der Film hat mehrere hundert Millionen Dollar weltweit eingespielt und ist zu einem Phänomen geworden. Gleichzeitig hat er das damals sehr junge Fotomodel Sylvia Kristel weltweit berühmt gemacht, und die Karrieren von Jaeckin und dem Musiker Pierre Bachelet befeuert.

Emmanuelle Sylvia Kristel

Der Film selbst ist mit knapp über 90 Minuten relativ kurz, das musste ich beim erneuten kritischen Ansehen wieder erschrocken feststellen. Er endet quasi wenn man glaubt, die Story nehme nun an Fahrt auf, aber dafür gibt es ja diverse Fortsetzungen, eine davon hat mitunter auch die Karriere von Laura Gemser mit eingeläutet, deren Spin-Offs fast schon berüchtigter sind als die mit Sylvia Kristel, der holländischen Newcomerin die über Nacht zum internationalen Sexsymbol wurde. Eines ist klar, Emmanuelle sieht sehr schön aus, und damit meine ich vor allem auch den Film. Hauptsächlich mit natürlichem Licht gedreht, sehr frei und farbenfroh, stets nah an den Schauspielern dran aber dennoch mit etwas Voyerhaftem. Was in späteren Fortsetzungen und Spin-Offs weitergetrieben wird, ist die Nähe zu Natur und einheimischer/fremder Kultur, quasi ein Leitmotiv der Emmanuelle Filme. Die noch etwas prä-kosmopolite Europäische Zuschauerschaft hat sich damals stark nach Exotik gesehnt. Wer im Exploitation Kino fit ist, kennt reihenweise Beispiele von erfolgreichen Filmen, die sich dieses Motiv zu Nutzen gemacht haben. Hinzu kommt bei Emmanuelle noch die Chanson Musik von Pierre Bachelet, die Titelmusik wurde ein Megahit. Schauspielerisch ist der Film nun nicht höchste Kunst, aber  man darf nicht den Fehler machen und den Film als Trash einstufen, sollte man ihn nicht kennen. Zwar entstand der Film rein aus kommerziellen Motiven und Experimentierfreude, doch gelang hier ein wunderschöner Kunstfilm am Ende.

Sylvia Kristel Emmanuelle

Wer den Film heute noch kontrovers findet, muss unter einem Stein aufgewachsen sein. Zwar ist die berüchtigte Szene im Bordell mit der Zigarrette bis heute bizarr, aber der Film ist insgesamt zahmer als der Sonntags-Tatort. Zwar, wie eingangs bemerkt, ist der Film enorm liberal in seiner soziopolitischen Message, und wir befinden uns heute wieder gesellschaftlich da, wo in den 70ern diese Art von Filmen begonnen hat die Leute wachzurütteln, doch ist gerade was die explizite Darstellung von Liebe und Sexualität betrifft, Emmanuelle absolut jugendfrei, an manchen Stellen gar naiv und lustig – aber immer ansprechend inszeniert und respektvoll. Was in dieser rückblickenden Betrachtung ebenfalls klar wird, ist das Spannungsverhältnis zwischen der freiheitlichen Message Emmanuelle Arsans einerseits, und der Zeit in der der Film entstand andererseits, so könnte man den Film durchaus – weil er eben auf dem Buch basiert – als grundlegend feministisch bezeichnen, allerdings würde Emmanuelles Verhalten im heutigen Mainstream sehr klar als “slutty” klassifiziert werden, da Promiskuität und Freizügigkeit, bzw. auch Polyamorie heute ganz und gar wieder in der Schublade der gesellschaftlichen Verklemmtheit angelangt sind und gar verpönt sind. Die eine Vergewaltigungsszene im Film war jahrelang der Zensur zum Opfer gefallen.

Emmanuelle

Insgesamt stellt der Film ein seh interessantes Zeitzeugnis da. Zum einen Filmhistorisch, als ein Überraschungshit der aber nach klarem Rezept und viel Kalkulation letztenendes eingschlagen hat wie eine Bombe. Zum anderen soziologisch, da er Teil einer Bewegung war, die auf Unterhaltungs- und Kunstebene eine Revolution im Geschlechterbild eingeläutet hat (andere Extrembeispiele dafür sind die Schulmädchen Report Reihe in Deutschland oder der Mainstream Erfolg der US-Pornolegende Deep Throat), die sich in vielen Stellen rund um den Globus aber die letzten Jahrzehnte auch wieder stark revidiert hat. Darüber hinaus war es ein im Mainstream Kino veröffentlichter Film, der soviele Nachfolger und Spin-Offs erzeugte, dass er sich zu einer Marke für Erotikkino entwickelt hat – und damit sein eigenes Genre hervorgebracht hat.

DIE BLURAY von EMMANUELLE

Extras: Es gibt ein längeres Interview mit Regisseur und Produzent, die etwas über die Entsehungsgeschichte des Films und seinen Auswirkungen erzählen. Leider sind beide Herren nicht sonderlich Charmant und man muss sich teilweise schon wundern dass es sich hier um die Drahtzieher dieses Erfolgs handelt. Es gibt außerdem den Original Kinotrailer aus Frankreich. Die Dokumentation “An Erotic Success” ist eine Art “Making-Of” von einer Stunde Laufzeit. Dort finden sich auch Auszüge aus dem eben genannten Interview wieder, sowie Interviews mit einem Buchautor der sich sehr gut mt den Hintergründen des Filmsauskennt sowie der Cutterin und dem Kameraman Suzuki. Insgesamt hätte man sich damit das obenstehende Interview eh sparen können. Mit dieser Doku ist man relativ umfangreich über die Entstehung des Films informiert, was fehlt ist die Perspektive Sylvia Kristels, die allerdings letzten Oktober verstorben ist, und mehr zum Einfluss und der zeitgeschichtlichen Tragweite des Films, das ist etwas unterbelichtet.

Emmanuelle

Die Bildqualität ist keine Sensation, und es fehlt vielmals an Schärfe und Bildklarheit, man sieht dem Film einfach seine low-budget Herkunft an. Insgesamt kann man aber zufrieden sein denn das Bild ist frei von Schäden und sehr farbenfroh. StudioCanal bietet den leicht trashigen deutschen Ton und die französische Originaltonspur, mit Untertiteln die nicht ganz astrein sind, das kann ich sogar mit meinen miserablen Französischkenntnissen sagen. Die Vermutung liegt nahe dass es sich evtl. gar um sogenannte Dubtitles handelt. Ich bin mir sicher es handelt sich hier um die Kinoversion dieses Films, aber mich beschleicht das Gefühl dass zum Beispiel die Wasserfallszene Bildmaterial vermissen lässt, da ist ein Sprung der auffällt, und ich meine damit nicht einen Schnitt der für die Jugendfreiheit gemacht wurde. Leider kenne ich mich mit den Einzelheiten dieses Films zu wenig aus um beurteilen zu können, ob hier alternative Schnittfassungen kursieren könnten.

Emmanuelle BluRayFAZIT

Emmanuelle ist ohne zu übertreiben ein Meilenstein des europäischen Kinos, und in seiner Wichtigkeit in vielerlei Hinsicht nicht zu unterschätzen. Zwar lockt er in seiner expliziten Darstellung heute niemanden mehr hervor, und die skandalträchtige Natur des Films ist nur durch Kontext zu erschließen, aber dennoch offenbart sich eine Welt von Emanzipation und Rebellion in dem Film, wie man es nur recht selten in optisch anspruchsvoll gemachten Filmen wiederfindet. Leider ist der Film äußerst kurz, macht jedoch damit neugierig auf die Fortsetzungen. Es lohnt sich absolut, diesen Film einmal (wieder) gesehen zu haben. Die BluRay ist dazu eine sehr gute Gelegenheit, bietet sie doch ordentliche Bild und Tonqualität sowie eine gute Stunde informativer Interviews.

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Sebastian

Gründer und Inhaber von Nischenkino. Gründer von Tarantino.info, Spaghetti-Western.net, GrindhouseDatabase.com, Robert-Rodriguez.info, TripleFeatureFoundation.org und FuriousCinema.com

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