Harley Davidson 344 / Electra Glide in Blue

Das Monument Valley, amerikanisches Heartland: Motorrad-Cop John Wintergreen patrouilliert mit seiner Harley Davidson Electra Glide die scheinbar endlosen Highways Arizonas. Den Streifen-Alltag mit Geschwindigkeitsüberschreitungen und Konfrontationen mit Hippies und Junkies bestreitet er ehrgeizig und pflichtbewusst, aber unterfordert und davon träumend, zum Detective aufzusteigen. Seine Chance wittert er, als er in einem Todesfall einen Mord vermutet und dem narzisstischen und brutalen Mord-Ermittler Harve Poole zur Seite gestellt wird… (Camera Obscura)

John Wintergreen (Robert Blake) ist Mitglied der Arizona Highway Patrol und beginnt seine Tage gerne mit einem strengen Trainingsprogramm: bevor er ein paar rohe Eier schluckt, verbringt er zuerst noch ein wenig Zeit mit der Frau im Bett, die er in der Nacht zuvor mit nach Hause gebracht hat. Vietnamkriegsveteran Wintergreen ist kleiner als der durchschnittliche Polizist, prahlt aber gerne damit, dass er und der Filmstar Alan Ladd genau die gleiche Größe hatten. Allerdings hat er größere Pläne, als seine Tage damit zu verbringen, die Autobahnen seines Heimatstaates zu überwachen und verantwortungslose Autofahrer anzuhalten: er will zur Mordkommission versetzt werden.

Der Produzent, Regisseur und Komponist von Electra Glide in Blue ist James William Guercio, ein Musikproduzent, der zufällig die Chance hatte, seinen eigenen Film nach einem Drehbuch von Robert Boris zu drehen (Rupert Hitzig half dabei die Geschichte zu kreieren). Tatsächlich gehört Guercio zu diesem exklusiven Club von Regisseuren, die einen Kultfilm gedreht und dann nie wieder etwas anderes inszeniert haben (auch, wenn sie das eigentlich auch weiterhin tun wollten). Dieser Film soll eine Hommage an die John Ford-Epen seiner Jugend sein und stellt neben einer gewissen Art von Mystery-Thriller einen modernen Western mit Wintergreen als prinzipientreuen Helden dar.

Wie Jon Bon Jovi reitet er auf seinem Stahlpferd, doch er ist nicht glücklich damit. Als er und sein Partner Zipper (Billy Green Bush) eine verrückte Gestalt bemerken, die durch die Wüste stolpert, kümmern sie sich darum. Wintergeeen erkennt in dem verwilderten sowie enorm verwirrten Mann den minderbemittelten Willie (Elisha Cook, perfekt besetzt) wieder, der ihnen davon berichtet, sein alter Freund Frank hätte offensichtlich Selbstmord begangen. Die beiden Polizisten suchen die Hütte des zurückgezogen lebenden Frank auf und finden ihn dort tatsächlich tot vor, doch Wintergreen ist nicht überzeugt davon, dass es sich um Selbstmord handelt und sieht dies als die große Chance an, eine Beförderung zu erhalten.

Man möge es glauben, oder auch nicht aber Wintergreen bekommt seine Beförderung und ist schon bald der Helfershelfer von Detective Harve Poole (Mitch Ryan), merkt jedoch recht schnell, dass es ihm mit Harve bei der Mordkommission nicht besser geht, als auf dem Highway mit dem Motorrad. Wintergreen repräsentiert einen integren Mann in einer Welt, in der die Menschen ihre Moral aufgeben, um ein Leben voller Zynismus zu führen – man sehe sich die relativ frühe Szene an, in der Zipper einen Hippie in einem VW-Bus anhält, nur um ihn zu belästigen und Drogen unter zu schieben; während der Hippie keine falschen Vorstellungen von dem hat, was vor sich geht. Dies lässt unseren Helden in einer Zwickmühle zurück, denn er zählt sich zu den Guten, sitzt allerdings zwischen den Stühlen von Polizeikorruption sowie ziviler Zurückweisung von Autorität und sogar Gesetzesbruch.

Harley Davidson 344 verbringt seine erste halbe Stunde als zurückhaltendes Drama und obwohl die Entdeckung der Leiche danach erfolgt, kann Spannungsaufbau nicht als wirklicher Teil des Films angesehen werden. Wie sich herausstellt, wurde Frank ermordet, wobei Poole die lokalen Biker als Schuldige präsentiert, oder fällt er wieder nur auf faule Stereotypisierung zurück? Hier wird ein wenig Humor versprüht, während der Ton des Films hauptsächlich melancholisch ausgefallen ist und obwohl Wintergreen die wahre Geschichte hinter dem Todesfall aufklärt, zieht er keine Befriedigung daraus, da seine Illusionen durch die „Zusammenarbeit“ mit Poole immer mehr zerstört werden.

Das alles wäre als großartig zu beschreiben, wenn dieses Ende nicht einen Schritt zu weit in die Trostlosigkeit schlittern würde, während viele auf dessen Ähnlichkeit mit einem bestimmten anderen Biker-Film von vor einigen Jahren zuvor hingewiesen haben. Conrad Halls hervorragende Fotografie sorgt für eine denkwürdige letzte Aufnahme des Monument Valley, doch das Ganze fühlt sich für seine Zeit zu modern an und grenzt an Frivolität, obwohl dieser letzte Aspekt (zu seiner Verteidigung) auf einem wahren Vorfall basiert. Außerdem möchte das Publikum nicht, dass Wintergreen so etwas passiert, da er von Blake als aufrichtig netter Kerl wirklich gut verkörpert wird. Man achte auf die Mitglieder der Band Chicago, die Guercio hier und da in kleinen Rollen besetzt hat und auf einen noch kleineren Auftritt von Nick Nolte.

Camera Obscura veröffentlicht Harley Davidson 344 im limitierten Mediabook mit exklusivem Artwork. Bild (2.35:1 / HD 1080p, 23,98 fps) und Ton (LPCM 2.0) bewegen sich auf sehr gutem Niveau, da gibt es nichts zu beanstanden. Deutsche Untertitel können auf Wunsch auch zugeschaltet werden. Insgesamt handelt es sich bei Harley Davidson 344 um eine tolle Mediabook-Veröffentlichung, die man sich nicht entgehen lassen sollte.

Bonusmaterial:

  • Audiokommentar* und Intro* von Regisseur James William Guercio —> recht informativ sowie unterhaltsam
  • Video-Essay von Filmexperte Mike Siegel —> der sehr viel Interessantes über die Produktion zu berichten hat
  • Internationales Ende
  • Englischer Trailer
  • Fotogalerie
  • Buchteil mit enorm informativem Text von Prof. Dr. Marcus Stiglegger *mit optionalen deutschen Untertiteln

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  • Seitenverhältnis: 16:9 – 2.35:1
  • Alterseinstufung: Freigegeben ab 16 Jahren
  • Regisseur: Guericio, James William
  • Medienformat: Breitbild
  • Laufzeit: 1 Stunde und 53 Minuten
  • Darsteller: Blake, Robert, Green Bush, Billy, Ryan, Mitchell, Cook jr., Elisha, Dano, Royal
  • Untertitel: Deutsch, Englisch
  • Sprache: Deutsch (PCM2.0), Englisch (PCM2.0)
  • Studio: Camera Obscura Filmdistribution

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Bluntwolf

Bluntwolf ist ein Cineast aus der goldenen Mitte Deutschlands. Sein Spezialgebiet ist das italienische Kino der 60er bis 80er Jahre, insbesondere Italowestern, Giallo und Polizio. Er ist der Chefredakteur von Nischenkino und gehört dem Redaktionsteam der Spaghetti-Western Database an.

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