Manhunt in the City / L’uomo della strada fa giustizia / The Manhunt

VHS – Edition

Die Tochter eines Mannes wird bei einem Überfall von den Verbrechern getötet. Aufgrund der Inkompetenz der korrupten Behörden beschließt er, die Sache selbst in die Hand zu nehmen und die Mörder aufzuspüren.

Kurzinhalt inkl. Spoiler !!!

Clara (Susanna Melandri), die kleine Tochter des Ingenieurs David Vannucchi (Henry Silva), kommt bei einem Raubüberfall ums Leben. Der Vater, verärgert über die Ineffizienz und Trägheit der Polizei, beschließt sie selbst zu rächen und verlässt sich dabei auf die letzten Worte des sterbenden Kindes: „Ich habe einen Skorpion gesehen.“ Vannucchi wird von dem Anwalt Mieli (Claudio Gora) kontaktiert, der eine „Bewegung für zivile Selbstverteidigung“ (also eine faschistische Bürgerwehr) gegründet hat und ihm anbietet bei der Suche nach den Mördern behilflich zu sein. Trotz der Missbilligung seiner geschiedenen Frau Vera (Luciana Paluzzi) und Kommissar Bertone (Raymond Pellegrin) beginnt Vannucchi auf eigene Faust zu ermitteln. Zunächst nimmt er Kontakt mit einem zwielichtigen Privatdetektiv namens Mannino (Claudio Nicastro) auf, der jedoch schon bald darauf ermordet wird. Durch einen Tipp des Transvestiten Liana (Alberto Tarallo) gelingt es dem Ingenieur eine Verbrecherbande aufzuspüren, deren Anführer ein Armband mit einem goldenen Skorpion trägt. Doch aufgrund seiner Untersuchungen gerät er in Schwierigkeiten, denn die Kriminellen attackieren sein Haus und versuchen mehrmals ihn umzubringen. Vannucchi überlebt, doch seine Ex-Frau wird fürchterlich verprügelt, weswegen er beschließt sich Mielis Bürgerwehr anzuschließen. Im Gegenzug verrät Mieli ihm den Aufenthaltsort der Verbrecherbande. Mit einer doppelläufigen Schrotflinte bewaffnet schickt der Ingenieur die gesamte Bande über den Jordan. Was er jedoch nicht weiß, ist, dass sie nicht die Mörder seiner Tochter waren, denn die wurden bereits zuvor in einer Schießerei mit der Polizei getötet: Ihr Anführer hatte ein Tattoo eines Skorpions auf seinem Arm. Bertone lässt Vannucchi letztendlich ungestraft laufen, weil der in Notwehr gehandelt habe.

Achtung Spoiler !!!

Wie der reißerische italienische Titel (der ungefähr so viel bedeutet wie „Der durchschnittliche Mann übt Gerechtigkeit aus“) sowie die Inhaltsangabe vermuten lassen, gehört Umberto Lenzis L’uomo della strada fa giustizia zum sogenannten Vigilanten-Subgenre: die kleine Tochter eines Mannes aus der Mittelschicht wird bei einem Raubüberfall erschossen, weswegen sich der Vater an den Tätern rächen will. Das Drehbuch (von Dardano Sacchetti und dem Regisseur verfasst) widerlegt diese ursprüngliche Annahme jedoch auf überraschende Art und Weise. In seinem verrückten Streben nach Rache wird Ingenieur Vannuccchi nämlich von einem faschistischen Anwalt manipuliert, der eine geheime Armee von Vigilanten anführt und rächt sich am Ende an den falschen Verbrechern. Vergleicht man L’uomo della strada fa giustizia mit Roma violenta (Verdammte, heilige Stadt) aus demselben Jahr, so lässt sich ein bemerkenswerter Unterschied zwischen der faschistischen Gruppe von vermummten Schlägern (die in Lenzis Streifen in Boxhallen rekrutiert werden) und Richard Contes Bürgerwehr aus Marino Girolamis Film erkennen, die als letzte Bastion der etablierten Ordnung angesehen wird.

Dem Film gelingt es nie so richtig diese Duplizität zu überwinden. In einer Szene beschwert sich Kommissar Bertone, dass er nicht genug Ressourcen zur Verfügung habe, doch später starrt Vannucchi wütend auf ein Plakat in der Polizeistation, auf dem sich lesen lässt: „Die Polizei steht im Dienst des Bürgers.“ Vannucchi wirft Bertone vor, seine Männer seien nur dazu geeignet Schädel einzuschlagen und Telefongespräche abzuhören, wobei er am Ende selbst nicht mehr in der Lage ist seine eigenen gewalttätigen Impulse kontrollieren zu können, wie es die vieldeutige Schlusssequenz zu demonstrieren vermag. Außerdem weist das Drehbuch auch deutlich auf die Gefahren des willkürlichen Rückgriffs auf hausgemachte Gerechtigkeit sowie auf die Manipulation der öffentlichen Meinung durch reaktionäre Kräfte hin, die die Empörung über urbane Gewalt für ihre Zwecke ausnutzen. Sacchetti und Lenzi lassen eine Figur (einen linken Journalisten, gespielt von Silvano Tranquilli) sogar auf recht didaktische Art und Weise verkünden: „Wir sind alle verantwortlich, weil wir nicht mehr an Gesetz und Gerechtigkeit glauben.“

Seltsamerweise hat das Drehbuch einige Elemente mit dem filone des giallo gemein: Silvas Suche nach einem Kriminellen, der ein Armband mit einem Skorpion als Verzierung trägt (nach den letzten Worten seiner Tochter), erinnert an die Suche nach fehlenden Details der Protagonisten aus zeitgenössischen gialli, zumal sie zu einer letzten Wendung führt, die sich als besonders bitter herausstellt. Unter den ziemlich undurchsichtigen Charakteren fällt hauptsächlich der schäbige Privatdetektiv auf, der von Claudio Nicastro zum Besten gegeben wird. Vannucchi lernt ihn in einem erinnerungswürdigen Moment kennen, als der Detektiv gerade an seinem Bürotisch sitzt und mit einer Gabel einen Bissen seines Essens von einem Pornomagazin herunterkratzt, während er seine Mahlzeit genießt und gleichzeitig nackte Mädchen anstarrt. Trotz einer hölzernen Darbietung eines inadäquaten Henry Silva in einer Rolle, die Lenzi ursprünglich für Claudio Cassinelli vorgesehen hatte, funktioniert L’uomo della strada fa giustizia wie ein Film, der eben nur die grundlegenden Elemente des Genres beinhaltet. Wie so oft bei Lenzi gestaltet sich die Inszenierung der Gewalt energisch und manchmal selbstgefällig, wie bei der initialen Erschießung des kleinen Mädchens und dem abschließenden Schrotflintenmassaker. Dennoch wurde die Action solide in Szene gesetzt, insbesondere die Sequenz, in der Silva und Paluzzi von der Verbrecherbande in ihrer Villa belagert werden, die offenkundig an Sam Peckinpahs Straw Dogs (Wer Gewalt sät, 1971) erinnert.

Wie der Regisseur verlauten ließ, wurden die Verfolgungsjagden auf Mailands Straßen mit wenigen oder gar keinen Genehmigungen gedreht. Während der Dreharbeiten des Raubes der Eröffnungssequenz in der Via Montenapoleone (Mailands berühmte Straße voller Luxusgeschäfte) wurde die Flucht der Kriminellen mit dem Auto von einigen echten Schüssen des Besitzers eines nahe gelegenen Ladens begleitet, der zunächst dachte, es würde ein echter Raubüberfall stattfinden. Das waren eben die Zeiten des italienischen Genrekinos! Vermutlich bekam L’uomo della strada fa giustizia eher wegen seines Titels und seiner Implikationen, als aufgrund seines anschaulichen gewalttätigen Inhalts eine Freigabe ab 18 Jahren und verschwand nach seiner ursprünglichen Veröffentlichung schnell von der Bildfläche. Der Streifen wurde erst 2010 in Italien auf DVD herausgebracht, gut 35 Jahre nach seiner Entstehung. Wahrscheinlich zeigte sich die Zensur äußerst verärgert darüber, dass der Kommissar den Protagonisten am Ende ungestraft laufen lässt.

Bluntwolf

Bluntwolf ist ein Filmliebhaber aus der goldenen Mitte Deutschlands. Sein Spezialgebiet ist das italienische Kino der 60er bis 80er Jahre, insbesondere Italowestern, Giallo und Polizio. Er ist der Chefredakteur von Nischenkino und gehört dem Redaktionsteam der Spaghetti-Western Database an.

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