Pawnshop Chronicles

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Chaos pur in Lousiana! Das Pfandleihhaus von Alton (Vincent D’Onofrio) wird zum Mittelpunkt dreier verrückter Geschichten, die sich immer wieder kreuzen: Zwei Meth-Junkies (Paul Walker und Kevin Rankin) planen, ihren eigenen Dealer auszunehmen, ein frisch verheirateter Mann (Matt Dillon) findet den Ehering seiner vermissten Ex-Frau bei Alton und macht sich auf die Suche nach ihr, und ein mieser, in die Jahre gekommener Elvis-Imitator (Brendan Fraser) muss sich entscheiden, ob er einen Pakt mit dem Teufel eingeht, um seinen Durchbruch zu schaffen…

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Trotz der beträchtlichen Anzahl von bekannten Schauspielern, die sich in Pawnshop/Gangster Chronicles tummeln, blieb dieser Film in Deutschland relativ unbeachtet. Was einen erwartet könnte man einerseits als drogenvernebelte schwarze Komödie sehen, die in Horrorgefilde abdriftet und schließlich bei einem schlechten Elvis Imitator landet. Andererseits bietet der Film einen wunderbaren symbolischen sozio-religiösen / politischen Blick auf das Amerika von heute. Das Endergebnis ist nicht ganz so gut, wie es hätte sein können, hat aber sicherlich seine Momente und schafft es über weite Strecken unterhaltsam zu sein. Mit einem soliden Regisseur wie Wayne Kramer und einer so langen Liste von talentierten Schauspielern kann ja gar nichts schief gehen. Doch dann kommt der Dialog von Autor Adam Minarovich, der leider sehr unausgewogen ausgefallen ist und den Film in Phasen wie ein Anker nach unten zieht.

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Der Schauplatz von Pawnshop Chronicles ist das Pfandhaus von Alton (Vincent D’Onofrio), das irgendwo in einer ungewöhnlichen Südstaaten-Stadt voller noch ungewöhnlicherer Leute ansässig ist. Während Alton und sein Kumpel Johnson (Chi McBride) im Laden abhängen werden drei Geschichten präsentiert, die alle auf einzigartige Weise mit dem Pawnshop verbunden sind. Diese Geschichten handeln von durchgeknallten Speedfreaks, Entführung, Mord und gescheiterten Persönlichkeiten. Jede Story dreht sich um einem Artikel, der im Geschäft ge- oder verkauft wird, während man im Verlauf eines Tages erfahren kann wie die verschiedenen Gegenstände und Personen miteinander in Beziehung stehen. 

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In der ersten Episode kommen Kevin Rankin, Lukas Haas, Norman Reedus und Paul Walker zum Einsatz. Hier geht es um einen Tag im Leben einiger Meth-Heads, wobei schwarzer Humor nicht zu kurz kommt und Walker als „Raw Dog“ im vollen Tweaker-Modus sehr erfrischend und im vollkommenen Gegensatz zu seinen sonstigen Rollen spielt. Wie den gesamten Film über offeriert Wayne Kramer dem Zuschauer auch in dieser ersten Geschichte symbolische Anmerkungen über Religion, Politik und das Wirtschaftsleben in der amerikanischen Arbeitergesellschaft. Schon das Pfandhaus an sich symbolisiert, dass in den USA alles eine Ware ist, die ge- oder verkauft werden kann. Nichts hat echten Wert … der Wert einer Sache definiert sich über die Notwendigkeit des Verkäufers diese Sache verkaufen zu müssen. Die drei Meth-Head-Rednecks zum Beispiel sind nur an der Oberfläche „gläubig“ (an was auch immer sie glauben mögen!?), drücken ihren „Glauben“ nur über Symbole (z.B. das Swastika am Hals oder andere Tatoos) aus und haben eigentlich gar keine Ahnung warum sie glauben an was sie glauben, weil sie sich zu sehr in destruktiver Selbstverliebtheit verbrauchen. Als Vernon für tot gehalten zurückgelassen wird, erscheint ihm ein „Retter“, der ihn nicht rettet aber eine Chance zur Rache bietet. In Amerika reicht es schon an etwas zu glauben (Religion, Rassismus, Rache etc.), man muss es nicht verstehen und schon gar nicht danach leben.

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Das zweite Kapitel, mit Matt Dillon und Elijah Wood, schaltet von Schrullig auf Entsetzlich. Dillon spielt Richard, der im Pfandhaus einen Ring entdeckt, welcher seiner seit sechs Jahren vermissten Frau gehört. Er lässt buchstäblich alles stehen und liegen, um sich auf die Suche nach ihr zu begeben. Dabei ist er bereit an jedem, der mit dem Ring in Verbindung gebracht werden kann, „süße“ Rache zu üben. Horror-Fans werden dieses Segment wohl am meisten zu schätzen wissen. Hier zeigt uns Kramer wieder welchen Wert Eigentum in der sozialen Ordnung hat. Materielle Dinge/Werte sowie auch der Mensch stellen für kapitalistische „Herrenmenschen“ Objekte dar, die es auszubeuten gilt. Wood repräsentiert den Kapitalismus, der von der Arbeiterklasse (die eingesperrten Frauen) für kleine Gefallen (30 Minuten TV in der Woche, im Haus) energisch Gehorsam und Dankbarkeit einfordert. Dillon steht für den Befreier und Freiheitskämpfer, der von den Amerikanern immer abgelehnt und vernichtet wird.

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Die dritte Episode erscheint im Vergleich mit der durchgeknallten Richtung, die der Film bis jetzt eingeschlagen hat, etwas fade zu sein, bietet aber ein ziemlich bizarres Ende. Es geht um Brendan Fraser, der einen ausgebrannten Elvis-Imitator mimt, der eine wichtige Entscheidung zu fällen hat, während er auf dem Jahrmarkt auftritt. Gleichzeitig trifft eine Parade von nackten Frauen mit zombieähnlichem Gesichtsausdruck auf dem Gelände ein. In diesem Segment hält Kramer der Gesellschaft wohl am deutlichsten den Spiegel vors Gesicht. Hier soll ausgedrückt werden, dass der amerikanische Bürger ein Star sein will aber nur wenige das Zeug und Talent dazu haben und immer kleine Fische im riesigen Teich bleiben werden. Genau hier findet sich Ricky (Fraser) wieder. Als er sich in der namenlosen Südstaaten Kleinstadt seine Kotletten für den Auftritt am Abend trimmen lassen möchte, muss er sich dafür zwischen zwei identischen, nebeneinander liegenden Barber-Shops entscheiden. Kramer symbolisiert hiermit elegant das amerikanische politische System, wo es zwischen den beiden führenden Parteien (Demokraten und Republikaner) auch keinen wirklichen Unterschied gibt. Die Einheimischen glauben aber an einen Unterschied zwischen den Friseurläden und als Ricky den einen über den anderen auswählt bricht das Chaos auf der Straße aus. In den USA ist es Wahrnehmung oder Auffassung was Entscheidungen vorantreibt, wenn eine Entscheidung oder Wahl im eigentlichen Sinne gar nicht existiert. Am Abend hat Ricky endlich seinen Auftritt (für den er auf extrem peinliche Art und Weise fleißig auf dem lokalen Fernsehsender geworben hat. Überhaupt ist Ricky nur peinlich, glänzend interpretiert von Brendan Fraser.) und präsentiert sich dabei so unvorbereitet und untalentiert, sodass ihn sogar die paar angetrunkenen, einheimischen Zuschauer verhöhnen. Als er daraufhin das Angebot des Straßenpredigers (Mephistopheles !?!) annimmt ändert sich sein gesamtes Erscheinungsbild, während er Amazing Graceanstimmt. Plötzlich sehen ihn die Stadtbewohner in einem hellen Licht, wahrscheinlich weil er ihre christlichen Werte akzeptiert hat!? Gleichzeitig tauchen die nackten und mit Schmutz bedeckten Frauen auf, deren Nacktheit gleich mit amerikanischen Nationalflaggen bedeckt wird. Das Trugbild von Freiheit und Gerechtigkeit leuchtet solange die Amerikaner ihren Patriotismus und Gott haben. Die mittlerweile in Rickys Nummer integrierten Frauen, plus einer neuen No. 1, werden zu guter letzt vom wiederauferstandenen Elijah Wood abgeholt. Er kann sie ohne Probleme weglotsen, da die Einheimischen von Rickys Auftritt zu geblendet sind, um erkennen zu können was direkt vor ihrer Nase geschieht. Die Amis können dem kapitalistischen System, welches Shaw repräsentiert, nicht entkommen, da die Gesellschaft immer dem Treiben der Religion, des Patriotismus und der Finanzmacht nachgibt.

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Insgesamt handelt es sich bei Pawnshop Chronicles um einen bizarren und trotz aller Bemühungen unzusammenhängenden Film, der versucht so etwas wie eine Hinterwäldlerversion von Pulp Fiction zu sein, letztendlich aber nur ein Mischmasch aus eigenartigen Elementen ist. Obwohl auch das Drehbuch noch lange nicht brilliant ist, hat der Film trotzdem seine Momente und weiss streckenweise gut zu unterhalten. Die Schauspieler leisten allesamt gute bis sehr gute Arbeit und machen das Beste aus einem Skript, dem jeglicher wirklicher Witz und Stil fehlt. Amüsant ist der Streifen schon aber längst nicht so witzig wie er gerne sein möchte. Wahrscheinlich wird Gangster Chronicles bereits vergessen sein, bevor er überhaupt entdeckt wurde. Was allerdings schon schade wäre, denn die sozio-religiösen und politischen Anspielungen auf das amerikanische Gesellschaftsleben funktionieren meiner Meinung nach wirklich gut.

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Diese BluRay wurde uns freundlicherweise von universum film zur Verfügung gestellt.

Bluntwolf

Bluntwolf ist ein Cineast aus der goldenen Mitte Deutschlands. Sein Spezialgebiet ist das italienische Kino der 60er bis 80er Jahre, insbesondere Italowestern, Giallo und Polizio. Er ist der Chefredakteur von Nischenkino und gehört dem Redaktionsteam der Spaghetti-Western Database an.

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