The Gentlemen

Smart, knallhart und mit genialem Gespür fürs Geschäft hat sich der Exil-Amerikaner Mickey Pearson über die Jahre ein millionenschweres Marihuana-Imperium in London aufgebaut und exportiert feinsten Stoff nach ganz Europa. Doch Mickey will aussteigen. Ein Käufer für die landesweit verteilten Hanf-Plantagen muss her. Sämtliche Groß- und Kleinkriminellen der Stadt bekommen davon Wind und während Mickeys rechte Hand Ray seinem Boss den gröbsten Ärger vom Hals hält, überbieten sich alle Beteiligten mit Tricks, Bestechung, Erpressung und anderen fiesen Täuschungen und lösen eine folgenschwere Lawine aus… (Concorde Home Entertainment)

Ähnlich wie Martin Scorseses Rückkehr zu seinen Leisten im letzten Jahr ist auch Guy Ritchie zu seinem charakteristischen Stil zurückgekehrt, um einen weiteren britischen Gangsterfilm zu erzählen. Ritchie hat sich als rasanter und oft unberechenbarer Geschichtenerzähler sicherlich einen Namen gemacht. Seine früheren Gangsterfilme der letzten zwei Jahrzehnte – Snatch – Schweine und Diamanten und Bube Dame König grAS – gelten als einige der denkwürdigsten Filme, die jemals in Großbritannien produziert wurden. Ritchie führt mit einem rasenden, rasanten und oft irritierenden Sinn für Stil Regie. Diese Art von Gangsterfilm ist ihm nicht fremd, weshalb The Gentlemen hauptsächlich funktioniert, obwohl er sich gleichzeitig wie ein Film anfühlt, der 15 Jahre zu spät dran ist.

Matthew McConaughey spielt hier seine Stärken als meist ruhiger und besonnener Marihuana-Händler aus, der die Drogenszene in Großbritannien übernommen hat. Seine Vorstellung als Mickey Pearson ist als nichts besonders zu beschreiben, doch die Rolle eines Marihuana-Kingpins zu übernehmen konnte er sich einfach nicht entgehen lassen. Seine rechte Hand Ray (Charlie Hunnam / Sons of Anarchy) hält Mickey unter Kontrolle und räumt seine Unordnung auf. Eines Nachts nach der „Arbeit“ kommt Ray nach Hause und findet in seinem Haus einen heruntergekommenen Zeitungsautor namens Fletcher (einen fast nicht wiederzuerkennenden Hugh Grant) vor. Fletcher weiß alles über Ray und Mickeys Marihuana-Imperium und möchte 20 Millionen Dollar für sein Schweigen.

In dem Moment, in dem Hugh Grant anfängt zu reden, weiß man, dass man zumindest einen unterhaltsamen Film sehen wird. Grant chargiert in seiner Rolle als Fletcher, indem er einen schleimigen und rücksichtslosen Reporter ohne Scham darstellt, wobei er mit Sicherheit das Beste an diesem Film ist. The Gentlemen beginnt seine Geschichte dann damit, dass Fletcher berichtet, was er aus seinen eigenen verdeckten Ermittlungen zusammengetragen hat. Man wird nun in eine Geschichte hineingezogen, die man schon eine Million Mal gesehen hat. Mickey Pearson will sich aus dem Drogengeschäft zurückziehen, was ein Macht Vakuum hinterlassen wird.

Deswegen tritt Henry Golding als chinesischer Gangster „Dry Eye“ auf den Plan. Er möchte Mickey einen großartigen Preis für die Übernahme seines Geschäfts anbieten. Es gibt jedoch auch andere potenzielle Käufer. Es ist zwar schön Jeremy Strong nach seiner spektakulären zweiten Staffel von Succession auf HBO zu sehen, doch hier wird er teilweise verschwendet. Sein Charakter Matthew stellt einen amerikanischen Geschäftsmann dar, der auch den Marihuana-Markt kontrollieren will. Mit drei Charakteren, die alle versuchen, die Macht der boomenden Weed-Industrie zu übernehmen, kann man davon ausgehen, dass sehr bald Blut vergossen wird.

Guy Ritchie-Filme sind stets für ihr Draufgängertum bekannt sowie für ihre übermütige Darstellung, dass alles, was auf der Leinwand passiert, ganz einfach „das Coolste“ ist. Obwohl es viele stilistische Momente gibt, die es verstehen zu überzeugen, scheint die Handlung fast überraschend einfach gehalten zu sein. Ein Großteil der Laufzeit wird Fletcher und Ray gewidmet, die aufdröseln, was in den letzten Wochen vor ihrem aktuellen Treffen tatsächlich passiert ist. Eine Nebenhandlung über die Tochter eines wohlhabenden Herrn, die aus einem mit Heroin-Junkies verseuchtem Wohnhaus gerettet werden muss, ist auch noch vorhanden. Während es The Gentlemen an einer packenden Handlung mangelt, retten die Charaktere und dialogintensiven Szenen den Film wirklich aus seinem mit Banalitäten gefüllten Sandkasten.

Seltsamerweise repräsentieren diese Augenblicke die besten Teile des Films. Wenn The Gentlemen von den typischen Gangsterfilmmomenten abweicht, geschehen doch tatsächlich einige ziemlich interessante Dinge. Colin Farrell taucht als Boxtrainer auf, der nur versucht seine Schüler davon abzuhalten, Teil von Mickeys Bande zu werden. Die kleineren Erzählstränge des Films scheinen fast direkt im Widerspruch zur Klischee-Gangster-Erzählung zu stehen. Zum Glück gibt es nur wenige Szenen zu bestaunen, in denen Konkurrenten ausgeschaltet werden. Der Machtkampf zwischen Mickey, den beiden potenziellen Käufern seines Geschäfts und dem Zeitungstypen Big Dave (Eddie Marsan), der versucht Mickey zu Fall zu bringen, fühlt sich nie vollständig rund an.

Davon mal abgesehen hat Charlie Hunnam als McConaugheys rechte Hand eine Menge Spaß. Tatsächlich zeigt fast jeder eine bessere Leistung als der Hollywood-Hauptdarsteller. Hunnam ist als ein durchweg guter Schauspieler zu bezeichnen und es ist großartig, ihn in einer so spaßigen Hauptrolle zu sehen. Er passt absolut in die Rolle eines loyalen, rücksichtslosen aber letztendlich vernünftigen Handlangers. Michelle Dockery spielt großartig als McConaugheys Ehefrau Rosalind, doch sie hat hier nicht viel zu tun, obwohl sie in ein paar wirklich gute Szenen zum Einsatz kommt, in denen sie sich gegen einige Bösewichte behaupten kann. Was sich als ein wenig enttäuschend herausstellt ist, dass sie die einzige Frau auf dem Poster repräsentiert und die geringste Bildschirmzeit von allen abbekommen hat.

Wäre The Gentlemen in den frühen 2000ern veröffentlicht worden, würde er sehr gut zu Snatch passen. Er ist nicht so dreckig, da die Gangster hier größtenteils aus der Oberschicht stammen, was die Gossen- und Schmutzästhetik von Snatch kompromittiert. Angesichts des Titels des Films vermag dies allerdings nicht zu überraschen. Frisch würde sich der Streifen jedoch nur anfühlen, wenn in den letzten Jahren nicht zwei bzw. drei Kingsman-Filme veröffentlicht worden wären. Diese Filme versuchen, obwohl auch dreckig, Gentlemen der oberen Klasse in einer Rolle vom Typ James Bond zu etablieren. Das soll nun nicht bedeuten, The Gentlemen hätte nichts Interessantes zu bieten. Es sind einige set-pieces vorhanden, die sich wirklich recht lustig gestalten. Colin Farrell und Charlie Hunnam sind beide sehr gut aufgelegt, wovon der Film enorm profitiert. Sobald The Gentlemen seine Struktur auflöst, hat der Flick seine stärksten Momente. Manchmal präsentiert er sich ein bisschen chaotisch, doch man kann sagen, dass es wohl allen Beteiligten Spaß gemacht hat an diesem Werk mitzuarbeiten. The Gentlemen ist vulgär, gewalttätig, unberechenbar und geht über Tische sowie Bänke – sodass man durchaus seinen Spaß an dem Streifen haben kann.

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  • Darsteller: Matthew McConaughey, Charlie Hunnam, Henry Golding, Colin Farrell, Hugh Grant
  • Regisseur(e): Guy Ritchie
  • Format: Breitbild
  • Sprache: Deutsch (Dolby Digital 7.1), Englisch (Dolby Digital 7.1)
  • Untertitel: Deutsch
  • Bildseitenformat: 16:9 – 2.40:1
  • Anzahl Disks: 1
  • FSK: Freigegeben ab 16 Jahren
  • Studio: Concorde Video
  • Produktionsjahr: 2019
  • Spieldauer: 110 Minuten

Diese BluRay sowie das Bildmaterial wurde uns freundlicherweise von Concorde Home Entertainment zur Verfügung gestellt.

Bluntwolf

Bluntwolf ist ein Cineast aus der goldenen Mitte Deutschlands. Sein Spezialgebiet ist das italienische Kino der 60er bis 80er Jahre, insbesondere Italowestern, Giallo und Polizio. Er ist der Chefredakteur von Nischenkino und gehört dem Redaktionsteam der Spaghetti-Western Database an.

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