Blutiger Zahltag / La ragazza dal pigiama giallo

In einem Autowrack am Strand wird eine bis zur Unkenntlichkeit entstellte Frauenleiche gefunden, die einen auffälligen gelben Pyjama trägt. Das Opfer wurde erschossen und ihr wurde zusätzlich der Schädel eingeschlagen, bevor man versuchte sie zu verbrennen. Die Stadt ist in Aufruhr und die Polizei gerät unter immensen Druck, den Mörder so schnell wie möglich zu finden. Inspektor Ramsey, von der Mordkommission, scheint bislang im Dunkeln zu tappen, da das Motiv im Unklaren liegt. Der bereits pensionierte Inspektor Thompson bietet ihm seine Hilfe an und es scheint, dass er aufgrund seiner unorthodoxen Ermittlungen und der jahrelangen Erfahrung immer einen Schritt voraus ist. Als sich die verfolgte Spur tatsächlich als brandheiß herausstellt, wird es für den ehemaligen Inspektor sehr gefährlich. Vom Polizeiapparat ist jedoch keine Hilfe zu erwarten, da man bereits den mutmaßlichen Täter, einen altbekannten Voyeur, dingfest gemacht hat und des Mordes beschuldigt…(filmArt)

Blutiger Zahltag ist einem relativ seltenen Subgenre zu zurechnen, dem faktenbasierten Giallo. Der Film wurde von einem wahren Fall inspiriert, der 1934 in Aubrey, einem Dorf in New South Wales (Australien) tatsächlich stattgefunden hat. Nachdem ein Bauer den verkohlten Körper einer jungen Frau in einem Abwasserkanal entdeckt hatte, ergab die Autopsie, dass sie in den Hals geschossen und dann brutal zu Tode geprügelt worden war, bevor der Versuch unternommen wurde, alle Beweise durch Verbrennung zu vernichten. Die ersten Versuche das Opfer zu identifizieren scheiterten zunächst, denn niemand schien eine Ahnung zu haben, wer sie war, was für alle Beteiligten eine Überraschung darstellte, da Aubrey die Art von Kleinstadt ist, in der jeder jeden kennt. Der einzig brauchbare Hinweis war ein gelber Seidenpyjama, der unter den Überresten des Mädchens gefunden wurde. Die Kombination aus warmem Wetter und dem fortschreitenden Zerfall des Körpers veranlasste die Behörden zu einer beispiellosen Aktion, um die Identität des Mädchens herauszufinden: Die Leiche wurde öffentlich ausgestellt. Die Überreste der jungen Frau wurden in einem speziellen Durchsichtbehälter konserviert und versiegelt, so dass man den Körper von allen Seiten betrachten konnte. Über zehn Jahre lang wurden die verschiedensten Theorien diskutiert, bevor die Identität des Mädchens letztendlich doch noch offenbart werden konnte. Es handelte sich um Linda Agostini, eine britische Frau, die nach Australien ausgewandert war und dort einen anderen Einwanderer namens Antonio Agostini geheiratet hatte. Eine Untersuchung ergab, dass Linda 1934 von ihrem Ehemann weggelaufen und seitdem verschwunden war. Antonio wurde verhaftet, verhört und er gestand seine Frau versehentlich getötet zu haben. Doch das Geständnis wurde mit Skepsis betrachtet, da bei der Vernehmung Gewalt angewendet worden war. Nichtsdestotrotz wurde er des Mordes angeklagt und wegen Totschlags zu sechs Jahren Gefängnis verurteilt. Dennoch kamen immer wieder verschiedene Theorien auf, welche die öffentliche Faszination für den Fall im Laufe der Jahre weiter anwachsen ließ. Der australische Autor Hugh Geddes schrieb eine Studie über den 1978 veröffentlichten Fall unter dem Titel The Pyjama Girl Case, während eine neuere Studie eines anderen australischen Schriftstellers, Richard Evans, mit dem Titel The Pyjama Girl Mystery, berechtigte Zweifel darüber aufwarf, ob es sich beim Opfer überhaupt wirklich um Linda Agostini handelte. Seiner Forschung zufolge existierten zu viele physische Diskrepanzen zwischen den Überresten des Opfers und den Beschreibungen von Agostinis Körperbau und Körperstruktur. Ähnlich wie beim berüchtigten Black-Dahlia-Case inspiriert der Fall des Pyjama Girls noch immer Debatten und Interesse unter Kriminalwissenschaftlern.

Die Geschichte wurde zum ersten Mal im australischen Dokumentarfilm The Pyjama Girl Murder Case (Kurzfilm, 1939) dramatisiert. Dieser Giallo von Flavio Mogherini versucht den Fall zu aktualisieren, behält aber bei der Erzählung der Geschichte viele grundlegende Fakten bei. Mogherinis Ansatz vermeidet dabei plumpe Sensationsgier und weist eine überraschende Sensibilität auf. Im Film wird Linda Agostinis Charakter durch Glenda Blythe ersetzt, die nicht Engländerin, sondern Holländerin ist und in mancher Hinsicht sympathischer zu sein scheint, als das Original. Während Linda Agostini Alkoholikerin und ein sogenanntes Partymädchen gewesen war, wird Glenda wegen ihres guten Aussehens sowie ihrer naiven Veranlagung ausgenutzt. Glenda ist nun nicht vollkommen weltfremd und zudem frei und offen in ihrer Sexualität, allerdings hauptsächlich durch den Wunsch motiviert, auf lange Sicht Liebe und Glück zu finden. Alle ihre Beziehungen enden in Enttäuschung. Ihr Ehemann Antonio ist ein Verlierer und ein Dummkopf, ihre alte Flamme Roy interessiert sich nur für Sex und Professor Douglas, ein älterer Mann, auf den sie ihre Hoffnungen setzt, entpuppt sich als oberflächlicher Poseur. Die Szene, in der ihr klar wird, dass sie von Douglas getäuscht wurde, ist eine der bewegendsten im Film. Ihre spätere Entscheidung, die Männer, die nur mit ihr gespielt haben, zu bestrafen, wird nicht gerade packend inszeniert, da sie den letzten verzweifelten Akt einer Frau darstellt, die versucht, sich aus ihrer bedrückenden Umgebung zu befreien. Trotzdem arbeitet Mogherini hier mit einer Menge Stil und Liebe zum Detail. Die Plot-Struktur ist genial, wobei zwischen Polizeiprozedur und häuslichem Drama gewechselt wird (was sich eindeutig vom „klassischen Giallo“ abgrenzt). Die Polizeiszenen funktionieren dabei wirklich gut, weil Inspektor Thompsons Charakter so humorvoll und engagiert angelegt ist. Er hat einen ausgefallenen, komischen Sinn für Humor und ist als Rentner offensichtlich enorm gelangweilt, so dass er sich inmitten einer solchen Untersuchung wiederbelebt fühlt. Er steht bewusst im Gegensatz zum langweiligen Inspektor Ramsey, der die Untersuchung offiziell leitet. Ramsey repräsentiert die kalte, bürokratische Seite moderner Polizeiarbeit, während Thompson den bunteren, intuitiveren und deduktiven Ansatz der alten Schule bevorzugt. Mogherini hebt auch die diskriminierenden Untertöne des Falles hervor. Die verschlossen abwehrende Haltung der Einheimischen gegenüber „Fremden“ oder „Außenseitern“ stellt sich nicht gerade als Vorteil für Glenda, Antonio und ihren Freund Roy heraus. Alle drei gelten als „Ausländer“ und werden daher von der fremdenfeindlichen Kultur insgesamt mit Argwohn betrachtet. Dieser Aspekt hat sicherlich seine Ursprünge in der realen Untersuchung. Die Vorstellung, das Verbrechen einem „Ausländer“ anzulasten, war damals wünschenswert, da es andeutete, dass nur jemand „Fremdes“ solche abscheulichen Taten begehen könne. Mogherinis Betonung dieser rückständigen Mentalität trägt dazu bei, dem Film eine echte emotionale Schlagkraft zu verleihen.

Der Film bewegt sich in sehr gutem Tempo und bleibt durchweg spannend, auf der einen Seite aufgrund seiner Puzzle-Struktur und auf der anderen Seite, weil die Charaktere und ihre Beziehungen wirklich interessant und sorgfältig ausgearbeitet worden sind. Carlo Carlinis Kinematographie ist zum Genießen. Er und Mogherini ergänzen sich großartig, halten die Kamera unaufdringlich in Bewegung und wissen Farben sowie Dekor hervorragend einzusetzen, um Stimmung und Atmosphäre zu erzeugen. Der Gesamteindruck wird durch einen grandiosen Disco-Soundtrack von Riz Ortolani unterstützt. Die Verwendung einiger Lieder, die von der Sängerin Amanda Lear aufgeführt werden, mögen den Film ein wenig altmodisch erscheinen lassen, sie dienen jedoch als angenehmer Refrain-artiger Kommentar zur Handlung und sind gut in den Soundtrack integriert. Die Besetzung ist ebenfalls erstklassig. Die wunderschöne Dalila Di Lazzaro gibt eine sensible und bewegende Vorstellung als Glenda. Sie ist eine Person, für die man mitfühlt, da Di Lazzaro sie äußerst sympathisch rüberbringt. Ihre Verwandlung von einer sinnlichen, freigeistigen Frau zu einem enttäuschten und zerschlagenen Schatten ihres früheren Ichs gelingt ihr dabei am überzeugendsten. Ray Milland ist großartig als der streitsüchtige, aber charmante Inspektor Thompson. Milland musste gegen Ende seiner Karriere oftmals verrückte alte Männer spielen, aber diese Rolle hier erlaubt es ihm, etwas willkommenen Humor hinzuzufügen, was ihm scheinbar sehr gut gefiel. Die Riege der Nebendarsteller enthält außerdem eine Reihe von bestens bekannten Giallo-Veteranen, darunter Mel Ferrer als Professor Douglas, Michele Placido als Antonio und Howard Ross als Roy. Alle drei legen starke Auftritte hin, wobei besonders Placido als trauriger Ehemann beeindruckt, der mit dem Aspekt des Versagens in seinem Leben nicht fertig wird.

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  • Darsteller: Ray Milland, Dalila Di Lazzaro, Michele Placido, Mel Ferrer, Howard Ross
  • Regisseur: Flavio Mogherini
  • Format: Limited Edition
  • Sprache: Italienisch (Stereo 2.0), Deutsch (Stereo 2.0), Englisch (Stereo 2.0)
  • Untertitel: Deutsch
  • Region: Region 2
  • Bildseitenformat: 16:9 – 1.77:1
  • FSK: Freigegeben ab 16 Jahren
  • Studio: filmArt
  • Produktionsjahr: 1977
  • Spieldauer: 98 Minuten

 

Blutiger Zahltag erscheint als #8 (1977!?) der filmArt Giallo Edition als DVD und ist auf 1000 Stück limitiert. Das Bild wird im 1,85:1 Format (anamorph) präsentiert und macht einen wirklich sehr guten Eindruck, während auch beim Ton kein Grund zur Beschwerde besteht. Hier kann man zwischen der italienischen, englischen und deutschen Spur wählen, die sich alle klasse hören lassen. Möchte man sich den Film lieber im Originalton ansehen, so stehen deutsche Untertitel zur Verfügung. Als Extras beinhaltet die Scheibe, neben den italienischen sowie englischen Kinotrailern und dem Featurette „Der Giallo über den gelben Pyjama“ mit Howard Ross noch ein umfangreiches und unterhaltsam zu lesendes Booklet mit 22seitigem Text von Tenebrarum Autor Martin Beine. filmArt gelingt eine, wie nicht anders erwartet, tolle Veröffentlichung eines kleinen aber feinen Drama/Giallo-Hybriden (ein sogenannter „klassischer Giallo“ liegt hier nicht vor), der sicherlich nicht im Fahrwasser der Großen der Genres schwimmt aber dennoch bestens zu unterhalten weiß. Auf jeden Fall mehr als ein Blick wert!

Diese DVD wurde uns freundlicherweise von filmArt zur Verfügung gestellt.

Bluntwolf

Bluntwolf ist ein Cineast aus der goldenen Mitte Deutschlands. Sein Spezialgebiet ist das italienische Kino der 60er bis 80er Jahre, insbesondere Italowestern, Giallo und Polizio. Er ist der Chefredakteur von Nischenkino und gehört dem Redaktionsteam der Spaghetti-Western Database an.

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