Brennendes Indien (North West Frontier)

North West Frontier ist ein britisches Historienepos aus dem Jahr 1959 mit Kenneth More, Lauren Bacall und Herbert Lom in den Hauptrollen. Regie führte J. Lee Thompson (Ice Cold in Alex, Cape Fear), der in den 60ern und 70ern einen bemerkenswerten Output hinlegte und sich zum Ende seiner Karriere hin zum Charles Bronson Haus- und Hofregisseur entwickelte (The Evil that Men Do, Kinjite).

Nordwest Indien 1905. Der Film handelt von dem britischen Hauptmann Scott (Kenneth More) der den Erstgeborenen des Maharadscha und sein amerikanisches Kindermädchen Catherine Wyatt (Lauren Bacall) in Sicherheit bringt, kurz bevor dessen Palast an die Rebellen fällt und der Maharadscha getötet wird. Scott erhält vom britischen Gouverneur der Provinz nun den Auftrag, den künftigen Hindu-Thronfolger nach Delhi zu bringen. Dazu müssen sie mit einer restaurierten Dampflok den Belagerungsring der Aufständischen Truppen durchbrechen und durch gefährliche Gegenden. Mit dabei ist der journalist Von Leyden (Herbert Lom), Ladz Windham die Frau des Gouverneurs (Ursula Jeans), Lokführer Gupta (I.S. Johar), der Waffenwhändler Peters (Eugene Deckers) und einige wenige Soldaten. Es beginnt eine todgefährliche Reise, auf der sie letztlich auch inneren Feinden trotzen müssen….

Gleich vorweg: Ich habe North West Frontier unterschätzt. Das mag am drögen Cover, dem etwas lahmen Trailer oder der Beschreibung gelegen haben. Jedenfalls ist der Film deutlich besser als gedacht – und ich liebe es, von Filmen positiv überrascht zu werden, auch wenn es an meinen eigenen niedrigen Erwartungen lag. Der Film ist nicht nur ein schönes, und recht spannendes, Eisenbahn-Abenteuer, es ist auch ein Mikrokosmos and brenzligen Themen die fast schon ein einer Art Roadmovie (bzw. Railmovie) verpackt sind, das unter seiner harten Schale aus Abenteuer, Action und Spannung viel zu bieten hat. Teilweise fühlte ich mich an den sehr anderen aber vielleicht gar nicht so anderen Dark of the Sun erinnert, der ähnliches bietet aber als quasi-Exploitationer viel höhere Erwartungen schürt.

Die Landschaften erinnern zunächst natürlich an einige Italowestern, da der Film (wenn auch zu anderen Jahreszeiten) in Südspanien gedreht wurde. Diese sind auch wichtig denn der Film spielt tatsächlich zu 99% auf einer Eisenbahn und die abenteuerliche Fahrt durch die teils kargen, teils etwas grünen, Hügel Andalusiens sind die Kulisse des Dramas. Viel spielt sich natürlich in den vier Wänden der Wagons ab. Die oben geschilderte Vielschichtigkeit des Films klappt vor allem deswegen gut, weil die sehr interessanten Charaktere hier ein gemeinsames Schicksal durchmachen was zu spannenden Konflikten führt. Diese über vornehmlich Dialoge ausgetragenen Konflikte, aber am Ende nicht nur mit Worten, offenbart die stärken des Drehbuchs, das sich nicht immer super kompetent aber zumindest mit einiger Ambition an die Themen Kolonialismus, der Rolle des Journalismus, Geschlechterrollen, Rassismus, Religion, Krieg, Waffenhandel und vielem mehr auseinandersetzt. Besonders unterstrichen wird, wenn man genau hinhört, die Arroganz des britischen Kolionalismus („they are children“), der Vorwurf der klaren Parteiergreifung zu Gunsten der Hindu und einige andere Themen die westliche Einmischung zum Thema haben, darunter Waffenhandel.

Zu viel Geschichtslektion sollte man dem Film aber am Ende nicht abverlangen, da empfiehlt sich eher eine Buchlektüre, aber spannend allemal sich davon inspiriert schlau zu machen wie die britische Kolonialzeit in Indien zu Ende ging und beispielsweise Pakistan entstand. Der Film ist spannend gefilmt, gut geschnitten, das Drehbuch hat es in sich und der Unterhaltungsfaktor ist hoch. Es ist zwar ein enigermaßen langer aber gleichzeitig kurzweiliger Film der mehr zu bieten hat als ein paar in die Tage gekommene Schlachtenszenen. Sehr empfehlenswert.

Die BluRay von Pidax bietet hier die 130-minütige ungekürzte Langfassung des Klassikers an. Die Bildqualität geht so. Das Bild weist Flackern, auch manchmal Bildschäden, blasse Stellen und Unschärfen auf, um die penibelste 4K Restauration kann es sich bei dem hier lizenzierten Material nicht gehandelt haben. Dafür bleibt der Filmlook trotz sichtbarem DNR gut erhalten, die Farben sind auch halbwegs in Ordnung und dem Filmgenuss steht hier wenig im Weg, auch wenn man sich gerade aufgrund der in so einem Film dominiertenden Einsatz von Totalen etwas höher aufgelöste Bilder gewünscht hätte. Der Ton klingt okay, bietet aber nicht viel Dynamik und klingt teilweise auch etwas dumpf (Englisch getestest). Die deutsche Synchronfassung ist auch an Bord. Es gibt keine Untertitel (außer für einige Passagen die nie auf deutsch Synchronisiert wurden – teilweise sind das Dialogpassagen die religiöe, rassistische oder politische Hintergründe zum Gegenstand haben, aber nicht immer). Mal wieder spart das Label an der falschen Stelle. Als Extras gibt es nur eine Bildergalerie.

Insgesamt eine solide Präsentation, aber möglicherweise nichts was man im Regal stehen haben muss. Ich weiß aber, dass der Film auch viele Bewunderer hat. Diese werden sich aber über die maximal durchschnittliche Veröffentlichung nicht übermäßig erfreuen vermutlich.

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Brennendes Indien
Die im Artikel verwendeten Bilder entsprechen nicht der Qualität der BluRay.

Sebastian

Gründer und Inhaber von Nischenkino. Gründer von Tarantino.info, Spaghetti-Western.net, GrindhouseDatabase.com, Robert-Rodriguez.info und FuriousCinema.com

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