Das Taubenhaus

Das Taubenhaus (La Casa de las Palomas) ist ein spanisches Liebesdrama von 1972 mit Ornella Muti (Die nackte Bourgeouisie) und Glen Lee (vielleicht noch aus Ella von Tulio Demicheli bekannt, seine Karriere war sehr kurz und kaum auffällig) in den Hauptrollen. Vorletzte Film des kaum bekannten Regisseurs Claudio Guerín, als Claudio Guerin Hill (dessen allerletzter Film vor seinem Tod 1973, Bell from Hell, wenigstens interessant klingt).

Witwe Alexandra (Lucia Bosé) und ihre Tochter Sandra (Ornella Muti) leben in einer Luxusvilla, der befreundeterLandarzt Enrique (Luis Davila) hofiert die Witwe manchmal, aber ansonsten lebt sie zurückgezogen. Eines Tages kommt Fernando (Glen Lee) wieder in die Kleinstadt, eine alte Jugendliebe von Alexandra. Auch die junge Sandra fühlt sich von dem wild anmutenden jungen Mann angezogen, um den sich die aufregendsten Gerüchte ranken. Doch der Schock sitzt tief, als sich herausstellt, dass er mal das Boytoy der älteren Virginia (Caterina Boratto) war. Alexandra ist daraufhin verbittert und enttäuscht, geglaubt zu haben die beiden können es nochmal miteinander versuchen, und lässt ihn abblitzen. Fernando ist verärgert, und bandelt aus Trotz mit er jungen Sandra an, um es Alexandra heim zu zahlen. Um keine Nachrede zu erzeugen nimmt er sie mit in das „Taubenhaus“ von Marilu (Carmen de Lirios), in dem sie sich aber heute nur noch um echte Tauben kümmert….. doch die inszenierte Affaire mit der Minderjährigen gerät ihm außer Kontrolle…..

Untermalt von der schönen, aber unauffälligen Musik von Francesco de Masi (als Francisco de Masi hier aufgeführt), spielt sich vor schöner Kulisse und wunderschönen Sets eine flache kleine Liebesgeschichte ab, die bis auf ein paar schöne Aufnahmen handwerklich nicht besonders zu überzeugen weiß, aber im Kontext seiner Zeit etwa ab der Hälfte des Films brenzlig und kontrovers, aber nicht schmuddelig oder überhaupt besonders erotisch, wird. Lee und Muti dürfen sich ein wenig im Bett herum rollen und schmusen, aber es ist Spanien Anfang der 70er, die Story ist für sich schon ein Skandal, und der Wimpernschlag von Fräulein Muti zusammen mit tendenziösen Dialogen tun ihr übriges.

Etwas typisch das Sujet des Films für diese Zeit: Katholizismus und Liebesdrang prallen aufeinander, die Sehnsüchte junger Teenies in kurzen Schuluniformen, mehr als vielleicht nur die „catholic school girl fantasy“ der Filmemacher. Das junge Alter von Muti (damals gerade mal 17) und Co macht den Film aus heutiger Perspektive etwas unangenehm, aber vielleicht muss man darüber einfach mit etwas Toleranz hinweg sehn, genauso wie über den peinlichen Schnauzer von Glen Lee. Kubricks Lolita war zu dem Zeitpunk auch schon 10 Jahre her, doch heute noch viel mehr als damals, als es einfach als unziemlich betrachtet wurde, ist das frivole Rebellieren des jungen Mädchens das dem erwachsenen Bad Boy hinterher rennt, an der Grenze zu unangenehm.

Der Film kann gleichermaßen ein wenig als Slow-Burner bezeichnet werden: es ist ein unglaublich ruhiger, langsamer Film, ohne viel Drama, aber – ohne zu viel zu verraten – trotz des B-Movie-Charms bietet er zu Ende ein mitreissendes, einprägsames Ende in dem Muti mit Mimik mehr an Drama transportiert als Lee mit doofen Phrasen den ganzen Film über. Guerin lässt in diesen wenigen Augenblicken künstlerischen Glanzes durchblicken, dass er es noch zu großen Leistungen gebracht hätte. Hier haben ihn sicherlich ein schwaches Drehbuch und möglicherweise auch die spanische Zensur, zurückgehalten.

Als der Abspann läuft, grüble ich daher, ob ich den Film für einen billigen, überspringbaren kleinen Schmalz halten soll, oder ich den künstlerischen Versuch würdige, die Thematik des Films gekonnt, wie ein Balanceakt zwischen Anspruch und Exploitation, in schönen Bildern und ergreifenden Szenen, darzustellen. Ich bin unentschlossen. Jedenfalls fand ich den Film zu Ende jedoch zum Einen viel besser als erwartet, und zum Anderen auch besser als es die ersten 50 Minuten des Films hätten erwarten lassen. Wenn man auf die Karriere der schönen Ornella Muti zurückblickt, ist Das Taubenhaus vielleicht nicht ihr Le Mepris, aber es war trotzdem erst ihr fünfter Film und sie hatte da schon mit Damiani, Lenzi und Stegani zusammen gearbeitet, und ihre Karriere ging von dann an nur noch bergauf.

Die BluRay von Donau Film präsentiert den Film in insgesamt doch recht akzeptabler Bildqualität, aber es haut nicht wirklich um. Lobenswert allemal, dass der Film in HD präsentiert wird, vielleicht gewinnt er dadurch neue Anerkennung.Als Sprachoptionen gibt es Deutsch und Spanisch je DTS HD 2.0, optional dt. Untertitel. Der spanisch Ton klingt nicht so super, die deutsche Synchro klingt da ein wenig besser. Beide sind jedoch nachsynchronisierte Tonspuren, die Originalstimmen der Schauspielerinnen und Schauspieler bekommt man hier somit nicht zu hören. Zudem wird dann aus Fernando Fabrizio in den Untertiteln, was ein wenig darauf hindeutet, dass sich die deutsche Synchro von damals eher an der italienischen Fassung des Films orientiert haben könnte, die hier nicht enthalten ist. Die Untertitel sind außerdem nicht passgenau zum spanischen Ton. Es gibt Untertitel mit Inhalten an Stellen in denen nicht gesprochen wird (vielleicht ein Voiceover in der dt. Fassung) und es gibt Worte die nicht untertitelt sind. Nicht gravierend. Das Menü verhält sich wie bei einer DVD, hier floss etwas wenig Handwerkskunst ein. Sehr schön allerdings: Es gibt ein Wendecover mit originalem Postermotiv. Als Extras gibt es nur eine kleine Bildergalerie und eine Trailershow von Donaufilm.

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Die DVD gibt es im Rahmen unserer Café Nischenkino Verlosung zu gewinnen.

Die BluRay wurde uns freundlicherweise von Donau Film zur Verfügung gestellt.

Sebastian

Gründer und Inhaber von Nischenkino. Gründer von Tarantino.info, Spaghetti-Western.net, GrindhouseDatabase.com, Robert-Rodriguez.info, TripleFeatureFoundation.org und FuriousCinema.com

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1 Antwort

  1. „Vorletzte Film des kaum bekannten Regisseurs Claudio Guerín, als Claudio Guerin Hill (dessen allerletzter Film vor seinem Tod 1973, Bell from Hell, wenigstens interessant klingt).“
    What? Du kennst den tollen EIN TOTER LACHT ALS LETZTER noch nicht?

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