Manhunt

John Woo, von Fans verehrter Altmeister des Hong Kong Actionkinos der 80er und 90er, kehrt mit Manhunt zu seinen Wurzeln zurück. So oder so ähnlich schien die einhellige Meinung in der Fachpresse in den letzten Monaten zu sein, bevor der Film vor einiger Zeit nun auf Netflix seine Heimkino-Premiere feierte. Manhunt versprach schnelle Action und weiße Tauben in Slow-Motion. War John Woo nach vielen Jahren wieder auf dem Weg in die von den Fans verehrten Genres?

Manhunt erzählt die Geschichte des Anwalts Du Qiu (Zhang Hanyu), der unfreiwillig in einen Mordfall verwickelt wird, als sämtliche Beweise vor Ort darauf hindeuten, dass er eine hübsche Frau nach einem Abendempfang brutal bei sich zuhause ermordet hätte. Wissend dass man ihm den Mord anhängen will, flieht er, um irgendwie zu beweisen, dass Sakai (Jun Kunimura), der Boss des Pharmakonzerns für den er in der Vergangenheit große Deals verhandelt hat, dahinter steckt. Eine Menschenjagd auf Du beginnt, quer durch Osaka. Nebenbei ermittelt Detektiv Yamura (Masahara Fukuzama), dem schnell dämmert, dass der Fall nicht ganz so einfach ist wie die Indizien vor Ort es vermuten lassen. Yamura und Du haben letztlich mehr gemeinsam als sie glauben, aber sie sind beide zu misstrauisch um zusammen zu arbeiten. Um sie rum sterben wichtige Zeugen und Täter, denn ein geheimes Duo von Auftragskillerinnen, Rain und Dawn (Ha ji-won und Angeles Woo) stecken in dieser Verschwörung mit drin….

Als wir Manhunt vor einigen Wochen als Streaming-Tip ankündigten, entbrannte auf unserer Facebook Seite gleich ein kleiner „Zank“. Richtig ist wohl, dass man bei dem Namen John Woo Erwartungen hat, die das, was er mit Manhunt abliefert, klar und deutlich übersteigen. Leider, so viel vorweg. Auch die Vermutung, dass es sich hier um einen Seitenhieb handeln könnte, oder gar einen leicht selbstkritischen, ironischen Film, mag ich nicht wirklich teilen. Dafür wirkt der Film einfach zu ernst und angestrengt.

Manhunt ist handwerklich solide, aber in der Tat absichtlich oder unambitionierterweise kein Schritt nach vorne seit den 80ern. Während er mit Face/Off und später auch Windtalkers seinen Stil mit größeren Budgets zu immer größenwahnsinnigeren Actionsequenzen auf der Leinwand ausgebaut hat, und damit auch als Filmemacher gewachsen ist, geht es hier einen Schritt zurück. Ich habe The Crossing leider noch nicht gesehen, das politisch heikle Historiendrama mit dem er in China gefloppt war, es scheint mir aber als hätte Woo einfach erstmal die Schnauze von den Epen voll gehabt und wollte zur Abwechslung etwas handfesteres machen. Herausgekommen ist ein fades Actionfilmchen mit fast keinerlei Ausstrahlung oder Tiefe, und noch dazu einem billigen Video-Look.

Der Film ist dahingehend dann auch nicht so retro wie man vermutet hätte. Er spielt noch nicht einmal in Woos Heimat Hong-Kong, sondern in Osaka. Deshalb ist der Film primär japanisch, nur teilweise auf englisch und chinesisch. Das macht ihn zwar ein wenig kosmopolitisch und modern, trägt aber nicht zum old-school Woo Gefühl bei. Überhaupt scheint Woo seiner Heimat überdrüssig. Schon vor einigen Jahren produzierte er ein Remake seines Klassikers A Better Tomorrow, aber in Korea. Und nun ist sogar ein Remake von The Killer angekündigt, mit Lupita Nyong’o in der Hauptrolle. Was einige Optimisten aus meiner Sicht als Retro oder Throwback auffassen ist hier einfach ein Trailer in Spielfilmlänge, mit viel Feuerwerk für die Popcorn-Fraktion aber ohne irgendwelche Magie oder Ästhetik. Der Funke springt nicht über, die Effekte sind billig, der Stil wirkt zu aufgesetzt. Teilweise spielte Woo hier mit der Filmgeschwindigkeit, lässt das Bild stottern, springen, als ob er ein neues Videobearbeitungs-Programm ausprobieren würde.

Was soll ich dem Film abgewinnen? Ja, die Stars tun ihr Bestes, mal davon abgesehen, dass man sie außerhalb ihrer Heimat wohl kaum kennen wird, von Jun Kunimura (international auch aus Kill Bill bekannt) abgesehen. Was ein spannender Thriller mit einem angehängten Mord und einem internationalen Komplott hätte sein können, wird eine 08/15 Verfolgungsjagd ohne Ende, die besser in einen dieser unsäglichen Bourne-Filme gepasst hätte. Ich kapiere die Charaktere nicht, kann mit der Hauptfigur nichts anfangen und trotz all der Action hat es nicht wirklich einen Wow-Faktor. Lieber John Woo, was war hier los?

Sebastian

Gründer und Inhaber von Nischenkino. Gründer von Tarantino.info, Spaghetti-Western.net, GrindhouseDatabase.com, Robert-Rodriguez.info, TripleFeatureFoundation.org und FuriousCinema.com

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