Die Blutsbrüder des gelben Drachen / Chi Ma

Sie besitzen nichts. Kein Geld, kein Ansehen: Die Brüder Zhang und Huang sind exzellente Kämpfer, die sich mit Überfällen über Wasser halten. Ihr Versuch, den Reisenden Ma auszurauben, misslingt allerdings. Ma ist von der Kampfkunst der beiden begeistert. Die drei Männer schließen kurz darauf Blutsbrüderschaft und wollen gemeinsam gegen die Unterdrücker des Landes vorgehen.
Ihre Armee und ihr Ansehen wächst schnell, doch als sich Ma in die Frau von Huang verliebt droht der Blutbund zu scheitern. Ein blutiger Kampf unter Brüdern beginnt. (filmArt)

Bereits unmittelbar nach der Shaw-Fanfare explodiert Chi Ma in medias res. Ein Mann schreit, dass Offizier Ma ermordet worden ist. Oh nein! Eine weitere aufmerksamkeitserhaschende Filmeröffnung, doch The Blood Brothers ist eigentlich ein viel reservierterer Streifen, als dieser Einstieg erahnen lässt. Nachdem die Kredits runtergespielt sind und sich der Staub gelegt hat, erfährt man, dass es sich bei dem Mörder um Chang Wen Hsiang (David Chiang) handelt, der seine Richter bittet ihm etwas Papier und Tinte zu erlauben, um seine Geschichte aufschreiben zu können. Chang bestreitet nicht Ma Hsin I (Ti Lung) getötet zu haben, beharrt jedoch darauf, dass seine Tat nachvollziehbar sein wird, sobald seine Geschichte zu Ende erzählt worden ist. Neun Jahre zuvor, Chang und sein treuer Freund Huang Chung (Chen Kuan Tai) lauern am Rand einer abgelegenen Straße, um zu berauben, wer auch immer ihren Weg kreuzt. Als keine potentiellen Opfer in Sicht sind und die beiden darüber streiten, ob man sein Glück lieber woanders suchen solle, nähert sich plötzlich ein Pferd. Auf diesem reitet Ma Hsin I und schon bald tauschen Huang und Ma Schläge aus. Ma stellt sich als hervorragender Kämpfer heraus, der beiden Männern Paroli bieten kann, doch mit einem Trick gelingt der Raub und die Strauchdiebe können entkommen. Allerdings kann Ma das Versteck der Banditen ausfindig machen, möchte aber keine Rache üben, sondern schlägt einen Bund zwischen den drei Männern vor. Da Ma, ein geborener Anführer mit viel Ehrgeiz, mächtigen Eindruck auf Chang und Huang macht, werden die drei zu Blutsbrüdern und legen das Gelübde ab, sich gegen die Taiping Armee zu verbünden.

Ich persönlich kann nicht behaupten, viel über die Taiping Rebellion zu wissen, auf welcher der Film basiert, nur, dass die Geschichte in China weit verbreitet ist und das Thema von mehreren Filmen sowie Fernsehserien aufgegriffen wurde. Die aktuellste Verfilmung ist wahrscheinlich der 2007 erschienene Tau ming chong (The Warlords) mit Jet Li, doch es gab auch schon eine frühere Shaw Bros. Produktion von Chang Chehs Schützling Pao Hsueh-Li, die 1971 die Leinwand erblickte: Wan jian chuan xin (The Oath of Death) mit Lo Lieh und Ling Ling. Dieser Streifen ist ein Brüller, mit lustigem, kreativem Shaw-Gore und viel Action. Die Blutbrüder könnten von dieser Art von Film nicht weiter entfernt sein, was nichts Negatives bedeuten soll. Chang Chehs Film ist eben eher ein ernstes Drama, als ein purer Actionfilm und trotzdem, oder gerade deswegen, gehört er zu des Regisseurs besten und bekanntesten Werken. Die Blutsbrüder des gelben Drachen repräsentiert eine perfekte Balance zwischen seinen großartigen Epen wie Shui hu zhuan (Die sieben Schläge des gelben Drachen, 1972) und seinen kleineren Charakter-Dramen wie zum Beispiel Fen nu qing nian (Shen Chang und die Karate-Bande, 1973). The Blood Brothers ist zu Chang Chehs effektivsten Dramen zu zählen, da die Charakterkonflikte einfach, herzzerreißend und zweideutig gehalten sind. Man kann sich irgendwie nicht auf eine Seite der Kontrahenten schlagen, was das unvermeidliche Finale umso trostloser und trauriger wirken lässt. Der Film hat zwar auch hier und da so seine Längen aber zum größten Teil haben Ni Kuang und Chang Cheh ein weiteres großartiges Skript produziert.

Die andere Komponente zum erfolgreichen Drama ist, dass die Schauspieler abliefern und hier leisten sie außergewöhnliche Arbeit. Ti Lung gewann für sein Schauspiel einen Jury-Preis bei den Golden Horse Awards und den Asien-Pazifik-Filmfestspielen von 1973 und zwar aus gutem Grund. Seine Vorstellung versprüht unterdrückte Gefühle genauso, wie das Verlangen nach Macht, wobei er die Charaktere auf der Leinwand im Kampf so kontrolliert, wie die Aufmerksamkeit des Publikums. David Chiang wurde bei denselben Asien-Pazifik-Filmfestspielen zum besten Schauspieler gekürt und während seine Rolle definitiv mehr im Einklang mit seiner traditionellen Screen-Persona ist, macht er in The Blood Brothers selbstverständlich einen hervorragenden Job. Schon alleine die Tatsache, dass Kampfkunstfilme mit solchen Auszeichnungen bedacht wurden, spricht dafür, wie wichtig und kulturell bedeutsam diese Filme in Hongkong damals waren. Im Westen werden Kampfkunstfilme überwiegend als Bahnhofskino-Müll angesehen, doch Filme wie dieser beweisen, dass das Genre immer in der Lage war, ein hohes Maß an Kunst zu gewährleisten. In Die Blutsbrüder des gelben Drachen finden nicht so viele Kämpfe statt, wie gewohnt, doch das bemerkt man kaum, da man tief in die Geschichte der heldenhaften Bruderschaft hineingezogen wird. Was sofort auffällt, ist die außergewöhnliche Choreographie-Gestaltung von Tang Chia und Lau Kar-Leung. Man könnte behaupten, dass das, was man hier im Hand-zu-Hand-Kampf geboten bekommt, einen neuen Höhepunkt für das Genre darstellte. In jedem Fall wird es verdammt spannend und aufregend, sobald Chen Kuan-Tai und Ti Lung mit bloßen Fäusten aufeinander losgehen. Nur alleine die Tatsache, dass bereits gleich zu Beginn zwei von Shaws größten Stars gegeneinander antreten, ist einfach großartig. Und dann kommt noch David Chiang dazu?! Ja, schlag mich tot, Du! Ich kann nicht umhin zu schreiben, dass es einfach nur herrlich ist diese kriegerisch exzellent ausgebildeten Helden beim Kung-Fu zu beobachten.

Wenn sich dann David Chiang und Ti Lung später im Film in einer extremeren, weil deutlich ernsteren Situation wieder finden, werden damit die Fäden von Drama und Action, die den gesamten Film über gesponnen wurden, zusammengeführt. Der Film ist brutal, doch für Chang Chehs Verhältnisse überraschend blutlos. So mancher Fan, der das übliche Blutbad erwartet, könnte sich davon abschrecken lassen, aber für diesen besonderen Drama-Plot ist das Sparen mit Kunstblut durchaus angebracht. Die Blutsbrüder des gelben Drachen stellt einen weiteren von Chang Chehs Triumphen dar. Der Film grenzt sich vom allgemeinen Shaw-Katalog ab und ist (vermutlich) auch für „Genrefremde“ gut anschaubar. In Bezug auf die Raffinesse der Choreographien bleibt zu berichten, dass hier ein neues Qualitätsniveau erreicht worden ist, das äußerst angenehm zu unterhalten weiß.

Die Nummer 9 der Shaw-Brothers-Collector’s-Edition ist da! filmArt veröffentlicht auch Die Blutsbrüder des gelben Drachen in Form einer BluRay/DVD Combo, die wieder einmal über eine hervorragend saubere Bildqualität (2,35:1; 1080p/anamorph) verfügt. Der Ton bietet mit der deutschen und der Mandarin zwei Spuren, die befriedigend gut klingen. Hierfür können deutsche Untertitel zugeschaltet werden. Als Extras beinhaltet die Combo ein Artbook mit dem kompletten deutschen Aushangfotosatz des Films und den Originaltrailer. Die original deutsche Kino-Fassung kann auch in HD abgespielt werden. Ach ja, an ein Wendecover mit alternativem Covermotiv (deutsches Kinoplakat) ist ebenfalls gedacht worden. Chang Cheh bringt dem geneigten Martial-Arts-Fan mit Die Blutsbrüder des gelben Drachen zwar keinen besonders blutigen aber dennoch brutalen und emotional harten Kung-Fu-Film mit exzellenter Martial Arts. Bei diesem tollen Streifen und dieser äußerst gelungenen Veröffentlichung bleiben beinahe keine Wünsche offen, weswegen die Combo in keinem Sammlerregal fehlen darf!

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  • Darsteller: David Chiang, Ti Lung, Chen Kuan-Tai, Ching Li, Tien Ching
  • Regisseur: Chang Cheh
  • Format: Collector’s Edition, Limited Edition, Widescreen
  • Untertitel: Deutsch
  • Region: Region B/2
  • Bildseitenformat: 16:9 – 2.35:1
  • FSK: Nicht geprüft
  • Studio: filmArt
  • Produktionsjahr: 1973
  • Spieldauer: 122 Minuten

Diese Edition wurde uns freundlicherweise von filmArt zur Verfügung gestellt.

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Bluntwolf

Bluntwolf ist ein Cineast aus der goldenen Mitte Deutschlands. Sein Spezialgebiet ist das italienische Kino der 60er bis 80er Jahre, insbesondere Italowestern, Giallo und Polizio. Er ist der Chefredakteur von Nischenkino und gehört dem Redaktionsteam der Spaghetti-Western Database an.

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