Die gnadenlose Jagd / Der Einzelkämpfer / Squadra volante

Maskierte Männer überfallen einen Geldtransport und töten dabei einen Polizisten. Diverse Spuren am Tatort erinnern an einen ungelösten Mordfall, bei dem damals Kommissar Ravelli (Tomas Milian) seine Frau verlor. Nach einigen Ermittlungen ist Ravelli, auch als Einzelkämpfer bekannt, davon überzeugt, dass es sich vorliegend um ein und denselben Mörder handeln muss. Inzwischen sorgt die große Beute für heftige Auseinandersetzungen innerhalb der Bande. Ravelli wartet schon, um eine fällige Rechnung zu begleichen. (X-Rated)

Stelvio Massis erster Polizei- und Gangsterfilm führte die Transformation des zentralen Charakters der poliziotteschi weiter fort, die sich allmählich von ihren realen Vorbildern lösten und einen Prozess von hyperrealistischer Deformation durchliefen. Zunächst ist nicht einmal klar, auf welcher Seite der Held des Films eigentlich steht: Seine Freizeitkleidung und die Tendenz ein Einzelkämpfer zu sein, machen Inspektor Tomas Ravelli (Tomas Milian, der sich in der italienischen Fassung selbst synchronisierte, allerdings mit einem irgendwie seltsamen Effekt aufgrund seines südamerikanischen Akzents) zu jemanden, der sich verirrt hat und seinen Weg nicht finden kann, einem Fremdkörper innerhalb des Polizeiapparats. Nicht einmal seine Kollegen scheinen ihn für einen von ihnen zu halten.

Achtung Spoiler !!!

Im Gegensatz zu anderen knallharten Polizisten aus italienischen Kriminalfilmen ist Tomas Ravelli nicht einmal die Einhaltung des Gesetzes wichtig. Für ihn stellt die Tätigkeit als Polizeiinspektor nur eine Möglichkeit dar den Spuren seines privaten Feindes, dem Marseillaise (Gastone Moschin), folgen zu können, der vor fünf Jahren für den Tod seiner Frau verantwortlich gewesen ist. Am Ende, wenn sich die beiden letztendlich gegenüberstehen, wirft Ravelli zuerst sein Abzeichen weg, um den Verbrecher dann kaltblütig abzuknallen. Doch weder sein Trauma aus der Vergangenheit, noch die pleonastische Präsenz eines Sohnes und einer Schwester lassen Ravelli zu einem menschlicheren Charakter werden. Er bleibt für die gesamte Laufzeit des Films distanziert, eisig sowie geisterhaft. Massi und seine Co-Drehbuchautoren (Dardano Sacchetti, Gianfranco Barber und Adriano Bolzoni) lassen ihn sogar von einem komödiantischen Sidekick (Mario Carotenuto als Lavagni) flankieren, um die Sympathien des Publikums zu wecken.

Ravelli repräsentiert offensichtlich einen Italo-Western Charakter in Verkleidung, den unehelichen Sohn von Clint Eastwoods Man With No Name, Charles Bronsons Harmonica und Anthony Steffens Django (die gespenstische Titelfigur aus Sergio Garrones Django il bastardo / Django und die Bande der Bluthunde von 1969 passt hier besser als Franco Neros Original). Auch die Ikonographie des Films zeugt von einer solchen Herkunft. In der Eröffnungssequenz, in der Ravelli sich anzieht, sieht Tomas Milian wie jemand aus, der gerade aus einem Sergio Leone-Film entsprungen ist, wobei auf die kleinsten Details geachtet wurde (die Mütze, die Waffe, eine Zigarre zwischen den Zähnen, etc.). Zudem unterstreicht die wiederkehrende Rückblende (in der Ravellis Frau ermordet wird) die Besessenheit des Protagonisten ebenso wie in C’era una volta il West (Spiel mir das Lied vom Tod, 1968). Genauso wie Charles Bronson in Leones Film verkörpert Ravelli einen wandelnden Toten, einen Wiedergänger, der aus dem Nichts am Tatort auftaucht und während des gesamten Films denselben unerschütterlichen Gesichtsausdruck beibehält.

Wie Western schildern auch Kriminalfilme eine manichäische Moral und laden das Publikum dazu ein, Partei zu ergreifen. Gleichzeitig stellt die öffentliche Resonanz ein weiteres Element dar, das die genetische Verwandtschaft zwischen den Kommissaren und den Revolverhelden bescheinigt, da auf die Taten der Kriminalhelden auf der Leinwand mit der gleichen Begeisterung reagiert wurde, wie es ein paar Jahre zuvor den Western vorbehalten war … auch, wenn sich das Publikum auf eine Seite schlug, mit der die Filmemacher nicht gerechnet hatten. Stelvio Massi erinnerte sich in einem Interview, dass er sich bei der Premiere von Squadra volante in Rom schämte, als das Publikum in spontanen Applaus ausbrach, während ein Polizeiauto explodierte, nachdem die Banditen mit einem Maschinengewehr darauf geschossen hatten.

Massi, ein ehemaliger Kameramann und director of photography, sollte sich zu einem der Spezialisten des Genres entwickeln. Sein zweiter Spielfilm Macrò – Giuda uccide il venerdì (1974), eine Nacherzählung der Begegnung zwischen Jesus Christus und Maria Magdalena im modernen subproletarischen Rom, wurde nach dem Bankrott des Verleihers Flora Film auf Eis gelegt, weswegen Squadra volante (sein erster Kriminalfilm) nun seine letzte Chance darstellte. Als sich die Dreharbeiten dem Ende zuneigten, fehlten der Produktion 15 Millionen Lire, die Massi schließlich selbst auslegte, um den Film fertigstellen zu können. Er verlor zwar das Geld, gewann aber seinen Kampf: Die gnadenlose Jagd wurde zu einem überraschenden kommerziellen Hit und überzeugte Produzenten sowie Verleiher, dass Massi die ideale Wahl für das Action-Genre war.

Die gnadenlose Jagd weist bereits einige stilistische Merkmale des Filmemachers auf: eine Tendenz, die übliche Schuss-/Gegenschuss-Routine zu vermeiden, indem man die Gesichter zweier Charaktere in derselben Einstellung durch reflektierende Oberflächen (wie einen Rückspiegel) zeigt (man nehme zum Beispiel die Szene, in der Marseillaise „Chranio“ tötet, gespielt vom Genre-Stammgast Guido Leontini); die nicht-triviale Verwendung von Zoomobjektiven und langen Einstellungen; die genauen, effektiven Actionsequenzen, wie man an der Verfolgungsjagd mit dem Auto / Hubschrauber entlang der nebligen Straßen der lombardischen Ebene sehen kann – eine Sequenz, die einen ähnlichen Moment aus Un Poliziotto Scomodo (Convoy Busters, 1978) vorausdatiert.

Das Drehbuch präsentiert sich jedoch nicht fehlerfrei, trotz einiger interessanter Züge, wie zum Beispiel dem Schauplatz in der nördlichen Provinzstadt Pavia. Die Geschichte bewegt sich zwischen milden politischen Bezügen (der von Ray Lovelock gespielte sozialistische Gangster) und sozialen Kommentaren (Ravelli bricht in eine Wohnung voller drogeninduzierten Jugendlichen ein) mit ein paar Anleihen aus zweiter Hand (Moschin und seine Akolythen entkommen nach einem Banküberfall als Priester verkleidet, wie in Marco Vicarios 60er-Kultfilm 7 uomini d’oro / Die sieben goldenen Männer, 1965) hin und her, während die meisten Charaktere als Stereotypen zu beschreiben sind. Der Marseillaise repräsentiert, wie der banale Name bereits sagt, eine bloße Chiffre, einen Antagonisten, der nur aufgrund Moschins Filmpersönlichkeit anschaubar wird: In der Szene, in der er seine Geliebte (Stefania Casini) kontaktiert (mit der er per Boot fliehen will) gelingt ihm sogar eine Reminiszenz an den unvergesslichen Ugo Piazza aus Milano calibro 9 (Milano Kaliber 9, 1972). Die übrigen Charaktere – mit teilweiser Ausnahme von Leontinis „Chranio“, einem kleinmütigen Banditen, der immer ein Pornomagazin in der Hand hat – sind als vergessenswert, wenn nicht sogar irritierend zu bezeichnen, wie im Fall von Casinis dummer Platinblondine, die einen sehr schlechten Marilyn Monroe Klon abgibt. Was sich allerdings alles andere als vergessenswert präsentiert ist Stelvio Ciprianis wunderbar melancholischer Score.

X-Rated veröffentlicht Die gnadenlose Jagd als Nummer 65 der X-Rated-Eurocult-Collection im Mediabook (Blu-ray) mit drei verschiedenen Covern, die alle limitiert sind, als HD Weltpremiere mit eigens hergestelltem HD-Master. Bild (2.35:1 / 1080p / 24fps) und Ton (deutsch und italienisch DD 2.0) bewegen sich auf gutem Niveau, da kann man sich nicht beschweren. Die Extras haben einige Highlights zu bieten und zwar einen Audiokommentar mit Lars Dreyer-Winkelmann, der wie gewohnt viel Interessantes zu berichten hat sowie ein 16-seitiges Booklet mit Bildern und Beiträgen („Der Beginn einer gnadenlosen Jagd: Hintergründe und Informationen zu Stelvio Massis Euro-Crime-Debüt“) von Christoph N. Kellerbach mit einer Fülle an Information und somit sehr lesenswert. Die weiteren Boni bestehen aus dem Original Trailer, (deutschem) Werbematerial, einer Privatgalerie aus dem Fotoarchiv von Stelvio Massi und einem exklusivem Massi Spezial „Eye in the Hole“ (38 Minuten). Damit kann die Veröffentlichung mal wieder als sehr gelungen bezeichnet werden. Liebhaber des italienischen Polizei- und Gangsterfilms sei diese Edition jedenfalls sehr ans Herz gelegt. Ach ja, es wurde auch noch ein Bonusfilm ins Mediabook gepackt und zwar Walerian Borowczyks Interno di un convento (Unmoralische Novizinnen, 1978), den man eher als NONEsploitation, denn als Nunsploitation bezeichnen kann.

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  • Seitenverhältnis: 16:9 – 1.77:1, 16:9 – 1.78:1
  • Alterseinstufung: Nicht geprüft
  • Regisseur: Massi, Stelvio
  • Laufzeit: 1 Stunde und 35 Minuten
  • Darsteller: Milian, Tomas, Moschin, Gastone, Casini, Stefania
  • Untertitel: Deutsch
  • Studio: X-Rated

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Die Screenshots stammen NICHT von dieser Edition !!!

Bluntwolf

Bluntwolf ist ein Cineast aus der goldenen Mitte Deutschlands. Sein Spezialgebiet ist das italienische Kino der 60er bis 80er Jahre, insbesondere Italowestern, Giallo und Polizio. Er ist der Chefredakteur von Nischenkino und gehört dem Redaktionsteam der Spaghetti-Western Database an.

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