Die neunschwänzige Katze / Il gatto a nove code

Ein Reporter namens Franco Arno verlor bei einem Unfall sein Augenlicht und konnte deswegen seinen Job als Reporter nicht mehr ausüben. Als Blinder ist er auf die Hilfe seiner jungen Nichte angewiesen. Er verdient sich trotzdem immer noch Geld bei der Zeitung, indem er Kreuzworträtsel herstellt. Als er eines Tages mit seiner Nichte spazieren geht, hört er vor einem medizinischen Institut zufällig eine seltsame Unterhaltung von zwei Männern in einem Auto mit. Später an diesem Tag, oder genauer gesagt in der Nacht, bricht jemand ohne ersichtlichen Grund in dieses Institut ein und tötet dabei einen Wachmann. Der neugierige Arno beschließt darauf, ein wenig auf eigene Faust nachzuforschen und erhält dabei Hilfe von dem Reporter Carlo Giordani. Bald folgt eine Serie an mysteriösen Morden, die mit dem Ereignis im Institut zusammenhängen zu scheint. Die beiden finden neun verschiedene Hinweise, denen sie nachgehen müssen um das Rätsel um den geheimnisvollen Mörder und seinen bestialischen Taten lösen zu können… (CMV Laservision)

Nach dem unerwarteten Erfolg von L’uccello dalle piume di cristallo (Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe, 1970) wurde von Dario Argento erwartet einen weiteren Giallo in ähnlichem Stil abzuliefern. Er versuchte zunächst einen etwas anderen Ansatz zu verfolgen, bekam jedoch Schwierigkeiten mit den deutschen Mitfinanzierern, weswegen er sich daran machte Die neunschwänzige Katze zu produzieren, den Argento selbst als seinen unliebsamsten Film bezeichnet. Innerhalb des Fandoms stellt es nichts Ungewöhnliches dar, dass man es zulässt seine Wahrnehmung eines Werks durch das, was man darüber bezüglich Produktionsanekdoten und dergleichen liest, beeinträchtigen zu lassen. Daher ist es nicht verwunderlich, dass The Cat O’Nine Tails routinemäßig als ein schwächerer Argento eingestuft wird. Nimmt man jedoch Argentos Empfindungen aus dieser Gleichung heraus, so gibt es bei Il gatto a nove code viel Genießbares zu entdecken. Es handelt sich um einen Film, dem man ansieht, wie der junge Regisseur weiterhin mit subjektiver Kameraarbeit und fragmentierter Nachbearbeitung experimentiert – eine Übergangsarbeit, die den eher „klassischen“ Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe mit dem extravaganteren 4 mosche di velluto grigio (Vier Fliegen auf grauem Samt, 1971) verbindet.

Selbst wenn der Streifen das schwächste seiner frühen Werke repräsentieren sollte, heißt das noch lange nicht, dass es dabei an „Sehenswürdigkeiten“ mangelt. Im Vergleich zu einigen seiner späteren Filme sieht Die neunschwänzige Katze mit jedem Jahr besser und besser aus. Positiv ist zu vermerken, dass Argentos Stil und seine Bereitschaft zum Experimentieren während des gesamten Films groß geschrieben wird. Die Hauptfiguren sind gut entwickelt und sympathisch angelegt worden, doch letztendlich handelt es sich hier um einen Film, der in Abschnitten besser funktioniert als in seiner Gesamtheit. Argentos Kommentare zur effektiven Sabotage seines eigenen Films ergeben Sinn, wenn man bedenkt, dass die kleinen peripheren Vorfälle, die die Erzählung prägen, so viel interessanter ausgefallen sind als der Hauptschwerpunkt der Geschichte. Einfach ausgedrückt, der Industriespionage-Plot erweist sich als nicht allzu spannend. Argento vermeidet schlechten Geschmack, indem er sich weigert dieselbe Mentalität zu kopieren, die den umstrittenen Thriller Twisted Nerve (Teufelskreis Y, 1968) der Boulting Brothers geprägt hat – in dem eine genetische Anomalie mit einer Psychose gleichgesetzt wird. In Argentos Szenario wird das chromosomale Ungleichgewicht aus diesem Grund am Forschungsinstitut untersucht, doch es gibt auch einen starken Hinweis auf die Überzeugung des Mörders, dass es Wahnsinn verursacht, was zu seinen geistigen Aussetzern führt.

Es handelt sich dabei zwar nur um einen subtilen Unterschied, jedoch einen sehr wichtigen. Darüber hinaus gestaltet sich die zentrale Erzählung einfach nicht als besonders faszinierend. Argento kompensiert dies, indem er sich auf einige wunderbar exzentrische Episoden konzentriert, die für etwas Komödie sorgen, einschließlich der Szenen mit einem Safe-Knacker namens Gigi – Der Verlierer. Der Gewaltquotient liegt etwas höher als bei Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe, mit einigen wirklich schauderhaften Momenten, insbesondere einem Fall von „Seilbrand“, den der Regisseur später in seinem Film Giallo (2009) noch zu übertreffen versuchen würde. Der geschmeidige, elegante Look des Films geht in eine andere Richtung als der launischere, atmosphärischere Ansatz von L’uccello dalle piume di cristallo und deutet auf einen Versuch hin, eine etwas konventionellere „Mainstream“ -Arbeit zu entwickeln. Im Kontext funktioniert das, wobei das scharfe Auge des Regisseurs für Komposition und Kamerabewegung durchgehend erkennbar ist. Besonders hervorzuheben ist auch Ennio Morricones Musik, die von einem hübschen Schlaflied-Thema bis zu nervenaufreibenden, nicht übereinstimmenden Spannungs-Hinweisen hin und her schwankt.

Die Hauptrollen werden von den amerikanischen Schauspielern Karl Malden und James Franciscus außergewöhnlich gut verkörpert. Malden war als Mitglied des Actor’s Studio bekannt geworden und arbeitete in Schlüsseldramen wie Elia Kazans A Streetcar Named Desire (Endstation Sehnsucht, 1951) und On the Waterfront (Die Faust im Nacken, 1954). Er wurde für beide Filme für einen Oscar nominiert und gewann ihn für den ersteren. Malden war in den 60er Jahren weiterhin in bedeutenden Filmen zu sehen und kam frisch von seinem bemerkenswerten Auftritt als General Omar N. Bradley in Patton (Patton – Rebell in Uniform, 1970) zu Die neunschwänzige Katze. Er schien seinen Auftritt in einem italienischen Low-Budget-Thriller eines jungen, relativ unerprobten Regisseurs sehr ernst genommen zu haben, denn er spielt die Rolle des Franco Arno mit großer Wärme und Menschlichkeit, was ihn zu einem der liebenswertesten Charaktere des Argento-Kanons macht.

Glücklicherweise vermeidet er es auch die Rolle für überschwängliches oder unaufrichtig emotionales Mitgefühl zu spielen: Arno ist ein mutiger und entschlossener Charakter, der sich weigert, sich von seinem Handicap kontrollieren zu lassen. Maldens „Eurokarriere“ war kurz und bündig, mit einer nachfolgenden Rolle in Antonio Isasis Un verano para matar (The Summertime Killer / Killer Driver, 1972), bevor er in die USA zurückkehrte, wo er mehrere Jahre in der beliebten TV-Serie Die Straßen von San Francisco (1972-1977) auftrat. Malden sollte bis in die neunziger Jahre aktiv bleiben, danach zog er sich jedoch langsam aus dem Filmgeschäft zurück. Er starb 2009 im Alter von 97 Jahren. Malden spielt hier so beeindruckend, so dass sein Co-Star James Franciscus dabei oft übersehen wird. Franciscus bringt Charme und Charisma in eine Rolle ein, die sich als stereotyp hätte herausstellen können und verleiht dem Charakter Tiefe und Mitgefühl. Sein gutes Aussehen kombiniert mit seinem einfachen Charme hielten ihn von den 50er Jahren bis zu seinem Tod 1991 fest im Geschäft, als er im Alter von nur 57 Jahren einem Emphysem erlag.

Als solider Mittelklasse-Star wurde er nie so groß wie er es vielleicht hätte werden können, hinterließ allerdings eine Reihe glaubwürdiger Charakterisierungen in Filmen wie The Valley of Gwangi (Gwangis Rache – Das Tal der Dinosaurier, 1969) und Beneath the Planet of the Apes (Rückkehr zum Planet der Affen, 1970), aber einen Großteil seiner Schaffenszeit verbrachte er mit Gastrollen in Fernsehsendungen wie The Twilight Zone (Unglaubliche Geschichten, 1959-1964) und The Rifleman (Westlich von Santa Fe, 1958-1963). Interessanterweise spielte er in der kurzlebigen TV-Serie Longstreet (1971-1972) selbst einen blinden Amateurdetektiv. Die andere Hauptrolle übernimmt Catherine Spaak, die hier weitaus schlechter abschneidet als in Damiano Damianis Una ragazza piuttosto complicata (A Rather Complicated Girl, 1969). Spaak sieht umwerfend aus und darf einige auffällige Outfits zur Schau stellen, ihr Charakter wird jedoch rätselhaft gehalten, wobei sie keine Unterstützung von Argento erhält. Die Romanze, die sich zwischen ihr und Carlo Giordani entwickelt, ist als arbiträr zu bezeichnen, während ihre Liebesszene offenbart, dass der Regisseur zu diesem Zeitpunkt seiner Karriere keine Ahnung gehabt zu haben schien, wie er außerhalb einer bösen Mordszene ein wenig Hitze erzeugen kann. Die Nebenbesetzung umfasst so willkommene, bekannte Gesichter wie Pier Paolo Capponi, Horst Frank (in einer glänzenden Rolle als eisiger Mitarbeiter des Instituts), Umberto Raho und Fulvio Mingozzi.

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  • Darsteller: James Franciscus, Karl Malden, Horst Frank, Catherine Spaak, Werner Pochath
  • Regisseur(e): Dario Argento
  • Format: PAL, Breitbild
  • Sprache: Deutsch (Dolby Digital 2.0), Englisch (Dolby Digital 2.0)
  • Untertitel: Deutsch
  • Bildseitenformat: 16:9 – 2.35:1
  • Anzahl Disks: 1
  • FSK: Freigegeben ab 16 Jahren
  • Studio: CMV Laservision
  • Produktionsjahr: 1970
  • Spieldauer: 112 Minuten

Bluntwolf

Bluntwolf ist ein Cineast aus der goldenen Mitte Deutschlands. Sein Spezialgebiet ist das italienische Kino der 60er bis 80er Jahre, insbesondere Italowestern, Giallo und Polizio. Er ist der Chefredakteur von Nischenkino und gehört dem Redaktionsteam der Spaghetti-Western Database an.

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