Milano Kaliber 9 / Milano calibro 9

Nach drei harten Jahren verlässt Ugo Piazza (Gastone Moschin) endlich den Knast. Doch die Freude ist nur von kurzer Dauer. Seine Vergangenheit schlägt kaltblütig zu! Neben der Polizei sitzt ihm Rocco Musco (Mario Adorf), der sadistische und unberechenbare Handlanger des „Amerikaners“, im Nacken. Er will Piazza zum Reden bringen. Und das um jeden Preis. Piazza soll dem Amerikaner, vor seiner Verhaftung, 300.000 Dollar gestohlen haben. Seine Erklärungsversuche finden beim Syndikat wenig Anklang. Selbst seine damalige Freundin, Nelly (Barbara Bouchet), ist sich nicht im Klaren darüber, was vor ihren Augen gespielt wird. Nur Piazzas Freund Chino (Philippe Leroy) steht ihm zur Seite. Die Schlinge zieht sich unaufhaltsam zu. Am Ende dreht sich für Piazza alles um die entscheidende Frage: Hat er das Geld wirklich gestohlen? (filmArt)

Der erste Film aus Fernando Di Leos exzellenter Mafia-Millieu Trilogie Milano Calibro 9 von 1972 ist ein absolutes Meisterwerk, das mit Sicherheit zu den besten Mafia-Filmen gezählt werden muss, die jemals auf die Leinwand gebracht worden sind. Der darauf folgende La Mala Ordina aka Der Mafiaboss geriet ein kleines Bisschen schwächer, während Di Leo mit Il Boss aka Der Teufel führt Regie ein weiteres wahres Glanzlicht des Polizei- und Gangsterfilms schuf, welcher der Brillianz des ersten Films zumindest ebenbürtig ist. Diese Streifen waren von reinster italienischer Persönlichkeit charakterisiert, indem sie die politischen Turbulenzen innerhalb des Landes porträtierten und kriminelles Verhalten unterster Stufe ohne Werte und Anstand darstellten. Die Ergebnisse sind genauso unvergesslich, wie ihr reueloser italienischer Machismo in J&B getränkt ist.

Der grandiose Milano Kaliber 9 begeistert seine Zuschauer schon gleich zu Beginn mit einer der ungewöhnlichsten Pre-Credits-Sequenzen der Filmgeschichte, die von einem atemberaubenden Score des zukünftigen Oscar-Preisträgers Luis Enrique Bacalov und der Rockgruppe Osanna veredelt wird. Basierend auf einem hardboiled Roman von Giorgio Scarbanenco, handelt es sich Plot-technisch im Grunde genommen um eine selbstbestätigte Nachahmung von Jean-Pierre Melvilles Kriminalfilmen: Ugo (Gastone Moschin) schwört nach seiner Entlassung aus dem Knast ein ehrliches Leben zu führen. Sein ehemaliger Boss (Lionel Stander noch vor Hart aber herzlich) ist jedoch, genauso wie die Polizei, davon überzeugt, dass Ugo 300.000 US-Dollar (die Beute aus seinem letzten Job) beiseite geschafft hat. Entgegen Ugos Beteuerungen er habe das Geld nicht versteckt, weiß auch seine Freundin, die Nachtclub-Tänzerin Nelly (einfach umwerfend: Barbara Bouchets Tanz im Perlenbikini), nicht ob sie ihm vertrauen kann. Und was ist mit seinem alten Gangsterkollegen Rocco (Mario Adorf), der seine ganz eigenen Motive zu haben scheint?

Milano Kaliber 9 ist allerdings nicht der wilde Ritt, den die Eröffnungssequenz verspricht, da sich das Material schon bald sehr dialogintensiv präsentiert. In erster Linie ist es dem aufbrausenden Polizeikommissar (Frank Wolff) vorbehalten längere Debatten mit seinem Kollegen Mercuri (Luigi Pistilli) zu führen. Die wütend arrogante Persönlichkeit des Kommissars und Ugo haben bereits eine lange Vergangenheit, während Mercuri politisch vollkommen andere Ansichten hat, als sein Vorgesetzter. Der Epoche entsprechend fließt in diese Szenen viel Sozialkritik ein, die allerdings das Tempo drosselt und Ugos Notlage zunächst in den Hintergrund drängt. Milano Kaliber 9 hebt sich dabei das Beste bis zum Schluss auf, wo der Film aus seinem zwischenzeitlichen Nickerchen erwacht, um sich einer aufregenden Schießerei hinzugeben. Außerdem wird die Handlung mit ein paar twists&turns gewürzt, die zu einer düsteren sowie zufriedenstellenden Auflösung führen.

Gastone Moschin verkörpert den genauso abgebrühten wie stahlharten Charakter des Ugo, der dunkle Geheimnisse hinter seinem Pokerface verbirgt, unglaublich gut. Doch der Film gehört eigentlich Mario Adorf (Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe), der als unbeholfener Schläger des Amerikaners ziemlich fieser und verwerflicher Persönlichkeit ist, die keine Skrupel besitzt, Möbel zu zerstören oder Frauen zu verprügeln, um ihre Position zu unterstreichen. Neben Zement-Gesicht Moschin (der auch in Der große Irrtum und Der Pate 2 mitwirkte) hält diese brutal-rasante Geschichte eine herausragende Besetzung italienischer Charakterdarsteller aus den frühen 70ern bereit, darunter Frank Wolff (Leichen pflastern seinen Weg, 1968), Luigi Pistilli (Il tuo vizio è una stanza chiusa e solo io ne ho la chiave, 1972), Philippe Leroy (Femina Ridens, 1969), Giuseppe Castellano (Die gnadenlose Jagd, 1974) und selbstverständlich die atemberaubende Barbara Bouchet (Die Rache des Paten, 1974).

Mit der Nummer zehn ihrer Polizieschi Edition Milano Kaliber 9 ist filmArt nach Der Berserker wieder ein wirklich großer Wurf gelungen. Der Film ist ganz klar ein Meilenstein des Genres und kommt als ansprechend gestaltete BluRay/DVD Combo (auf 1000 Stück limitiert) mit Wendecover daher. Die technischen Daten wissen auch zu überzeugen, befinden sie sich doch auf hohem Niveau.

Bonusmaterial:
Deutsche Kinofassung (HD) / Artbook mit dem kompletten, deutschen Kinoaushang / exklusives Musikvideo von Salem’s Pop – Steel / Feature über den Film, die Darsteller und den Regisseur von Prof. Dr. Marcus Stiglegger / US-Trailer / Italienischer Trailer / Dokumentation: Caliber 9 Fernando Di Leo: Genesis of the Genre

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Darsteller: Mario Adorf, Frank Wolff, Barbara Bouchet, Gastone Moschin, Luigi Pistilli
Regisseur(e): Fernando di Leo
Format: Limitierte Auflage
Sprache: Italienisch (DTS HD), Deutsch (DTS HD)
Untertitel: Deutsch
Bildseitenformat: 16:9 – 1.77:1
FSK: Freigegeben ab 16 Jahren
Studio: filmArt
Produktionsjahr: 1972
Spieldauer: 102 Minuten

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Bonusmaterial:
Deutsche Kinofassung (HD); Exklusives Musikvideo von Salem’s Pop – Steel; Feature über den Film, die Darsteller und den Regisseur von Prof. Dr. Marcus Stiglegger; US-Trailer; Italienischer Trailer; Dokumentation: Caliber 9; Fernando Di Leo: Genesis of the Genre

Die screenshots wurden von der DVD aufgenommen !!!

Diese Editionen wurden uns freundlicherweise von filmArt zur Verfügung gestellt.

Bluntwolf

Bluntwolf ist ein Cineast aus der goldenen Mitte Deutschlands. Sein Spezialgebiet ist das italienische Kino der 60er bis 80er Jahre, insbesondere Italowestern, Giallo und Polizio. Er ist der Chefredakteur von Nischenkino und gehört dem Redaktionsteam der Spaghetti-Western Database an.

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