Die linke Hand des Gesetzes / La polizia interviene: ordine di uccidere!

Wer entführte den reichen Industriellen Lombardi? Capitano Murri, der junge, äußerst fähige Chef der Spezialabteilung 289 der römischen Polizei glaubt nicht an eine der „landläufigen“ Straftaten – er vermutet politische Motive. Und er hat gute Gründe: seine Nachforschungen werden durch Vorgesetzte behindert, der Senator Leandri möchte Murri in eine ländliche Dienststelle versetzen und immer wieder taucht der undurchsichtige „Geschäftsmann“ Lanza auf. Je tiefer Murri in das Labyrinth aus Korruption, Politik und Verbrechen eindringt, desto undurchsichtiger wird der Fall für ihn. Und schließlich ist sogar sein Leben in Gefahr. Doch die Rache an den Mördern und Entführern ist fürchterlich… (UFA-Video International)

Ein realistisch rauer und schwermütiger poliziottesco aus Italien, der kaum unterhaltsame Momente bietet, obwohl er die Darstellung des zum Scheitern verurteilten Polizisten Inspector Murri und des ihn umgebenden Nihilismus in den Vordergrund stellt. Im Gegensatz zu anderen Genre-Einträgen (insbesondere von Umberto Lenzi und Stelvio Massi) konzentriert sich Giuseppe Rosatis Film auf die Charakterisierung seiner Protagonisten und die komplizierte Handlung auf Kosten greller Action und Exploitation, den zwei Grundnahrungsmitteln der poliziotteschi, die hier auf ein Minimum beschränkt werden.

Daher konzentriert sich die Handlung auf den Hauptcharakter Inspektor Murri, eine Art Kreuzung zwischen Franco Gasparris Mark und Maurizio Merlis Betti, da er immer noch an die Strafjustiz glaubt und bei Gelegenheit auch schon mal Arschtritte verteilt, sich allerdings auch nicht scheut die Dinge etwas entspannter anzugehen und dabei seinen Geist mehr benutzt als seine Fäuste. Murri wird von Leonard Mann, der seinem Charakter ein gewisses Maß an Tiefe verleiht, sehr gut verkörpert. Insbesondere, wenn es um das Leid und Unglück geht, das Murri durch die gesamte Produktion hindurch erleben muss. 1947 in Albion, New York, als Leonardo Manzella geboren, wurde aus dem italienisch-amerikanischen Schauspieler ein sehr bekannter Italo-Western Star in Gefolge von Ferdinando Baldis Il pistolero dell’Ave Maria (Seine Kugeln pfeifen das Todeslied, 1969), Enzo Barbonis Ciakmull – L’uomo della vendetta (Django – Die Nacht der langen Messer, 1970) und Pasquale Squitieris La vendetta è un piatto che si serve freddo (Drei Amen für den Satan, 1971). Nach solchen Filmen so vielfältig wie Lorenzo Gicca Pallis Zeitkomödie Primo tango a Roma… storia d’amore e d’alchimia (1973), Luigi Scattinis Erotikdrama Il corpo (Lockende Augen, 1974) und Stelvio Massis bizarre Wiedergabe des Evangeliums in den römischen Vororten Macrò – Giuda uccide il venerdì (1974), fand Mann erneut Beliebtheit als Inspektor Murri, der x-ten Variation des harten unbestechlichen Polizisten – ein Mann, der „der einzige ist, der in einer Welt kastrierter Kerle noch ein Paar Bälle DIESER Größe hat“, wie ein Charakter pittoresk ausdrückt.

Er ist auch wesentlich weniger asozial als der normale harte poliziotteschi Polizist; er ist eng mit seinen Untergebenen verbunden, die alles für ihn tun würden, ob legal oder nicht (wie zum Beispiel eine Tasche voller Dokumente aus dem Auto eines Verdächtigen zu stehlen). Die schroffen Protagonisten der poliziotteschi sind von Natur aus monogam, doch Murri stellt eine Art Ausnahme dar. Er genießt heimliche Sex-Treffen mit seiner zickigen Informantin aus der Oberschicht (der hinreißenden Janet Agren), doch wenn er Trost braucht, rennt er zu seiner beschützenden, mütterlichen Freundin Laura (Antonella Murgia). In gewisser Weise repräsentiert Rosatis Film ein Symbol dafür, wie das Genrekino weibliche Charaktere oft auf die typische Dualität Mutter/Prostituierte reduziert: diejenigen, die mit dem Helden aufgrund eines mütterlichen, schützenden Instinkts schlafen, und diejenigen, die dies zu ihrem eigenen Vorteil tun. Er behält auch eine strafende Haltung gegenüber dem Helden bei: die ménage à trois endet nämlich bitter, als Murgias Charakter in der obligatorischen Zeitlupenaufnahme in seiner Wohnung niedergeschossen wird und Murri verbittert vor Trauer nach Rache dürstet – die er unabhängig von Unschuldigen durchführt, wie man in einer Szene beobachten kann, als er mit einem Maschinengewehr bewaffnet in das Versteck der Kriminellen einbricht und jeden in Sichtweite wegpustet, einschließlich einer (vermutlich unschuldigen) Prostituierten, die mit einem der Schläger im Bett liegt, während die Ermordung seiner Freundin vor seinen Augen aufblitzt.

Die Handlung selbst ist ziemlich komplex und erfordert vom Betrachter besondere Aufmerksamkeit. Es handelt sich um eine geheime kriminelle Vereinigung, die reiche Leute als Deckmantel für noch dunklere Taten entführt. Murri muss auf seine Kosten erkennen, dass die Verschwörung weitreichend ist und er zu einem klügeren, aber älteren und traurigeren Mann geworden ist, wenn der Abspann läuft. Auch der Rest der Charaktere ist konkretisiert und glaubwürdig gestaltet worden. Dazu gehören die bereits erwähnte Antonella Murgia als Murris unglückselige Freundin Laura und Franco Interlenghi als weiser Kumpel Colombo. Die Bösewichte werden von zwei Veteranen gespielt, Stephen Boyd und James Mason, wobei letzterer seiner Rolle als sanfter und ruhiger Senator mit dunklem Geheimnis viel Autorität verleiht. Das Exploitation-Starlet Janet Agren tritt zwei Minuten lang als sexy Polizistin auf. Obwohl es sich um einen handlungsorientierten Film handelt, bleibt noch Zeit für coole Action, nur nicht so viel, wie man es von anderen Filmen des Genres gewohnt ist. Eine fein choreografierte Verfolgungsjagd setzt die Handlung in Bewegung und wird von einem guten Faustkampf zwischen Murri und mehreren Gegnern sowie einigen Autoexplosionen und Schießereien gefolgt. Nacktheit und Blutvergießen werden auf ein relatives Minimum reduziert, die letzte halbe Stunde ist jedoch immer noch als ziemlich schockierend zu bezeichnen, mit einigen blutigen Maschinengewehr-Aktionen in Zeitlupe. Die mit Abstand beste Szene des Streifens zeigt, wie Murri Rache nimmt und mit Hilfe seines Maschinengewehrs eine komplette Gruppe von Kriminellen ausschaltet, was sich als echter Show-Stopper erweist. La polizia interviene: ordine di uccidere! repräsentiert keinen sehr aufregenden oder rasanten Film, sondern eher einen, der zum Nachdenken und Staunen über die Polizei und ihre Feinde anregt. Pulieri und Rosatis nächstes Projekt sollte ein weiteres Abenteuer von Inspektor Murri werden, Paura in città (Stadt in Panik, 1976), doch diesmal mit Maurizio Merli in der Rolle des Inspektor Murri.

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Language: Italian
Region: Region 2 (Read more about DVD formats.)
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Bluntwolf

Bluntwolf ist ein Cineast aus der goldenen Mitte Deutschlands. Sein Spezialgebiet ist das italienische Kino der 60er bis 80er Jahre, insbesondere Italowestern, Giallo und Polizio. Er ist der Chefredakteur von Nischenkino und gehört dem Redaktionsteam der Spaghetti-Western Database an.

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