Un bianco vestito per Marialé / Spirits of Death

Als Kind wird Marialé Zeuge des Mordes ihrer Mutter durch ihren eifersüchtigen Vater, der anschließend Selbstmord begeht. Dieses Ereignis traumatisiert das Mädchen, das zu einer neurotischen Frau heranwächst, während sie in einer unerfüllten Ehe mit Paolo gefangen ist. Eines Tages gelingt es Marialé einige Freunde in ihre schlossähnliche Villa einzuladen, wo sich eine ausgelassene Feier recht beunruhigend entwickelt und ein Mörder beginnt, einen Gast nach dem anderen zu entsorgen.

Un bianco vestito per Marialé beginnt als Kammerspiel, das eher einem Gothic-Horror-Film mit psychologischer Wendung ähnelt, als einem klassischen Giallo, doch im letzten Akt schaltet der Film in einen anderen Gang und verwandelt sich in eine Variation von Agatha Christies Ten Little Indians. Regisseur Romano Scavolini macht aus seiner Verachtung für den Film kein Geheimnis, indem er ihn als Vergessens wert einstuft. Trotzdem handelt es sich hier um ein sehr interessantes Exemplar, das zu verstehen hilft, warum Genre-Bezeichnungen für italienische Filme dieser Zeit manchmal nur teilweise korrekt sind und nicht den Kern des Films widerspiegeln. Oftmals dem filone des giallo zugeordnet, entwickelt sich Scavolinis Streifen nach etwa einer Stunde Laufzeit tatsächlich in Richtung Thriller, doch die giallo Anleihen – ein paar brutale Morde und ein (hier nicht gerade) überraschendes Ende – werden definitiv marginal präsentiert und fühlen sich eher wie eine Verbeugung vor dem Publikum an (zu einer Zeit, als Argento-inspirierte gialli die italienische Filmlandschaft überschwemmten), als ein substanzieller Aspekt der Geschichte. Das Drehbuch von Giuseppe Mangione und Remigio Del Grosso mischt kultivierte mit anspruchslosen Elementen, indem es verschiedene Referenzen einfließen lässt, sich aber vielmehr einem perversen Kammerspiel nähert, als einem klassischen Giallo, da es reichlich von verschiedenen Segmenten durchdrungen ist, die vom Gothic- bis zum Avantgarde-Theater rangieren. Das Resultat stellt eine unausgewogene Mixtur dar, die den Kompromisscharakter des Films preisgibt.

Mangione und Del Grosso integrieren eine Menge an Gothic-Rudimenten in die Handlung. Die Prämisse – mit den Hauptcharakteren, die sich selbst in einem von der Außenwelt isolierten Mikrokosmos einschließen, wo sie in Dekadenz schwelgen – ruft genauso Edgar Allan Poes Kurzgeschichte Die Maske des Roten Todes, wie auch Marquis de Sades unvollendeten Roman Die 120 Tage von Sodom in Erinnerung. In typischer Gothic-Manier wird der Handlungsort von einem zeitlosen Schloss (Palazzo Borghese in Artena) repräsentiert, das mit seinen Grüften und alten Ritterrüstungen zu einer Schlüsselpräsenz des Films wird. Die „Heldin“ Marialé erscheint zunächst als eine typische Dame in Not, die der Gnade ihres besitzergreifenden und anscheinend psychotischen Ehemanns Paolo (Luigi Pistilli) sowie dessen düsterem Butler (Gengher Gatti) ausgeliefert ist. Ein Porträt von Marialés Mutter (beide Rollen werden von Ida Galli aka Evelyn Stewart gespielt), das ihr exakt ähnlich sieht, weist auf die Themen des Doppelgängers und der Wiederkehr der Vergangenheit hin, die bereits im Prolog angekündigt werden. Der Film wurde noch flüchtig mit weiteren Gothic-Zutaten gewürzt, wie den fremdartigen Unterschied zwischen lebend und tot, der während der Einführung des Butlers sowie in der Szene, wo Sebastiano (Ezio Marano) zwischen den Schaufensterpuppen im Keller des Schlosses scheinbar auf seinen Doppelgänger trifft, zum Ausdruck kommt. Obwohl das Skript niemals versucht, die Beteiligung einer übernatürlichen Präsenz zu suggerieren, markiert das Ende – was die Erzählung mit einem gewalttätigen Ereignis recht bitterlich abschließt, das die ziemlich genaue Wiederholung der vergangenen Tragödie darstellt, die man schon im Prolog gesehen hat – die Unausweichlichkeit des Schicksals und deutet somit eine kreisförmige Struktur an, die der aus anderen Gothic-Horror-Filmen des vergangenen und gegenwärtigen Jahrzehnts von Danza macabra (Castle of Blood, 1964) bis L’assassino ha riservato nove poltrone (The Killer Reserved Nine Seats, 1974) recht nahe kommt.

Indem das Gothic-Brimborium des alten Stils mit der psychoanalytischen Sondierung einer gequälten, paranoiden Seele gemischt wird, erinnert der Film stark an die Female Gothic Streifen des Jahrzehnts. Marialé ist das Opfer eines Kindheitstraumas, das sich unauslöschlich in ihrem Geist eingebrannt hat, weswegen das Innere des Schlosses über die Jahre zu einer Landkarte von Marialés Seele geworden ist, wie Dr. Kai Naumann in seinem Aufsatz Blut auf weißem Kleid recht treffend formuliert. Die Szene im Keller, wo die verschiedenartigen Gäste extravagant gekleidete Schaufensterpuppen entdecken (deren Kostüme sie später während der wilden Feier tragen, wo sie ihren Lastern, Neurosen und unterdrückten Begierden freien Lauf lassen), entwickelt sich zu einem metaphorischen Abstieg in das Unterbewusste, der zu einer doppelten Bedeutung führt. Für Marialé hat das Tragen des titulären weißen Kleides den Effekt, dass ihr Kindheitstrauma wieder an die Oberfläche gelangt; bei den Anderen entlarvt die gewählte Maskerade deren eigentlichen Charakter. In ihren gewöhnlichen Leben nämlich tragen sie die Maske der Ehrbarkeit, die sie auch wieder aufsetzen, nachdem ihr wahres Selbst vorübergehend zum Vorschein gekommen ist – ein Mikrokosmos, der die Erbärmlichkeit, Scheinheiligkeit, Feigheit, Missgunst und Geistesgestörtheit der Menschheit widerspiegelt.

Die Autoren explorieren aber nicht nur eine Galerie von unangenehmen Typen, sondern beziehen sich auch auf zeitgenössisch aktuelle Themen wie die Emanzipation der Dritten Welt. Dies wird in einem Dialog zwischen Jo (Giancarlo Bonuglia) und Massimo (Ivan Rassimov), in dem es sich um Jos afro-amerikanische Liebschaft Semy (Sängerin Shawn Robinson in ihrer einzigen Filmrolle) dreht, ganz besonders zum Ausdruck gebracht: „Aber sie hat erst gestern laufen gelernt.“ „Klar, weil Menschen wie Du ihre Beine abgeschnitten haben.“ Um das menschliche Elend weiter aufzudecken, inszenierte Scavolini sogar eine zügellos blasphemische Darstellung des letzten Abendmahls, wobei die betrunkenen Gäste spöttisch Zeilen aus dem Evangelium zitieren (und ein Brathähnchen als Körper Christis verwenden), die offensichtlich – auch optisch – aus Luis Buñuels Viridiana (1961) übernommen wurde. Die Präsenz von unterschiedlichen Tieren, mit denen die Charaktere wiederholt auf symbolische Art und Weise verglichen werden, verleiht dem Film eine weitere surrealistische Note, die irgendwie an die Werke Marco Ferreris erinnert.

Stilistisch gesehen präsentiert sich Un bianco vestito per Marialé raffinierter als die meisten Gothic-Horror-Filme und gialli dieser Periode. Trotz des mageren Budgets, machte Scavolini (der auch als Kameramann fungierte) reichlich Gebrauch von long takes sowie dolly shots und versucht dabei die erwarteten Klischees so gut wie möglich zu umgehen. Bereits die beeindruckende Eröffnungssequenz hat einige kraftvolle Momente zu bieten: den idyllischen Anblick der beiden Liebenden inmitten einer Art Garten Eden; die Ankunft von Marialés Vater (elegant in weiß gekleidet) in einem alten Luxusauto; das junge Mädchen, das aus dem Fahrzeug heraus zuschaut und dabei ihre Hände gegen das Fenster drückt, wie Melissa Graps in Die toten Augen des Dr. Dracula (1966); dem Vater, der sich langsam dem romantischen Liebesnest nähert und der anschließenden Todesszene in Zeitlupe a la Sam Peckinpah (mit Gianni Dei als unglückseligem Liebhaber).

Dennoch gelingt es Scavolinis Regie und Fiorenzo Carpis wundervoller Musik nicht ganz die Mängel des Drehbuchs, wie oberflächlich entwickelte Charaktere, prätentiösen Dialog und plumpe Symbolik, zu überwinden. Das Schauspiel geht sehr in Ordnung, wobei Luigi Pistilli als undurchsichtiger, gequälter Ehemann, in einer Rolle, die der aus Sergio Martinos Il tuo vizio è una stanza chiusa e solo io ne ho la chiave aus dem gleichen Jahr sehr ähnelt, eventuell etwas aus der Besetzung hervorsticht. Darüber hinaus stellt der plötzliche Übergang auf Giallo-Territorium mit den erwartet gewalttätigen Morden (darunter einer mit Rasiermesser, der an Riccardo Fredas Lo spettro erinnert) einen unglücklichen Schachzug dar, der die Ambitionen des Regisseurs untergräbt und dem fragilen Gleichgewicht, das den Film stützt, einen fatalen Schlag versetzt – eine dieser erstaunlichen Kuriositäten, die innerhalb des Produktionssystems dieser Zeit nicht gerade ungewöhnlich gewesen sind. Mit nur 64 Millionen eingespielten Lire machte Un bianco vestito per Marialé in Italien schlechte Geschäfte, wenngleich der Film ein paar Jahre später in Frankreich unter dem irreführenden Titel Exorcisme tragique – Les monstres se mettent à table auftauchte, um vom Erfolg von Der Exorzist zu profitieren. 1972 versuchte sich Scavolini, mit dem ungewöhnlichen Mysterien-Drama Amore e morte nel giardino degli dei (Liebe und Tod im Garten der Götter mit Karl Otto Hirenbach und Erika Blanc) seines Bruders Sauro, auch als Produzent. Leider spielte dieser Streifen mit 38 Millionen Lire noch weniger ein als Spirits of Death, obwohl das außergewöhnliche Psychodrama im Gewand eines Giallo, welches eine eiskalte, hyper–sexuelle, dunkle Geschichte des Inzests, der Untreue und des eskalierenden Wahnsinns repräsentiert, äußerst empfehlenswert ist. Romano Scavolinis folgende Werke sind mehr oder weniger als seltsam zu bezeichnen. Cuore von 1973 ist eine Adaption von Edmondo De Amicis gleichnamigen und enorm rührseligen Romans, der während der italienischen Vereinigung spielt und sich durch die Abhängigkeit von patriotischen Themen auszeichnet. Servo suo (1973) war dagegen ein schräger Thriller über einen Professor (Chris Avram), der zum Mafiakiller wird und damit ein Lieblingsthema des Regisseurs (Gewalt als unausweichlicher menschlicher Zustand) aufgreift.

Bei Amazon bestellen

Darsteller: Ida Galli, Ivan Rassimov, Luigi Pistilli
Regisseur(e): Romano Scavolini
Format: BluRay
Sprache: Italienisch mit dt. Untertiteln (Dolby Digital 2.0 Mono)
Region: Region 2
FSK: Freigegeben ab 18 Jahren
Spieldauer: 85 Minuten

Bluntwolf

Bluntwolf ist ein Cineast aus der goldenen Mitte Deutschlands. Sein Spezialgebiet ist das italienische Kino der 60er bis 80er Jahre, insbesondere Italowestern, Giallo und Polizio. Er ist der Chefredakteur von Nischenkino und gehört dem Redaktionsteam der Spaghetti-Western Database an.

Das könnte Dich auch interessieren …

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.