Giallo a Venezia

Die leblosen Körper von Flavia und Fabio werden in der Nähe eines Kanals in Venedig gefunden. Flavia wurde ertränkt und Fabio ist erstochen worden. Inspektor De Paul beginnt mit seinen Ermittlungen und hat es sehr bald mit weiteren Morden zu tun, da verschiedene Verdächtige auf schreckliche Art und Weise getötet werden. Den hartnäckigen Polizisten lässt das Gefühl nicht los, dass die ursprünglichen Morde keinen Sinn ergeben, wobei noch mehr Menschen sterben müssen, bevor er das Rätsel lösen kann…

Es existieren kaum schmuddeligere Gialli als Giallo a Venezia. Der Film hat aufgrund seiner zügellosen Frauenfeindlichkeit einen berüchtigten Ruf erlangt, der ausnahmsweise sogar wirklich verdient ist. Giallo a Venezia knüpft an die schäbigen Exzesse von Play Motel (1979) an, präsentiert sich paradoxerweise allerdings nicht ganz so graphisch, wenn es um den sexuellen Inhalt geht. Play Motel zeigte explizite Darstellungen von Sex, bis hin zu einigen Penetrationsaufnahmen, während der hier besprochene Streifen nicht ganz so weit geht. Dennoch gibt es jede Menge an schmieriger Action zu sehen, wobei die Thriller-Elemente sehr viel ausgeprägter gestaltet worden sind. Was nicht heißen soll, der Film sei tatsächlich spannend oder gar fesselnd, denn das ist er sicherlich nicht. Das Hauptaugenmerk von Play Motel lag auf abnormer Perversion, während Mario Landis Fokus hier auf grausamen Sadismus zu liegen scheint. Die verschiedenen Mordszenen werden auf unangenehme und recht garstige Art und Weise dargeboten, die stark erschüttern und schwer verdaulich sind. Die zumeist überzeugenden Spezial-Make-up-Effekte standen beim Budget des Films wohl eindeutig im Vordergrund.

Der Film beginnt mit Fabio und wie ihm wiederholt in den Schritt gestochen wird. In einer anderen Mordszene wird ein Opfer angeschossen, mit Benzin übergossen und in Brand gesteckt. Eine weitere zeigt, wie einer Prostituierten eine Schere immer wieder in die Vagina gestoßen wird. In der wohl berüchtigtsten Sequenz wird eine Frau an einen Küchentisch gefesselt und grausam zerstückelt. Der Mörder nimmt sich dabei sogar die Zeit, sie zu wecken, als sie ohnmächtig wird, um sicherzustellen, dass sie auch ja nichts von dem „Spaß“ verpasst. Die schäbigen, schmutzigen Produktionswerte und das fast perverse Vergnügen der Filmemacher scheinen sich aus der Inszenierung dieser fiesen Vignetten zu ergeben, wodurch der Film eine bestimmte Wucht erhält. Trotzdem gestaltet es sich aus verschiedenen Gründen dennoch schwierig, sich für das fertige Produkt erwärmen zu können. Konzentriert man sich ausschließlich auf die Gewalt (hauptsächlich gegen Frauen), so ist es mit Sicherheit nicht ungewöhnlich, dass einem solchen Streifen vorgeworfen wird, vollkommene Misogynie zu porträtieren. Die explizit sexualisierte Art und Weise, auf der sich ein Großteil des Mord und Totschlags abspielt, verleiht dem Film eine besonders unangenehme Note, die einige dieser Kritikpunkte zu bestätigen scheint.

Abgesehen davon ist es unwahrscheinlich, dass irgendein bestimmter Gedanke in diesen Aspekt einbezogen wurde; es scheint sich einfach um ein Nebenprodukt der Exzesse des filone zu handeln, wobei jeder Regisseur versuchte sich zu profilieren, indem er in dem einen oder anderen Bereich die Grenzen überschritt, um sich vom Rest der Masse abzuheben. Play Motel tat es kraft seiner schmuddeligen Sexszenen; Giallo a Venezia bewerkstelligt es mit seinen schwer erschütternden Bildern von graphischer Zerstückelung. Aus technischer Sicht gibt es hier allerdings sehr wenig anzuerkennen. Mario Landi gehörte zu der Art von Regisseuren, die einfach weiterdrehten, wenn der Fokus in der vorherigen Szene gepasst hat. In seiner Inszenierung steckt sehr wenig Kreativität – abgesehen von der seltsamen Einstellung, in der sich die windenden Opfer in der Sonnenbrille des Mörders widerspiegeln – wobei das Tempo extrem niedrig gehalten wird. Der Film zieht sich wie Kaugummi und selbst das regelmäßige Einfügen weiterer sexueller Begegnungen verleiht dem Film keinen Elan. Die Kinematographie von Franco Villa ist als nichts anderes als zweckmäßig zu beschreiben und die Musik von Berto Pisano ist aus anderen Scores, insbesondere seinem Soundtrack zu Interrabang (1969), recycelt worden. Das einzig wahre Highlight stellen die Make-up-Effekte von Mauro Gavazzi dar, die sich durch ihren grellen Realismus auszeichnen.

Die Güte der Besetzung entspricht den übrigen Produktionswerten. Jeff Blynn spielt Inspektor De Paul, der mit seinem zottigen Haarwuchs, seinem Pornobalken und seiner Vorliebe für hartgekochte Eier (eine ulkige Eigenschaft, die schon recht bald zu nerven beginnt) einen der unglaubwürdigsten und uninteressantesten Giallo Protagonisten repräsentiert, den man sich nur vorstellen kann. In Anbetracht dessen, dass ihm das Drehbuch wirklich nicht viel zu tun gibt, außer von den unlogisch erscheinenden Eröffnungsmorden besessen zu sein und viele Eier zu konsumieren, muss noch angemerkt werden, dass der Schauspieler es einfach nicht verstand ein gewisses Maß an Charisma zu versprühen. Blynn wurde 1954 in New York City geboren und begann seine Leinwandkarriere mit einigen deutschen Filmen (Der zweite Frühling, MitGift), bevor er sich auf den Weg nach Rom machte. Dort trat er in mehreren poliziotteschi auf, darunter Mario Caianos Napoli spara! (Die Killermeute, 1977) und Alfonso Brescias Napoli … la camorra sfida, la città risponde (1979), wobei Giallo a Venezia sein einziger Giallo Auftritt bleiben sollte. In den 90er Jahren hörte er auf Filme zu drehen, um ein eigenes Restaurant in Rom zu betreiben.

Die hübsche Leonora Fani übernimmt die Rolle der Flavia, während Gianni Dei ihren sexuell abnormen Ehemann Fabio spielt. Fani wusste mit ihrem Auftritt in Pensione Paura (1977) zu beeindrucken, doch hier darf sie sich nur auf verschiedene sexuelle Handlungen einlassen, die von Masturbation bis zum öffentlichen Sex reichen. Dei wird ähnlich funktional eingesetzt, bleibt dabei ziemlich unscheinbar und versteht es nicht größeren Eindruck zu schinden. Der 1940 geborene Schauspieler gab sein Spielfilmdebüt mit einer nicht im Abspann aufgeführten Rolle in Lucio Fulcis Ragazzi del Juke-Box (The Jukebox Kids, 1959) und entwickelte sich zu einer produktiven Präsenz über Horrorfilme wie La settima tomba (The Seventh Grave, 1965) und Italo-Western wie Lo sceriffo che non spara (The Sheriff Won’t Shoot, 1965) bis hin zu Gialli (?) wie Un bianco vestito per Marialé (Spirits of Death, 1972) und Grenzgänger Gialli wie Gli assassini sono nostri ospiti (Killer sind unsere Gäste, 1974). Seine prominenteste Rolle war die des bettlägerigen Psychopathen, der in Patrick vive ancora (Patrick lebt!, 1980, der ebenfalls von Mario Landi inszeniert wurde) mit telekinetischen Kräften Chaos anrichtet. Die beste Schauspielerin des Films ist Mariangela Giordano, obwohl sie kaum die Chance bekommt dies zu beweisen. Die 1937 geborene Künstlerin trat seit den 50er Jahren in Filmen auf und spielte in einigen Pepla wie Ursus (Ursus, Rächer der Sklaven, 1961) sowie Il ratto delle sabine (Der Raub der Sabinerinnen, 1962) und Italo-Western mit, darunter Antonio Margheritis Joko invoca Dio… e muori (Fünf blutige Stricke, 1968). Ihr Giallo-Debüt gab sie mit La stirpe di Caino (1971), während sie auch in Horrorfilmen wie Michele Soavis La setta (The Sect, 1991) und Jess Francos Killer Barbys (1996) zu sehen ist. Bei Patrick lebt! sollte sie wieder auf Dei und Landi treffen, wird aber für ihre Rolle in Andrea Bianchis bizarrem Le notti del terrore (Die Rückkehr der Zombies, 1981) am ehesten in Erinnerung bleiben. Regisseur Mario Landi wurde 1920 in Sizilien geboren. 1950 drehte er seinen ersten Film, war jedoch hauptsächlich fürs Fernsehen aktiv. Giallo a Venezia war Teil einer Reihe von schmierigen Exploitation-Filmen, die er gegen Ende seiner Karriere machte und würde sein einziger Kontakt mit dem „Genre“ bleiben. Er starb 1992 im Alter von 71 Jahren.

Das 16-seitige tenebrarum-Booklet umfasst erstmals die Arbeit zweier Autoren mit den Aufsätzen „GIALLO A VENEZIA – EIN FILM MIT EIERN“ von Filmanalytiker Martin Beine sowie „DIE GRENZENLOSIGKEIT DER PERVERSION, ODER EIN KOMMISSAR MIT EIERN“ von Film- und Literaturwissenschaftler Kai Naumann und ist wieder einmal enorm lesenswert !!!

Die unterschiedlichen Herangehensweisen der beiden Autoren werden nicht nur durch die abweichende Schreibweise von Namen und etwa bei der Nennung von Filmtiteln oder bei zeitlichen Angaben bezüglich der Produktion bzw. Uraufführung der genannten Filme offensichtlich, sondern vor allem durch den Inhalt der beiden Texte, der nur minimale,  unvermeidbare Überschneidungen aufweist.

Bluntwolf

Bluntwolf ist ein Cineast aus der goldenen Mitte Deutschlands. Sein Spezialgebiet ist das italienische Kino der 60er bis 80er Jahre, insbesondere Italowestern, Giallo und Polizio. Er ist der Chefredakteur von Nischenkino und gehört dem Redaktionsteam der Spaghetti-Western Database an.

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