The Child – Die Stadt wird zum Alptraum / Chi l’ha vista morire?

Venedig, die romantische Lagunenstadt wird vom Hauch des Todes umweht! Eine Serie schrecklicher Morde, ausgeführt von einer geheimnisvollen, verschleierten Frau, verwandelt die Stadt in einen Hexenkessel aus Angst, Gewalt und Mord. Der offenbar geistesgestörte Killer ist überall – er (?), sie (?) lauert im Hinterhalt und schlägt erbarmungslos zu! Franco, ein in Venedig lebender Bildhauer, erhält Besuch von seiner kleinen Tochter, die bei ihrer Mutter lebt. Doch die Freude über den Besuch ist nur von kurzer Dauer: Am nächsten Morgen treibt das Kind tot in einem Kanal. Wie ein Besessener und blind vor Trauer beginnt Franco, sich auf die Suche nach dem Mörder zu machen, der die Lagunenstadt in Angst und Schrecken versetzt… (Koch Media)

Chi l’ha vista morire? ist beinahe zu den absoluten Top-Gialli zu zählen, doch letztendlich handelt es sich hier um einen Film, der weniger ist als die Summe seiner Teile. Nach einem bemerkenswert packenden ersten Abschnitt, dreht sich der Film zunächst einmal ziellos im Kreis und gerät deswegen ein wenig ins Stocken, bevor es zu einem einigermaßen effektiven Höhepunkt kommt. Würde es doch nur nicht so viel nutzlosen Füllstoff geben, dann wäre das Endergebnis so viel kraftvoller ausgefallen. Der Film setzt sich mit einigen Themen auseinander, die bereits in anderen Gialli wie Non si sevizia un paperino (Don’t Torture a Duckling, 1972) angesprochen wurden. Das Thema eines Kindermörders ist widerwärtig, doch Regisseur Aldo Lado legt diesbezüglich durchweg Fingerspitzengefühl und guten Geschmack an den Tag. Lado ist weniger an grellen Schockmomenten interessiert, als an der Erforschung der Trauer seiner Protagonisten, was dem Film einen deutlich melancholischen Touch verleiht. Franco und Elizabeth stellen überzeugende Protagonisten dar. Er ist ein Künstler, der Schwierigkeiten mit Engagement hat, während sie praktischer und geerdeter daherkommt. Sie lieben sich, sind aber wegen ihrer unterschiedlichen Lebenseinstellungen so uneins.

Ironischerweise stärkt der Verlust ihrer Tochter ihre Beziehung und bringt sie näher zusammen. Nach Robertas Beerdigung gibt es eine wunderbare Szene, in der sie im Bett gezeigt werden und versuchen, sich durch Liebesspiel wieder zu verbinden, möglicherweise in der Hoffnung, wieder schwanger zu werden. Das Gefühl von Trauer und Traurigkeit durchdringt die Atmosphäre jedoch und verwandelt den gesamten Vorgang in etwas Ungeschicktes sowie Unelegantes. Dabei handelt es sich um ein wunderbares set-piece, schon allein, weil es einen Hauch von Wahrheit versprüht. Solche menschlichen Momente sind im Giallo nicht gerade oft vertreten, so dass sie umso mehr genossen werden müssen, wenn sie denn doch mal auftauchen. Lado bleibt außerdem seinem Grundkonzept treu, die dunklere Seite des sonnigen Venedig zu offenbaren. In einem Interview auf der DVD-Veröffentlichung von Koch Media erklärt der Regisseur, dass er in Venedig aufgewachsen sei und eine starke Bindung zu dieser Stadt habe, sich aber immer bewusst gewesen sei, dass sich unter seiner glitzernden Oberfläche „der Geruch des Todes“ riechen lässt, was in der visuellen Ästhetik des Films entblößt wird. Der Film beginnt sonnig und hoffnungsvoll, doch allmählich dringt immer mehr Dunkelheit ein.

Die schönen Kanäle und verwinkelten Straßen sehen im Verlauf der Geschichte immer weniger fröhlich aus. Während Roberta mit den anderen Kindern spielt, wirkt alles leicht und unschuldig, doch es wird bald deutlich gemacht, dass sie von einem Mörder verfolgt wird, einem Monster in Schwarz, das dennoch so banal aussieht, dass es niemandem auffällt. Aus dieser Tatsache besteht der wahre Horror des Films: Der Mörder bewegt sich am helllichten Tag und kann in harmlosen Momenten am Rand des Bildes lauernd gesehen werden. Die Menschen sind jedoch so in ihren täglichen Leben gefangen, dass sie die Anwesenheit dieser fremden Person nie in Frage stellen. Die Vorstellung von der schönen Stadt, die dunklere Seiten maskiert, wird später in Nicolas Roegs Meisterwerk Don’t Look Now (Wenn die Gondeln Trauer tragen, 1973) ebenfalls unter die Lupe genommen. Lado zeigt ein gutes Auge für Komposition, doch das Tempo lahmt. Die erste halbe Stunde, die mit der Entdeckung von Robertas im Kanal schwimmenden Körper ihren Höhepunkt findet, ist packend inszeniert. Danach geraten die Aktionen allerdings durcheinander, wobei sich das Tempo erheblich verlangsamt.

In den letzten fünfzehn Minuten findet der Film allerdings wieder zurück in die Spur, wobei die letzte Zeile über die Identität des Mörders – die ausdrücklich gegen Lados Willen eingefügt wurde – die Auswirkungen der Vorgänge erheblich untergräbt. Man möchte nicht zu streng mit dem Film sein, da er wirklich sehr empfehlenswert ist, doch es ist als eine Schande zu bezeichnen, dass der Streifen nicht die gleiche sichere und beständige Kontrolle über das Material zeigt, die Lado in seinem ersten Film demonstriert hatte, dem Grenzgänger-Giallo La corta notte delle bambole di vetro (Malastrana, 1971) oder seinem späteren Schocker L’ultimo treno della notte (Mädchen in den Krallen teuflischer Bestien, 1975). Trotzdem ist der Film von Anfang bis Ende wunderschön fotografiert und mit lyrischer Musik von Ennio Morricone untermalt worden. Die Besetzung wird vom australischen Schauspieler George Lazenby angeführt, der 1939 geboren wurde und als Autoverkäufer arbeitete, bevor er sich der Modellei widmete. 1968 wurde er von den Produzenten Albert R. Broccoli und Harry Saltzman ausgewählt, um Sean Connery in der Rolle von James Bond 007 – Im Geheimdienst Ihrer Majestät (1969) zu ersetzen. Lazenby verkrachte sich mit den Produzenten und kam, auf Anraten seines Agenten, schließlich zum Entschluss sich vom Franchise zu entfernen.

Der Film erwies sich als Erfolg, aber die turbulente Beziehung des Schauspielers zu den Produzenten und einigen seiner Co-Stars, darunter auch die Hauptdarstellerin Diana Rigg, markierten ihn als „schwierig“, weswegen es ihm schwerfiel seine Karriere in Gang zu bringen. Who Saw Her Die? bedeutete einen seiner ersten Auftritte nach dem Bond-Film und er gibt eine exzellente, von Herzen kommende Vorstellung als künstlerischer Vater, der gezwungen ist, mit dem Verlust seiner geliebten Tochter umzugehen. Obwohl er von einem anderen Schauspieler synchronisiert wurde und sich von seinem imposanten und sauberen Aussehen im Bond-Film deutlich unterscheidet (er sieht hier eher dünn aus, hat längeres Haar und trägt einen vollen Schnurrbart), sorgt er für eine sympathische und charmante Hauptrolle. Regisseur Lado erinnerte sich daran, dass sich Lazenby wie ein absoluter Profi am Set verhielt und von dem Projekt begeistert war. Lazenby, ein Freund der Martial Arts Ikone Bruce Lee, sollte mit dem Kampfsportler in Tie jin gang da po zi yang guan (Stoner – Ein Mann wie Granit, 1974) die Hauptrolle spielen, als Lee jedoch unerwartet verstarb. Lazenby wurde zum alleinigen Hauptdarsteller befördert und trat in den 70er Jahren in einer Reihe von Actionfilmen zum Thema Kampfkunst auf.

Er verfälschte sein Image in John Landis‘ exzentrischen und/oder unkonventionellen Komödie Kentucky Fried Movie (1977) und beeindruckte in einer kleinen Rolle in Peter Bogdanovichs wenig gesehenem Saint Jack (1979), doch seine Filmkarriere fing nie wirklich Feuer, weswegen er sich bis in die 80er Jahre hinein hauptsächlich auf Gastrollen in Fernsehserien und den einen oder anderen Fernsehfilm der Woche konzentrierte. Er hat noch immer sporadische Filmauftritte und aus seinen Fehlern der Vergangenheit gelernt. Sein einziger Auftritt als Bond ist nach wie vor umstritten, die Statur des Films und die seiner Vorstellung scheinen im Laufe der Zeit allerdings gewachsen zu sein. Lazenbys Frau wird von Anita Strindberg verkörpert, die hier mehr zu tun hat, als in ihren früheren Gialli, Una lucertola con la pelle di donna (A Lizard in a Woman’s Skin, 1971) und Al tropico del cancro (Inferno unter heißer Sonne, 1972). Sie überzeugt in ihren emotionaleren Sequenzen und spielt auch gut mit Lazenby zusammen. Ihre Tochter Roberta wird von der rothaarigen und sommersprossigen Nicoletta Elmi gespielt. Elmi wurde 1964 geboren und gab 1969 ihr Filmdebüt. Sie begann in italienischen Horrorfilmen und Gialli aufzutreten, spielte eines der mörderischen Kinder aus Mario Bavas Ecologia del delitto (Im Blutrausch des Satans, 1971) und arbeitete bei Gli orrori del castello di Norimberga (Baron Blood, 1972) erneut mit Bava zusammen. Sie trat unter anderem auch in Paul Morrisseys Italian-made Flesh for Frankenstein (Andy Warhol’s Frankenstein, 1973), Massimo Dallamanos Il medaglione insanguinato (Perche?!) (The Night Child, 1975) und Dario Argentos Profondo rosso (Rosso – Die Farbe des Todes, 1975) auf. Als Erwachsene trat sie als schwüle Ticket-Nehmerin in Lamberto Bavas äußerst beliebten Dèmoni (Dämonen 2, 1985) auf. Seit den späten 80er Jahren ist sie inaktiv in Filmen.

Die Nebenbesetzung hält mit Adolfo Celi wenigstens einen richtig bekannten Namen bereit, der auch gleich eine saftige Rolle, als einer der Hauptverdächtigen verpasst bekommen hat. Celi hat, genauso wie Lazenby, eine ganz eigene Verbindung zum James Bond Franchise: er spielte den Bösewicht Emilio Largo in Thunderball (James Bond 007 – Feuerball, 1965). Regisseur Aldo Lado wurde 1934 geboren. Er arbeitete als Regieassistent an mehreren Italo-Western (Jonny Madoc rechnet ab; Ein Halleluja für Django; Django – Den Colt an der Kehle) mit, bevor er ausgewählt wurde, um Bernardo Bertolucci bei Il conformista (Der große Irrtum, 1970) zu unterstützen. Bald darauf gab Lado sein Regiedebüt mit La corta notte delle bambole di vetro (Malastrana, 1971), einem gruseligen psychologischen Horrorfilm, der sich für den filone des Giallo nicht so richtig qualifizieren kann (zumindest nicht als klassischer), oftmals jedoch als solcher bezeichnet wird.

Er führte Regie bei so unterschiedlichen Filmen wie dem bereits erwähnten Mädchen in den Krallen teuflischer Bestien und der kitschigen Star Wars-Pastiche L’umanoide (Kampf um die 5. Galaxis, 1979) und sollte zum Giallo erst viel später mit Alibi perfetto (Wendekreis der Angst, 1992) wieder zurückkehren. Lados Name wird selten unter den interessanteren Genre-Regisseuren der Zeit erwähnt, was kaum als fair bezeichnet werden kann; sein Werk ist zwar uneinheitlich, aber seine Höhepunkte stechen hervor. Trotz all seiner Fehler bietet Chi l’ha vista morire? reichlich Beweise für Lados Können.

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Format: Dolby, PAL, Breitbild
Sprache: Italienisch (Dolby Digital 2.0), Deutsch (Dolby Digital 2.0), Englisch (Dolby Digital 2.0)
Untertitel: Deutsch
Bildseitenformat: 16:9 – 2.35:1
Anzahl Disks: 3
FSK: Freigegeben ab 16 Jahren
Studio: Koch Media GmbH – DVD
Produktionsjahr: 1972
Spieldauer: 268 Minuten

Bluntwolf

Bluntwolf ist ein Cineast aus der goldenen Mitte Deutschlands. Sein Spezialgebiet ist das italienische Kino der 60er bis 80er Jahre, insbesondere Italowestern, Giallo und Polizio. Er ist der Chefredakteur von Nischenkino und gehört dem Redaktionsteam der Spaghetti-Western Database an.

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1 Antwort

  1. 30. März 2020

    […] Momentan kann ich die Meinung der Kollegen bei Nischenkino nicht Teilen. Weder würde ich „The Child“ von Aldo Lado einen langweiligen Mittelteil unterstellen, noch Peter Patzaks „Der Joker“ als „weitgehend […]

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