Play Motel

Als der Schauspieler Roberto und dessen Frau Patrizia eines Nachts im zwielichtigen Play Motel übernachten, finden sie mehr durch Zufall eine Leiche im Kofferraum ihres Wagens. Sie lassen das Auto wie sie es vorgefunden haben und informieren die Polizei. Bei deren Eintreffen ist die Verwunderung groß, als man feststellt, dass von der Leiche jede Spur fehlt. Kurz darauf taucht sie jedoch an einem anderen Ort wieder auf und wird als Ehefrau eines hochrangigen Mitglieds der Oberschicht identifiziert. Die beiden Zeugen möchten der Sache auf den Grund gehen und der Polizei bei der Lösung des Falls helfen. Denn man kommt einem Erpresser-Ring auf die Spur, der kompromittierende Fotos von den vielen prominenten Gästen des Play Motel aufnimmt… und es geschehen weitere Morde. (Cinestrange Extreme)

Filme wie Nude per l’assassino / Nackt für den Killer (1975) und La Sorella di Ursula / Die Todesbucht (1978) mögen den Giallo zwar in den Bereich der Sexploitation gedrängt haben, zeigten jedoch noch ein gewisses Maß an Zurückhaltung und konnten somit nicht direkt als Pornografie bezeichnet werden. Play Motel dagegen machte den nächsten großen Schritt in diese Richtung und führte den Giallo sozusagen fest in die Welt des Hardcore-Sex ein, was auch nicht die letzte derartige Verschmelzung von Thriller und offen pornografischem Material sein sollte. Autor und Regisseur Mario Gariazzo schien mehr an den Sex-Aspekten, als an den Thriller-Elementen interessiert gewesen zu sein, da die Anzahl der Morde relativ gering gehalten wird, während die endgültige Entlarvung der Identität des Mörders von Anfang an offensichtlich erscheint. Der Film macht den Eindruck, als hätte sich der Regisseur nicht einmal die Mühe gemacht, die Thriller-Elemente vernünftig auszubauen, da er überzeugt war, die wahre Existenzberechtigung des Films läge in seinen ausgedehnten Sexszenen. Er mag in gewisser Hinsicht recht gehabt haben, doch dadurch fühlt sich der Streifen ziemlich schwerfällig an, denn die Sexszenen sind wirklich nicht besonders erotisch geraten (außer vielleicht die mit Patrizia Webley und Marino Masè). Gariazzos Regieführung ist im Allgemeinen als schlaff (kein Wortspiel beabsichtigt) und einfallslos zu bezeichnen, obwohl gelegentlich gelungene Kamerawinkel offenbaren, dass er zumindest sporadisch versuchte, dem Film ein wenig Stil zu verleihen.

Die Produktionswerte passen zu einem 70er-Jahre-Porno, was durchaus angemessen ist, wobei der von Discomusik durchdrungene Soundtrack von Ubaldo Continello in diesem Zusammenhang auch als besonders passend bezeichnet werden kann. „Gore“ wird auf ein Minimum reduziert und die verschiedenen Stalk-and-Kill Sequenzen werden so einfallslos gehandhabt, sodass der Film kaum als Giallo durchgehen kann. Die Betonung auf anrüchigen Sex weicht einem seltsam düsteren Humor. Die verschiedenen perversen Persönlichkeiten der Oberschicht verkleiden sich alle auf mannigfaltige Art und Weise (Teufel, Nonne, Kardinal, Löwenzähmer und Löwin) um sich dann ungezogenen Dingen hinzugeben. Doch das alles ist viel zu lächerlich gestaltet worden, um es ernst nehmen zu können, wobei sich in der heuchlerischen Natur der Erpressungsopfer (die sich als Säulen der Gesellschaft ausgeben, während sie sich hinter dem Rücken ihrer Ehefrauen und Ehemänner solchen absurden sexuellen Spielereien hingeben) einiges an halbherzigen sozialen Kommentaren versteckt.

Wer hat bloß dieses Drehbuch verfasst!?

Leider fängt der Film nie Feuer: Die Sexszenen ziehen sich unendlich lange hin, die Charaktere sind vollkommen vergessenswert und das billige Aussehen der Produktion verweigert ihr sogar den Reiz eines ästhetischen Wertes. Gariazzo versieht den Film zusätzlich mit schrecklichem Tempo, was ihn viel länger erscheinen lässt, als er wirklich ist. Das einzige, was ausgefeilter wirkt als die Sexszenen, sind die verschiedenen Verfahrensabläufe der Polizei, deren Kombination sich als tödlich erweist. Die Besetzung scheint von ihren Rollen angemessen unbeeindruckt zu sein. Ray Lovelock wandelt mit selbstgefälligem Desinteresse durch den Film. Lovelock hatte in seinen früheren Gialli wie Un posto ideale per uccidere (Deadly Trap, 1971) und Macchie solari (Autopsy, 1975) gute Leistungen abgeliefert, doch hier wurde er mit einer langweiligen Rolle bedacht, die ihn für einen Großteil des Streifens ins Abseits stellt. Seine Ehefrau und Komplizin im Undercover-Spiel wird von Anna Maria Rizzoli verkörpert, einer hübschen Schauspielerin, die ihre Szenen mit einem gewissen Charme und dem nötigen Enthusiasmus würzt. Auch Rizzoli hat eigentlich nicht viel zu tun, aber getreu der Doppelmoral des Exploitation-Kinos wird sie selbstverständlich darum gebeten, sich während einer ihrer Undercover-Missionen komplett auszuziehen. Anthony Steffen (Die Grotte der vergessenen Leichen), der hier so hölzern spielt, dass man schon versucht ist, nach Anzeichen von Rigor Mortis Ausschau zu halten, gibt den schnarchigen Inspektor De Sanctis.

Die Nebenbesetzung besteht aus wenigen bekannten Genre-Gesichtern, wie einen nicht in den Kredits aufgeführten Fulvio Mingozzi (der kurz durchs Bild laufen und sogar einen Satz aufsagen darf), Marino Masè (Der Teufel führt Regie), Enzo Fisichella (Malabimba – Vom Satan besessen), Mario Cutini und Mario Novelli sowie einigen Talenten aus dem Porno-Bereich der italienischen Filmindustrie. Unter diesen macht die in Schweden geborene Marina Hedman (hier Marina Frajese) neben Patrizia Webley (Malabimba – Vom Satan besessen) den bedeutendsten Eindruck während der oben erwähnten Nonnen Vignette. Mario Gariazzo wurde 1930 in Biella geboren, gab 1962 sein Regiedebüt und machte sich erstmals mit einer Reihe von sehr billigen Spaghetti-Western, wie Django – Gott vergib seinem Colt (1969), Zeig mir das Spielzeug des Todes und Weihwasser Joe (beide 1971), einen Namen. Auch im Genre des poliziottesco, insbesondere als Regisseur von Philippe Leroy und Klaus Kinski in La mano spietata della legge (Die gnadenlose Hand des Gesetzes, 1973), mischte er mit. Horrorfans wird er vor allem wegen seines schäbigen Abklatsches von William Friedkins Der Exorzist (1973) mit dem Titel L’Ossessa – Das Omen des Bösen (1974) bekannt sein. Einer seiner beliebtesten Filme ist jedoch Il venditore di palloncini (Der Luftballonverkäufer, 1974) mit den Hollywood-Veteranen Lee J. Cobb und James Whitmore. In den späten 70er Jahren arbeitete er intensiv im Bereich der Sexploitation. Zu Gariazzos ersten Kontakt mit dem Giallo-Genre kam es, als er die Geschichte zu Mario Bianchis Spaghetti-Western-Giallo-Hybriden In nome del padre, del figlio e della Colt (The Masked Thief, 1973) beisteuerte. Play Motel stellt seinen ersten und einzigen Genrebeitrag dar. Er starb 2002 im Alter von 71 Jahren.

Play Motel erscheint erstmals im deutschsprachigen Raum als #01 der Cinestrange Extreme Edizione Giallo in streng limitierten Mediabooks (3 Discs) auf BluRay und DVD. Mit dem Design der Edition hat man wirklich gute Arbeit geleistet, doch über die Bildqualität der 16:9 PAL-Version lässt sich sicherlich streiten, während beim Ton kaum ein Grund zur Beschwerde besteht. Hier kann man zwischen der italienischen, englischen und deutschen Spur wählen, die sich alle mehr oder weniger gut hören lassen. Möchte man sich den Film lieber im Originalton ansehen, so stehen deutsche und englische Untertitel zur Verfügung. Dies bietet sich auch geradezu an, denn die extra für diese Veröffentlichung angefertigte deutsche Synchronisation ist als alles andere denn gelungen zu bezeichnen (Cinestrange Extreme ist mit dem Ergebnis selbst nicht zufrieden, eine Erklärung des Labels bezüglich der Synchro liegt der Edition bei). Als Extras gibt es neben einer Bildergalerie und einem Trailer noch ein ca. 19 minütiges Featurette zu bestaunen sowie ein umfangreiches und unterhaltsam geschriebenes Booklet mit 20seitigem Text von Leonhard Elias Lemke zu lesen. Ach ja und selbstverständlich die Hardcore-Fassung des Streifens auf einer extra DVD. Cinestrange Extreme gelingt eine tolle Veröffentlichung eines kleinen und extrem schmierigen Sexfilm/Giallo-Hybriden (ein sogenannter „klassischer Giallo“ liegt hier bei weitem nicht vor), der sehr weit entfernt vom Fahrwasser der Großen der Genres schwimmt und wenig zu unterhalten weiß. Letztendlich kann man aber einfach nur froh sein diese Sleaze-„Perle“ in einer offiziellen Veröffentlichung in seine Sammlung aufnehmen zu können.

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Darsteller: Anna Maria Rizzoli, Ray Lovelock, Mario Cutini, Antonella Antinori, Patrizia Behn
Regisseur(e): Mario Gariazzo
Sprache: Italienisch (Stereo 2.0), Deutsch (Stereo 2.0), Englisch (Stereo 2.0)
Region: Region B/2
Bildseitenformat: 16:9 – 1.77:1
FSK: Nicht geprüft
Studio: Cinestrange Extreme
Produktionsjahr: 1979
Spieldauer: 93 Minuten

Die Bilder wurden von der DVD aufgenommen.

Dieses Mediabook wurde uns freundlicherweise von Cinestrange Extreme zur Verfügung gestellt.

Auf 166 Stück limitiert.

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Bluntwolf

Bluntwolf ist ein Cineast aus der goldenen Mitte Deutschlands. Sein Spezialgebiet ist das italienische Kino der 60er bis 80er Jahre, insbesondere Italowestern, Giallo und Polizio. Er ist der Chefredakteur von Nischenkino und gehört dem Redaktionsteam der Spaghetti-Western Database an.

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