The Act of Killing & The Look of Silence

Mit The Act of Killing schuf der Filmemacher Joshua Oppenheimer (The Globalisation Tapes) zusammen mit Signe Byrge Sørensen eine neuartige, kontroverse und höchst erfolgreiche Dokumentation über die Täter des indonesischen Massenmords in den 60ern. Mit The Look of Silence setzte er einen gefeierten Film oben drauf und ergänzt seine Nachforschung quasi mit einem Gegenstück aus Opferperspektive. Die Filme wurden von Errol Morris (The Fog of War) und Werner Herzog (Rescue Dawn) co-produziert. Zwei hochgradig unübliche Dokumentarfilme, international hoch gelobt, doch worum gehts? Hier ein Doppelreview der Dokus mit einigen Bemerkungen sowie weiterführenden Links zum historischen Kontext. Um es vorweg zu nehmen: Es ist harter Tobak, und man sollte wirklich beide Filme sehen.

The Act of Killing

The Act of Killing

Der Putschversuch gegen den indonesischen Diktator Sukarno im Oktober 1965 wurde (nach heutigem historischen Kenntnisstand) zwar nicht von der Kommunistischen Partei begangen, aber dennoch folgte daraufhin ein in erster Linie von den Militärs angeordneter Massenmord an dessen Mitgliedern, sowie an ethnischen Chinesen und anderen Beschuldigten. Der federführende General Suharto wurde dann 1966 Staatsoberhaupt, seine Militärherrschaft dauerte bis 1996. Das grausame Gemetzel, bei dem schätzungsweise eine halbe Million Menschen ermordet wurden, ist bis heute nicht aufgearbeitet oder geahndet. Im Gegenteil, auch wenn seit dem Tod Suhartos die Diskussion über die geschichtliche Vergangenheit an sich nicht mehr illegal ist, so werden die Täte von damals gefeiert, die verdrehte Rechtfertigung des Massenmords bis heute an Schulbüchern gelehrt, und das ganze System des Landes ist unterwandert von paramilitärischen Organisationen wie der „Pancasila Jugend“ und anderer Schergen, die eine kriminelle politische Klasse stellen und stützen, und Opposition im Land verhindern (mehr dazu auf Wikipedia).

Der Film selbst ist sehr schwer zu verdauen. Oppenheimer lässt die Verbrecher ihre eigenen Taten nicht nur erzählen, sondern nachspielen. Der Film im Film, der dadurch quasi erzählt, macht die Täter stolz und schafft es gar in die Propaganda Talkshows des Regimes. Die „Gangster“ wie sich die ehemaligen Paramilitärs nennen, sind bis heute stolz auf die „Ausrottung der Kommunisten“, eine Geschichtsverschönung die bis heute so in der Öffentlichkeit gefeiert wird. Der Aufzug und das Verhalten der Militärs erinnert deutsche Zuschauer an Hitler Jugend, SS und Co, von den Riten bis zum Siegerkult. Es ist ein verstörendes Bild das Oppenheimer hier aufzeigt, ohne viel Kontext und gänzlich aus der Täterperspektive. Eine erdrückende, verstörende, fast schon unglaubliche Beschreibung eines Landes, das man meist nur aus Rucksacktouri-Perspektive kennt. Dabei sind die „Gangster“ kein homogener Brei. Einige davon reagieren durchaus reflektiert über ihre Taten, sind sich der politischen Lüge bezüglich der angeblichen kommunistischen Taten bewusst, wissen der NS-Progapanda ähnliche Anti-Kommunistenfilme durchaus als solche einzustufen, und berichten dennoch stolz über ihre Leistungen damals, den grausamen faschistischen Massenmorden an große Teilen der Bevölkerung. Der große Verdienst des Films ist es, die Verbrecher dazu gebracht zu haben, diese Vergangenheit selbst und frei heraus nachzuspielen, sie zu verarbeiten statt zu verdrängen, und mit der eigenen Grausamkeit konfrontiert zu werden. Es entschuldigt rein gar nichts, aber der Zuschauer findet einen geringen Trost daran, dass der ein oder andere von denen daraufhin schon mal sich übergeben muss oder seit Jahren keinen ruhigen Schlaf findet. Wenigstens etwas.

Heute ist Indonesien nach wie vor keine echte Demokratie, zu stark ist das Land unterwandert von den Militärs, die sich ihre Pfründe gesichert haben, Opposition drangsalieren, und eine echte Aufarbeitung der Geschichte des Landes verhindern. The Act of Killing könnte dabei ein wichtiges Dokument zur Aufklärung sein, aber ob die Täter jemals einen Gerichtssaal sehen werden ist höchst fraglich. In einem echten Rechtssystem hätten sie sich mit diesem Film allerdings schon ihr Gerichtsurteil zementiert. Näher an ein Geständnis zum Völkermord geht es nicht. Ich habe nach dem Film immer noch einen Kloß im Hals. Es ist so frustrierend, die Analogie wäre, wenn Nazis heute noch hier frei herumlaufen würden und in den Medien von allen gefeiert würden, und in den Büchern würde erfolgreich von der Vernichtung der Juden geschrieben. Undenkbar. So ist das aber in Indonesien, denkt dran wenn ihr da das nächste mal Urlaub macht.

Zwischen diesem ersten Textteil und der Veröffentlichung des kompletten Artikels liegen mehrere Wochen, mittlerweile ist dieser Film bei Netflix Deutschland leider nicht mehr gelistet.

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The Act of Killing BluRay

The Look of Silence

the look of silence

Wie eingangs erwähnt beleuchtet The Look of Silence den gleichen indonesischen Massenmord, aber diesmal mehr oder weniger aus Opferperspektive. Während in The Act of Killing ein Filmprojekt zur Nachahmung der Greueltaten als Aufhänger diente, ist es nun die Perspektive des Optikers Adi, der Täter und Opfer zu ihren Erlebnissen befragt. Unerschrocken ob der Warnungen, nicht in der Vergangenheit rumzustochern, befragt er auch Täter sowie Kollaborateure, in erster Linie weil sein eigener Bruder damals den Hinrichtungen am nahe gelegenen Schlangenfluss  zum Opfer gefallen war. Schon am Anfang des Films sehen wir auch eine sehr interessante internationale Komponente des Films, nämlich die Rolle der USA in der Unterstützung der Militärdiktatur sowie mögliche wirtschaftliche Motive die damals für die gewaltsame Säuberung des Landes von vermeintlichen kommunistischen Elementen sprachen. Reifenproduzent Goodyear beispielsweise waren Gewerkschaften vor Ort ein Dorn im Auge…ein Thema das zeigt wie viel bis heute an historischen Hintergründen nicht oder nur zu wenig aufgearbeitet sind. Dazu siehe auch hier, und zum Beispiel hier. Zum Stand in Indonesien heute empfehle ich diesen Artikel, die Propaganda die noch heute am Werke ist, die junge Generation zwischen Falschinformation und Nichtwissen über diese Zeit zu halten, wird auch in diesem Teil des Films erschütternd demonstriert.

Das traurige und bizarre ist, dass eine Aufklärung der Geschehnisse (noch) relativ einfach wäre, da zum einen viele der Täter noch leben, und was besonders abstrus ist, diese nicht nur damit prahlen und dafür gefeiert werden, sondern teilweise auch selbst voller stolz Bücher darüber geschrieben haben. Passieren wird das aber, zumindest in Indonesien, so lange nicht, wie die Tätergeneration noch am Leben ist und traurigerweise an den wichtigen Schalthebeln im Land sitzt. Der aktuelle Präsident mit dem Spitznamen „Jokowi“ hatte zwar im Wahlkampf angedeutet, zumindest eine Entschuldigung auszusprechen, passiert ist bis heute aber nichts. Die Täter sind heute Militärs, Politiker, Geschäftsleute, Anteilseigner, und Nachbarn. Es ist eine schockierende Wahrheit über ein Land, das sich heute gerne als aufstrebende Demokratie gibt, aber derart brutale Wunden vorherrschen. Im Film wird deutlich, wie indoktriniert und abergläubisch Täter und Hinterbliebene sind, wie man die Schuld auf die abwälzen will, die das Thema zur Sprache bringen, wie man bis heute nur sehr vage an irgend eine Schuld von Kommunisten erinnert, was Kommunisten sind wusste wahrscheinlich damals auch nicht wirklich irgend jemand. Der vom Militär orchestrierte Massenmord, meist ausgeführt von paramilitärischen Gruppen, örtlichen Kollaborateuren oder Mobs, ist ein Schandfleck, und man kann nur hoffen, dass diese beiden Filme wenigstens irgendeine positive Auswirkung haben. Zumindest werden sie international aufklärend wirken über die Vergangenheit eines Landes, über die man im Westen so gut wie nichts weiß.

Fazit: Beide Filme zusammen sind ein Must-See, ein essentielles Zeitdokument zur Geschichte Indonesiens und ein kreatives Beispiel für neuartige Dokumentarfilmkunst. Der zweite ist nicht mehr so wirkungsvoll, aber gemeinsam sind diese Filme hoffentlich ein erster Schritt hin zu mehr internationaler Aufmerksamkeit und Druck auf das Regime zur Aufarbeitung, die realistisch gesehen aber wohl erst einsetzen wird, wenn die Täter tot und im Land nichts mehr zu melden haben. Doch dann sind auch die Opfer weg, und Gerechtigkeit wird auf sich warten lassen….

Die Untertitel der BluRay sind übrigens dünn und weiß, nicht unbedingt einfach lesbar, da sind mir die anpassbaren gelben bei Netflix lieber.

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The Look of Silence BluRay

Die BluRay von „The Look of Silence“ wurde uns von Koch Media zur Verfügung gestellt. Von „The Act of Killing“ diente uns die Kinoversion auf Netflix als Rezensionsbasis, die dort mittlerweile nicht mehr abrufbar ist.

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Sebastian

Gründer und Inhaber von Nischenkino. Gründer von Tarantino.info, Spaghetti-Western.net, GrindhouseDatabase.com, Robert-Rodriguez.info, TripleFeatureFoundation.org und FuriousCinema.com

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1 Antwort

  1. 25. April 2016

    […] „The Act of Killing“ von Joshua Oppenheimer hingewiesen. Sebastian von Nischenkino bespricht diesen noch einmal zusammen mit dem (von mir leider noch nicht gesehenen) Nachfolger „The Look of […]

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