Heaven’s Gate

Heaven’s Gate, das ist einer der notorischen Filme, den wenige Menschen gut kennen. Das Epos von Michael Cimino (The Deer Hunter) schrieb auf unrühmliche Weise Filmgeschichte. Der Film floppte und stürzte das von Charlie Chaplin gegründete Indie-Studio United Artists in den Ruin. Es musste an MGM verkauft werden, das Filmstudio dass vor einigen Jahren selbst in Schwierigkeiten geriet. Wie konnte es dazu kommen? Der Film sprengte Gnadenlos das Budget, um die Ambitionen des Regisseurs zu erfüllen. Als der Film fertig war, gab es keine Zuschauer die Lust auf ein träges Historienepos hatten, in dem die Finger in die Wunde des amerikanischen Raubtierkapitalismus gelegt wird. Kritiker zerfetzten es. Erst Jahre später konnte sich der Film bei Kritikern und Zuschauern gleichermaßen rehabilitieren. Er hat eine wachsende Fangemeinde, und der Film gilt heute unter Cineasten als Meisterwerk, Kritikern feiern das Epos. Vor einigen Jahren konnte Cimino erstmals seine restaurierte Fassung auf der Berlinale 2005 präsentieren. Anschließende Kinovorführungen – vor einigen Wochen lediglich zwei in Berlin – werden dem Film nicht gerecht, eine deutsche BluRay gibt es leider immer noch nicht (Update: Kommt im November von Capelight). Nun strahlte Arte den Film erstmals in der restaurierten Fassung aus – allerdings aus Lizenzgründen nicht im Originalton. Man könnte den Sender dafür ohrfeigen. Ich hab die Zähne zusammen gekniffen und es mir dennoch angetan – und es nicht bereut, trotz der Synchronfassung und dem Arte HD, das weder an Leinwand noch echtes BluRay HD heranreicht.

Worum gehts? Averill (Chris Kristofferson) ist im Wyoming der 1890er Jahre Sheriff von Johson County. Ein Konflikt zwischen den mächtigen, politisch gut vernetzten, Rinderbaronen und den Mengen vornehmlich bitterarmer osteuropäischer Einwanderer bringt viel Leid in die Gegend. Die Rinderbarone sind in einer Aktiengesellschaft organisiert (der auch Averills Studienfreund Billy (John Hurt) angehört), denen die Einwanderer ein Dorn im Auge sind. Deren Vorsitzender Canton (Sam Waterston) ist der Meinung, Recht und Gesetz funktionieren in der Gegend nicht oder nicht in ihrem Sinne. Von Gouverneur und Präsident gestärkt, heuern sie einen Mob an Killern an, um über 100 Personen dem Abschuss freizugeben, die nach fadenscheinigen Beweislagen als Verbrecher oder Störenfriede identifiziert wurden. Es ist eine Todesliste von der Averill erfährt. Auch sein langjähriger Freund Nathan (Christopher Walken) arbeitet als bezahlter Killer für die Barone. Beide buhlen um Ella (Isabelle Huppert), die als Puffmutter ebenfalls auf der Liste steht, weil sie auch gestohlene Rinder als Bezahlung annimmt. Als Averill den Leuten von der Liste erzählt, bricht Angst und Panik aus, aber Ella will bleiben. Zwischen Nathan und Averill hin und hergerissen, wird sie Opfer einer Vergewaltigung, die Nathan an der Sache für die er Arbeitet zweifeln lässt. Der Konflikt in Johnson County wird nun endgültig blutig, als sich die Einwanderer organisieren und gegen die Killermeute ankämpfen. Es ist ein Bürgerkrieg der hier tobt, eine geduldete Hasenjagd auf die Ärmsten des Lande, weil sie den Reichsten ein Dorn im Auge sind. In einer blutigen Schlacht zwischen Cantons Mob und den Einwanderern kommen duzende um, erst die Armee kann das Gemetzel beenden, aber die blutige Geschichte von Johnson County ist da schon geschrieben, und Averills Hoffnung auf einen friedlichen Lebensabend mit Ella dahin….

Der Film ist ziemlich lang, vor allem in dieser abgesegneten Fassung. Das Epos sprengt die 220-Minuten-Marke, wobei man in der TV Ausstrahlung auf die Intermission verzichtet hat (zumindest bei Arte). Ich mag aber Epen und störe mich nicht an der Länge, so lange ich mich nicht quälen muss, und das musste ich hier nicht. Um es vorweg zu nehmen: ja, ich glaube man hätte hier getrost ein paar Dinge straffen können, der ganze Prolog mit der Uni bringt dem Film gar nichts, und der Epilog ist auch eher schräg. Das nur mal so nebenbei bemerkt.

Michael Cimino schuf mit Heaven’s Gate einen Film aus der Mottenkiste der US-Geschichte, eine Sujet dass man nur als hartgesottener Historiker gekannt haben dürfte. Denn das Land wurde nicht nur auf den Händen fleißiger Einwanderer erbaut, sondern auch auf dem Blut Unerwünschter, und diese unbequemen Wahrheiten sind eben, wie eingangs erwähnt, keine Kassenmagneten. Der Johnson County war könnte heute als Metapher dienen für den Stellenwert des Kapitals in der amerikanischen Demokratie im Kontrast zur Position des Individuums, aber noch viel mehr ist es ein Melodram über die Hilflosigkeit der Mittellosen in einer Gesellschaft im Umbruch, und die Grenzen von Recht und Gesetz in einer Gegend, in der damals de facto Menschen zu Freiwild erklärt wurden, weil sie den Rinderbaronen ein Dorn im Auge waren, und die Politik davon überzeugen konnten hier harte Hand anzuwenden. Wie akkurat der Film ist, mag ich nicht zu beurteilen, außerdem darf er sich als Film die künstlerische Freiheit gönnen, als erhobener Zeigefinger auch zu warnen, zu überzeichnen und Partei zu ergreifen. Noch viel mehr ist der Film natürlich ein Lehrstück über die Beschaffenheit der US-Filmindustrie in den 80ern, und der Unfähigkeit des fragilen Studiosystems, mit einem unberechenbaren Größenwahnsinnigen wie Cimino umzugehen. Das brach United Artists das Genick, war aber glücklicherweise nicht das Ende von epischen Historienfilmen. Auch dass der Film heute wieder so gefeiert wird spricht für Cimino, der mit diesem Film seiner Zeit um Jahre voraus war.

Unterm Strich bleibt ein packendes, wunderschönes und sehr Kritisches Meisterwerk, das man heute unter ganz anderen Gesichtspunkten sehen kann. Die schauspielerische Darbietung ist herausragend, insbesondere Isabel Huppert glänzt in der Rolle der hin- und her gerissenen Puffmutter, und Kristofferson mimt einen ganz und gar Genre-untypischen Gesetzeshüter. Walken bleibt etwas unterbelichtet, aber dafür ist der Film auch sonst bis in die kleinsten Rollen wunderbar besetzt. Ich muss sagen, Cimino baut hier eine Welt auf, die es heute gut und gerne zu einer HBO Serie geschafft hätte. Aus Heaven’s Gate hätte man heute eine sündhaft teure Serie gemacht, um dem Produktionswert entsprechend viele Geschichten über viele Charaktere in Johnson County zu erzählen. Sprich, da steckt noch viel mehr dahinter als Cimino es überhaupt schaffen konnte mit dem Film zu erzählen.

Ich hoffe nur, man gönnt ihm in Kürze auch noch eine deutsche BluRay, warum das so lange dauert ist mal wieder eine gnadenlose Frechheit. Update: Wir erfuhren heute, dass Capelight den Film im November bringt. Da kommt Freude auf.

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Sebastian

Gründer und Inhaber von Nischenkino. Gründer von Tarantino.info, Spaghetti-Western.net, GrindhouseDatabase.com, Robert-Rodriguez.info, TripleFeatureFoundation.org und FuriousCinema.com

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