Quanto costa morire / Taste of Death / Cost of Dying

VHS – Edition

Als Sheriff Bill Ransom (Raymond Pellegrin) vom bösartigen sowie hinterhältigen Banditenführer Scaife (Bruno Corazzari) ermordet wird, wechselt Scaifes rechte Hand Ralph (John Ireland) die Seiten und verbündet sich mit Ransoms Adoptivsohn Tony (Andrea Giordana), um das Verbrechen zu sühnen.

Dieser Film, der manchmal auch „der andere Schnee-Western“ genannt wird, wurde vor Ort im Il Parco Nationale d’Abruzzo nordöstlich von Rom gedreht. Es handelt sich um Sergio Merolles einzigen Film, der hauptsächlich als Produktionsleiter in der italienischen Filmindustrie tätig gewesen war. Quanto costa morire gelang es bei seiner ersten Veröffentlichung zwar nicht großen Eindruck zu hinterlassen, doch sein Ruf ist über die Jahre gewachsen, wobei sich eine kleine sowie treue Anhängerschaft um den Film gebildet hat. Cost of Death wird oft als Metapher für die von den Nazis unterstützte Besetzung Norditaliens durch Mussolini und dessen Schwarzmänteln sowie dem Kampf der Partisanen, um sie zu vertreiben, angesehen. In einer der ersten Szenen sieht man Scaife (Bruno Corazzari), der sich vier um ein Feuer sitzenden Cowboys nähert und sie ohne Vorwarnung einfach erschießt. Scaife und seine Männer übernehmen die Rinderherde der Cowboys, werden allerdings schon bald vom frühen Winter überrascht und beschließen, in einem kleinen Dorf in der Nähe eines gesperrten Passes zu überwintern.

Der örtliche Sheriff erkennt in einem von Scaifes Männern, Ralph, der Erinnerungen an eine schreckliche Nacht vor zwanzig Jahren wachruft, als beide Männer Zeugen des Abschlachtens mehrerer Mitglieder der lokalen Bevölkerung wurden. Sheriff Bill Ransom wird dann recht bald von Scaife im Duell getötet, der die Einheimischen nun zwingt, ihrem Sheriff beim Sterben zuzusehen. Ransoms Adoptivsohn Tony (der glaubt, sein Vater sei vor zwanzig Jahren beim o.g. Massaker ums Leben gekommen) stellt sich gegen die Mörder, obwohl er ihnen nicht im Geringsten gewachsen ist. Doch dann bekommt er Hilfe vom reuevollen Ralph, der ihn zum Revolverhelden ausbildet. Unterstützt von Ralph – der eigentlich sein richtiger Vater ist – organisiert Tony nun den Widerstand im Ort und führt den Kampf der Einheimischen gegen die Banditen an. Aufgrund seiner Lage in einem schneebedeckten Berggebiet wird Quanto costa morire oftmals unweigerlich mit Il grande silencio (Leichen pflastern seinen Weg, 1968) verglichen.

Es sind eindeutig einige Ähnlichkeiten (sowie Unterschiede) zwischen den beiden Filmen vorhanden: Beide Flicks zeichnen sich durch ähnlich verschneite Landschaften und eine recht melancholische Atmosphäre aus. Leichen pflastern seinen Weg handelt von ein paar rechtschaffenen Männern, die für „Außenseiter“ gegen zahlenmäßig deutlich überlegene Feinde kämpfen, wobei die Helden am Ende scheitern. Quanto costa morire folgt einer teilweise ähnlichen Geschichte über Menschen, die von ein paar starken (und gewalttätigen) Männern versklavt werden. Doch hier erkennen die Helden (die sich den Bösewichten widersetzen), dass sie ohne Hilfe nicht gewinnen können, also fordern sie die „normalen“ Bürger auf ihren eigenen Aufstand zu proben (genauso wie Francesco De Masis wunderschöner Titelsong „Who Is The Man?“, gesungen von Raoul Lovecchio, es zum Ausdruck bringt), was zu einem ganz anderen (aber immer noch sehr tragischen) Ergebnis führt.

Die vom italienischen Autor Federico De Zigno vorgeschlagene politische Lesart hat nun allgemeine Akzeptanz gefunden und vermag es sicherlich einige der gesprächigeren Momente zu erklären, in denen Ireland und Giordana über Freiheit, Kollaboration und die Sinnlosigkeit von Rache diskutieren. Wenn Ireland von der Notwendigkeit spricht, il paese befreien zu müssen, hat dies für Italiener noch eine Nebenbedeutung, da paese nicht nur Dorf, sondern auch Land (!) bedeutet. Die Tage von Mussolinis Herrschaft und dem Partisanenkampf, in dem Italiener gegen Italiener kämpften, repräsentieren einige der dunkelsten sowie traumatischsten Momente der italienischen Geschichte, was sich in der düsteren, pessimistischen Stimmung des Films und der Art und Weise widerspiegelt, wie alle Charaktere dargestellt werden: Thematisch gesehen bedeutet dieser Film eine ziemliche Abkehr von der üblichen linksextremen Ideologie des Italo-Western, in der „das Volk“ als gute, kollektive Einheit gegen die starken Führer kämpft, die immer als Feinde des durchschnittlichen Menschen präsentiert werden.

Quanto costa morire porträtiert „das Volk“ als Konformisten und Feiglinge, die ihre (kollektive) Stärke nur dann finden können, wenn ein einsamer Held (der deutlich mutiger und ideologischer eingestellt ist) es versteht, die ihm unterlegenen zu „begeistern“. Die Atmosphäre unterscheidet sich tatsächlich sehr von den Zapata-Western, während der Film sicherlich keine Verherrlichung der Tugenden des so genannten „einfachen Volkes“ darstellt. Dennoch wollte Merolle mit der Bezugnahme auf den Partisanenkrieg höchstwahrscheinlich seinen italienischen Kameraden Ehre erweisen, die sich, empört und gedemütigt, letztendlich gegen die Mächte des Bösen stellten. Allerdings ist über Taste of Death noch nicht das letzte Wort gesprochen worden, denn der Film steht noch immer für neue Debatten und Interpretationen offen. Wer sich jedoch nicht für politische Lesarten interessiert, kann auch auf Taub schalten: Abgesehen von allen Bezügen und möglichen tieferen Bedeutungen funktioniert Cost of Death als unkonventioneller Western auch sehr gut.

Negative Kritik am Film lässt sich nur schwer finden. Man könnte anmerken, dass Merolles Regieführung als eher konventionell zu bezeichnen ist und einige Teile dieses ansonsten fesselnden Films mit einem gewissen Maß an Zurückhaltung behandelt worden sind, während einige Story-Elemente – die Andrea Giordana und Betsy Bell (Ransoms Tochter Gladys) betreffen – unterentwickelt bleiben. Raymond Pellegrin wurde kritisiert, obwohl er dem alternden Sheriff (der mit den Geistern der Vergangenheit zu kämpfen hat) eine unverkennbare Würde verleiht. John Ireland liefert eine gute Vorstellung ab, der Film gehört jedoch definitiv Bruno Corrazzaris Scaife, einem Charakter so vertrauenswürdig, wie eine Eidechse und so giftig, wie eine Schlange. Scaife verkörpert zweifellos einen der größten Schurken des Genres und bedeutet gleichzeitig die größte sowie beste Hauptrolle für Corazzari.

Mit Tracks, die von verspielt und atmosphärisch bis hin zu aufdringlich und bombastisch reichen, ist Francesco De Masis Score, als Vintage De Masi zu beschreiben. Sollte man ein Fan von De Masis Musik sein, so wird man den Soundtrack von Quanto costa morire ziemlich wahrscheinlich lieben. Spätestens nach der pre-title Sequenz, wenn das von Raoul gesungene Titellied „Who is the Man?“ erklingt, ist es um einen geschehen. Normalerweise summt man diese kitschigen Lieder dann tagelang vor sich hin. Benito Frattaris Kinematographie der schneebedeckten Hügel ist als enorm schön zu bezeichnen, doch bedarf es einer erstklassigen Blu-Ray Veröffentlichung, um ihren wahren Wert einschätzen zu können. Denn genau das ist es, was dieser Film unbedingt braucht: eine anständige Veröffentlichung auf Blu-Ray. Es existieren mehrere Versionen mit unterschiedlichen Laufzeiten (die längste repräsentiert ein italienischer Schnitt von 92 Minuten). Die einzige offizielle Veröffentlichung in Europa scheint eine französische VHS mit dem Titel Les Colt brillent au soleil (Die Colts leuchten in der Sonne) zu sein. Die Versionen, die uns zur Verfügung standen, sind zum einen eine Kopie eines italienischen TV-Mitschnitts, der ca. 86 Minuten läuft und zum anderen ein (vermutlich) amerikanischer VHS-Rip mit dem Titel A Taste of Death, der ebenfalls ca. 86 Minuten läuft. Vergleicht man die beiden Versionen miteinander, so weist der italienische TV-Mitschnitt eine deutlich bessere (aber dennoch nicht besonders tolle) Bildqualität auf, während der VHS-Rip englischen Ton zu bieten hat.

Custom made DVD-Cover, wobei uns diese Version leider noch nicht über den Weg gelaufen ist.

Bluntwolf

Bluntwolf ist ein Cineast aus der goldenen Mitte Deutschlands. Sein Spezialgebiet ist das italienische Kino der 60er bis 80er Jahre, insbesondere Italowestern, Giallo und Polizio. Er ist der Chefredakteur von Nischenkino und gehört dem Redaktionsteam der Spaghetti-Western Database an.

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