Queimada

Queimada (Burn! oder Insel des Schreckens) ist ein Historiendrama von Gillo Pontecorvo (Battle of Algiers) aus dem Jahr 1969, produziert von Alberto Grimaldi (Il Mercenario) und mit der Musik von Ennio Morricone (The Mission). In der Hauptrolle spielt Marlon Brando (The Wild One) hier eine freiere Interpretation des echten Söldners William Walker, hier ein Agent der britischen Krone, der auf einer portugiesischen Kolonie die eingeborene Bevölkerung gegen die Kolonialmacht aufhetzt, das wirtschaftliche Interesse der Royal Sugar Company im Auge, und damit eine Rebellion kreiiert, mit dem Anführer José Dolores (Evaristo Márquez) an der Spitze. Doch sein Protegé wendet sich gegen ihn und so muss Walker, Jahre später wieder im Auftrag der Großkonzerne, die Rebellion des Dolors niederschlagen. Beide lernen auf ihre Weise eine harte Lektion von Rebellion, Kapitalismus, Kolonialismus und Vertrauen….

Die Story des Films basiert (jedenfalls grob) auf dem Charakter des William Walker, an dessen Lebenswerk als Söldner sich auch Alex Cox später mit Walker gemacht hat (den ich hier rezensiert habe). Cox‘ Walker war etwas anachronistisch und strange, aber deutlich näher am echten Walker. Queimada hingegen lehnt sich lediglich daran an und geht davon ausgehend einen Weg der Kolonialismuskritik (bei Cox ging es mehr um militärische Intervention und Diktatur), es wird ein nachdenkliches, politisches Epos daraus, mit einem starken pseudo-dokumentarischen Feel, wie man es auch von Pontecorvos Battle of Algiers kennt. Die Darstellung der schwarzen Bevölkerung wirkt dabei teilweise ein bisschen viel, geradezu hyperrealistisch, und wirkt manchmal fast wie aus einem Mondo Film.

Der Film war schon während seines Drehs unbequem. Zunächst war den Amerikanern zu unbequem das Drehbuch und seinen politischen Aussagen. Doch nicht nur denen. Der Film hieß erst Quemada, und bekam dann auch von Spaniern Stress (wegen des Bildesdes Kolonialismus),  also war die Lösung am Ende: lassen wir es die Portugiesen sein, daher Queimada. Das passierte aber nachdem der Film gedreht war, daher mussten nachträglich Dialoge und Flaggen geändert werden (letzteres sieht man in einer Szene übrigens sehr deutlich). Aus heutiger Betrachtung ist es eigentlich irrelevant welche Kolonialmacht hier dargestellt wird, in jedem Fall sind die Briten und ihre Konzerne die Strippenzieher, und die Message bleibt davon unberührt.

Der Film passte natürlich sehr gut in die Zeit, er spielt ja auch einmal ganz direkt auf den Indochina Konflikt an. Doch ihn als Vietnam-kritischen Film abzutun verkennt natürlich die Komplexität des Films, der auch Jahre vorher hätte entstehen können. Er war damals eben brandaktuell, und ist heute immer noch ein wichtiges Zeitdokument, mit Themen die an ihrer Aktualität nichts eingebüßt haben: das Erbe des Kolonialismus, die Ausbeutung der neuen amerikanischen Länder, die Macht der Zucker und anderer Konzerne, die Funktionslogiken von Revolutionen, Widerstand und politischer Einmischung, von Kapitalismus und CIA-Intrigen, Unterstützung von Militärdiktaturen und kalter Krieg. Queimada zeigt unter anderem auch, zum einen wie rücksichtslos Walker (der Charakter hier) selbst ist, und auch wie rücksichtslos das System dass er repräsentiert mit Menschenleben umgeht. Der Film wurde ja auch mit Il Mercenario (gleiches gilt für Companeros) verglichen, nicht nur wegen des „westlichen“ Söldners der sich in Revolutionen einmischt, sie ausnutzt oder sie gar erst entfacht, sondern auch weil Franco Solinas die Story für Mercenario, Battle of Algiers und eben auch Queimada mit verfasst hatte.

Doch was zeigt nun Queimada, wenn nicht, wie von Arolorio so schön Zitiert den Joseph Conradschen Horror der Kolonialherrschaft und der Ausbeutung, die Verrohung deren Handlanger und das politische Durcheinander dass solche Kontexte hervorbringen. Man könnte einen Ähnlichen Film drehen über eine ganze Reihe anderer realer oder fiktiver Orte dieser Welt. Pontecorvo schafft es dabei, den Walker nicht platt erscheinen zu lassen. Seine Kritik an Walker ist zwar relativ stumpf – immerhin ist es noch der Hauptcharakter – aber er ist genausowenig Held wie Dolores. Auf Queimada gibt es keine Helden, und keine Bösen. Alle sind irgendwie freiwillig oder unfreiwillig Handlanger, wegen Geld, wegen Patriotismus, wegen Macht. Es verwundert nicht was die Beteiligten damals an dem Drehbuch reizte. Eine enorme Produktion muss es auch gewesen sein, so erfährt man aus den Extras wie der Film einen wirtschaftlichen Aufschwung für Cartagena bedeutete. Ob der angehalten hat?

Die Langfassung (132min), die auf dieser BluRay in vollem HD präsentiert wird, kann man in der italienischen oder deutschen Synchronfassung, wahlweise mit deutschen oder englischen Untertiteln, bewundern. Da diese Langfassung nie in den USA erschien, gibt es davon auch keine englische Synchro. Man muss hier also auf Marlon Brandos Stimme verzichten. Die deutsche Synchro ist aber ehrlich nicht schlecht geraten. Die um 20 Minuten verstümmelte 111-minütige englischsprachige Fassung („Burn!„) ist auf dieser BluRay dennoch als Extra mit dabei, allerdings nur in 720p. Interessanterweise hat man hier auch die Option, zu einer deutschen Synchronfassung zu wechseln. Nur als Beispiel, was man rausgeschnitten hatte: Am Anfang schubst Walker einen portugiesischen Soldaten ins Wasser, um im Knast zu landen. Das fehlt in der US-Fassung, und es ist daher total unklar wie er in den Knast kam. Da das Bild ohnehin nicht die aller glasklareste HD-Restauration ist, finde ich stellt auch diese 720er Fassung ein sehr vorzeigbares Erlebnis dar, die meisten Fernseher rechnen das mit etwas Glück ohnehin sehr schön hoch.

Der Bildtransfer ist insgesamt sehr farbenfroh und kontrastreich, halbwegs frei von sichtbaren Schäden, aber auch etwas grob und von sichtbar suboptimalem Ausgangsmaterial. Insgesamt kann sich das Bild sehr gut sehen lassen, auch da trotz vorhandener Kantenglättung diese sehr spärlich zum Einsatz kommt und der Film somit recht roh daher kommt, etwas Rauschfilter führt zu den üblichen Schwierigkeiten bei sehr lebhaften Bildsequenzen (Feuer, Rauch, usw.) aber ansonsten ist es OK. Der Ton ist etwas schwer zu beurteilen, ich fand die Dialoge in allen Fassungen gut verständlich, weil man die Dialoge gesondert von den Umgebungsgeräuschen vorliegen hatte, allerdings zeigen sich Qualität und Alter der Tonspuren (gilt eigentlich für alle drei) bei Actionsequenzen und Musik (alle je LPCM stereo). Die Italienische hat etwas realistischeren Klang, schnarrt und rauscht aber leider sehr viel stärker als die deutsche.

An sonstigen Extras gibts das Feature „The Evolution of Capitalism“ (38min) dass Nocturno für Koch produziert hat und ein hochgradig interessantes, intellektuelles und spannendes Interview mit dem Drehbuchautor Giorgio Arlorio darstellt. Er geht unter anderem auch auf den Einfluss von Joseph Conrad ein, interessanterweise ist Marlon Brando ja später nochmal mit Conrad in Berührung gekommen, nämlich bei der interessantesten Verfilmung von Heart of Darkness: Apocalypse Now. Abgerundet wird die Scheibe von dem deutsche und dem englischen Trailer für den Film.

Fazit: Ein grandioser, kraftvoller Film, der nichts an seiner Brisanz eingebüßt hat. Er macht Lust auf mehr Pontecorvo. Battle of Algiers, ebenfalls ein meisterhafte Auseinandersetzung mit Kolonialismus, Besatzung und sogenannter „Counter-Insurgency„, den sollte ohnehin jeder kennen (will ich mal hoffen!), aber gerade Kapó muss ich mir nochmal genauer ansehen. Wer sich auch nur annähernd für entweder das Kino dieser Zeit oder für die politische Thematik interessiert, wird von diesem Film gefesselt sein. Er bietet sehr viel Stoff zum Nachdenken und einige wirklich grandiose Momente. Schade dass Pontecorvo in seinem Leben nur so wenige Filme gemacht hat.

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Die BluRay wurde uns freundlicherweise von Koch Media zur Verfügung gestellt.

Sebastian

Gründer und Inhaber von Nischenkino. Gründer von Tarantino.info, Spaghetti-Western.net, GrindhouseDatabase.com, Robert-Rodriguez.info, TripleFeatureFoundation.org und FuriousCinema.com

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