Spuren auf dem Mond

Erster Teil meines Artikel-Doppels zur Koch Medias Spuren auf dem Mond Sammlerbox. Der zweite Teil zu „La Donna Del Lago (The Possessed)“ findet ihr nun hier. Spuren auf dem Mond (Footsteps on the Moon aka Le Orme) ist ein Myster-Thriller (Giallo trifft es wirklich nicht) von Luigi Bazzoni (The Fifth Cord) aus dem Jahre 19xx mit Florinda Bolkan (Das Wilde Schaf) in der Hauptrolle. Koch Media hat den Film restaurieren lassen und eine 5-Disc Edition spendiert. Warum ich mal wieder begeistert bin, lest ihr hier.

Spuren auf dem Mond

Die Übersetzerin Alice (Bolkan) erscheint zwei Tage zu spät zu einem Abgabetermin. Sie ist verwirrt. Hat sie wirklich zwei Tage verschlafen? Seltsame Träume plagen sie, von einer missglückten Mondlandung, und ein zerrissenes Bild eines ihr unbekannten Hotels liegt in der Wohnung. Sie begibt sich nach Garma um der Sache auf den Grund zu gehen. Die Erinnerung entzieht sich ihrer, und doch erkennen sie Menschen wieder, und ganz vereinzelt fühlt sie sich an dem Ort vertraut, kennt das Hotel, den Strand, den Wald mit der alten Ruine. Ein rothaariges kleines Mädchen (Nicoletta Elmi) scheint mit ihr vor zwei Tagen zu tun gehabt haben, unter dem Namen Nicole. Was hat das nur alles auf sich, und wer ist der Biologe Henry (Peter McEnery) mit dem großen Anwesen im Ort? Alice träumt indessen weiter von Fußspuren auf dem Mond, sie wird verfolgt von Raumagenten, glaubt sie. Ist sie verrückt, oder will man ihr etwas anhängen?

Spuren auf dem Mond

Der Film beginnt mit einer Videomontage, und fährt fort mit der außerordentlich gut gemachten Kamera-Arbeit von Bazzonis Cousin Vittorio Storaro (Apocalypse Now) sowie Set Design wie man es heute nur noch selten zu sehen bekommt. Von Beginn an aufregend und hochwertiges Mitternachtskino also. Storaro legt hier ein Handwerk an den Tag (und die Nacht) mit viel Licht und Schatten, Perspektiven (zum Beispiel Blick durch Fensterfassaden) und räumlicher Tiefe. Es ist eine wahre Freude, diese magischen Bildkompositionen aufzusaugen. Man möchte fast alle paar Minuten Screenshots machen. Zudem ergänzt diese hervorragende Kamera-Arbeit die Orientierungslosigkeit der Hauptdarstellerin. Alles wirkt klar und deutlich, echt, unverfälscht und hochwertig. Doch ihr Erlebnis ist geprägt von Unklarheit, Doppeldeutigkeit und Träumen. Ein Gegensatz der sich prima ergänzt. Dazu kommen eben diese Traumsequenzen von einem seltsamen Raumfahrt-Experiment, in dem Klaus Kinski kurzzeitig als Chef einer seltsamen Mondmission herumbrüllen darf.

Spuren auf dem Mond

Der Soundtrack von Nicola Piovani (Oscar für Das Leben ist schön) ist im Gegensatz zur Bildsprache eher vernachlässigbar, zumindest ist er mir nicht in Erinnerung geblieben. Der Film arbeitet über das Visuelle. Die Story ist oftmals kritisiert worden. Der Film beginnt zwar sehr clever, und versucht eine Memento-artige Aufarbeitung einer Art Amnesie, aber ab der Mitte flacht der Film ab, die Puzzleteile passen nicht recht ineinander, es kommt keine Spannung auf. Die Geschichte basiert angeblich auf dem Roman „Las Huellas“ (die Fußabdrücke) von Mario Fanelli aber dazu ist wenig aufzufinden. Der spanische Titel heißt aber entsprechend Huellas de Pisadas en la Luna.

Spuren auf dem Mond

Am Anfang des Films taucht Italokino-Veteranin Ida Galli (Der Schwanz des Skorpions) kurz auf (in den Credits als Evelyn Stewart), ansonsten gibt es wenig bekannte Gesichter (Kinski mal ausgenommen). Interessant ist dann noch Nicoletta Elmi, der kleine Rotschopf, den mal aus diversen Gialli kennt, darunter auch The Child, die italienische Kopie von Roegs Wenn die Gondeln Trauer tragen. Florinda Bolkan selbst spielt ihre Rolle sehr gut. Allerdings auch relativ emotionslos. Das bringt mich nun auch zum Thema Giallo oder nicht Giallo. Letztendlich würde ich, halbwegs etablierte Giallo-Definitionen im Kopf, dazu tendieren, den Film überhaupt nicht als solchen zu bezeichnen. Es fehlen eigentlich Mord, Fetische, typische Stilelemente, Erotik oder Sadismus und der unterschwellige Groschenroman-Flair. Spuren auf dem Mond ist ein Mystery Film mit wenig Spannung, kaum Horror Elementen, wenig Übernatürlichem, und null „Sleaze“ Faktor. Es ist ein gänzlich unaufgeregter Film, mit wenig Emotionen, und daran ist nun nicht nur Luigi Bazzoni schuld, sondern auch ein wenig Bolkan, die zwar überzeugt, aber mit ihrem Zustand am Ende doch etwas zu nüchtern umgeht, zu abgeklärt.

Spuren auf dem Mond

Bazzoni, der sich über die Jahre in verschiedensten Genres ausgelebt hat, hinterlässt ja eine sehr durchwachsene und vor allem kurze Filmographie. Solide Filme, darunter Gialli, Abenteuer und Krimis, aber einfach nicht sehr viele sehr herausragende Werke. Zweimal hat er mit Franco Nero kooperiert. Einmal in der Carmen-Verfilmung Man, Pride, Vengeance, der in Westdeutschland zu einem Django-Italowestern um-modifiziert wurde (daher empfiehlt sich die korrekte DDR-Synchronfassung), und dann der Giallo The Fifth Cord, den ich nich sehr positiv in Erinnerung habe, aber vielleicht für Nischenkino nochmal unter die Lupe nehmen kann. Spuren auf dem Mond war sein letzter Kinofilm. Ich denke da hätte noch mehr kommen können, die Handwerkskunst war da.

Spuren auf dem Mond

Spuren auf dem Mond hinterlässt nun gemischte Gefühle. Der Film ist zweifelsohne wunderschön in Bild und Schnitt, dafür ist in erster Linie Storaro zu danken. Bolkan spielt großartig aber ohne die volle Dosis Emotion die am Ende für vollständige Glaubwürdigkeit wichtig gewesen wäre. Die Story entfaltet sich sehr interessant, aber zum Ende hin kommt leider keinerlei Spannung auf, und da der Film weder Horror, Erotik noch sonstige Exploitation-Aspekte in petto hat, bleibt der Wow Effekt leider aus. Insgesamt schuf Bazzoni aber einen sehr sehenswerten, handwerklich gut gemachten Thriller mit wunderbaren Aufnahmen, interessanten Locations und guter Besetzung.

Spuren auf dem Mond

Nun zu der grandiosen 5-Disc BluRay/DVD Sammleredition in der diese Film nun vorliegt, Koch Media sei Dank. Wie die Bayern schon mit Opera bewiesen haben, wieder mal eine vorzügliche Veröffentlichung, geradezu ein Fest für Cineasten und Sammler, ein Denkmal für das italienische Kino. Zu dem beiliegenden The Possessed dann im zweiten Teil des Artikels. Der Film liegt ebenfalls restauriert als BluRay und DVD vor, quasi als „Extra“ (da keine Synchronfassung vorliegt, aber vielleicht kommt auch der irgendwann noch separat). Spuren auf dem Mond wurde sehr aufwendig restauriert und liegt als BluRay und DVD bei. Die fünfte Disc ist übrigens ein mehr als einstündiges Interview mit Vittorio Storaro. Das ganze kommt in einer sehr schmucken Box (siehe Video weiter unten) mit ausklappbaren Disc-Halterungen und einem Booklet. Der Preis ist mit knapp über 40 EUR absolut ein Schnäppchen, man bekommt zweieinhalb Filme und jede Menge Extras. Das ist ein Fest für Sammler.

Spuren auf dem Mond

Das Bild der BluRay sieht atemberaubend aus. Enorm kontrastreich, farbenfroh und glasklar bietet sich der Film an, und die Kamerarbeit des Meisters kommt voll zur Geltung. Licht und Schatten sind ein wichtiges Spiel bei Storaro, und das kann ein schlechter Bildtransfer schon mal kaputt machen. Nicht hier. Die BluRay ist ein herausragendes Beispiel dafür wie schön mal ältere Filme auf BluRay präsentieren kann. Der Ton ist eine komplizierte Sache. Am besten klingt die italienische Spur, und sie mutet auch inhaltlich am authentischsten an, gefolgt von der englischen, die ich getestet hatte (aber im Wechsel mit italienisch). Bei der englischen Tonspur fehlen einige Stücke, die dann auf italienisch mit Untertiteln eingesetzt sind. Das ist möglicherweise auch bei der deutschen so. Was mich von letzterer Abgeschreckt hat ist die Tatsache, dass man hier unpassende Discomusik eingesetzt hat, schon gleich von Beginn an. Die Qualität ist aber ebenfalls ganz in Ordnung.

Spuren auf dem Mond

Die Extras beinhalten auf der Hauptdisc erstmal nur den italienischen und englischen Trailer, Bildergallerie sowie den Trailer für das US Video-Release unter dem Titel „Primal Impulse“ wo der Film reißerisch als verrückter Horror-Reisser vermarktet wird. Gleiches auf der DVD Variante der Hauptdisc. Sonstige Extras gibt es nicht (zu diesem Film, zu La Donna Del Lago wie gesagt ein gesonderter Artikel). Das Haupt-Extra ist die gesonderte DVD mit dem Gespräch mit Vittorio Storaro. Auf der DVD befindet sich einmal eben dieses, Featurette „Malen mit Licht“ (74min) genanntes Interview, ein einzigartiges und tiefgreifendes Zeitdokument in dem der gesprächige Vittorio seine Karriere und damit auch eine wichtige Phase der italienischen Filmgeschichte Revue passieren lässt. Viele Namen die zu verarbeiten sind, allen voran die Arbeit mit Luigi und Camillo Bazzoni, aber mit entsprechendem Pause-Knopf und die IMDb griffbereit ist es wirklich eine ausgezeichnete Art und Weise, eine gute Stunde zu verbringen. Dann ist da noch die Featurette „Kinderstar“ (50min, deutsch untertitelt) die ein Interview mit Nicoletta Elmi ist. In dieser geht es selbstverständlich nicht nur um den vorliegenden Film sondern über Elmis Karriere als Kinderstar wie der Titel schon sagt, und ihre Erinnerungen an die verschiedensten Filme in denen sie seit kleines Kind mitgespielt hat. Ein interessanter Einblick. Zum Abschluss spricht Dr. Stiglegger über Spuren auf dem Mond (9min). Korrekterweise startet Marcus direkt mit der Tatsache dass es eigentlich kein echter Giallo ist, der hier vorliegt. Eine gute Einordnung von Bazzonis schaffen, ich empfehle diese Intro vor allen anderen Extras und in Ergänzung zum Booklet. Dieses 15-seitige Booklet mit dem zehnseitigen Text von Christian Keßler und einigem Bildmaterial ordnet Film und Regisseur ordentlich im historischen Kontext und dem Kontext des Werks des Regisseurs selbst ein und ist wie gewohnt Pflichtlektüre und wunderbar zusammengestellt. Ein sehr schöner ergänzender Aufsatz.

Spuren auf dem Mond

Abschließend muss man sagen, was für eine Leistung mal wieder bei Koch, einem solchen Klassiker eine derart hochwertige Veröffentlichung zu spendieren. Die BluRay sieht schlicht genial aus, und klingt sehr gut, die Extras sind zwar nicht vielfältig aber hochwertig, und das Erstlingswerk Bazzonis quasi als Dreingabe gleich mitzuliefern, ist ein cleverer Schachzug. Ich werde diesen dann im nächsten Artikel noch genauer unter die Lupe nehmen. Ein Muss für Cineasten und Liebhaber des italienischen Kinos.

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Spuren auf dem Mond Bluray

Spuren auf dem Mond

Spuren auf dem Mond

Spuren auf dem Mond

Ich habe die Box auch auf Video schon mal „entpackt“, wer sich das ansehen will:

Trailer:

Die Box beider Filme wurden uns von Koch Media freundlicherweise zur Verfügung gestellt. Die Screenshots sind größtenteils aus dem DirtyPictures Forum, da ich selbst keine Möglichkeit habe, diese von der BD anzufertigen.

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Sebastian

Gründer und Inhaber von Nischenkino. Gründer von Tarantino.info, Spaghetti-Western.net, GrindhouseDatabase.com, Robert-Rodriguez.info, TripleFeatureFoundation.org und FuriousCinema.com

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1 Antwort

  1. 7. März 2016

    […] Und noch eine Überraschung: Sebastian vom Nischenkino ist nicht gerade begeistert von Luigi Bazzonis „Spuren auf dem Mond“, der sonst – wie ich finde zu Recht – in diversen Blogs und Foren gefeiert […]

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