Straße zum Jenseits / Across 110th Street

Drei junge Schwarze erschießen bei einem Überfall in Harlem sieben Menschen und erbeuten 300.000 Dollar. Das war nicht nur ein schlimmes Verbrechen – es war auch ein tödlicher Fehler. Denn das Geld gehört der Mafia, und die ehrenwerte Gesellschaft kann Mord verzeihen, nicht aber, beraubt zu werden. Doch nicht nur die Cosa Nostra ist hinter den drei Gangstern her; zwei Cops sind mit der Aufklärung des Verbrechens beauftragt: der korrupte Captain Martinelli und Detective Pope. Martinelli muss sich auf der Jagd zwischen den Fronten entscheiden – zwischen Gerechtigkeit und Geldgier. (Wicked Vision Distribution GmbH)

Straße zum Jenseits dürfte heutzutage wohl am ehesten für seinen Soundtrack bekannt sein. Der allgemeine Score wird dabei J. J. Johnson und der Tarantino-freundliche Titelsong (Across 110th Street) Bobby Womack zugeschrieben. Der Film wurde vor mittlerweile 49 Jahren produziert und es freut uns berichten zu können, dass er sich über diese doch recht lange Zeit wirklich klasse gehalten hat bzw. recht gut gealtert ist, mit einer glaubwürdigen Geschichte, guten schauspielerischen Leistungen und eindrucksvollen Drehorten in Harlem. Außerdem stellt es mal eine willkommene Abwechslung dar, dass das Drehbuch keine größeren Themen der Zeit (wie den Vietnamkrieg) aufgreift. Hier handelt es sich um eine geradlinige „Gangland“ Geschichte, die sich um einige düstere Stunden für einige erschöpfte, verzweifelte Menschen dreht. Ein Trio „schwarzer Revolverhelden“ raubt einen Geldzählraum in Harlem aus, wo die Schergen des „schwarzen“ Mafia-Bosses Doc Johnson (Richard Ward) üblicherweise 300.000 Dollar in bar an die Buchhalter des „weißen“ Mafia-Königs Don Gennaro (Frank Macetta) übergeben. Ein Maschinengewehr geht los und drei Harlemiten, zwei Italiener sowie zwei Polizisten sind tot.

Don Gennaro befiehlt seinem jungen Untergebenen Nick D’Salvio (Anthony Franciosa) die Mörder zu finden und sie so grausam wie möglich zu eliminieren, um ganz Harlem wissen zu lassen, wer der Boss ist. Doc Johnson lässt sich nicht von D’Salvio beeindrucken (als der bei ihm wegen des peinlichen Raubes auftaucht und Ärger macht), leiht ihm aber seinen rücksichtslosen Schläger Shevvy (Gilbert Lewis) aus, um die Diebe ausfindig zu machen. Währenddessen hinkt die Polizei dem Ganzen immer zwei Schritte hinterher. Dem alternden Captain Mattelli (Anthony Quinn) wird „befohlen“, er müsse dem jungen Detective Pope (Yaphet Kotto), einem ehrgeizigen Kriminalpolizisten (der wütend ist, weil ihn keiner der weißen Polizisten respektiert), die Führung bei den Ermittlungen übertragen. Unterdessen befinden sich die drei Diebe noch immer auf freiem Fuß. Der Fluchtfahrer Henry Jackson (Antonio Fargas) lässt in einem örtlichen Bordell so richtig die Sau raus und gibt damit zu erkennen, dass er plötzlich zu Geld gekommen ist. Daraufhin erkennt der inbrünstige Ex-Betrüger Joe Logart (Ed Bernard), dass nun die Zeit zur endgültigen Flucht gekommen ist und gibt dem Maschinengewehr schwingenden Jim Harris (Paul Benjamin) sowie Jims Freundin Gloria Roberts (Norma Donaldson) einen Hinweis.

Jeder hat einen Fluchtplan … doch sowohl die Cops, als auch die Mafia sind ihnen auf den Fersen. Across 110th Street teilt viel „schwarzes“ Talent mit dem James Bond 007 Film Leben und Sterben lassen, der im folgenden Jahr veröffentlicht werden sollte und scheint darauf ausgelegt zu sein, ein „schwarzes“ Publikum anzusprechen, wobei Anthony Quinn und Anthony Franciosa zur Hand sind, um Crossover-Zuschauer anzulocken. Regisseur Barry Shear scheint nicht darum gebeten worden zu sein, die harten Kanten des Drehbuchs abzuschwächen. Die garstige Geschichte handelt von kaum mehr als der Gewalt sowie dem Schmerz, die der Mob ausübt und verteilt, um einer peinlichen Niederlage zu kontern. Der große Mafia-Boss Don Gennaro betrachtet den Central Park als eine Art „Wassergraben zwischen uns und den Niggern“, während sein scharfsinniger Jasager D’Salvio einen Sadisten repräsentiert, der stark beeindrucken möchte. Das Drehbuch skizziert geschickt das Pandämonium in der Polizeistation, wo Mattelli unter „schwarzen“ Inhaftierten „Gefälligkeiten“ austeilt. Pope ist selbstverständlich darüber empört, dass Mattelli aus Gründen der Zweckmäßigkeit wiederholt Verdächtige verprügelt. Der Film präsentiert blutige Prügel als standardisierten Bestandteil des Prozesses.

Man bekommt auch einen speziellen Blick auf den unverschämt extravaganten Henry spendiert, der mit seinem Anteil der Beute gleich mehrere Prostituierte rekrutiert und sie dann (törichterweise nur leicht bekleidet) zur Bordellbar begleitet. Eine Wahl, die er schon sehr bald bereuen muss. Henrys kurze Zeit des Genusses repräsentiert fast den einzigen Spaß, den jemand in dieser Geschichte über Gewalt und Rache haben kann. Ein Opfer der Mafia-Folter bekommt einen Arm gebrochen, bevor er zwanzig Stockwerke hoch an seinen Füßen aufgehängt wird. Ein anderer glückloser Typ stirbt schreiend in einem Krankenwagen; es sieht so aus, als wäre sein Gesicht zerschnitten und seine Augen ausgehöhlt worden. Später erfährt man, dass der Mann lebend kastriert und gekreuzigt wurde. Diese Aktionen finden allerdings außerhalb des Bildschirms statt. Der dritte Gauner kann sich mit seinem Maschinengewehr gut verteidigen, weswegen es ihm gelingt seine Peiniger stark zu dezimieren und dem Publikum das dufte Action-Finale zu bieten, das es gerne sehen möchte. Es liegt eine seltsame Wahrheit in Actionfilmen, doch der befriedigendste Weg eine Menge an angespannter Folter zu tilgen, besteht darin, sie mit einer großen Action-Sequenz aufzulösen.

Die beiden Ghetto-Thriller Uptight (Black Power, 1968) und Report to the Commissioner (Der einsame Job, 1975) scheitern auf diese Art und Weise, weil man sich nicht genau daran erinnern kann, wie sie enden. Across 110th Street kann dagegen das Action-Finale abliefern, das auch Machine Gun McCain (Gli intoccabili / American Roulette, 1969) gebraucht hätte. Anthony Franciosa überzeugt auf beunruhigende Weise als ein Kerl, dem es diebische Freude bereitet bereits am Boden Liegenden nochmal in die Seite zu treten. Sein Charakter hat keine Angst davor einen „schwarzen“ Boss zu beleidigen, selbst wenn er sich in Harlem aufhält und nur so von „schwarzen Kapuzen“ umgeben ist. Yaphet Kotto kommt mit mehr Würde davon, obwohl der Konflikt seines Charakters mit Anthony Quinn überhaupt nichts Neues mehr darstellt. Quinn fungierte seinerseits als Executive Producer für den Film. Seine Karriere lief zu diesem Zeitpunkt nicht gut, weswegen seine Müdigkeit echt rüberkommt. Für einen 55-jährigen Mann, dessen Gesicht sogar noch älter erscheint, klettert er die Feuerleitern jedoch noch immer ziemlich gut rauf und runter. Die herausragenden Akteure des Films sind alle „schwarz“. Antonio Vargas spielt exzellent, als der verrückte Kerl, der alles aufliegen lässt und letztendlich am meisten unter seiner eigenen Dummheit zu leiden hat – seine Freunde verrät er allerdings nicht.

Richard Ward eignet sich hervorragend als Harlem-Crime-Boss mit rauer Stimme. Er repräsentiert einen Anführer, der den Mut hat Franciosa ins Gesicht zu lachen, Quinn die kalte Schulter zu zeigen und sogar zu versuchen, Kotto bei seiner Beförderung zu helfen. Er hat Glücksspiel, Drogen sowie Prostitution am Laufen und ist dennoch der einzige „Schwarze“, der so etwas wie Ethik besitzt. Die armen Diebe treten als Verlierer auf, die ihr Vorhaben ganz einfach nicht richtig zu Ende geplant hatten. Man könnte vermuten, dass die Filmemacher von der Schauspielerin Marlene Warfield ziemlich beeindruckt gewesen sind, die eine junge Witwe spielt, die zu stolz ist vor der Polizei zu weinen. Frau Warfield gelang es später die Traumrolle der militanten Radikalen in Sidney Lumets Network (1976) zu ergattern, der Frau, deren marxistische Rhetorik sich in Verhandlungsforderungen für Nebenrechte ihrer neuen TV-Show verwandelt. Bobby Womacks Titelmelodie ist zwar vorhanden, allerdings in einer nicht so druckvollen Version, wie sie auf dem Original-Soundtrack-Album von Jackie Brown (1997) zu hören ist.

Wicked-Vision veröffentlicht Straße zum Jenseits als Nummer 03 ihrer Black Cinema Collection in einer Scanavo BD-Box (Blu-Ray und DVD), die auf 1.500 Stück limitiert ist. Bild (1,85:1; 1080p / 1,85:1 anamorph) und Ton (Deutsch + Englisch DTS-HD Master Audio 2.0 / Dolby Digital 2.0) bewegen sich auf ziemlich hohem Niveau, da kann man sich absolut nicht beschweren. Das Bild ist klar, die Farben froh und der Kontrast ordentlich. Auch Bildschäden konnten so gut wie komplett entfernt werden. Deutsche oder englische Untertitel können zusätzlich zugeschaltet werden. Insgesamt handelt es sich bei Straße zum Jenseits wieder einmal um eine äußerst gelungene Edition mit interessantem Bonusmaterial. Straße zum Jenseits repräsentiert einen knallharten und todernsten Thriller, der gekonnt die Brücke zwischen Film noir und Blaxploitation schlägt.

Bonusmaterial:

  • 24-seitiges Booklet mit einem interessanten Essay von Thorsten Hanisch mit dem Titel Jeder gegen Jeden – Notizen zu „Straße zum Jenseits“
  • Audiokommentar mit Dr. Gerd Naumann und Christopher Klaese (sehr informativ und unterhaltsam)
  • Featurette: „The Sound of Blaxploitation“ mit PD Dr. Andreas Rauscher (sehr informativ)
  • Originaltrailer
  • Bildergalerie

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  • Seitenverhältnis: 16:9 – 1.85:1
  • Alterseinstufung: Freigegeben ab 16 Jahren
  • Regisseur: Shear, Berry
  • Laufzeit: 1 Stunde und 42 Minuten
  • Darsteller: Quinn, Anthony, Kotto, Yaphet, Franciosa, Anthony, Fargas, Antonio, Benjamin, Paul
  • Untertitel: Deutsch
  • Sprache: Deutsch, Englisch (DTS-HD Master Audio 2.0 / Dolby Digital 2.0)
  • Studio: Wicked Vision Distribution GmbH

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Das Bildmaterial stammt nicht von dieser Edition !!!

Bluntwolf

Bluntwolf ist ein Cineast aus der goldenen Mitte Deutschlands. Sein Spezialgebiet ist das italienische Kino der 60er bis 80er Jahre, insbesondere Italowestern, Giallo und Polizio. Er ist der Chefredakteur von Nischenkino und gehört dem Redaktionsteam der Spaghetti-Western Database an.

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