The Dunwich Horror / Voodoo Child

Wilbur Whateley will an der Miskatonic-Universität eine Ausgabe des Necronomicons ausleihen, aber Dr. Armitage verwehrt es ihm. Daraufhin überredet Wilbur dessen Studentin Nancy, mit ihm nach Dunwich zu kommen. Dort sabotiert er ihr Auto und verabreicht ihr einen Drogencocktail, um sie gefügig zu halten. Etwas Seltsames lauert in Dunwich Manor, und als Dr. Armitage und Nancys Freundin Elisabeth sich auf die Suche nach ihr machen, geraten auch sie immer tiefer in „Das Grauen von Dunwich“… (Wicked-Vision Media)

Nur den Umriss von H.P. Lovecrafts Originalgeschichte aus dem Jahr 1928 und die Namen einiger Hauptfiguren aufgreifend, stellt Daniel Hallers Film eine hilfreiche Fallstudie zur Untersuchung der Herausforderungen dar, die mit dem Adaptionsprozess von „klassischer“ Horrorliteratur an den Film gemacht wurde. Diese Art von Film war in den 60ern und Anfang der 70er Jahre bei American International Pictures am prominentesten vertreten. Zu dieser Zeit gelang es Roger Corman eine Reihe von gefeierten Edgar Allan Poe-Adaptionen zu inszenieren, die wesentlich von ihren ursprünglichen erzählerischen Details abwichen, hauptsächlich aufgrund der Beschaffenheit vieler Geschichten und nicht, um deren Themen arrogant auszuweiden. Vereinfacht gesagt, enthielten viele der von Corman verfilmten Geschichten, während diese Standards der amerikanischen Literatur darstellten, kein ausreichend direktes Ereignis, um daraus ein Szenario von Spielfilmlänge kreieren zu können. Der Geizhals Corman war jedoch gleichzeitig ein zutiefst umsichtiger und sparsamer Filmemacher, dem es nichts ausmachte seine Produktionskosten zu reduzieren, um sein niedriges Budget aufrechtzuerhalten oder gar zu unterbieten. Sein Respekt für Poes Literatur ist allerdings unbestritten, denn Corman ging jeden Film (mit der gekonnten Unterstützung einiger sehr talentierter Szenaristen wie Richard Matheson und Charles Beaumont) mit dem klaren Ziel an, die Kernpsychologie (bei diesem Autor enorm wichtig) des Stücks aufzugreifen, unabhängig von der künstlichen Ornamentierung der Ereignisse. Dies führt gleichzeitig dazu, dass er jeden ihm zur Verfügung stehenden ästhetischen Instinkt (einschließlich therapeutischer Erkenntnisse Freuds) nutzt, um Poes psychodramatische Erzählungen zu sondieren und auszuschmücken.

Sowohl H.P. Lovecrafts Ansehen als auch das Interesse an seiner Literatur waren zu dieser Zeit merklich gestiegen, jedoch gab es noch keine Vision für einen Film, die seine Vorstellung von „kosmischem Horror“ möglicherweise in eine würdige visuelle Adaption hätte umwandeln können. Die einzigen Beispiele dafür (bis 1970) sind der eher dürftige Die, Monster, Die (Das Grauen auf Schloss Witley, 1965) – einem weiteren Film von Daniel Haller, der auf der Geschichte The Color Out of Space basiert – und The Haunted Palace (Die Folterkammer des Hexenjägers, 1963), einem Film, der irreführend als Fortsetzung der Corman-Poe-Reihe vermarktet wurde, obwohl er gar nichts mit Poe zu tun hat, sondern viel eher auf Lovecrafts The Case of Charles Dexter Ward basiert, dessen Umsetzung in einem Produktionsklima mit serviler Transposition kaum vorstellbar ist sowie ein schlechtes Beispiel für kallöses Marketing darstellt, das es mehr auf das Klingeln in den Kinokassen abzielt, als auf korrekte Autorenzuschreibungen.

Schließlich setzte sich Daniel Hallers The Dunwich Horror mit dem auseinander, was in Lovecrafts Cthulhu Mythos oft als Dreh- und Angelpunkt angesehen wird. Um fair zu sein, die Macher wagen eine mutige Umstellung auf zeitgenössischere Settings, im Gegensatz zu Lovecrafts Darstellung eines isolierten – und somit vom Aberglauben beherrschten – Hinterwäldler-Tableaus (er genoss es zu betonen, was er im fiktionalen Miskatonic Valley als bäuerlich primitive Puritaner ansah, denen zivilisierte Kultur vollkommen fremd war), doch die Verschiebung des Zeitrahmens war eine Entscheidung, die den Regisseur mit der Entwicklung des Films noch weiter verfolgen sollte. Denn, was Curtis Hansons, Henry Rosenbaums und Ronald Silkoskys Drehbuch von Lovecraft beibehielt, konnte nicht erfolgreich auf ein anderes Medium übertragen werden – die unnachgiebige, bedrückende Allmacht interdimensionalen Horrors – und kam eher wie eine veraltete Anspielung auf Hexerei rüber, insbesondere durch den frühen Hinweis auf den Gehängten Oliver Whatley, der mehr an Vorfälle in Salem erinnert, als an die besonders mysteriösen Ereignisse in Dunwich, die Lovecraft heraufbeschworen hat. Der zeitgenössische Rahmen scheint, trotz der Beibehaltung des Jenseitigen, doch mehr das Ergebnis von Produktions- und etatmäßigen Erwägungen zu sein, als der Versuch an kreativem Revisionismus. Die Sensibilität von anormalem Verhalten, die durch den Hauptprotagonisten Wilbur Whately charakterisiert wird, repräsentiert in ihrem neu geschaffenen Zeitkontinuum eher das Verhalten eines Gegenkultur-Blumenkindes, als das eines todbringenden Okkultisten, der sich der Zerstörung der Existenz der Menschheit gewidmet hat, wobei der junge Whately mindestens genauso aussieht wie ein rauschgiftsüchtiger kultischer Guru der Gegenkultur-Beschwörungen rezitiert, während seine Truppe phantasmagorischer Schergen komische abstrakte Bewegungen durchführt, als ob eine amateurhaft nachgeahmte Version einer Twyla Tharp Tanzgruppe aus Hair über den Opferaltar schwankt, während deren Körper in den modischsten Haight-Ashbury Symbolen für Psychedelie angemalt wurden. Haller suchte eindeutig nach Ähnlichkeiten mit Polanskis berühmter Imprägnierungstraumsequenz aus Rosemary’s Baby, der Film beschwört jedoch nur Erinnerungen an die Armutslevel-Traumlandschaften eines Andy Milligan herauf.

Was der filmischen Umsetzung schadet, ist nicht der graduierte Zeitrahmen, sondern etwas konzeptuell Grundlegenderes: Das Problem liegt in der Verschiebung der Konfliktzentrierung. In Lovecrafts Originalgeschichte wird die Bedrohung der gleichnamigen Entität zwar sorgfältig, aber auch unbarmherzig aufgebaut, angefangen von der Geburt des „Horrors“ bis hin zur stadtweiten Verwüstung, die den Eindruck erweckt, dass sich die Abscheulichkeiten ungehindert in die größere Zivilisation ausdehnen, wenn keine zeitnahe Lösung gefunden wird. Der Fokus liegt jetzt weniger auf der Saat der Bedrohung – dem Whatley Haushalt und der darin versteckten Bestie – als auf Nancy Wagner, einem Charakter, der in der ursprünglichen Geschichte nicht enthalten war. Nancy wird vom ehemaligen Matinee-Kätzchen Sandra Dee verkörpert und wird zur zentralen Figur, auf der alle Motivationen – gute und schlechte – basieren. Was sich hierdurch für die Geschichte negativ entwickelt, ist eine Angelegenheit von fehlgeleiteten Spannungen. Der Plot repräsentiert nicht länger eine erbarmungslose Übermittlung von Ereignisaufbau, die in einen Zusammenstoß zwischen dem sterblichen Menschen und den mythischen Wesen mündet, die kurz als The Old Ones bezeichnet werden. Das Gleichgewicht der Zerstörung wurde ironischerweise mit Hilfe des halbmenschlichen Wilbur Whately erschaffen (in Lovecrafts Stück biologisch verfrüht entwickelt – er ist erst fünfzehn Jahre alt), der unnatürlich gewachsen einer Ziege ähnelt, während er im Film wie Dean The Candy-Colored Clown Stockwell aussieht – was kaum einen dramatischen Kompromiss darstellt. Diese Akzentuierung verwandelt sich in einen vergleichsweise uninteressanten Film über eine Frau in Not. Was auf dem Bildschirm stattfindet ähnelt einer Überarbeitung von Rosemary Woodhouse und nicht einer direkten Illustration der nihilistischen Kosmologie Lovecrafts. Nancy Wagner wandert entweder in einem Zustand von Hypnose oder einfach nur unter Drogen gesetzt durch den Großteil des Films, wobei sich die Frage stellt, warum die Notwendigkeit von Medikamenten, wenn Wilbur doch über übernatürliche Suggestionskräfte verfügt und so in der Lage sein sollte Nancys Geist zu kontrollieren? Das spürbare Gewicht des drohenden Untergangs, das in der Geschichte stark vorherrscht, fehlt im Film vollkommen, wobei es Haller nicht gelingt, ein Gefühl der Kollision zwischen Lovecrafts üblichen widersprüchlichen Entitäten heraufzubeschwören: die hilflos wissenschaftlichen Gedankengänge des Menschen und den unerkennbaren Kräften der kosmischen Korruption.

Haller, ein talentierter Produktionsdesigner, dessen Matte-Arbeit zu Cormans Das Pendel des Todes (1961) noch immer bewundernswert ist, zeigt wenig Neigung die reiche Ader fantastischer Vorstellungskraft des Ausgangsmaterials in den Film zu integrieren und illustriert jede Sequenz in der langweiligen Art und Weise einer abgedroschenen Boogey-Man-Spook-Show. Schon die Konzeption des „Horrors“ scheint sich seinen Regie-Fähigkeiten zu entziehen, indem er versucht den unsichtbaren Alptraum der Geschichte mit rasselnden Türen, heftigem Atmen und nervenden Sonnenblitzen (der überstrapazierteste visuelle Trope der 60er Jahre neben dem Split-Screen) darzustellen. Man muss sich nur die reichlich atmosphärische Verfolgungsjagd durch den Wald in Jacques Tourneurs Der Fluch des Dämonen (1957) mit ihrer Suggestion von tödlichen Schrecken (die nicht sichtbar sind) ansehen, um den Unterschied in den Ergebnissen zwischen einem Visionär und einem Gesellen hinter der Kamera zu verstehen. Schließlich wird selbst Lovecrafts seltenes Zugeständnis an die Menschheit verraten, indem sein ursprüngliches Ende des Sieges gegen das Unbekannte (was in seiner Literatur so gut wie nie vorkommt) in einen Twist verwandelt wird, der erneut den Ursprung von Polanskis weitaus anspruchsvollerem Film widerspiegelt. Verschone das Kind, ruiniere den Streifen.

Wicked-Vision Media bringen The Dunwich Horror im Mediabook als limitierte BluRay- / DVD-Combo (4-Disc Collector’s Edition No. 18) heraus. Über den Film lässt sich als Lovecraft-Adaption sicherlich streiten, über die Qualität der Veröffentlichung allerdings überhaupt nicht. Das Bild präsentiert sich im 1,85:1 (1080p) Format und macht einen hervorragenden Eindruck, während es beim Ton ebenso nichts zu meckern gibt. Hier stehen eine deutsche und eine englische Spur (DTS-HD Master Audio 2.0) zur Auswahl, wobei man deutsche Untertitel zuschalten kann. Die erstklassigen und üppigen Extras bestehen aus einem 24-seitigen Booklet von Dr. Rolf Giesen und Uwe Sommerlad, einem Audiokommentar mit Dr. Gerd Naumann und Dr. Rolf Giesen, einem weiteren AK mit Jörg Kopetz vom Wicked-Vision Magazin, dem Originaltrailer, der dt. VHS-Titelsequenz, Trailer from Hell mit Darren Bousman, einer dt. Nostalgie-VHS-Fassung (4:3), einer Bildergalerie und dem exklusiven Hörbuch „The Dunwich Horror“ auf zwei Audio-CDs gelesen von Sascha Rotermund. Insgesamt handelt es sich bei The Dunwich Horror um eine sehr gelungene Mediabook-Edition, die bei Liebhabern und Freunden von Lovecraft– und Horrorverfilmungen trotz aller Kritik gut ankommen sollte.

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Darsteller: Dean Stockwell, Sandra Dee, Ed Begley
Regisseur(e): Daniel Haller
Untertitel: Deutsch
Region: Region B/2
Bildseitenformat: 16:9 – 1.77:1
FSK: Freigegeben ab 16 Jahren
Studio: Wicked-Vision Media
Produktionsjahr: 1970
Spieldauer: 88 Minuten

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Diese Edition wurde uns von Wicked-Vision Media freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Bluntwolf

Bluntwolf ist ein Cineast aus der goldenen Mitte Deutschlands. Sein Spezialgebiet ist das italienische Kino der 60er bis 80er Jahre, insbesondere Italowestern, Giallo und Polizio. Er ist der Chefredakteur von Nischenkino und gehört dem Redaktionsteam der Spaghetti-Western Database an.

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1 Antwort

  1. 7. Mai 2019

    […] da die beiden Schauspieler nicht unterschiedlicher sein konnten. Regisseur Haller würde mit The Dunwich Horror aka Voodoo Child (1970) noch eine weitere psychedelische von Lovecraft inspirierte Geschichte für […]