Zehn Stunden Zeit für Virgil Tibbs / They Call Me Mister Tibbs!

In San Franciscos Nobel-Viertel Nob Hill gilt es, den verworrenen Mord an einer Prostituierten zu klären. Ein anonymer Hinweis lenkt den Verdacht auf den politisch aktiven Reverend Logan Sharpe. Lieutenant Virgil Tibbs, seit vielen Jahren mit Sharpe bekannt, bittet darum, ihm den Fall zu übertragen, um die Unschuld des Freundes zu beweisen. Damit gerät der Detektiv in ein Labyrinth aus Schuld, Scham, falschen Alibis, tödlichen Schüssen und wilden Verfolgungsjagden. Bald ist Tibbs hin und her gerissen zwischen seiner Pflicht als Polizist und der Loyalität gegenüber seinem Freund. (Wicked-Vision)

Cash-In Fortsetzungen stellen ja bekanntlich kein neues Phänomen dar. Nach dem kritischen Erfolg sowie dem Publikumserfolg von In the Heat of the Night (In der Hitze der Nacht, 1967) versuchte Produzent Walter Mirisch ein Franchise um den stählernen Großstadtdetektiv Virgil Tibbs aufzubauen. Tibbs, der von Sidney Poitier gespielt wurde, hatte es geschafft einen Mordfall zu lösen, während er gleichzeitig einen Kampf gegen Kleinstadtrassismus führen musste. Im ursprünglichen Roman von John Ball war Tibbs auf dem Weg zurück zu seinem regulären Job in Pasadena, Kalifornien, doch das Drehbuch hatte sein Revier nach Philadelphia verlagert. Für den Fortsetzungsfilm wurde Tibbs nach San Francisco versetzt, wahrscheinlich weil die Stadt für Dreharbeiten günstiger geeignet war. Mirisch beauftragte zwei gute Autoren mit der Erstellung eines Originaldrehbuchs: Alan R. Trustman, der das Skript zu The Thomas Crown Affair (Thomas Crown ist nicht zu fassen, 1968) geschrieben hatte und James R. Webb, der die Adaption von Cape Fear (Ein Köder für die Bestie, 1962) verfasste. Regisseur Gordon Douglas hatte bereits mit Frank Sinatra in Tony Rome (Der Schnüffler, 1967), The Detective (Der Detektiv, 1968) und Lady in Cement (Die Lady in Zement, 1968) innerhalb des Detektiv-Genres Erfolg gehabt.

Doch mit They Call Me Mister Tibbs! ist irgendetwas schiefgegangen (der Titel lehnt sich an eine berühmte Dialogzeile an, die Poitier in In der Hitze der Nacht gesprochen hat). Poitier bleibt so charismatisch und interessant wie gewohnt, aber ohne die komplexe Dynamik zwischen seinem Tibbs und Rod Steigers Chief Gillespie. Da ihr Antagonismus einer widerwilligen Partnerschaft in der Strafverfolgung Platz macht, wurde aus der Fortsetzung nichts weiter als ein routinemäßiges Polizeiverfahren – tatsächlich jedoch schlimmer als Routine, denn nichts an der Produktion fühlt sich wenigstens ein bisschen glaubwürdig an. Vom Bühnenbild über die Kostüme bis hin zu den schauspielerischen Leistungen (mit Ausnahme von Poitier) leidet der Film an einem Mangel von gemeinsamen Zielen, als ob sich niemand einig gewesen wäre, worum es in dem Film gehen soll. Handelt es sich um einen Thriller? Eine Polizei-Geschichte? Einen sozialen Kommentar? All diese Elemente lassen sich in Zehn Stunden Zeit für Virgil Tibbs nur schwach wiedererkennen, da sie kaum (oder schlecht) entwickelt worden sind. Poitier in diesem Film zu besetzen, ist wie einen Käsecracker mit Kaviar zu bestreichen und es Haute Cuisine zu nennen.

Die Eröffnungssequenz von Zehn Stunden Zeit für Virgil Tibbs zeigt den Mord an einem Callgirl namens Joy Sturges (Linda Towne) in ihrer Wohnung. Das Gesicht des Mörders ist nicht sichtbar. Der „Hausmeister“ des Gebäudes, Mealie (Juano Hernandez), findet die Leiche und meldet das Verbrechen dem ansässigen Hausbesitzer Rice Weedon (Anthony Zerbe), der in Wirklichkeit der Zuhälter von Joy und anderen im Gebäude lebenden Frauen ist. Weedon gibt der Polizei einen anonymen Hinweis und fügt hinzu, dass der Mord von Logan Sharpe (Martin Landau) begangen wurde, einem örtlichen Prediger und Organisator der Gemeinde, der Joy regelmäßig besuchte. Sharpe ist so etwas wie eine lokale Berühmtheit und weil er als alter Freund von SFPD Lt. Virgil Tibbs bekannt ist, weist Tibbs‘ Vorgesetzter (Jeff Corey) ihm den Fall zu. Sharpe räumt ein Joy besucht zu haben und behauptet, er habe ihr spirituelle Beratungen angeboten und versucht sie von der Prostitution zu befreien. Sie war einer von vielen Besuchen, die er an diesem Tag machte. Sharpe besteht darauf von politischen Feinden zu Unrecht beschuldigt zu werden, weil er effektiv Unterstützung für eine Wahlinitiative mobilisiert, um die staatliche Kontrolle über lokale Gemeinschaften einzuschränken. (Die politische Rhetorik aus Zehn Stunden Zeit für Virgil Tibbs mag für heutige Ohren verwirrend klingen, doch 1970 wurde Sharpes regierungsfeindlicher lokaler Politikstil als links vom Zentrum betrachtet.)

Tibbs und seine Kollegen, Lt. Kenner (David Sheiner) und Sgt. Deutsch (Ted Gehring) analysieren nicht schlüssige forensische Beweise und kümmern sich auch um andere Verdächtige, darunter Mealie, Rice Weedon und der Eigentümer von Joys Wohnung Woody Garfield (ein junger Ed Asner, der mit einem Toupe ungewöhnlich schleimig aussieht). Garfield verhält sich zweifellos schuldig und liefert sich eine lange (recht schwache) Verfolgungsjagd mit der Polizei über die Golden Gate Bridge, während seine halbhysterische Frau Marge (Norma Crane) im Polizeipräsidium sitzt und dem ruhigen Austausch von Funkgeschwätz zwischen nicht gekennzeichneten Polizeiautos lauscht. Weedon hat neben seiner Zuhälterei außerdem noch ernsthafte Mob-Verbindungen im Drogengeschäft, was zu einer der besten Sequenzen des Films führt, einer hektischen Verfolgungsjagd durch die überfüllten Straßen San Franciscos. Als Kontrapunkt zur Mordermittlung erkundet They Call Me Mister Tibbs! Virgils Zuhause, wo sich seine Frau Valerie (Barbara McNair) routinemäßig beschwert, dass er zu wenig Zeit mit seinen Kindern verbringt. Dabei handelt es sich um eine unterentwickelte Nebenhandlung, die Virgils Interaktionen mit Andy und Ginger Tibbs (George und Wanda Spell) beleuchtet, insbesondere dem beinahe jugendlichen Andy, dem Virgil väterlichen Rat zu geben versucht und zu oft nicht weiß, was er sagen soll, wobei seine Erziehungsmethoden heutzutage als äußerst zweifelhaft angesehen werden dürften.

Die mit Abstand größte Schwäche, die Zehn Stunden Zeit für Virgil Tibbs aufweist, ist jedoch die Darstellung der Freundschaft zwischen Sharpe und Tibbs, die gegen die essenzielle Regel „Show, Don’t Tell“ verstößt. Das Drehbuch sagt uns, dass die beiden Männer alte Freunde sind (wobei Poitier und Landau ihr Bestes geben, um das zu vermitteln), das Drehbuch liefert ihnen jedoch nicht das Material, um dem Publikum auch eine echte Freundschaft zeigen zu können. Wie haben sich die beiden Männer kennengelernt? Welche Erfahrungen haben sie geteilt? Wie wurde die Verbindung zwischen ihnen geknüpft und warum hat sie Bestand? Diese Fragen müssen beantwortet werden, oder es kann sich keine Spannung im Zentrum der Geschichte aufbauen, da Tibbs Sharpe ständig untersuchend beobachtet, weil er nicht glauben will, dass sein Freund ein Mörder ist. Außerdem versucht er auch objektiv zu bleiben und den Beweisen zu folgen. Anscheinend dachten die Drehbuchautoren, wenn Sharpe wohltätige Arbeit leisten würde (Sport für benachteiligte Kinder anbieten, in armen Gegenden predigen, begeisterte Menschenmengen dazu ermahnen, ihre Macht an der Wahlurne auszuüben), würde dies ausreichen, um ihn zu einem offensichtlichen Kandidaten für einen Freund von Virgil Tibbs zu machen. Wenn Tibbs den Mordfall letztendlich aufklärt, hat das nicht das emotionale Gewicht, das es haben sollte, weil man nicht das Gefühl hat, dass hier eine vitale Freundschaft auf dem Spiel steht. Es handelt sich ganz einfach nur um einen weiteren Fall. Insgesamt ist Zehn Stunden Zeit für Virgil Tibbs zu den schwächeren Einträgen der Tibbs-Reihe zu zählen aber immer noch als unterhaltsam zu bezeichnen, sieht man mal von den missglückten Einblicken in Tibbs‘ Familienleben ab.

Wicked-Vision veröffentlicht Zehn Stunden Zeit für Virgil Tibbs als Nummer 02 ihrer Black Cinema Collection in einer Scanavo BD-Box (Blu-Ray und DVD), die auf 1.500 Stück limitiert ist. Bild (1,85:1; 1080p / 1,85:1 anamorph) und Ton (Deutsch + Englisch DTS-HD Master Audio 2.0 / Dolby Digital 2.0) bewegen sich auf ziemlich hohem Niveau, da kann man sich absolut nicht beschweren. Deutsche oder englische Untertitel können zugeschaltet werden. Insgesamt handelt es sich bei Zehn Stunden Zeit für Virgil Tibbs wieder einmal um eine äußerst gelungene Edition mit interessantem sowie umfangreichem Bonusmaterial, die bei Liebhabern und Freunden von Sidney Poitier-Filmen enorm gut ankommen sollte.

Extras:
• 24-seitiges Booklet mit einem Essay von Thorsten Hanisch
• Audiokommentar mit Dr. Gerd Naumann und Christopher Klaese
• Featurette: „Von Mr. Tibbs zu John Shaft: Neue Stars und Perspektiven“ mit PD Dr. Andreas Rauscher
• Originaltrailer
• Bildergalerie

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  • Seitenverhältnis : 16:9 – 1.85:1, 16:9 – 1.77:1
  • Alterseinstufung : Freigegeben ab 16 Jahren
  • Regisseur : Douglas, Gordon
  • Laufzeit : 1 Stunde und 49 Minuten
  • Darsteller : Poitier, Sidney, Landau, Martin, Crane, Norma, Corey, Jeff, McNair, Barbara
  • Untertitel: : Deutsch
  • Sprache, : Deutsch (Dolby Digital 2.0), Englisch (Dolby Digital 2.0)
  • Studio : Wicked Vision Distribution GmbH

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Diese Edition sowie das Bildmaterial (teilweise) wurde uns freundlicherweise von Wicked-Vision zur Verfügung gestellt.

Bluntwolf

Bluntwolf ist ein Cineast aus der goldenen Mitte Deutschlands. Sein Spezialgebiet ist das italienische Kino der 60er bis 80er Jahre, insbesondere Italowestern, Giallo und Polizio. Er ist der Chefredakteur von Nischenkino und gehört dem Redaktionsteam der Spaghetti-Western Database an.

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