Amazonen auf dem Mond oder Warum die Amerikaner den Kanal voll haben / Amazon Women on the Moon

Der Sohn des Unsichtbaren ist los, aber gar nicht so unsichtbar. Komiker crashen eine Beerdigung, Schwarze ohne Seele machen Soul-Musik … eigentlich soll das Weltraumabenteuer Amazonen auf dem Mond laufen, aber so gerät der Fernsehabend außer Kontrolle. (Turbine Medien)

Mark Twain ließ einst verlauten: „Wenn Ihnen das Wetter in Neuengland momentan nicht gefällt, warten Sie einfach ein paar Minuten.“ Das gleiche gilt für Amazonen auf dem Mond von 1987, John Landis’ inoffizielle Fortsetzung von Kentucky Fried Movie und Bastardkind von Joe Dante und Jon Davisons The Movie Orgy (1968). Genauso wie diese rückständigen Hommagen an die verrufenen Unterhaltungswerte unserer Jugend stellt auch Amazonen auf dem Mond ein Sammelsurium von Comedy-Sketchen dar, von denen einige genau richtig und andere ziemlich unausgegoren serviert werden – wobei ein umsichtiger Einsatz der Fernbedienung sowie Geduld durchaus belohnt werden. Insgesamt ist das Ergebnis als gemütlicher Urlaub für Geist und Seele zu beschreiben mit drei oder vier recht lustigen Vaudeville-Sequenzen und ein paar waschechten Kurzform-Klassikern.

Eingebettet zwischen den beiden Landis Megahits, Drei Amigos! (1986) und Coming to America (Der Prinz aus Zamunda, 1988), hatte Amazon Women einen wackeligen Start: Das Konzept – eine mehrteilige Satire über das „weite Ödland“ des Fernsehens und die dort lebenden Couch-Potatoes – verwirrte die Marketingabteilung von Universal und Landis, der ausführende Produzent des Films, gestand: „(the film) was not a first priority with me.” Die Produktion sah sich bereits mit weniger als energischer Studiounterstützung konfrontiert, schritt aber dennoch voran, wobei Landis zwei langjährige Autoren für Johnny Carson, Michael Barrie und Jim Muholland engagierte und sich mit Regisseuren umgab, die es gewohnt waren aus der Hüfte zu drehen: Robert K. Weiss, Carl Gottlieb und Joe Dante (der fünfte Regisseur ist Peter Horton, der hier sein Spielfilmdebüt dank seiner damaligen Frau Michelle Pfeiffer gab, die zusammen mit Horton in Landis’ Segment Hospital zu sehen ist).

Das zentrale Konzept des Streifens stellt einen typisch amerikanischen Abend voller Spaß beim Zappen dar, dessen Hauptattraktion eine Übertragung von Weiss‘ Amazon Women on the Moon ist, eine Parodie auf Science-Fiction-Filme der 50er Jahre mit niedrigem Budget. Amazon Women ist für Queen of Outer Space (In den Krallen der Venus, 1958) das, was Young Frankenstein (Frankenstein Junior, 1974) für Son of Frankenstein (Frankensteins Sohn, 1939) gewesen ist, eine Parodie auf einen beliebten, wenn auch moderigen Genrefilm. Steve Forrest repräsentiert die schmallippige Inkarnation von Eric Flemings sturem Weltraumkommandanten aus Queen, während der statuarische B-Movie-Star Sybil Danning die hochmütige Zsa Zsa Gabor vertritt. Um die Illusion eines Low-Budget-Sci-Fi-Thrillers zu vervollständigen, wackelt das Raumschiff genauso, wie die Weltraum-Babes wackeln und die restlichen Schauspieler wackeln, darunter Forrest, Robert Colbert und Joey Travolta, die sich geschickt als Nicht-Schauspieler ausgeben.

Weiss‘ Murray in Videoland Episode stellt den Publikumsersatz des Films vor – Lou Jacobi als fernsehliebenden Schlemiel, dessen neumodische Fernbedienung ihn (nur in Unterwäsche bekleidet) in den Fernsehbildschirm saugt. Thematisch gesehen repräsentiert der Kurzfilm eine Fortsetzung von Woody Allens Was Sie schon immer über Sex wissen wollten, aber bisher nicht zu fragen wagten (1972), in dem Jacobi einen unbeholfenen, jedoch enthusiastischen Transvestiten spielte, der auf zunehmend erniedrigende Art und Weise entlarvt wird. Lou setzt diese traurige Persona hier fort und erscheint in Amazon Women ähnlich wie Zelig im gleichnamigen Woody Allen Film Zelig von 1983 – er taucht neben King Kong, Bambi und sogar Ronald Reagan auf – wobei er immer mehr als willkommen ist und zwar ganz besonders dann, wenn er nach einem Segment auftaucht, in dem es an Lachern mangelt.

Der abwechselnd vulgäre/infantile Ton des Streifens wird bereits in einer der ersten Sequenzen angekündigt und zwar in Gottliebs Pethouse Video, wo ein Tag im Leben der immer nackten Monique Gabrielle vorgestellt wird. Dantes Sequenzen beschränken sich eher auf die Kritik der Fernsehkultur, wobei er es auch dann versteht zu punkten, wenn sich die Satire eher surreal, als pointiert darstellt – insbesondere in seiner gutmütigen Parodie auf die ABC-Show Ripleys Believe it or Not, die hier Bullshit or Not genannt wird – eine bekiffte Fantasie, die an die eher esoterischen Gedankenspiele des Firesign Theatre erinnert (Firesigns Phil Proctor erscheint in Weiss‘ Sketch Silly Pâté). Das Segment kombiniert geschickt die Legenden des Monsters von Loch Ness und Jack the Ripper – zwei Figuren, die nach wie vor die Fantasie von Märchenfans und Verschwörungstheoretikern anfachen.

Dante lässt in Critic‘s Corner die Handschuhe fallen, einer eher ernsthaften Parodie auf Siskels and Eberts Sneak Previews, in der zwei Experten Nase an Nase sitzen und das triste Privatleben eines gewissen Harvey Pitnik (ein Mann, der gerade diese Sendung anschaut) auseinandernehmen, so als würde seine bloße Existenz eine besonders lahme Filmhandlung repräsentieren. Critic‘s Corners düstere Komödie stellt nur eine Vorspeise für Dantes schwarz humorige Parodie Roast Your Loved One dar, in der sich die Trauerfeier des inzwischen verstorbenen Pitnik in einen (sogenannten) Roast nach Dean Martin-Art mit den Old-School-Stand-bys Steve Allen, Charlie Callas und Henny Youngman am Podium, wobei sich Dante auf Belinda Balaski als Witwe mit einem versteckten Talent für one-liners und Robert Picardo in einer Kombination aus Bestattungsunternehmer und Vegas-Ringmaster stützt. Der bereits genauso verstorbene sowie großartige Rip Taylor versteht es hierbei bestens zu glänzen, während Dante dafür sorgt, dass die Konfettiflocken des manischen Komikers sanft in Pitniks Sarg flattern.

Amazon Women brüstet sich mit zwei komödiantischen Juwelen, die man beide als makellose Genre-Parodien bezeichnen kann: Gottliebs Son of the Invisible Man und Dantes Reckless Youth. In Gottliebs Segment ist Ed Begley Jr. als überschwänglicher Kerl zu sehen, der davon überzeugt ist, vollkommen unsichtbar zu sein, wobei ein Großteil des Humors darin begründet liegt, dass diese gute Seele schlichtweg wahnsinnig ist. Er führt die üblichen Tricks des Unsichtbaren vor, entkleidet sich, zündet jemandem eine Zigarette an, während er die ganze Zeit über völlig überzeugt davon ist, dass ihn wirklich niemand sehen kann. Glücklicherweise ist er von verständnisvollen Menschen umgeben, die ihn sowie sein Verhalten einfach nur befremdlich finden, im Gegensatz zu den üblichen Universal-Statisten, die es kaum erwarten können, Fackeln und Mistgabeln in die Hände zu bekommen.

Dantes Reckless Youth ist als der klare Gewinner des Films zu bezeichnen, wurde seltsamerweise jedoch nach dem Abspann positioniert. Es handelt sich dabei um eine hervorragend beobachtete Evokation der sogenannten „Angst“-Filme aus den frühen 30er Jahren, die angeblich produziert wurden, um unwissende Teenager vor den Gefahren der Promiskuität zu warnen, tatsächlich aber ihr eigenes pikantes Thema auszunutzen wussten (Cecil B. DeMille baute eine ganze Karriere darauf auf). Bei einer guten Parodie ist Wahrhaftigkeit von größter Bedeutung und wie bei Son of the Invisible Man sind alle Merkmale eines Films vorhanden, den man aus der Mottenkiste herausgekramt hat – Kratzer, Bildsprünge und ein seltsam geisterhafter Soundtrack. Carrie Fisher ist in gleich zwei Rollen besetzt worden: in der eines B-Movie-Starlets und der Rolle als Mary Brown (in Reckless Youth) – eine nicht ganz unschuldige Frau, die mit weit aufgerissenen Augen nach einer Nacht voller Spaß in einer Arztpraxis landet. Der Arzt, der ihr die schlechte Nachricht überbringt, wird von Paul Bartel gespielt, der von Minute zu Minute normwidriger aussieht (er trägt sogar Eyeliner). Der Kurzfilm ist natürlich in Schwarzweiß gedreht worden, wobei Dante keinen Trick auslässt – jedes knarrende Klischee ist vorhanden und gerade genug optimiert, um eine trostlos ernste Atmosphäre in eine Lachkomödie zu verwandeln.

Kameramann Daniel Pearl agiert wie ein Champion – er hat jedes Segment fotografiert und die Erfahrung (48 Tage verteilt auf 32 Orte) muss überwältigend gewesen sein. Obwohl er wahrscheinlich am ehesten als DP für das Original von The Texas Chainsaw Massacre (Blutgericht in Texas, 1974) bekannt sein dürfte, könnte er auch als König der Musikvideos bezeichnet werden, da er anscheinend für jeden MTV-Hit unter der Sonne hinter der Kamera gestanden hat, einschließlich Michael Jackson, Bruce Springsteen, U2 und vielen mehr. Er leistete erstaunliche Arbeit bei Amazon Women, indem er es hervorragend verstand das Ambiente von Science-Fiction-Filmen mit niedrigem Budget, farbenfrohen Piratenabenteuern, Universal-Monsterfilmen und das unverkennbar altersschwache Aussehen von vorprogrammierten Quickies nachzubilden.

Amazonen auf dem Mond oder Warum die Amerikaner den Kanal voll haben erscheint im Hause Turbine Medien GmbH (nach der Veröffentlichung im Steelbook) nun endlich auch in der einfachen Blu-Ray Softbox, wobei man dem Label zu dieser gelungenen Veröffentlichung mal wieder nur gratulieren kann. Über den Film lässt sich zwar sicherlich diskutieren aber dafür weiß die Scheibe nicht nur auf technischem Gebiet zu überzeugen, sondern hat auch Einiges an sehr interessanten Extras zu bieten. Außerdem gibt es die Möglichkeit deutsche oder englische Untertitel zuzuschalten sowie das Cover zu wenden.

Bonusmaterial:           

  • Interview „We’re gonna need bigger skits!“ mit Co-Regisseur Carl Gottlieb* (ca.17 Min.)
  • Interview „Cinematographer on the Moon!“ mit Kameramann Daniel Pearl* (ca.16 Min.)
  • entfernte und verpatzte Szenen* (ca. 25 Min.)
  • Textloser Abspann
  • diverse Kino-Trailer (Original Kino-Trailer USA & Deutschland)
  • Video- und Audiokommentar mit Sträter Bender Streberg —> der leider nicht so viel hergibt, wie ihr toller Podcast

    *Optional mit deutschen Untertiteln

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  • Seitenverhältnis‏: ‎16:9 – 1.85:1
  • Alterseinstufung: ‎Freigegeben ab 16 Jahren
  • Regisseur: ‎Weiss, Robert K., Horton, Peter, Gottlieb, Carl, Dante, Joe, Landis, John
  • Medienformat: ‎Letterbox
  • Laufzeit: ‎1 Stunde und 25 Minuten
  • Darsteller: ‎Pfeiffer, Michelle, Guttenberg, Steve, Fisher, Carrie, Hall, Arsenio, King, B.B.
  • Untertitel: ‎Deutsch, Englisch
  • Studio: ‎Turbine Medien

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Nur die ersten fünf Screenshots stammen von dieser Edition !!!

Diese Blu-Ray sowie die Screenshots (teilweise) wurden uns freundlicherweise von Turbine Medien zur Verfügung gestellt.

Bluntwolf

Bluntwolf ist ein Cineast aus der goldenen Mitte Deutschlands. Sein Spezialgebiet ist das italienische Kino der 60er bis 80er Jahre, insbesondere Italowestern, Giallo und Polizio. Er ist der Chefredakteur von Nischenkino und gehört dem Redaktionsteam der Spaghetti-Western Database an.

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