Così dolce… così perversa / So sweet … so perverse

Jean ist seiner Frau Danielle für gewöhnlich untreu. Als Nicole in die Wohnung über ihnen einzieht, ist es nur eine Frage der Zeit, bis er seine Magie auch auf sie ausübt. Es stellt sich bald heraus, dass Nicole vom sadistischen Klaus terrorisiert wird und als Jean sich mehr mit ihr beschäftigt, verliebt er sich gar in sie. Jean teilt Danielle mit, er werde sie bald verlassen, doch vielleicht gestaltet sich das nicht so einfach, wie gedacht…

Nach dem Erfolg von Orgasmo haben sich Regisseur Umberto Lenzi und Star Carroll Baker zu einem weiteren Giallo über Betrug und sexuelle Manipulation unter den müßigen Reichen zusammengetan. Zu diesem Ausflug gesellte sich der begabte Szenarist Ernesto Gastaldi, dessen Drehbuch sich H.G. Clouzots Les Diaboliques (Die Teuflischen, 1955) auf ähnliche Art und Weise verpflichtet, wobei er es dennoch verstand einige echte Überraschungen und Nervenkitzel selbst zu kreieren. Die erste Hälfte des Films ist als ein geradliniges Melodram zu bezeichnen, während Jean zwischen Geschlechtsverkehr mit jeder Frau in Sicht und dem Umgang mit seiner wachsenden emotionalen Bindung an Nicole hin und her schwankt. Das Tempo gestaltet sich in diesem Abschnitt etwas schleppend, doch die ansprechenden Produktionswerte sowie die großartige Besetzung können etwas darüber hinweg täuschen. Wie so viele Gialli dieser Periode scheint sich der Film am allgemein schlechten Verhalten seiner wohlhabenden Protagonisten zu erfreuen. Im Gegensatz zu Damiano Damianis Una ragazza piuttosto complicata (A Rather Complicated Girl, 1969) gibt es hier jedenfalls wenig an sozialem Kommentar. Stattdessen scheint es Lenzi und Gastaldi gefallen zu haben, das Milieu zu etablieren, in dem sich diese Menschen bewegen und sich ständig gegenseitig hintergehen.

Dies alles dient jedoch „nur“ als Vorwand für die zweite Hälfte des Films, in der sich die Dinge verändern und in vertrautes Giallo-Terrain übergehen. Gastaldi bringt alle bekannten Merkmale an, als einer der Protagonisten anscheinend getötet wird – und sich dennoch zu den ungünstigsten Zeiten manifestiert. Gerade als der erfahrene Thriller-Fan meint zu wissen wohin die Geschichte nun führen wird, beweist Gastaldi, dass er immer einen Schritt voraus ist. Denn mit der letzten Wendung gelingt es ihm, obwohl er sie logisch genug gestaltet, die offensichtlichste Auflösung zu umgehen. Wie für Lenzi in dieser erfolgreichen Phase seiner Karriere üblich, zeichnet sich der Film durch hervorragende Produktionswerte aus. Die Neigung des Regisseurs, mit schwerfälligen Zooms wichtige Momente oder Dialogzeilen in fetten Buchstaben zu unterstreichen, wirkt irritierend, trotzdem legt er größtenteils gute visuelle Sensibilität an den Tag und schafft es, die Dinge interessant zu halten. Sollte dem Film die Frische von Orgasmo fehlen, so ist dies kaum verwunderlich; schließlich besucht er nach diesem früheren Erfolg wieder ähnliches Gebiet. Das Endergebnis ist Lenzis erstem Giallo allerdings keineswegs unterlegen und bleibt einer seiner insgesamt besseren Filme.

Die Besetzung ist der Schlüssel zur Effektivität des Films. Jean-Louis Trintignant zeigt erneut die großartige Fähigkeit, den inneren Konflikt seines Charakters exzellent rüberzubringen und verleiht einer Rolle Tiefe, die beispielsweise in den Händen von Jean Sorel sehr wahrscheinlich zu einem weiteren oberflächlichen Playboy geworden wäre. Così dolce… così perversa sollte der dritte Giallo des französischen Schauspielers innerhalb von drei Jahren sein, wobei er den filone erst mit La donna della domenica (Die Sonntagsfrau, 1975) wieder besuchen würde. Carroll Baker spielt eine weitaus selbstbewusstere sowie potenziell manipulativere Rolle als in Orgasmo (1968) und zeigt sich hier gleichermaßen entspannt. Abgerundet wird das Hauptensemble durch die schöne Erika Blanc als Trintignants sehr schlecht behandelte Frau Danielle.

Blanc wurde 1942 als Enrica Bianchi Colombatto geboren. Sie gab 1964 ihr Filmdebüt und trat zunächst unter dem Namen Erika Bianchi auf. Nachdem sie in einigen italienischen Spionagethrillern wie Agente 077 missione Bloody Mary (Jack Clifton – Mission Bloody Mary, 1965) und Agente S 03: Operazione Atlantide (Operation Atlantis, 1965) mitgewirkt hatte, spielte sie mehrere wichtige Horror-Rollen: Massimo Pupillos La vendetta di Lady Morgan (Das Folterhaus der Lady Morgan, 1965), Mino Guerrinis Il terzo occhio (Das dritte Auge, 1966) und Mario Bavas Operazione paura (Die toten Augen des Dr. Dracula, 1966). Sie blieb eine feste Größe in Spionagethrillern und Italo-Western, ganz zu schweigen von Gialli wie L’uomo più velenoso del cobra (Human Cobras, 1971), La rossa dalla pelle che scotta (The Red Headed Corpse, 1972) und Body Puzzle (Body Puzzle – Mit blutigen Grüßen, 1992). Blanc ist bis heute im italienischen Film aktiv. Die Nebenbesetzung umfasst Auftritte von Horst Frank als Klaus, Helga Liné als eine weitere von Trintignants Geliebten und Beryl Cunningham, die einer relativ kleinen Gruppe von „schwarzen“ Schauspielern angehörte, die in italienischen Genrefilmen dieser Zeit auftraten. Sie hat hier nicht viel zu tun, darf aber während einer Partyszene einen unvergesslichen Striptease hinlegen.

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  • Darsteller: Jean-Louis Trintignant, Erika Blanc, Carroll Baker, Horst Frank
  • Regisseur(e): Umberto Lenzi
  • Format: PAL, Breitbild, Farbe
  • Sprache: Italienisch
  • Region: Region 2
  • Anzahl Disks: 1
  • Studio: Aegida
  • Produktionsjahr: 1969
  • Spieldauer: 89 Minuten

Bluntwolf

Bluntwolf ist ein Cineast aus der goldenen Mitte Deutschlands. Sein Spezialgebiet ist das italienische Kino der 60er bis 80er Jahre, insbesondere Italowestern, Giallo und Polizio. Er ist der Chefredakteur von Nischenkino und gehört dem Redaktionsteam der Spaghetti-Western Database an.

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Eine Antwort

  1. 19. Juli 2020

    […] und der Glanz seiner früheren Gialli wie Orgasmo (1969) und Così dolce… così perversa (So Sweet … So Perverse, 1969) fehlt, erscheint er immer noch als eine ansehnliche und gut inszenierte Produktion. Lenzi […]

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