Das Auge des Bösen / Casa d’appuntamento

Ein Frauenmörder geht um. Die Polizei ist kurz davor ihn zu fassen. Vor Gericht schwört der gewalttätige Psychopath jedem den Tod, der an seinem Prozess beteiligt war. Schuldig gesprochen gelingt ihm die Flucht. Dieses Unterfangen kostet ihn jedoch bei einem Motorradunfall seinen Kopf. Kurz danach scheint der Fluch des Gewalttäters Wirklichkeit zu werden: Grausame Morde geschehen, der Ripper meuchelt weiter! Sein Tatwerkzeug: Ein scharfes Messer! Besonders das Umfeld eines hiesigen Bordells scheint Schwerpunkt der Verbrechen zu sein. Kann Inspektor Pontaine das blutige Treiben beenden und herausfinden, wer für die immer schrecklicher werdenden Greueltaten verantwortlich ist? (filmArt)

Das Auge des Bösen repräsentiert einen der gammeligsten und ärmlichsten Gialli seiner Zeit. Die Liste der Schauspieler enthält zwar eine Reihe von bekannten Gesichtern, doch viele von ihnen wurden verschwendet, während der Film mit der Art von schludrigem Mangel an Sorgfalt zusammengeschustert wurde, die man manchmal in den kleineren Werken des Kultfilmemachers Jess Franco zu sehen bekommt. Der Film hat bereits einen schwierigen Start mit einer Verfolgungsjagd auf den Eiffelturm, die damit endet, dass der noch nicht enthüllte Mörder (oder Mörderin!?) in den Tod stürzt. Ein Effekt, der durch einen einzigartigen, nicht überzeugend animierten matte shot erzielt wird. Die abgehackte Nachbearbeitung von Bruno Mattei und die nachlässig ausgewählte Erzählweise von Regisseur Ferdinando Merighi lassen einen sofort wissen: „Dies wird einer dieser Filme sein.“ Leider verbessern sich die Dinge nicht, während sich die Geschichte entfaltet. Viele der Drehorte sehen verarmt und billig verkleidet aus und auch der Dialog sowie die Charaktermotivation lassen zu wünschen übrig.

Bruno Nicolais Soundtrack recycelt die Musik lediglich aus früheren, besseren Filmen, darunter Jess Francos Les cauchemars naissent la nuit (Die nackten Augen der Nacht, 1972) und den beiden Gialli La coda dello scorpione (Der Schwanz des Skorpions, 1971) und Tutti i colori del buio (Die Farben der Nacht, 1972). Das Vorhandensein dieser Musik erinnert nur daran, wie gut diese Filme sind und wie schlecht sich dieser im Vergleich präsentiert. Die vielleicht bizarrste Entscheidung war jedoch, den Inspektor von Humphrey Bogart-Imitator Robert Sacchi spielen zu lassen. Sacchi wurde 1941 in der Bronx geboren und gab mit diesem Streifen sein Filmdebüt. Sacchis natürliche Ähnlichkeit mit der Noir-Ikone brachte ihm später die Hauptrolle in Der Mann mit Bogarts Gesicht (1980) ein, wobei er den Gag in anderen Film- und Fernsehrollen weiterhin melkte.

Sacchis Unerfahrenheit zeigt sich in seiner hölzernen Vorstellung. Er wandert mit einem Trenchcoat bekleidet durch den Film und tut sein Bestes, um eine Art Noir-Ästhetik zu evozieren, seine Anwesenheit lenkt jedoch nur ab. Versucht der Film einmal nicht alles in seiner Macht Stehende, um Hollywood-Noir heraufzubeschwören, fühlt er sich wie ein sehr billiger Verrückter-Wissenschaftler-Film an, in dem der zuverlässige Euro-Kult-Veteran Howard Vernon den zwielichtigen Professor Waldemar spielt. Waldemar steht ganz oben auf der Liste der möglichen Verdächtigen, doch könnte es sein, dass er einfach nur ein Exzentriker mit einer Vorliebe für das Studium abgetrennter Köpfe ist? In dem lächerlichen Milieu des Films ist schließlich alles möglich. Vernon spielt die Rolle mit etwas Ironie, wobei er nicht die gleiche Intensität in die Vorgänge einbringt, wie zum Beispiel in seinen vielen Kooperationen mit Jess Franco (Der Hexentöter von Blackmoor, Das Blutgericht der gequälten Frauen, Frauen für Zellenblock 9).

Vernon wurde 1908 in der Schweiz als Mario Lippert geboren (obwohl einige Quellen sein Geburtsjahr als 1914 angeben) und war der Sohn eines Schweizers und einer Amerikanerin. Er fühlte sich gleichermaßen wohl auf Englisch, Französisch, Spanisch und Deutsch zu schauspielern, was ihm ermöglichen sollte in Filmen verschiedener Genres in Europa und Amerika zu arbeiten. Mit Jean-Pierre Melvilles Spielfilmdebüt La Silence de la Mer (The Silence of the Sea, 1949) feierte er einen frühen Erfolg und arbeitete anschließend mit Leuten wie Fritz Lang (Die 1.000 Augen von Dr. Mabuse, 1960), John Frankenheimer (Der Zug, 1964), Jean-Luc Godard (Lemmy Caution gegen Alpha 60, 1965), Woody Allen (Die letzte Nacht des Boris Gruschenko, 1975) und Marc Caro / Jean-Pierre Jeunet (Delicatessen, 1991). Genre-Fans erinnern sich jedoch am liebsten an ihn wegen seiner zahlreichen Kooperationen mit Jess Franco, die auch die Titelrolle von Der schreckliche Dr. Orloff (1961) beinhaltete, sowie Auftritte als Dracula in Die Nacht der offenen Särge (1972) und Eine Jungfrau in den Krallen von Vampiren (1972) sowie aussagestarke Nebenrollen wie in Necronomicon – Geträumte Sünden (1968), Eine Jungfrau in den Krallen von Zombies (1973), Diary of a Nymphomaniac (1973) und viele, viele mehr. Vernon verstarb 1996.

Der Sleaze-Quotient des Films ist enttäuschend niedrig ausgefallen, da ja nun mal mit Barbara Bouchet und Rosalba Neri gleich zwei äußerst attraktive Schauspielerinnen zur Hand sind, die auch hier exquisit aussehen, doch leider ziemlich wenig zu tun haben. Bouchet wird besonders schäbig behandelt und nach einer Einführungsszene mit ein bisschen Fußfetisch-Erotik (an der ein gestörter Stalker beteiligt ist) getötet. Beide Schauspielerinnen geben unter den gegebenen Umständen ihr Bestes, doch haben sie beide es besser verdient – genauso wie das Publikum. Regisseur Ferdinando Merighi behandelt das Material mit null Flair und Finesse. Er stellt einige Möchtegern Stilmittel recht ungeschickt vor, wie das Aufnehmen einiger Szenen in getöntem Negativ, was sich als äußerst schrill und unangenehm erweist. Das Tempo ist langsam, die Spannung gleich Null, wobei die Produktion insgesamt billig und amateurhaft aussieht. Kurz gesagt, ziemlich typisch für den Output des legendären Produzenten / Co-Autors Dick Randall.

Randall wurde 1926 in den Catskills geboren. Er begann als Autor für das amerikanische Fernsehen und stieg dann in den Vertrieb ein, bevor er 1961 seinen ersten Film produzierte. Randall war immer mehr auf Profit, als auf Kunst aus, wobei zu seinen fröhlich ausbeuterischen Werken auch verschiedene europäische Trash-Kino-Favoriten mit vernachlässigbaren Produktionswerten zählten. Zu seinen besseren Bemühungen gehören Mario Bavas lange zurückgehaltene Sexkomödie Quante volte… quella notte (Four Times That Night, die 1969 gedreht wurde, allerdings bis 1972 unveröffentlicht blieb) und der Grenzgänger-Giallo Lo strangolatore di Vienna (Der Würger kommt auf leisen Socken, 1971) mit Victor Buono als Psychopathen, der seine Opfer zu Würstchenfleisch verarbeitet. Repräsentativere Beispiele für seine Produktionen wären jedoch Terror! Il castello delle donne maledette (Die Leichenfabrik des Dr. Frankenstein, 1974), Supersonic Man (Sonicman, 1979), For Y’ur Height Only (Agent 003 1/2 in geheimer Mission, 1981), Shen wei san meng long (Bruce Lee – Seine Erben nehmen Rache, 1980) und Mil gritos tiene la noche (Pieces, 1982), eine Art spanischer Giallo (?), der für seinen schwer verständlichen Plot, sein übermäßig übertriebenes Schauspiel und blutigen Gore berüchtigt ist.

Er ist in The French Sex Murders als Klient des Bordells zu sehen, welches von Anita Ekbergs Charakter geführt wird. Randall starb 1996. Regisseur Merighi (hier als F.L. Morris aufgeführt) wurde 1924 in Rom geboren. Es scheint so, als hätte er Mitte der 50er Jahre seinen ersten Film gedreht und tat dies erst wieder mit Casa d’appuntamento. Er führte danach Regie beim Italo-Western Allegri becchini… arriva Trinità (They Called Him Trinity, 1972 – trotz des Titels gehört der Streifen nicht zur offiziellen „Trinity“-Reihe mit Terence Hill und Bud Spencer), wonach seine Regiekarriere zu Ende ging. Er arbeitete ausgiebiger als Regieassistent und war in dieser Funktion an dem ähnlich schäbigen und unfasslichen Giallo Nelle pieghe della carne (In the Folds of the Flesh, 1970) beteiligt.

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Darsteller: Robert Sacchi, Anita Ekberg, Howard Vernon, Barbara Bouchet, Evelyne Kraft
Regisseur(e): Ferdinando Merighi
Format: Limitierte Auflage, Breitbild
Sprache: Deutsch (Dolby Digital 2.0 Stereo), Englisch (Dolby Digital 2.0 Stereo)
Bildseitenformat: 16:9 – 1.66:1
FSK: Nicht geprüft
Studio: filmArt
Produktionsjahr: 1973
Spieldauer: 86 Minuten

Bluntwolf

Bluntwolf ist ein Cineast aus der goldenen Mitte Deutschlands. Sein Spezialgebiet ist das italienische Kino der 60er bis 80er Jahre, insbesondere Italowestern, Giallo und Polizio. Er ist der Chefredakteur von Nischenkino und gehört dem Redaktionsteam der Spaghetti-Western Database an.

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Eine Antwort

  1. 11. Mai 2020

    […] der tödlichen Sünden), Il sorriso della iena (Smile Before Death) und Casa d’appuntamento (Das Auge des Bösen, alle 1972). Neri belebte stets selbst die routinemäßigsten Produktionen und strahlte eine rohe, […]